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Bericht zur Tagung "Ein goldenes Zeitalter der Stagnation? Perspektiven auf die Brežnev-Zeit, 1964-1982"

Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Philosophische Fakultät,  Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Tübingen, 9.-11. Februar 2012

Ein Bericht von Julian Mühlbauer


> Konferenzübersicht
Tagung »Ein goldenes Zeitalter der Stagnation? Perspektiven auf die Brežnev-Zeit, 1964-1982«

Perspektiven auf die Brežnev-Zeit

Seit dem Zusammenbruch des 'realexistierenden Sozialismus' gerät die Osteuropäische Geschichte als akademisches Fach zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der ehemals sozialistischen Staaten verliert – gerade vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Gelder – scheinbar an Bedeutung. Jedoch kann keineswegs davon ausgegangen werden, dass die Osteuropäische Geschichte ihre Daseinsberechtigung mit dem Ende der Systemauseinandersetzungen eingebüßt hätte. Das umso mehr, da sich seitdem auch die Schwerpunkte und Zugänge der Osteuropaforschung, die lange Zeit mehr als ideologisch gefärbte Politikberatung, denn als Wissenschaftsdisziplin fungierte, maßgeblich verändert haben. Es gilt, die vom 'Kalten Krieg' beeinflussten Deutungsmuster zu überprüfen und auch die bislang wenig beachtete zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Historisierung des östlichen Europas einzubeziehen.

Diese Feststellung trafen auch zwei Mitarbeiter des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, als sie vom 09. bis 11. Februar 2012 zu einem Workshop über die 'Ära Brežnev' (1964-1982) einluden. BORIS BELGE und MARTIN DEUERLEIN (beide Tübingen) fokussierten damit auf eine Periode der sowjetischen Geschichte, die bisher vor allem als 'langweilig' wahrgenommen und als von ökonomischem und gesellschaftlichem Stillstand geprägte Zeit gedeutet wurde. In der Sowjetunion selbst galten diese Jahre lange als das 'Goldene Zeitalter'. Diese Zuschreibungen kritisch zu beleuchten und bisherige Forschungsergebnisse gegebenenfalls zu revidieren, hatte sich der Workshop "Ein goldenes Zeitalter der Stagnation? Perspektiven auf die Brežnev-Zeit, 1964-1982" zum Ziel gemacht. Von überholten Vorannahmen über die 1960er und 1970er Jahre losgelöst sollten diese auf epochenbildende gesellschaftliche und innenpolitische Entwicklungen sowie internationale Faktoren hin untersucht und "das Verhältnis zwischen Stagnation und Stabilität, Krise und Wandel" bestimmt werden. In vier Panels und 13 Beiträgen gelang dabei unter internationaler Beteiligung eine vielfältige Gesamtschau gegenwärtiger Forschung zur späten Sowjetunion.

Biographisches aus dem Leben Brežnevs

Die von der Graduiertenakademie der Universität Tübingen und dem Förderverein Geschichte an der Universität Tübingen e.V. geförderte Veranstaltung wurde bereits prominent eröffnet. SUSANNE SCHATTENBERG (Bremen), Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa, pointierte in ihrem gut besuchten öffentlichen Vortrag zum Thema "L. I. Brežnev – ein 'normaler' sowjetischer Herrscher?" anhand neuester Forschungen Biographisches aus dem Leben des Staatsmannes. Als tragende Elemente seiner Politik machte sie eine von Klientelverhältnissen geprägte Konsens- und Patronage-Politik aus, die durch eine umfassende "Familiarisierung im Politbüro" ergänzt worden sei. Im dialektischen Sinne sei die 'Ära Brežnev' eine "Synthese zweier Herrschaftsstile zwischen Chruščëv und Stalin".

