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Ansichten der Komparatistik – eine selektive, aber durchaus anregende Einführung in die grenzüberschreitende Literaturwissenschaft

Eine Rezension von Reinhard Möller

Grabovszki, Ernst: Vergleichende Literaturwissenschaft für Einsteiger. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2011.

Ernst Grabovszkis Vergleichende Literaturwissenschaft für Einsteiger liefert einen Aufriss der Gegenstände, Methoden und wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Faches Komparatistik. Ein besonderer Akzent liegt hierbei auf der Bedeutung inter- und transkultureller literaturwissenschaftlicher Forschung als zentrales Aufgabenfeld einer Komparatistik, die sich als globale Literaturwissenschaft im kulturwissenschaftlichen Zusammenhang versteht. In drei zentralen Kapiteln geht es unter anderem um eine Neudefinition des Begriffs der 'Weltliteratur', um eine Kontextualisierung literarischer Phänomene im Zusammenhang kultureller Globalisierungsphänomene und um eine Auseinandersetzung mit der Methodik des Vergleichs. Weitere Abschnitte beschäftigen sich mit komparatistischer Intermedialitäts- und Übersetzungsforschung sowie mit der Fachgeschichte seit dem 19. Jahrhundert.



Mögliche Definitionen, welche Aufgaben das auch unter dem Namen Komparatistik bekannte Fach der (Allgemeinen und) Vergleichenden Literaturwissenschaft heute hat, sind ähnlich vielfältig wie seine changierenden Benennungen im deutschen Sprachraum. Eine klare Eingrenzung seiner Themen und Methoden erscheint problematisch, da es seine Legitimation gerade aus einer anregenden Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Phänomenen des Literarischen und dessen philosophischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Kontexten bezieht, durch die disziplinäre Grenzen immer wieder überschritten werden. Der Bezug auf ein besonders weites Spektrum von Gegenständen der Literatur sowie angrenzender Künste und Wissenschaften in Kombination mit unterschiedlichsten Theoriezugängen kann daher als großer Vorteil, aber auch als latentes Risiko des Faches betrachtet werden, dessen charakteristische Tendenz zur Entgrenzung und Unvollendetheit Jacques Derrida einmal durch ein signifikantes Wortspiel mit der Lautgleichheit von in Comp. Lit. und incomplete auf den Punkt gebracht hat.

Vor diesem Hintergrund erweist sich auch eine Einführung in die Komparatistik als ein schwieriges und dennoch notwendiges Unterfangen, da sie kaum den Anspruch erheben kann, die Bandbreite komparatistischen Arbeitens vollständig abzudecken, sondern sich notwendig auf exemplarische Demonstrationen beschränken muss. Ernst Grabovszkis im Umfang "bewusst knapp" gehaltener, etwas über 200 Seiten starker Einführungsband stellt sich dieser Problematik beispielsweise durch die explizite Absage an eine eigenständige "Darstellung literaturwissenschaftlicher Methoden" (S. 11) und den Mut zur Lücke. Sinnvoll wirkt die Einteilung des Bandes in thematische Kapitel, die jeweils mit einer Kurzzusammenfassung abschließen; allerdings zeichnen sich die einzelnen Abschnitte durch eine nicht immer zum Ausgleich gebrachte Spannung zwischen allgemeinem Überblick und der Veranschaulichung durch konkrete Anwendungsbeispiele aus.

Das Einführungskapitel betont zunächst einen interdisziplinären Gegenstands- und Methodenpluralismus sowie die Überschreitung der Grenzen zwischen Nationalliteraturen als offenkundige zentrale Merkmale der Komparatistik. Zudem wird das Verhältnis der vergleichenden Literaturwissenschaft zu verwandten Wissenschaftsbereichen thematisiert: Während sie zur 'Allgemeinen Literaturwissenschaft' ein komplementäres Verhältnis unterhält, das von der notwendigen Verbindung theoretischer Reflexion und praktischer Analyse ausgeht, begründet die kulturvergleichende und transnationale Perspektive ihre Verwandtschaft mit kulturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Ethnologie – eine Affinität, die dann in den besonders lesenswerten Kapiteln 4 und 6 eigens in den Fokus rückt.

