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Traditionalisierungseffekt und 'Maternal Gatekeeping': Zu alte Antworten auf alte Fragen gleichberechtigter Familienbildung

Eine Rezension von Mirjam Horn

Mennicke, Annette: Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet - Überraschende Antworten auf alte Fragen. Stuttgart: ibidem, 2011.

Die biowissenschaftlich informierte Studie der Diplom-Pädagogin Annette Mennicke möchte "überraschende Antworten auf alte Fragen" nach gleichberechtigter Familienbildung liefern. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um mehr Vollzeitbeschäftigung von Frauen und Maßnahmen wie Elterngeld oder Frauenquote stellt die Autorin Kontexte, Ursachen und Konsequenzen v.a. der mangelnden Teilnahmebereitschaft von Vätern vor. Mithilfe soziobiologischer Erkenntnisse benennt Mennicke zum einen die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen im Übergang zur Elternschaft, zum anderen das von Müttern beanspruchte Monopol in der Kinderbetreuung als substantielle Ursachen ungleichen Engagements. In der Folge identifiziert Mennicke einen evolutionär bedingten Konflikt zwischen sogenanntem Paarungsaufwand und Elternaufwand, der in die Beständigkeit (binärer) Geschlechterrollen münde. Abschließend schlägt die Autorin auf Grundlage dieser keineswegs neuen und durchaus angreifbaren Befunde in einer Ideenwerkstatt zu kurz greifende Perspektiven für die Elternbildung und die Motivation der Väterbeteiligung vor.


Innerhalb der Verhaltensbiologie stellt die Soziobiologie seit den 1930er Jahren (in der zweiten Phase seit den 1970er Jahren) einen Forschungszweig dar, der sich als Synthese evolutionsbiologischer und ethologischer Fragestellungen und Untersuchungsergebnisse versteht. Als solche schaltet sie sich in das beständige Ringen um die Deutungshoheit über menschliches Sein und Werden ein. Sie fokussiert menschliches Verhalten als Prozess und Ergebnis einer natürlichen Selektion, von biologischen Faktoren, die mit kulturellem Erbe, das heißt qualifizierter Anpassung, interagieren. Als Wissenschaft versucht sie also die evolutionäre Historizität verschiedener Verhaltensmuster und deren Strategien nachzuvollziehen und zueinander in Relation zu setzen. Einige Verhaltensbiolog_innen (vgl. z.B. Allen 1976, Lewontin 1980) halten die Soziobiologie allerdings für eine bloße 'Spekulationsdisziplin' oder 'Pseudowissenschaft'. Von diesen Kritiker_innen muss sich die Soziobiologie Vorwürfe des Biologismus gefallen lassen, wobei ihr hierbei insbesondere angelastet wird, eine Unhintergehbarkeit der 'Gen-Macht' zu postulieren (vgl. Dawkins' "egoistisches Gen", 1976) und dadurch komplexe individuelle oder kollektive Gegenstrategien zu ignorieren.

Nun stellt die vorliegende Studie der Diplom-Pädagogin Annette Mennicke die gleichberechtigte Beteiligung von Müttern und Vätern an der Elternzeit und der Familienarbeit in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Damit möchte die Autorin insbesondere die "Motivation der Väter zu einer Teilnahme an Elternbildungsangeboten [...] auf ein theoretisches Fundament […] stellen" (S. 12) und somit praxisorientierte Schützenhilfe leisten. Zentraler Ansatzpunkt hierfür ist für Mennicke "das theoretische Konzept der unterschiedlichen Reproduktionsstrategien der Geschlechter" (S. 11), das sie in einen soziobiologischen Zusammenhang stellen will. 'Unterschiedlich' darf in diesem Kontext als 'eindeutig abgrenzbar' und somit als 'geschlechtstypisch' verstanden werden, sodass Mennickes Ansatz dem biowissenschaftlichen binären Verständnis von Geschlecht zuzurechnen ist, welches eine rein konservativ heteronormative Familienbildung zur Folge hat. Alternative Auffassungen von Familie werden in der Studie folglich gar nicht berücksichtigt.