Großprojekte und Heldenstädte

Das erste Panel des Workshops widmete sich, moderiert von KLAUS GESTWA (Tübingen), den Großprojekten und der Instrumentalisierung von Erinnerung in Heldenstädten unter Brežnev. EKATERINA EMELIANTSEVA (Bangor) untersuchte in ihrem Beitrag über die 'geschlossene' und doch durchlässige Stadt Severodvinsk, inwieweit eine dichotome Gegenüberstellung von privater und öffentlicher Sphäre brauchbar für die Beschreibung des Staatssozialismus ist. Sie zeigte das Spannungsverhältnis von Kontrolle und Loyalität in der Interaktion zwischen Bürgern und Staat auf und machte auf Seiten der Sowjetfunktionäre eine Hinwendung zu einem "flexiblen Sozialismus" aus.
Als "gesellschaftliches Laboratorium" beschrieb STEFAN GUTH (Bern) die kasachische Atomstadt Ševčenko, welche nicht nur eine wissenschaftlich-technische Revolution in der Sowjetunion sichtbar mache, sondern auch einen "soviet way of life (sovetskij byt)" offenbarte, in welchem die kommunistische Zukunft schon vorzeitig in Erfüllung gehen sollte.
Den Prozessen sozialer Mobilität und kulturellen Wandels näherte sich ESTHER MEIER (Hamburg) am Fallbeispiel des Werkes 'KamAZ' in der Stadt Naberežnye Čelny, die 1982 in 'Brežnev' umbenannt wurde. Mit dem Bau des Automobilkomplexes, der aufgrund vielfacher Kooperationen mit ausländischen Firmen als "Fenster zum Westen" bezeichnet wurde, hätte sich die tatarische Landbevölkerung mit einem zweifachen Bruch konfrontiert gesehen: Vom Bauern zum Industriearbeiter und vom Tatarischen zum Russischen.
Ein anderes 'Großprojekt' der Brežnev-Zeit bestand in der Konstruktion einer neuen Erinnerungskultur und der Etablierung von insgesamt 13 Heldenstätten, die an ruhm- und opferreiche Kämpfe im 'Großen Vaterländischen Krieg' erinnern sollten. IVO MIJNSEN (Basel) sah in der "vielschichtigen medialen und rituellen Inszenierung der Heldenstädte" nicht nur ein Konsumangebot, sondern auch den Versuch, der Nachkriegsgeneration, die Oktoberrevolution und Bürgerkrieg nicht mehr miterlebt hatte, gemeinsame sowjetische Werte zu stiften.
In seinem Kommentar machte JOHANNES GRÜTZMACHER (Stuttgart) deutlich, dass der Staatssozialismus unter Brežnev von einem Gesellschaftsvertrag getragen wurde, in welchem Loyalität und Stabilität seitens der Bevölkerung durch die Befriedigung von Alltagsbedürfnissen erreicht werden sollten. Scheinbare Freiräume sollten in diesem Sinne als eng umgrenzte und reversible Toleranzräume verstanden werden.

Peripherie und Identitäten

Das zweite Panel nahm die sowjetischen Peripherien in den Blick und setzte sie zum Moskauer Zentrum in Beziehung. Unter Moderation von MARTIN DEUERLEIN (Tübingen) kam MORITZ FLORIN (Hamburg) zu dem Ergebnis, dass es in Kirgistan weder Dissidenten gegeben habe, noch die Kirgisen sich rückwirkend als solche stilisiert hätten. Offenbar konnten nationalistisch gesinnte Kräfte hier durch eine gezielte Politik der Inklusion für das sowjetische Projekt vereinnahmt werden.
Das Beziehungsgeflecht Moskau-Tallinn untersuchte CAROL MARMOR (München) für die Zeit der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1980. Die damit einhergehenden Mobilisierungsprozesse und Diskurse ließen anstatt der Reformierung des vorhandenen Systems eine "kurze Phase der Novostrojka" (Neuorganisation) erkennen.
Verschiebungen in der Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie bezeichnete MARC ELIE (Paris) als den wesentlichen Bereich der Veränderung in der späten Sowjetunion. Schon nach dem Tode Stalins hätten zwei tiefgreifende Prozesse eingesetzt, die die Sowjetgesellschaft nachhaltig veränderten: Eine "zweite Indigenisierung" anstelle von Inklusion und eine "Republikanisierung", in deren Zuge die Teilrepubliken eine eigenständige Nomenklatura hervorgebracht hätten.

Verwaltung des Stillstands?