Trotz des anfangs erklärten Verzichts auf eine allgemeine Einführung in literaturwissenschaftliche Methoden und Arbeitsfelder kann es das dritte Kapitel nachvollziehbarerweise dennoch nicht vermeiden, unter der Überschrift "Texte verstehen" auf die Schwierigkeiten einer allgemeinen Definition des Literarischen und der Epochenkonstruktion, auf zentrale Arbeitsfelder wie "Literatur im Kontext von Geschichte, Politik und Gesellschaft" (S. 45) sowie auf hierfür geeignete methodische Zugänge einzugehen. Als konkretes Beispiel werden auf S. 48 die "Gender Studies" angeführt; zumindest kurze Verweise auf weitere einschlägige Arbeitsfelder und Theorieansätze wären an dieser Stelle gerade für Einsteiger sicherlich hilfreich gewesen.

Das folgende vierte Kapitel ist besonders gelungen, da es die Aktualität des komparatistischen Zentralbegriffs der "Weltliteratur" im Zeitalter einer zunehmenden transnationalen Verflechtung der Kulturen und Literaturen, neuer Kommunikationspraktiken und Migrationsbewegungen hervorhebt. Damit entwirft es eine zukunftsweisende Perspektive von Komparatistik als paradigmatischer Form von Literaturwissenschaft im globalisierten Zeitalter. Speziell erwähnt werden die postkolonialen außereuropäischen Literaturen und der Reisebericht als exemplarische Untersuchungsfelder einer so verstandenen Komparatistik. Gerade diese Beschäftigung mit Literatur in transnationalen Beziehungen führt zugleich auf die Frage, wie sich entsprechende Beziehungen eigentlich methodisch fassen und analysieren lassen, und damit auf die zentrale Frage nach der Bedeutung der namensgebenden Vergleichsmethode als der "zentrale[n] Methode der Komparatistik" (S. 104).

Dem fünften Kapitel zu Theorie und Geschichte (literatur)wissenschaftlicher Vergleichsverfahren kommt so offenbar die Funktion eines zum thematischen Fokus der "Beziehungen zwischen Texten und Kulturen" überleitenden Schaltkapitels zu. Es konzentriert sich jedoch vor allem auf zwei eher traditionelle Modelle, nämlich den innerhalb der traditionellen komparatistischen Einflussforschung angewandten genetischen Vergleich und den zur Analyse struktureller Ähnlichkeiten z.B. auf Motivebene benutzten typologischen Vergleich und deren analoge Fortschreibungen. Hierbei deutet sich allerdings an, dass die Analyse direkter oder auch indirekter Kontakte und die Erstellung thematischer und formaler Typologien kaum ausreichen, um dem zuvor formulierten ambitionierten Programm einer globalisierten Literaturwissenschaft gerecht zu werden. Diese Verfahren richten ihren Blick nämlich vor allem auf Ähnlichkeiten statt auf Phänomene der Differenz und Heterogenität.
Sie entsprechen dann auch nur teilweise den im sechsten Kapitel thematisierten Verfahren zur Untersuchung textueller und kultureller Beziehungen, von denen neben klassischer Wirkungs- und Einflussforschung die Erforschung von Intertextualität als interkultureller Transferprozess, Imagologie als Analyse der 'Bilder vom Anderen' sowie Fragen der Mentalitätsgeschichte thematisiert und dann in einer überzeugenden Beispielanalyse von Hans Christoph Buchs Reisetext Tropische Früchte vorgeführt werden (S. 133-151). Angesichts dieser Gegenstände überrascht es, dass beispielsweise die gerade in der Komparatistik stark rezipierten Lektüreverfahren postkolonialer Literaturwissenschaft lediglich en passant gestreift werden. So entsteht wiederum der Eindruck einer zwar anregenden, aber doch recht selektiven Auswahl von behandelten Gegenständen und angewandten Theoriewerkzeugen.

Dies ließe sich in ähnlicher Form auch über das folgende siebte Kapitel zur komparatistischen Intermedialitätsforschung sagen, das mit einer Vielzahl von Beispielen für Beziehungs- und Interferenzphänomene zwischen Literatur, Bildmedien, Musik oder Film aufwartet und an zentraler Stelle auf Vilém Flussers Konzept der 'Technobilder' rekurriert.
Der Band schließt mit einem kürzeren Kapitel zur literaturwissenschaftlichen Erforschung von Übersetzungen als Kulturtransfer sowie mit einem Abriss der Fachgeschichte im deutschen Sprachraum, in Europa sowie den USA. Hier kommen allerdings die institutionelle Synthese der Vergleichenden und der Allgemeinen  Literaturwissenschaft an vielen deutschsprachigen Universitäten und das von Peter Szondi in den 1960er Jahren begründete Pioniermodell der Berliner Komparatistik ebenso wenig zur Sprache wie die spezifisch nordamerikanische Ausprägung der Comparative Literature mit ihrer besonderen Affinität zu unterschiedlichsten Spielarten von theory über, in und als Literatur.

