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Schlaglichter als Handbuch: Theorien, Ideen, Geschichte der Fotografie

Eine Rezension von Stephanie Nickel

Deppner, Martin Roman; Jäger, Gottfried (Hg.): Denkprozesse der Fotografie. Die Bielefelder Fotosymposien 1979-2009. Beiträge zur Bildtheorie. Bielefeld: Kerber, 2009.

1979 fing die Fachhochschule Bielefeld mit wenigen Gästen an, was heute nicht mehr wegzudenken wäre: Die Bielefelder Fotosymposien siedeln sich auf dem Grat zwischen Theorie und Praxis, Beschreiben und Zeigen, an und sind Versammlungsort für ausnahmslos alle, deren Thema die Fotografie ist. Der Sammelband Denkprozesse der Fotografie, herausgegeben von den beiden Bielefelder Hochschulprofessoren und Künstlern Martin Roman Deppner und Gottfried Jäger (in beiden Fällen herausragende Akteure), soll 30 Jahre Bielefelder Fotosymposien nun zusammenfassen.
Dies gelingt den Herausgebern und Gestaltern des Bandes mit Bravur. Jedes Symposium füllt ein eigenes Kapitel. Es wird durch einen Kommentar jeweils kontextualisiert, und durch die Liste der Vortragenden und deren Themen wird jeder einzelne gewürdigt, obgleich nur ein Beitrag, stellvertretend für das Jahresthema, wiedergegeben wird.


Im derzeitigen fototheoretischen Diskurs sind Meinungsverschiedenheiten über den Wahrheitsgehalt der Fotografie spürbarer denn je. Und keine der beiden Extreme kann auf den Satz schlechthin der 1980er Jahre verzichten: "Es ist so gewesen." Roland Barthes hat sich mit diesem Satz zur ewigen Referenz gemacht. Den Zeitgeist der 80er Jahre repräsentiert im vorliegenden Band der Aufsatz von Richard Hiepe "Der Wahrheitsanspruch der Fotografie" (S. 87-104).
Mit diesem Beitrag haben die Herausgeber einen "[…] der wenigen konsequenten marxistischen Kunsthistoriker […]" in die Gegenwart geholt, der schon seit 1970 "[…] vieles klären und in Bewegung setzten […]" konnte (Jörg Böström in seiner Einführung zum Aufsatz Hiepes, S. 91). Hiepe inszeniert die Spannung innerhalb der Fotografie über die Nacherzählung einer Satire, die die magische Natur der Fotografie in den Vordergrund stellt. (Die Frage ob Fotografie uns nicht vielleicht doch unserer selbst beraubt, wie man es auch aus Berichten von fotografischen Begegnungen mit Naturvölkern kennt, macht den Leser gleichsam zum Objekt.) Hiepe erkennt die Notwendigkeit, die Frage nach Wahrheitsanspruch, oder vielmehr Abbildungstreue, auf der materiellen und der philosophischen/ideologischen Ebene zu beantworten. Das bringt den Autoren zu zwei wesentlichen Erkenntnissen:
1. Zum Prinzip der Gleichheit vor der Kamera: Die große Kathedrale wird mit dem (Sand)Korn (wir befinden uns hier im Zeitalter analoger Fotografie, die mit dem "Korn" arbeitet!) eingefangen "[…] und die bisher verachteten kleinen Leute [stehen] neben [den] Großen dieser Welt […]." (S. 98)
2. Zur Wirklichkeit selbst: Die Aneignung von Wirklichkeit erfolgt durch den Menschen (vgl. S. 102). Die Fotografie vereinfacht dieses Problem nicht: "Noch nie wurde uns so viel Wirklichkeit nahegebracht wie im Zeitalter der Fotografie und noch nie erschien der Mensch so ohnmächtig oder unfähig im Umgang mit der Wirklichkeit." (S. 103)