In elf Kapiteln erörtert Mennicke Forschungsergebnisse der Biowissenschaften, Genetik, evolutionären Psychologie und der synthetisierenden Soziobiologie und überträgt sie auf die pragmatischen Phänomene der Familienbildung und – ansatzweise – der Familienpolitik in Deutschland. Der Fokus liegt hier vor allem auf der historischen Entwicklung von Geschlechterrollen und den sich daraus ergebenden Funktionen im Familien- und Berufsleben (vgl. Kap. 3). Dabei identifiziert sie zwei zentrale Phänomene: zum einen den sogenannten 'Traditionalisierungseffekt', der eine Weiterführung tradierter Geschlechterverhältnisse mit Eintreten der Elternschaft meint – Mennicke stützt diese These von Fthenakis et al. (2002; vgl. S. 54) durch ausgewählte empirische Daten zur Väterbeteiligung und Elternzeitnutzung in Deutschland und dem obligatorisch angeführten 'Elternparadies' Schweden; zum anderen benennt sie die 'Weichensteller-Funktion der Mütter' (S. 55, auch maternal gatekeeping), die eine aktive Beteiligung der Väter und anderer, sogenannter 'Allomütter' – z.B. Verwandte oder Tagespflegepersonen –, bewusst oder unbewusst unterbindet, da die Mutter diesen eine adäquate Versorgung der Nachkommen nicht zutraut beziehungsweise diese als Gefahr für ihre 'Brut' wahrnimmt.
Im Folgenden erläutert Mennicke, inwiefern mithilfe biowissenschaftlicher Ergebnisse ("Fakten", z.B. S. 61, 71) Bezug auf sozialwissenschaftliche Phänomene genommen und letztlich die von der Autorin angestrebten "präskriptiven pädagogischen Handlungsempfehlungen" (S. 71) legitimiert werden können. Dabei trotzt sie unter anderem konstruktivistischen oder feministischen Einwänden, einen naturalistischen Fehlschluss zu begehen (vgl. S. 58 ff.), mit dem Hinweis auf den Vorteil heterogener Ideologien: "Widersprüchliche Resultate [...] zeigen dann weiteren Forschungsbedarf an" (S. 61) – we agree to disagree. Pragmatisch betont Mennicke also Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen biowissenschaftlichen Erkenntnissen und sozialwissenschaftlichen Phänomenen, um eine Übertragung der einen auf die anderen überhaupt erst möglich zu machen.

In den ersten fünf Kapiteln nach der Einleitung – "Eltern- und Familienbildung", "Vereinbarkeit von Familie und Beruf – empirische Befunde", "Biowissenschaftliche Erklärungsansätze – ein neuer Rahmen", "Die Evolution der Evolutionstheorie" und "Evolutionstheorie im Übergang zum 21. Jahrhundert" – werden in der Hauptsache ausführliche Vorarbeiten (Empirie, Theorie und Methodik) zum eigentlichen Argument geleistet. Im Anschluss (vgl. Kap. 7) stellt die Autorin schließlich die basale Frage nach der Zweigeschlechtlichkeit (vgl. S. 103-120) aus phylogenetischer Sicht, welche – wie vor dem Hintergrund heteronormativer Familienbildung zu erwarten war – mit unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien – weibliche Nährstoffinvestition und männliche Erhöhung der Befruchtungshäufigkeiten – beantwortet wird (vgl. S. 118). Diese Charakterisierungen erleichtern in Kapitel 8 ("Evolutionärer Anpassungswert – Wozu ein Verhaltensunterschied?") die unterkomplexe Auseinandersetzung mit verhaltensbiologischen Phänomenen wie intrasexueller Konkurrenz und intersexueller Wahl. Daraus strickt Mennicke schließlich das für sie klar evolutionsbiologisch begründete "Abgleichproblem" (S. 139) zwischen Paarungsaufwand und Elternaufwand, welches für die geringe Teilnahme von Vätern an der Familienbildung verantwortlich zeichnet. Als Abgleichproblem ist hier ein Investitionskonflikt zu verstehen, in dem Männer vor die Entscheidung zwischen möglichst häufiger und erfolgreicher Paarung und langfristiger Väterbeteiligung gestellt würden.

