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Wahrnehmungswandel und Visualisierung: Zum Verhältnis von Literatur und Fotografie

Eine Rezension von Corinna Dziudzia

Becker, Sabina: Literatur im Jahrhundert des Auges. Realismus und Fotografie im bürgerlichen Zeitalter. München: et+k, 2010.

Die 2010 erschienene Monographie Literatur im Jahrhundert des Auges. Realismus und Fotografie im bürgerlichen Zeitalter von Sabina Becker geht im Kern von einer Nähe der realistischen Literatur zur Fotografie aus, die sich durch stille Annäherung und Integration zeigt und nicht bestimmt ist durch ignorierendes Schweigen, wie lange angenommen. Zwischen Literatur und Fotografie wird eine strukturelle Analogie beobachtet, sowohl was die Zeit- als auch die Seherfahrung angeht, da sich aufgrund einer veränderten Wahrnehmung ein 'fotografischer Blick' entwickelt hat. In größtenteils überzeugender Argumentation werden die Thesen und Überlegungen der Arbeit eng an der Literatur entwickelt und fundiert in den Forschungskontext zum Thema 'Literatur und Visualität' eingebettet.


Die Autorin der vorliegenden Studie hat ihre Expertise bezüglich des Komplexes Realismus und Literatur der Moderne bereits in ihrer Dissertations- wie Habilitationsschrift gezeigt. In der 2010 bei edition text+kritik erschienenen neuen Arbeit geht es Sabina Becker nun vorrangig um die Verbindung der Fotografie zur Literatur des Realismus. Die acht Kapitel des Buches werden dabei durch 52 fotografische Abbildungen ergänzt, die allerdings wenig Eingang in den Text finden.

Programmatisch formuliert Becker zu Beginn ihrer Studie, dass sie statt einer Motiv- eine 'Sehgeschichte' vorlegen möchte: Die Geschichte der Literatur wird entsprechend als eine Geschichte des Sehens und der visuellen Wahrnehmung begriffen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass gerade die visuellen Medien des 19. Jahrhunderts die Sehgewohnheiten massiv verändert haben, was nicht ohne Wirkung auf die Literatur geblieben ist. Die Erfindung der Daguerreotypie erscheint somit als doppelte Zäsur, als Einbruch der Technik in die Alltagswelt und als Bebilderung derselben.
Gerade der Buchbeginn besticht durch gute Lesbarkeit: Die Autorin lässt den Zeitgenossen Humboldt in einem Brief über die neue Erfindung berichten, die er in der französischen Akademie der Wissenschaften 1839 betrachten konnte; elegant wird damit der Bogen von Paris nach Berlin geschlagen. Immer wieder zitiert Becker im Verlaufe des Buches Zeitgenossen – sei es in Briefen oder auch in Zeitungsartikeln –, die sich zur Fotografie äußern. Dies dient nicht zuletzt als überzeugende zeitgeschichtliche Kontextualisierung, in welche die zahlreichen, treffenden literarischen Beispiele eingebettet sind. Als Herausforderung für die Leseraufmerksamkeit erweisen sich jedoch im Verlauf des Buches die mit Vorliebe verwendeten Semikola, die bisweilen die Gedankenführung mittig durchtrennen und damit den Lesefluss unnötig behindern.

Indem Becker eine stille Annäherung sowie Integration des neuen Mediums in die realistische Literatur behauptet, möchte sie den Befund früherer Studien revidieren, denen zufolge sich der Realismus gegen die fotografische Konkurrenz durch Ignoranz und Schweigen gewehrt habe. Gerade über die Dominanz des Sehens und der visuellen Wahrnehmung zeige sich stattdessen die Präsenz der Fotografie in der Literatur. Zwischen beidem sieht Becker eine strukturelle Analogie: Fotografie wie Literatur lassen den Augenblick stillstehen, wollen ihn gerahmt bannen und konservieren. Dies wird vergleichend und sehr plausibel durch literarische Beispiele gezeigt, an denen z.B. die hohe Frequenz an Verben der sinnlichen Wahrnehmung, das Thematisieren von Blicken und Beobachtungen sowie die Exponiertheit der Wahrnehmung insgesamt herausgearbeitet wird. Literatur und Fotografie zeugen so nicht nur von einer neuen Seh-, sondern auch von einer neuen Zeiterfahrung: Das bannende Anschauen, das anhaltende Sehen einzelner gerahmter Ausschnitte wird zur zentralen ästhetischen Kategorie.