Die 1990er Jahre standen – retrospektiv gesehen – unter dem Eindruck der Computerisierung des (Arbeits)Alltags. Frieder Nake, der seit jeher den Balanceakt zwischen Technik, Kunst und Theorie hervorragend meistert und voran treibt, ist mit einem Beitrag von 1997, inklusive eigener Anmerkungen zu seinem Text 2009, vertreten. Seine Überlegungen kreisen um das Verhältnis von Bild und Zahl und stehen unter dem Postulat, im Anschluss an Walter Benjamin vom "Kunstwerk im Zeitalter seiner immateriellen Produzierbarkeit" (S. 256, Hervorhebungen SN) zu sprechen. Nake verweist ausdrücklich darauf, dass es bei Computerkunst nicht um die Einmaligkeit des Bildes geht, sondern, dass es ein Davor gibt: die Erschaffung eines Programms, mit dem die Produktion von Kunst überhaupt erst möglich wird.
Der kurze Rückblick des Autors zeigt, dass heute, in einer Zeit, die von einem Stakkato technischer Neuerungen und Erweiterungen geprägt ist, doch eine Konstanz über Jahrzehnte zu erkennen ist. Computerkunst entsteht wie andere Kunst auch aus Überlegungen und Botschaften heraus. Nicht das Produkt, sondern die Produktion trägt den Gehalt des Werkes.

Das dritte Jahrzehnt – 1999 bis 2009 – greift unter anderem (2001) ein Thema auf, das bis heute bearbeitet wird. Der Artikel "Bild und Gedächtnis" (S. 315) von Martin Roman Deppner liest sich wie ein Staffellauf durch Zeit und Raum: Das Feld wird abgesteckt durch die Verzahnung von Theorien und Geschichten. Angefangen bei der Legende der Tochter des (Di)Butates, über Walter Benjamin, Roland Barthes, Maurice Halbwachs, Jacques Derrida bis zu Sigmund Freud. Darin wird u.a. eine Gemeinsamkeit bei Plinius, Proust, Boltanski, Freud und Warburg entwickelt: Sie alle orientieren sich laut Deppner am "[…] Bild als signifikantes Medium des Gedächtnisses" (S. 324). Ergebnis ist nicht nur ein Artikel, der in die Tiefe geht, Beispiele für Bilder bringt, sondern auch geschickt ermahnt, in Überlegungen zur Memoria die Amnesia nicht zu vergessen.

Der höchst harmonische, in sich schlüssige aber glücklicherweise nicht homogenisierte Sammelband hält mehr als er verspricht: Er wird für seinen Nutzer zum Handbuch Fotografie und macht sich unersetzlich. Dabei überzeugt er in seiner Gesamtheit wie im Detail, so dass kleinere Inkorrektheiten wie die Zählung der Kapitel 3, 4, 4a, 5, 6,… und die fehlende Kennzeichnung eines gewählten Vortrags (S. 432) verschmerzbar sind (obgleich das Buch damit 31 Jahre und nicht wie proklamiert drei Jahrzehnte umfasst).
Roter Faden ist inhaltlich die immer wiederkehrende Rückbesinnung auf die Fotografie in der Hochschullehre (z.B. im ersten Symposium, bei der Zwischenbilanz 1989, sowie 2005). Die Motti der Symposien zeigen nicht nur ein sanftes Gespür für die jeweiligen Zeichen der Zeit – die Texte sind so ausgewählt, dass sie den thematischen und technischen (Um)Brüchen der Fotografie und mit anderen Forschungsthemen gerecht werden.
Leserfreundlich sind Bilder und Literaturhinweise im Text eingebettet und gleichzeitig grafisch herausgestellt. Die Gestaltung der Kapitelanfänge (jeweils eine Seite schwarz, eine Seite orange unterlegt, lässt auch am Buchschnitt die Kapitelanfänge leicht erkennen. Die Farbwahl des Orangerots hat allerdings zur Folge, dass Bildunterschriften und Literaturangaben bei Fotokopierversuchen komplett verschwinden – und das könnte bald nötig sein, denn der Band ist nahezu ausverkauft, eine zweite Auflage ist nicht geplant. Dies ist ebenso bedauerlich wie die geringe Stabilität des Buches: Die Verklebung des Umschlags hat sich beim Rezensionsexemplar noch während der Arbeit damit komplett gelöst. Längere Haltbarkeit hätte man sich schon deshalb gewünscht, weil die Herausgeber mit ihrer brillanten Leistung einen Sammelband geschaffen haben, der in Fototheorie, Fotokunst und Fotografiegeschichte seinesgleichen sucht und in keiner Bibliothek fehlen sollte.