Was sich aus einer eklektischen Verbindung umstrittener Forschungserkenntnisse aus evolutionärer Psychologie und Soziobiologie, ungenügend differenzierter empirischer Daten zu Väterbeteiligung nach der Einführung des Elterngeldes (vgl. S. 35-37, 46-53) und korreliertem Geschlechts- und Reproduktionsverhalten als Mennickes Kernthese ergibt, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die 'Frau' verweigere als restriktive Weichenstellerin der Kernfamilie (maternal gatekeeping) eine gleichberechtigte Teilnahme an der Familienbildung, um – evolutionsbiologisch – einen drohenden Infantizid abzuwehren, während der 'Mann' seine Reproduktionspartnerin(nen) nur dann unterstütze – persönlich oder durch Bereitstellung somatischen Aufwands (Bildung, Unterhalt) –, wenn sein Fortpflanzungserfolg davon nachhaltig profitiere.
Derartige wissenschaftlich und sozial konservative (und überholte) Schlussfolgerungen nehmen in dieser Studie, die doch "überraschende Antworten auf alte Fragen" verspricht, riskante, um nicht zu sagen unfreiwillig komische Formen an, wenn Mennicke in einer "Ideenwerkstatt" (S. 156-167) evolutionär bedingte "Verhaltensdispositionen eventuell durch pädagogische Mittel beeinflusst" (S. 160) wissen will. Diese pädagogischen Mittel beinhalten zum Beispiel ein rebranding der Elternzeit für Väter als Ressource, also als aktiv zu erstrebender Status mit karrierefördernden Konsequenzen, oder die Aufwertung von Berufen innerhalb institutioneller Kindertagespflege, um das passive subjektive Sicherheitsgefühl von Müttern zu stärken. Mennicke stellt das Gießkannenprinzip, also die undifferenzierte Bezuschussung durch staatliche Institutionen mittels flächendeckender Betreuungsangebote oder Familienbildungsgutscheinen in Frage. Sie befürwortet hingegen Förderungsmaßnahmen, die die von ihr identifizierten geschlechtstypischen Verhaltensweisen, also eine männliche Karriereorientierung bzw. weibliche Skepsis gegenüber Fremdbetreuung, berücksichtigen.
Spätestens an dieser Stelle verliert sich die Legitimation des interdisziplinären Ansatzes von Annette Mennickes Studie. Er erweist sich nämlich als unterkomplexer Fokus auf die verbindenden Beziehungen zwischen bio- und sozialwissenschaftlichen Phänomenen, der trennende Brüche ausblendet und so in lebensweltliche Utopien unflexibler Heteronormativität und biologistischer Fehlschlüsse mündet.

Erwähnte Literatur:
Allen, Elizabeth et al. "Sociobiology: Another Biological Determinism." Bioscience 26 (1975): S. 182-186.
Dawkins, Richard. The Selfish Gene. Oxford 1976.
Fthenakis, Wissilios E. et al. Paare werden Eltern. Die Ergebnisse der LBS-Familien-Studie. Opladen 2002.
Lewontin, Richard. "Sociobiology: Another Biological Determinism." International Journal of Health Services 10 (1980): S. 347-363.


Annette Mennicke: Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet – Überraschende Antworten auf alte Fragen. Neue Perspektiven für die Elternbildung vor dem Hintergrund der Biowissenschaften. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2011. 182 S., 24,90 EUR. ISBN 978-3-8382-0175-7. Zur Verlagshomepage...


Inhaltsverzeichnis


Abkürzungsverzeichnis 9

1. Einleitung 11

2. Eltern- und Familienbildung 15
2.1 Geschichtlicher Abriss 16
2.1.1 Pädagogische Ratgeberliteratur – empirische Belege zu Relevanz 16
2.1.2 Institutionelle Ansätze 19
2.2 Annäherung an ein komplexes Feld 22
2.2.1 Systematisierungsversuche 22
2.2.3 Blickwinkel: Erwachsenen- und Weiterbildung 25
2.3 Ergebnisse einer Bestandsaufnahme der Angebote 27
2.3.1 Blickwinkel: Maßnahmen 28
2.3.2 Blickwinkel: Teilnehmerstruktur 29
2.3 Zusammenfassung und Diskussion 30

3. Vereinbarkeit von Familie und Beruf – empirische Befunde 35
3.1 Vom Mutterschaftsurlaub zum Elterngeld 37
3.1.1 Mutterschaftsurlaub 38
3.1.2 Erziehungsurlaub 39
3.1.3 Elternzeit 39
3.1.4 Elterngeld 40
3.2 Auswirkungen der neuen Elterngeldregelung – eine alternative Betrachtung 41
3.2.1 Erwerbstätigkeit als Quelle der weiblichen Unabhängigkeit 41
3.2.2 Partnermonate als Weg zu einer höheren Väterbeteiligung 44
3.2.3 Fazit der alternativen Betrachtung 45
3.3 Väterbeteiligung an der Familienarbeit in ausgewählten europäischen Ländern 46
3.3.1 Umfang der Elternzeitnutzung durch die Väter 47
3.3.2 Erwerbstätigkeit als Quelle der wieblichen Unabhängigkeit 49
3.3.3 Zeitlicher Aufwand der Väter and der Familienarbeit 51
3.3.4 Fazit des Blicks auf andere Länder 53
3.4 Zusammenfassung und Diskussion 53
3.4.1 "Traditionalisierungseffekt" 54
3.4.2 "Weichensteller-Funktion" der Mütter 55