Drei unterschiedliche Institutionen der sowjetischen Gesellschaft wurden im dritten, von KATHARINA KUCHER (Tübingen) moderierten und von MAIKE LEHMANN (Bremen) kommentierten Panel beleuchtet. BORIS BELGE (Tübingen) skizzierte Generationenkonflikte und "kreative Oasen" in der ausdifferenzierten Sowjetgesellschaft anhand des sowjetischen Komponistenverbandes. Für die späte Brežnev-Zeit seien hier sowohl Dynamik, als auch Vergemeinschaftungssprozesse erkennbar.
JULIAN MÜHLBAUER (Gießen) fragte nach Mechanismen der Konfliktregulierung und  Partizipationsmöglichkeiten in Belorussland, die sich durch Bürgerbriefe, Eingaben und Beschwerden eröffneten.
KATHARINA UHL (Oxford) sah in Politik, Strukturen und Kommunikation des Kommunistischen Jugendverbands der späten 1960er Jahre einen Spiegel für die gesamte 'Brežnev-Ära'. Mit Blick auf den Komsomol könne die klassische Periodisierung sowjetischer Geschichte in 'Tauwetter' unter Chruščëv und Konservativismus unter Brežnev bestätigt werden.
Kritisch bezog sich Maike Lehmann in ihrem Kommentar auf den gängigen Sprachgebrauch in der Osteuropäischen Geschichte, der mitunter im 'Kalten Krieg' verhaftet zu sein scheint (wie beispielsweise der Begriff 'Handlungsspielräume' zeigt). Sie plädierte für einen hermeneutischen Zugang auf der Begriffsebene und dafür, bestimmte Termini im heuristischen Sinne zu vermeiden.

Internationale Perspektiven

CARL BETHKE (Tübingen) moderierte das abschließende Panel unter dem Titel "Brežnev Entangled?", das die bis dato etwas kurz gekommenen internationalen Beziehungen und Perspektiven thematisierte. Mit den sogenannten Meždunarodniki (Internationalisten), einer Sammelbezeichnung für Auslandsexperten, machte MARTIN DEUERLEIN (Tübingen) den Anfang. Seine Untersuchung fragte danach, inwieweit diese Fachleute vor dem Hintergrund einer außenpolitischen Aufbruchsstimmung in den 1970er Jahren optimistisch in eine utopische Zukunft blickten oder die sich anbahnende Systemkrise erahnten.
EVGENIJ KASAKOV (Bremen) schloss mit einem Überblick über marxistische und anarcho-syndikalistische Oppositionsgruppen in den Jahren 1975 bis 1982 an – Erscheinungen, die vom Interesse an den sowjetischen Dissidenten die längste Zeit in den Schatten gestellt wurden.
Abschließend zeigte JULIA METGER (Berlin) eine etwas andere Seite des Ost-West-Konflikts. Nicht die große Politik, sondern die Geplänkel und Scharmützel um die Akkreditierung von Auslandskorrespondenten wählte sie als Untersuchungsgegenstand über die diplomatischen Beziehungen zwischen BRD und Sowjetunion.
KLAUS GESTWA (Tübingen) plädierte dafür, die Wechselbeziehungen zwischen innenpolitischer Entwicklung und kulturellen Prozessen einerseits und den Außenbeziehungen andererseits noch stärker in die Historisierung der 'Ära Brežnev' einzubeziehen. In Bezug auf transnationale Akteursgruppen und potenziell kritische Milieus müsse noch genauer zwischen Andersdenkenden und Andershandelnden unterschieden werden.