Deppner, Martin Roman; Jäger, Gottfried (Hg.): Denkprozesse der Fotografie. Die Bielefelder Fotosymposien 1979-2009. Bielefeld: Kerber Verlag, 2010. 478 S. mit 170 s/w Abbildungen, Klappenbroschur, 29,95 Euro. ISBN 978-3-86678-366-9

Restexemplare:
Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Gestaltung, Institut für Buchgestaltung;
Lampingstr. 3; 33615 Bielefeld; dirk.fuetterer@fh-bielefeld.de


Inhaltsverzeichnis

Vorwort: 30 Jahre Bielefelder Fotosymposien 1979-2009 … 9

1. Fotosymposium 1979: Fotografie in Lehre und Forschung an der Fachhochschule Bielefeld / Gottfried Jäger: Exakte Fotografie – Ein künstlerisches und hochschuldidaktisches Programm … 17

2. Fotosymposium 1980: Bildjournalismus: Zwischen Ereignis- und Wirklichkeitsfotografie / Klaus Honnef: Stichwort Autorenfotografie … 27

3. Fotosymposium 1981: Bildaussage und Bildstil: Gegen die Indifferenz der Fotografie / Ernest Bornemann: Fotografie und Sexualität … 37

4. Fotosymposium 1982: Fotografie als eigenständige künstlerische Aussage / J.A. Schmoll gen. Eisenwerth: Fotografie: Inhalt und Form … 49
4.a Fotosymposium 1983: Der Kunstingenieur. Gestaltung im Schnittfeld zwischen künstlerischen und technischen Denkweisen / Herbert W. Franke: Der Kunstingenieur … 67

5. Fotosymposium 1984: Fotokritik: Kriterien – Krise – Kritik / Vilém Flusser: Kriterien – Krise – Kritik … 75

6. Fotosymposium 1985: Abbildungstreue. Optische Realität und der Schein des Objektiven / Richard Hiepe: Der Wahrheitsanspruch der Fotografie … 87

7. Fotosymposium 1986: Fotografen filmen. Zum Verhältnis von Fotografie und Film / Andrzej K. Saj: Elementare Fotografie … 105

8. Fotosymposium 1987: Störung als Prinzip / Jörg Boström: Glasauge und Fettfilter. Die Fotografie ist nicht ›an sich‹ ein realistisches Medium … 111

9. Fotosymposium 1988: Von den jungen Männern der 20er Jahre zu den ALTEN KINDERN der 80er. Experiment und Expressivität im Avantgardefilm der Murnau-Zeit und heute / Heide Schlüpmann: Aus eines Mannes Mädchenzeit: Avantgarde und frühes Kino … 123

10. Fotosymposium 1989: Zwischenbilanz: Die achtziger Jahre. Rückblick und überschaubare Zukunft der Fotografie in Hochschule und Berufspraxis / Christiane Heuwinkel: Freibeuter des Films: Die Gruppe ALTE KINDER … 133

11. Fotosymposium 1990: Kann Fotografie unsere Zeit in Bilder fassen? / Andreas Krase: Kann Fotografie unsere Zeit in Bilder fassen? Die Gruppe EIDOS … 143

12. Fotosymposium 1991: Virtuelle Bilder: Visuelle Logistik / Monika Faber: Vom Verschwinden der Dinge aus der Fotografie … 153

13. Fotosymposium 1992: Gibt es noch eine Orientierung durch Fotografie? / Florian Rötzer: Was heißt: Sich in Bildern orientieren? … 173

14. Fotosymposium 1993: Licht und Schatten / Gerhard Glüher: Visualismus: Die Befreiung der Bilder vom Diktat des Apparats … 191

15. Fotosymposium 1994: SIMCITY – Simulation des öffentlichen Raumes / Rolf Sachsse: Doppelt codiert, maschinell montiert, virtuell realisiert … 203