4. Biowissenschaftliche Erklärungsansätze – ein neuer Rahmen 57
4.1 Plädoyer für einen biowissenschaftlichen Theorierahmen 57
4.1.1 Das Problem der Normsetzung 59
4.1.2 Das Problem der überlappenden Verteilungen 63
4.2 Ultimate Ursachen und proximate Mechanismen 66
4.2.1 Kritik 1 – Mangelnde Prüfbarkeit 68
4.2.2 Kritik 2 – Fehlende Sparsamkeit 69
4.2.3 Kritik 3 – "Als-ob"-Redefiguren 69
4.3 Zusammenfassung

5. Die Evolution der Evolutionstheorie 73
5.1 Wichtige Stationen einflussreicher Ideen 73
5.1.1 Darwinismus 75
5.1.2 Genetik und Populationsgenetik 77
5.1.3 Neodarwinismus 78
5.2 Postneodarwinismus 81
5.2.1 Theorie der neutralen Evolution 81
5.2.2 Konzept der "Spandrille" 83
5.2.3 Genozentrische Sichtweise 84
5.3 Soziobiologie – Die neue Synthese 85
5.3.1 Verwandtenselektion 86
5.3.2 Spieltheoretische Elemente 87
5.4 Zusammenfassung

6. Evolutionstheorie im Übergang zum 21. Jahrhundert 91
6.1 Soziobiologische Verianten 91
6.1.1 Human-Verhanltensökologie 92
6.1.2 Gen-Kultur-Koevolution 92
6.1.3 Memetik 93
6.2 Evolutionäre Psychologie 93
6.2.1 Adaptive Verhaltensweise oder Angepasstheit? 94
6.2.2 Konzept des "Environment of Evolutionary Adaptedness" 95
6.2.3 Konzept der "evolvierten psychologischen Mechanismen" 97
6.3 Zusammenfassung und erste Schlussfolgerung 100

7. Phylogenetische Sicht – Warum zwei Geschlechter? 103
7.1 Warum Sexualität? 104
7.2 Warum sexuelle Fortpflanzung 107
7.3 Warum zwei Sorten von Keimzellen? 110
7.4 Warum getrennte Geschlechter? 114
7.5 Zusammenfassung und Diskussion 117

8. Evolutionärer Anpassungswert – Wozu ein Verhaltensunterschied? 121
8.1 Sexuelle Selektion 121
8.1.1 Intrasexuelle Konkurrenz 121
8.1.2 Intersexuelle Wahl 122
8.1.3 Fazit zur sexuellen Selektion 124
8.2 Infantizid als Reproduktionsstrategie?
8.2.1 Reproduktive Konkurrenz unter Männchen 126
8.2.2 Reproduktive Konkurrenz unter Weibchen 127
8.2.3 Fazit zum Infantizid als Reproduktionsstrategie 131
8.3 Zusammenfassung und Diskussion 133

9. Lebensgeschichte eines Organismus aus evolutionsbiologischer Sicht 137
9.1 Abgleichproblem: Paarungsaufwand – Elternaufwand 139
9.2 Blickwinkel: Paarungsaufwand 140
9.3 Blickwinkel: Elternaufwand 142
9.4 Zusammenfassung und Diskussion 144

10. Persistenz der Geschlehcterrollen 147
10.1 Quintessenz 148
10.2 Ideenwerstatt 156

11. Literaturverzeichnis 169



Traditionalization Effect and Maternal Gatekeeping: Too Old Answers to Old Questions of Equality in Family Education

The bioscientifically informed study by education scholar Annette Mennicke aims at providing "surprising answers to old questions" with respect to equality issues in family education. Against the background of current debates on women's participation in the workforce and according measures – including a mandatory female quota or parental subsidies – the author outlines contexts, reasons, and consequences of (primarily) the lack of paternal participation in active parental leave. By means of sociobiological findings Mennicke nominates the return to traditional gender roles in transition to parenthood and the child-care monopoly claimed by protective mothers as major reasons for this uneven involvement. She subsequently identifies an evolutionarily related divide between mating effort and parenting effort that eventually leads to the persistence of (binary) gender roles. Based on her results the author conclusively proposes anything but new and unassailable perspectives for parental education and the advance of fathers' investment.


© bei der Autorin und bei KULT_online