Die Fotografie sieht Becker mit Walter Benjamin als Auslöser und Resultat einer veränderten Wahrnehmung, die sich Alltagsgegenständen und Details zuwendet, was dem Realismus in seinem Wunsch nach Präzision und exakter Erfassung entgegenkam. Die wachsende Bedeutung der Bildlichkeit führte dabei zu einer zunehmenden Visualisierung der Literatur, der Schwerpunkt verlagerte sich von der Handlung zur Beschreibung. Rahmen, Ausschnitt und Betrachterstandpunkt wurden damit wichtiger, die Wahrnehmung allgemein in der Literatur zentral. Womöglich war es überhaupt die fotografische Sehweise, die den Paradigmenwechsel eingeleitet hat, Erscheinungen möglichst präzise sehen und erfassen zu wollen. Dabei verschweigt die Autorin in ihren Ausführungen nicht, dass die Literatur bereits vor Erfindung der Daguerreotypie eine Art 'fotografischen Blicks' entwickelt hat, wie literarische Beispiele von E.T.A. Hoffmann und Heinrich Heine bestätigen.

Im Großen überzeugt die Argumentation, werden Thesen und Überlegungen mit Zitaten aus der Literatur untermauert und plausibel dargelegt. Im Detail allerdings zeigt sich die eine oder andere Unausgewogenheit, so gelingt es unter anderem nicht, alle losen Enden in die Argumentation einzubinden. Die Fotografie z.B. ausgerechnet als auratische Kunst zu bezeichnen und im gleichen Satz in anderer Sache auf Benjamin zu verweisen (vgl. S. 92), erscheint vor dem Umstand, dass dieser im Hinblick auf das technische Reproduktionsmedium Fotografie gerade von der Zertrümmerung der Aura spricht, weniger einsichtig und bleibt leider unausgeführt. Auch die interessante These von der Bilderlosigkeit des 18. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der zentralen Kategorie der Anschauung verbleibt ohne weitere Erläuterung (vgl. S. 203).
Manch anderes wird hingegen beinahe überbetont, so z.B. die Rede von den Konkurrenzmedien Literatur und Fotografie, wobei auffällt, dass eine fast näherliegende Konkurrenz zu Zeitschrift und Zeitung, die zudem Literatur und Fotografie zusammenführt, keine Berücksichtigung findet. Ebenso wäre die Prozesshaftigkeit des Dargestellten verständlich, ohne dass jedem Substantiv eine entsprechende Endung angefügt wird und damit nicht nur die Rede von Visualisierung und Technisierung, sondern auch von Poetisierung und Elektrisierung, ja sogar von 'Panoramatisierung' und 'Optisierung' ist. Zumal zudem außer Frage steht, dass die Kategorie der Visualität für die Literatur zentral ist.
Auch die Argumentation im Hinblick auf 'das Bürgertum' erscheint als zu homogenisierend, gerade eine Differenzierung könnte dabei neue, wichtige Fragen eröffnen, über die im Augenblick noch glättend hinweggegangen wird; das Jahrhundert des Auges und die Fotografie zeigen sich so unhinterfragt z.B. rein männlich dominiert.
Ausgeblendet wird auf der technischen Ebene zudem die Rolle der Laterna Magica als verbindendes Glied zwischen Fotografie und Film, die Bilder – zunächst gemalte Glasplatten, später Fotografien – durch die Projektion bewegt erscheinen lassen konnte und deren massenhafte Verbreitung sogar bis in die Kinderzimmer hineinreichte (wovon nicht nur Prousts Recherche zeugt). Stark vereinfachend geht Becker stattdessen von der Fotografie als statischem Bild aus, das durch das bewegte Bild des Kinos abgelöst wurde, dies wird dann – for the sake of the argument – in Analogie zur Literatur der Moderne mit ihrem bewegteren 'Kinostil' gesetzt, die den Realismus letztlich ablöst.

Mit der Studie insgesamt wird an die Arbeiten von Gerhard Plumpe, Jürgen Zetsche u.a. angeschlossen und in mehr als einer Hinsicht darüber hinausgegangen, wodurch natürlich wiederum weitere Forschungsfragen eröffnet werden. Entsprechend wiegen die angeführten Kritikpunkte nicht die Tatsache auf, dass es sich um ein sehr gut recherchiertes, inhaltsreiches Buch handelt, in dem fundiert und gewinnbringend mit Forschungs- wie Primärliteratur umgegangen wird.