16. Fotosymposium 1995: Internationales László-Moholy-Nagy-Symposium. Zum 100. Geburtstag des Künstlers und Bauhauslehrers / Roland Günter: Der Industrialisierungsprozess und die Experimente Moholy-Nagys … 223

17. Fotosymposium 1996: ›Telematische Gesellschaft‹ Identität im Netz / Ferdinand Fellmann: Die Konstruktion der Phänomene. Philosophische Perspektiven der Mediengestaltung … 241

18. Fotosymposium 1997: Visualismus – Visualistik. Bildkunst und Bildwissenschaft im Dialog. Das Technische Bild im Visuellen Zeitalter / Frieder Nake: Kalkulation. Visualisation. Interpretation. Betrachtungen zur Computerkunst … 253

19. Fotosymposium 1998: 7. Internationales Vilém-Flusser-Symposium ›Für eine Philosophie der Fotografie‹ / Rolf H. Krauss: Walter Benjamin und der neue Blick auf die Fotografie … 273

20. Fotosymposium 1999: Mode Fotografie Körperkult / Enno Kaufhold: Fashion in Motion. Wie die Bewegung in die Mode und die Modefotografie kam – eine Skizze … 285

21. Fotosymposium 2000: Abstrakte Fotografie: Die Sichtbarkeit des Bildes / Lambert Wiesing: Was könnte › Abstrakte Fotografie‹ sein? Denkmöglichkeiten … 297

22. Fotosymposium 2001: Bild und Gedächtnis / Martin Roman Deppner: Bild und Gedächtnis: Eine Problemskizze … 315

23. Fotosymposium 2002: Das bewegte und bewegende Bild – The Moving Image / Joachim Paech: Erinnerungsbilder. Memento (2000) von Christopher Nolan und der postmoderne Film … 331

24. Fotosymposium 2003: Embedded Pictures. Krise des Bildes – Krise der Wahrnehmung / Christian Gapp: Das Foto als visuelles Skalpell … 345 25. Fotosymposium 2004: Das Foto im Zenit – Fotografie als globales Bildsystem / Lars Mextorf: Der gebrochene Vertrag: Zu den Folgen der Digitalisierung für die analoge Fotografie … 355

26. Fotosymposium 2005: Einblick und Ausblick. Konzept und Praxis des Masterstudiengangs am FB Gestaltung der FH Bielefeld / Martin Roman Deppner: Studiengang Master of Arts in Gestaltung. Struktur und Inhalt … 369

27. Fotosymposium 2006: Fotografie im Diskurs performativer Kulturen / Robert Felfe: ›It’s a generous medium, photography‹. Fotografische Bildakte bei Francesca Woodman und Lee Friedlander … 379

28. Fotosymposium 2007: Megapixel – Die Mobilisierung der Bilder / Markus Dauss: ›Homezone‹. Terror der Intimität und Medialität der Fotografie … 399

29. Fotosymposium 2008: Körper als Kampfzone. Fotografie und Mode im Dialog / Silke Puschmann: Zwischen Schick- und Schockbild, zwischen erster und zweiter Haut: Der Körper als Medium in der Modefotografie … 431

30. Fotosymposium 2009: Undisziplinierte Bilder. Fotografie als dialogische Struktur / Thomas Abel: Undisziplinierte Bilder … 431

Übersicht: Bielefelder Fotosymposien … 447
Verzeichnis: Textquellen … 457
Bildzitate: Namen … 461
Register: Namen … 463


Bright Lights Become a Handbook: Theories, Ideas, History of Photography

In 1979 the technical college of Bielefeld initiated a small conference which is nowadays an established event. The Bielefelder Fotosymposien are situated between theory and practice and are used as gathering places for all those who are interested in photography. The anthology Denkprozesse der Fotografie (Thought-Processes of Photography), edited by two professors and artists at Bielefeld, Martin Roman Deppner and Gottfried Jäger (in both cases brilliant practitioners), proposes to sum up 30 years of symposia of photography in Bielefeld.This aim ends up being more than fulfilled on both levels: graphically and in its content. Every symposium fills its own chapter, and is presented with a brief contextualization and a list of all presentations. This helps not only to clarify the circumstances but to dignify every participant.

© bei der Autorin und bei KULT_online