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Utopie, Stadt und Literatur: neuer Blick auf Realisierungsformen literarischer Stadtutopien

Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Ventarola, Barbara (Hg.): Literarische Stadtutopien zwischen totalitärer Gewalt und Ästhetisierung. München: Meidenbauer, 2011.

Der 2011 von Barbara Ventarola herausgegebene Sammelband stellt in einer Einführung und 13 Beiträgen neue Perspektiven auf literarische Stadtutopien in überwiegend frankophoner Literatur vor. Erfolgreich realisiert der Band sein Ziel, eine theoretische Re-Konzeptualisierung des Utopie-Begriffs, eine Revision der Utopiegeschichte sowie die Erarbeitung neuer Stadtkonzepte vorzunehmen. Durch ihre multidimensionale Annäherung an das zentrale Thema bietet die lesenswerte Aufsatzsammlung einen guten Einblick in verschiedene Realisierungsformen der Stadtutopie. 


Utopien kritisieren die reale Welt von einer möglichen aus und führen andere Modelle des Zusammenlebens vor. Die Utopie, der Nicht-Ort, ist eng mit dem Stadtdiskurs verwoben, denn utopische Phantasien überschreiten zwar die Realität, bleiben aber dennoch auf diese bezogen und werden häufig anhand einer Stadtdarstellung entworfen. Die Stadt ist als Schauplatz für Utopien ideal, weil sie die Prinzipien menschlichen Zusammenlebens veranschaulicht und ein vom Menschen gemachter Lebensraum ist. Auf dem 7. Frankoromanistentag 2010 zum Thema Stadt-Kultur-Raum befasste sich eine Sektion mit literarischen Stadtutopien zwischen totalitärer Gewalt und Ästhetisierung. 13 Beiträge zu vorwiegend französischsprachigen Stadtentwürfen in Literatur, Philosophie und Kulturtheorie hat Barbara Ventarola 2011 in einem Sammelband herausgegeben. Dieser widmet sich einer theoretischen Re-Konzeptualisierung des Utopie-Begriffs, einer Revision der Utopiegeschichte sowie der Erarbeitung neuer Stadtkonzepte. Thematisch fügt sich die Aufsatzsammlung in eine Reihe jüngerer Forschungsarbeiten zur Utopie, von denen hier exemplarisch nur Utopia und Utopie: Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff von Thomas Schölderle (2011) und Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie von Gregory Claeys (2011) genannt seien.

In ihrer gelungenen Einleitung zeigt die Herausgeberin zunächst Stärken und Schwächen bisheriger Utopiedefinitionen auf. Um möglichst viele "utopisierende" Texte erfassen zu können, sieht sie "[a]ls basale Utopiestruktur […] eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Transgression und pragmatischem Wirklichkeitsbezug, welche als transhistorische Ermöglichungsstruktur durchaus historisch je verschiedene Ausprägungsformen annehmen kann" (S. 20). Ihre Innovation liegt darin, dass sie den literarischen utopischen Diskurs als liminale und skalare Größe sieht, dessen Grenze zu Gegen-, Hetero- und Dystopien ausgelotet werden soll. Ventarola hält bisherige, neuzeitlich ausgerichtete utopiegeschichtliche Modelle wie das von Voßkamp für zu restriktiv, da diese "epochale Konstellationen zu monolithischen Blöcken zusammenschmelzen, um ihnen sodann jeweils nur eine prototypische Utopieform zuzuordnen" (S. 32). Ihre Änderungsvorschläge betreffen u.a. eine zeitliche Ausweitung auf Mittelalter und Antike, die Suche nach weiteren Konzepten und Realisierungsformen des Utopischen sowie eine Öffnung für eine interkulturelle Perspektive (vgl. S. 35 ff.).