Becker, Sabine: Literatur im Jahrhundert des Auges. Realismus und Fotografie im bürgerlichen Zeitalter. München: edition text + kritik, 2010. 387 S., broschiert, 39,00 €. ISBN 3-88377-190-2


Inhaltsverzeichnis


I. Literatur und Fotografie: Einleitende Bemerkungen 9
Sehgeschichte statt Motivgeschichte 19
Verschweigen statt Schweigen 27
Zwischen Ablehnung und Faszination 42

II. Die Fotografie im kulturellen Feld des 19. Jahrhunderts 47

Fotografie und bürgerliche Gesellschaft 47
Fotografie als Porträtkunst 66
Fotografie und Individualität 69
Fotografie und Tod 72

III. Die Rede von der "toten Kunst":
Die Realisten und das neue Medium 77

Fotografie als 'art industriel': Beseelte versus mechanische Kunst 77
Kunst oder Handwerk: Der Status des neuen Mediums 95
Abgrenzungsstrategien zwischen Konkurrenzangst und Faszination 100
Verklärung versus Reproduktion, Wahrheit statt Treue 104
Verklärung versus Spiegelung 114
Poetisierung versus Optisierung 118
Literarische Sekunde und fotografischer Moment 133
Das Seelenhafte gegen das Sinnfällige: Idealisierte Kunst versusVisualisierter Positivismus 141
Das Daguerreotypische der realistischen Kunst und Literatur 148

IV. 'Der photographische Apparat in Aug' und Seele':

Der Einfluss der Fotografie auf die Literatur des Realismus 163
Die mediale Herausforderung I: Das Verhältnis von Malerei und Fotografie 163
Sehen statt Erkennen: Bildlichkeit um 1800 168
Der fotografische Schöpfungsmythos 172
Die mediale Herausforderung II: Konkurrenzmedien Literatur und Fotografie 180

V. Literatur im Jahrhundert des Auges: Ästhetik und Aisthesis 197
Sehen im Zeitalter der Aufklärung: Rationalismus und Rahmenschau 203
Die Mobilisierung des Blicks: Das panoramatische Sehen des 19. Jahrhunderts 209
Visualität und Realismus 213
Realistisches Verlangen und Zeitlichkeit 223
Konträre Konstellationen: Beschleunigung und Entschleunigung 227
Das Anhalten der Zeit, die Arretierung von Wahrnehmung 230
Exkurs I: Das Panorama 233
Exkurs II: Das Diorama 238
Zuständlichkeit und arretierende Bildästhetik 242

VI. Daguerreotypie als ästhetisches Prinzip:
Verteidigung der Individualität und metropolitane Enthaltung 253

Das fotografische Prinzip I: Arretierung versus Dynamisierung 263
Das fotografische Prinzip II: Rückzug auf den Moment – Versenkung ins Detail 272
Privilegierung des Subjekts 274

VII. Fotografisches Sehen und narrative Verfahren 279

Detailrealismus 280
Ausschnitt 304
Momentaufnahme 310
Immobilisierung 314

VII. Literatur und Fotografie als Medien des kulturellen Gedächtnisses 321

Erinnern und Speichern 321
Bewahren und Sammeln 325
IX. Literatur und Fotografie: Resümee und Ausblick 335

Literaturverzeichnis 341
Abbildungsverzeichnis 376
Personenregister 383


Change of Perception and Visualization: The Relation of Literature and Photography

The monograph Literatur im Jahrhundert des Auges. Realismus und Fotografie im bürgerlichen Zeitalter (Literature in the Century of the Eye: Realism and Photography in the Bourgeois Era), published in 2010 by Sabina Becker, is a study of realistic literature and its relation to photography, which here reveals itself through calm convergence and integration and not through a disregarding hush, as has long been maintained. A structural analogy is seen between literature and photography, concerning as much the experience of time as the experience of seeing, because a changed perception led to a development of a 'photographic gaze'. In mostly convincing argumentation, theses and thoughts are developed in close reliance on the primary literature, and founded in the research area 'Literature and Visuality'.


© bei der Autorin und bei KULT_online