Somit führt das grundsätzlich durchaus zu rechtfertigende Verfahren einer schlaglichtartigen und ausschnitthaften Strukturierung hier und da zur Ausblendung einschlägiger Gegenstände und Methoden aus dem breiten Spektrum der gegenwärtigen Komparatistik, die eine stärkere Beachtung lohnen würden. Insgesamt erscheint der Band dennoch durchaus geeignet, die Faszination seiner LeserInnen für das 'weite Feld' dieses Faches zu wecken und liefert darüber hinaus einige plausible Argumente für dessen Zukunftsfähigkeit.


Grabovszki, Ernst: Vergleichende Literaturwissenschaft für Einsteiger. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2011 ( = UTB 3565). 222 S., broschiert, 19,90 Euro. ISBN 978-3-8252-3565-9



Inhaltsverzeichnis


1.    Statt eines Vorworts eine Frage – wozu Komparatistik?   7
Ein 'Orchideenfach'?        9
Der Zweck dieses Buches       10

2.    Vergleichende Literaturwissenschaft – was ist das?    13
Literatur und ihre internationale Dynamik     15
Notwendige Abgrenzungen und Anregungen     18

3.    Texte verstehen        23
Was ist 'Literatur'?        23
Was ist 'Wissenschaft'?       33
Literatur und ihre Geschichte – Literaturgeschichte    36
Ordnung im Chaos der Geschichte – Periodisierung    39
Literatur im Kontext von Geschichte, Politik und Gesellschaft  45
Gender Studies        48

4.    Globalisierung der Texte – 'Weltliteratur'     53
Weltliteratur und 'Multikulti'       61

5.    Der Vergleich         71
Vom Nutzen des Vergleichs – warum man Äpfel mit Birnen vergleichen kann 72
'Galtons Problem' revisited – Auswahl und Beschaffenheit von Vergleichseinheiten  75
Der genetische Vergleich       78
Der typologische Vergleich      86
Fünf Vergleichstypen nach Manfred Schmeling   93
Der Vergleich in anderen Geisteswissenschaften   96
Kritik an der Methode des Vergleichs     101

6.    Beziehungen zwischen Texten und Kulturen    107
Wirkung        109
Einfluss        110
Rezeption und Kulturtransfer      111
Intertextualität        114
Bilder vom 'Anderen' – Imagologie     117
Wie analysiert man Images?      123
Imagologie und Mentalitätsgeschichte     128
Komparatistik und Ethnographie     133

7.    Intermedialität        155
Der Ton macht die Musik      160
Bild, Fotografie, Film       162
Vilém Flussers 'Technobilder'      176

8.    Übersetzen        183
Eine sehr kurze Geschichte des Übersetzens    188
Übersetzung und kultureller Austausch    192
Wie man eine Übersetzungsanalyse durchführt   194

9.    Vor dem Ende ein wenig Fachgeschichte    201
Frankreich        201
Italien         204
Vereinigte Staaten von Amerika     206
Deutschland, Österreich, Schweiz     210
Komparatistik – 'quo vadis'?       211
Text- und Bildnachweise       216
Namens- und Sachregister       218


Aspects of Comparative Literature: A Selective, Yet Stimulating Introduction to Boundary-Crossing Literary Studies

Ernst Grabovszki's introduction to Comparative Literature offers a basic outline of the discipline’s key topics and methods and its epistemological grounds. The author puts a special focus on the importance of inter- and transdisciplinary literary studies for Comparative Literature as a discipline dealing with literature and culture in a global context. The three main chapters of the book offer a re-definition of the notion of 'world literature', aim at mapping the status of literature in the context of recent developments of cultural globalization, and problematize the method of comparison, while other sections thematize the relevance of intermedial approaches and translation studies for Comparative Literature and sketch the history of the discipline since its 19th century beginnings.


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