Brežnev-Bilder, Desiderate und Synthesen

Den einzigen slavistischen Beitrag lieferte PHILLIP KOHL (Berlin) mit seiner Präsentation über "Masken des Stillstands", in welcher verbreitete Brežnev-Bilder im heutigen Russland skizziert und anhand jüngerer Repräsentationen in Film und Text illustriert wurden. Damit schloss er gewissermaßen den Bogen zum Auftakt des Workshops mit Susanne Schattenbergs Reflexionen über die Biographie Brežnevs. Die Abschlussdiskussion machte deutlich, dass in der Sowjetunionforschung gemeingebräuchliche Begriffe wie 'Normalität', 'Stagnation' oder 'Freiräume' alleinstehend nicht ausreichend sinntragend sind und auf die Brežnev-Zeit nicht unreflektiert Anwendung finden können. Nicht abschließend geklärt werden konnte, welcher Begriff einer Charakterisierung der Amtszeit Brežnevs am nächsten kommt. Klar wurde aber, dass in der Beschreibung und Bewertung sowjetischer Geschichte der 1960er und 1970er Jahre nicht von eindimensionalen Entwicklungen, allgemeingültigen Zäsuren oder homogenen Identitätskonzepten ausgegangen werden kann. Diese sind wie stets von den jeweiligen Akteuren, von Hierarchien und Forschungsfragen abhängig.
Die Tagung setzte Akzente auf bislang wenig wahrgenommene gesellschaftliche Handlungsträger auch abseits der Zentren politischer Macht und machte die Komplexität der gestellten Fragen deutlich. Eine Fortsetzung dürfte in jedem Fall ertragreich sein. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung, die auf innovativem Terrain einen guten Überblick über die Forschungslandschaft bot und in dem Fazit mündete, dass eine zeitgemäße historische Forschung die Grenzen traditioneller Politik- und Wirtschaftsgeschichte überschreiten muss.
 
Konferenzübersicht:

Öffentlicher Abendvortrag
Susanne Schattenberg (Bremen): "L. I. Brežnev – ein 'normaler' sowjetischer Herrscher?"

Panel 1: Gesellschaftliche Mobilisierung im entwickelten Sozialismus: Großprojekte und Heldenstädte in der Brežnev-Zeit
Moderation: Klaus Gestwa

Ekaterina Emeliantseva (Bangor): "Flexibler Sozialismus der Brežnev-Zeit: Der Fall Severodvinsk"

Stefan Guth (Bern): "Vergangene Zukunft: Die wissenschaftlich-technische Revolution, das Atom und die Stadt der Zukunft zwischen Systemwettbewerb und -konvergenz"

Esther Meier (Hamburg): "Soziale Mobilität und kultureller Wandel in der Brežnev-Ära: Das Großprojekt KamAZ/Naberežnye Čelny"

Ivo Mijnsen (Basel): "Leben in der Heldenstadt: Die Nachkriegsgeneration in der Brežnev-Ära"

Kommentar: Johannes Grützmacher (Stuttgart)


Panel 2: Peripherie und Identitäten: Im Zentrum oder am Rande des Sozialismus?
Moderation: Martin Deuerlein

Moritz Florin (Hamburg): "'Bei uns gab es keine Dissidenten.' Zentralasiatische Intellektuelle in Brežnevs goldenem Zeitalter"

Carol Marmor (München): "Vom zastoj zur perestrojka? Novostrojka 1980 in Moskau und in Tallinn"

Kommentar: Marc Elie (Paris)


Panel 3: Verwaltung des Stillstands? Institutionen in der Brežnev-Ära
Moderation: Katharina Kucher

Boris Belge (Tübingen): "Rituale und Beschwörungen: Der sowjetische Komponistenverband zwischen vertrauten Parolen und bedrohlichen Herausforderungen (1974-1982)"

Julian Mühlbauer (Gießen): "Konfliktregulierung und Partizipation im 'Entwickelten Sozialismus': Die BSSR im Spiegel von Eingaben und Beschwerden"

Katharina Uhl (Oxford): "Permanente Stagnation oder Ansätze von Tauwetter? Versuch einer zeitlichen Begrenzung der Tauwetterperiode anhand von regionalen Komsomoldokumenten"

Kommentar: Maike Lehmann (Bremen)


Panel 4: Brežnev Entangled? Internationale Perspektiven auf die Sowjetunion unter Brežnev
Moderation: Carl Bethke

Martin Deuerlein (Tübingen): "Die Meždunarodniki und die Krise der Détente, 1975-80"

Evgenij Kasakov (Bremen): "Das Wiederaufkommen der linken oppositionellen Gruppen in der späten Brežnev-Zeit (1975-1982)"

Julia Metger (Berlin): "Diplomatische Diskurse um die westdeutschen Auslandskorrespondenten in Moskau"

Kommentar: Klaus Gestwa (Tübingen)


Abschlussdiskussion
Moderation: Boris Belge, Martin Deuerlein

Philipp Kohl (Berlin): "Masken des Stillstands: Über Brežnev-Bilder nach 2000"

 


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für den Workshop-Flyer: bei den Organisatoren