Der erste von insgesamt fünf Teilen befasst sich mit der frühen Geschichte des Utopischen. Brigitte Burrichter untersucht darin beispielsweise Feen- und Antikenromane aus dem 12. und 13. Jahrhundert, in denen ideale und wunderbare Städte (Theben, Troja, Karthago, Byzanz) sowie namenlose Feenstädte entworfen werden, die zwar utopische Elemente aufweisen, aber keine Gesellschaftskritik üben. Sie schafft eine Folie, "vor der sich die im eigentlichen Sinn utopischen Stadtentwürfe schärfer abzeichnen" (S. 54).
Philipp Jeserich analysiert anhand von Christine de Pizans Livre de la Cité des dames (1405) den Utopiebegriff in spätmittelalterlichen Texten, die "sich nicht in das Verlaufsmodell der neuzeitlich orientierten Utopie-Forschung [einfügen]" (S. 80). Hervorzuheben ist seine gut nachvollziehbare Diskussion der bisherigen Utopieforschung und die umfangreiche Bibliographie.

Private Utopien stehen im zweiten Teil im Zentrum. Henning Hufnagel etwa zeigt wie Venedig, das zwar existiert, aber aufgrund seiner besonderen Topographie unwirklich erscheint, "als Instrument eines utopischen Projekts [individueller Selbsterschaffung] funktionalisiert wird" (S. 157). Am Beispiel von Texten Chateaubriands, Barrès’ und Morands erläutert er schlüssig, wie Venedig zu einem Zeichenraum wird, "nach dessen Maßgabe sich die Persönlichkeit des Autors (re)konstruiert" (ebd.).

Utopie und Avantgarde bilden den Schwerpunkt des dritten Abschnitts. Mario Grizelj analysiert Alfred Kubins Roman Die andere Seite (1909), in dem eine Traumstadt errichtet wird. Es ist eine rückwärtsgewandte Utopie, die keinen Zukunftsstaat schaffen will, sondern alles Fortschrittliche ablehnt (vgl. S. 200). Grizelj liest den Text topologisch und zeigt Paradoxien auf: Die Stadt liegt zwischen China und Russland und ist somit ein "verortbarer Nicht-Ort" (ebd.), durch die Modernekritik ist sie zeitlich festgelegt. Weil das Ideal in eine Form gebracht werden muss, scheitert die Traumstadt.
Doris Pany setzt sich in ihrem Beitrag mit Utopien des Surrealismus und der Situationistischen Internationale auseinander, deren Ziel die "Veränderung von Wahrnehmungsmustern" ist (S. 230). "Die planvolle Erkundung oder das ziellose Durchstreifen möglichst unterschiedlicher Stadtgebiete soll die Aufmerksamkeit für verschiedene Atmosphären schärfen" (S. 236).

Der vierte Abschnitt befasst sich mit der Erfahrung des Krieges und dem "Tod der Utopie". Die A-Topie des Krieges gibt in Célines Voyage au Bout de la Nuit die Parameter für den Raumentwurf vor, wie Daniela Kirschstein in ihrem Beitrag herausarbeitet (vgl. S. 245). Der Stadtdiskurs ist gleichzeitig Körperdiskurs: "Der Körper ist das Medium, mit dessen Hilfe Utopie, Gewalt und Ästhetik korreliert und durch Momente des Exzesses, der Gewalt und der Repression in Célines real-utopischen Stadtentwürfen sichtbar werden" (S. 249).

Das fünfte Kapitel analysiert schließlich die Utopie der Moderne im interkulturellen Kontext. Neue Aspekte der Utopie vom "Zusammenleben der Menschen, wenn diese in spezifisch kolonialen Situationen literarisch inszeniert werden" (S. 322), legt Gesine Müller in ihrem interessanten Aufsatz am Beispiel der Karibik im 19. Jahrhundert offen. Es werden Utopien einer friedlichen Sklavengesellschaft oder einer mischrassigen Gesellschaft entwickelt.

Alles in allem bietet dieser gelungene Sammelband eine breite Vielfalt an neuen Facetten und Möglichkeiten des utopischen (Stadt)Diskurses. Aufschlussreich ist infolge der definitorischen Re-Konzeptualisierung des Utopiebegriffs und der Ausweitung der Utopiegeschichte die neue Sicht auf Texte, die man sonst nicht diesem Genre zuordnen würde. Dieser Band lädt ein, nach weiteren Realisierungsformen des Utopischen zu forschen.


Ventarola, Barbara (Hg.): Literarische Stadtutopien zwischen totalitärer Gewalt und Ästhetisierung. München: Martin Meidenbauer, 2011. 370 S., gebunden, 59,90 €. ISBN: 9783899752595


Inhaltsverzeichnis

Barbara Ventarola
Einleitung: Literarische Stadtutopien als Anschauungsobjekte und Experimentierfelder sozialer Phantasie. Für eine Re-Definition des Utopischen als liminaler Diskurs 7

I. FRÜHE GESCHICHTEN DES UTOPISCHEN
Brigitte Burrichter
Utopische Elemente altfranzösischer Stadtbeschreibungen 53

Philipp Jeserich
Möglichkeiten der Utopie im Spätmittelalter.

Christine de Pizans
Livre de la Cité des dames (1405) 69

Robert Fajen
Die bewegte Utopie.
Stadt, Gewalt und Subjekt in Cyranos L'Autre Monde 103

Barbara Ventarola
Ordnung und Perspektive.
Die utopischen Stadtentwürfe von Platon, Leibniz und Voltaire im Vergleich 121

II. PRIVATE UTOPIEN
Henning Hufnagel
Glück in Venedig. Ausformungen einer utopischen Chiffre bei französischen Konservativen: Chateaubriand, Barrès, Morand 155

Olaf Müller
Le Paris de Paroles:
Stadttext als Utopie und Therapie bei Raymond Queneau 185

III. UTOPIE UND AVANTGARDE
Mario Grizelj
T/Räume als Formproblem.
Zu Alfred Kubins Die andere Seite 199

Doris Pany
Urbane Wahrnehmungspoetiken und die Entwicklung des utopischen Denkens. Charles Baudelaire, der Surrealismus und die Situationistische Internationale 221

IV. DIE ERFAHRUNG DES KRIEGES UND DER 'TOD DER UTOPIE'
Daniela Kirschstein
"On ne l’a jamais trouvé":
Stadtutopien in Louis-Ferdinand Célines Voyage au Bout de la Nuit (1932) 245

Anne-Berenike Binder
"Les ruines d’Auschwitz" – Stadtentwürfe in der französischen Nachkriegsliteratur 267

V. DIE UTOPIE DER MODERNE IM INTERKULTURELLEN KONTEXT
Markus Messling
Ernüchtert ans Meer. Moderne-Kritik und (anti-)urbane Utopien beiStendhal, Gobineau und Michelet 297

Gesine Müller
Koloniale Achsen und ihre literarischen Repräsentationen in der Karibikim 19. Jahrhundert: Utopien vom Zusammenleben in transkolonialen Dimensionen 321

Hanno Ehrlicher
Im Reich der fremden Zeichen.Utopische und dystopische Funktionalisierungen der unlesbaren Stadtbei Roland Barthes und Rachid Boudjedra 339

Abstracts der Beiträge

Utopia, City, and Literature: a New Glance on Literary Constructions of Utopian Cities

The volume Literarische Stadtutopien zwischen totalitärer Gewalt und Ästhetisierung (Literary Utopia of Cities between Totalitarian Violence and Aestheticization), edited by Barbara Ventarola in 2011, discusses in an introduction and thirteen articles new horizons concerning literary utopia of cities, mainly in French literature. This highly constructive volume focuses successfully on a re-conceptualization of utopia, a revision of the history of utopia and the development of new city concepts. The volume gives a broad overview of different types of utopia.



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