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Kontrolliertes Ausschütten oder haltloses Verausgaben? Das interdisziplinäre Ringen um Überschuss und Überschreitung

Eine Rezension von Nicola Tams (Berlin)

Bauschmid, Suse; Bähr, Christine; Lenz, Thomas; Ruf, Oliver (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: transcript, 2009.

Der vorliegende Sammelband über die kulturelle Praxis des Verausgabens möchte aus interdisziplinärer Perspektive das noch wenig betretene Feld der Verausgabung erschließen. Dabei erreichen die HerausgeberInnen das selbst benannte Ziel der Komplexitätserhöhung. Das Verausgaben wird in mehreren Beiträgen als Grenzüberschreiten an der Schwelle zur Zurückhaltung bestimmt. Die Betonung von liminalen Aspekten deutet auf die Schwierigkeit hin, Exzess überhaupt zu denken. Aufgrund der hohen Anzahl an Beiträgen aus Literatur- und Medienwissenschaft, Kunst und Soziologie kommt die Dimension des einseitigen Verausgabens als Gabe, die ausgehend von Marcel Mauss' Essai sur le don insbesondere in der Philosophie geltend gemacht wurde, etwas kurz.  


Der Sammelband Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens entstand aus der im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 stattfindenden Tagung des Graduiertenzentrums der Universität Trier "Verausgaben. Leben vom/im Überfluss". Der Band fügt sich ein in die Schriftenreihe Literalität und Liminalität, die laut Editorial auf eine Komplexitätserhöhung in den Philologien abzielt und Literaturtheorie an der Schwelle zu ihren Nachbardisziplinen verortet. Das Versprechen der Interdisziplinarität wird an den Schnittstellen von Literatur- und Medienwissenschaft, den Künsten sowie Soziologie eingelöst. Gerade weil in der Einleitung Jacques Derrida und Marcel Mauss gestreift werden (vgl. S. 8) und der Verlag auf seiner Website mit einem Zitat René Kaufmanns wirbt, der für den Band "fruchtbare Anstöße und Impulse" für die Beschäftigung mit dem "allgemeinen Gabe-Topos" verspricht, wäre allerdings eine ausführlichere Beschäftigung mit der Verausgabung als Gabe zu erwarten gewesen.

Dem Begriff der Verausgabung nähern sich die HerausgeberInnen theoriegeschichtlich und kulturwissenschaftlich insbesondere in der Einleitung. Sie streifen die Möglichkeit finanzieller Verausgabung und kultureller (Grenz-)Überschreitungen. Der Begriff des Verausgabens erlaubt es dabei die "Grenzen des Möglichen oder Vorstellbaren, der Kontrolle oder des Erlaubten neu aus[zu]loten" (S. 8), was als Ziel von interdisziplinärer Arbeit grundsätzlich gesehen werden kann.

Stephan Lorenz stellt in seinem Beitrag heraus, dass Überfluss und Überschreitung nur ambivalent und relational gebraucht werden können (vgl. S. 53). Demzufolge lässt sich die Überschreitung lediglich in einem Verhältnis bestimmen. Entsprechend widmet sich Thomas Waitz dem Verhältnis von gesellschaftlichem Habitus und medialen Strategien der Normierung durch Verausgabung, oder Kai Marcel Sicks dem Sport, der in ausgewählten Sportromanen als Warnung vor dem Überfluss gilt. Bernd Blaschke spricht Goethes Lob der Verausgabung in Relation zu seiner Sparsamkeit als kontrollierte Verausgabung an, und Thomas Ernst nennt die Begrenzungen des Textflusses im Internet, das gerade keinen Überfluss an Möglichkeiten bietet. Auch die Aktionskunst von Abramović und Ulay, die Viola Vahrson vorstellt, zeigt Überschuss im Wechselspiel mit der Erschöpfung.

Das Verausgaben wird also als ein Konzept an der Schwelle vorgebracht, was den Sammelband hervorragend im Thema der Schriftenreihe verortet. Durch die überwiegende Betrachtung der Verausgabung als relationalem Begriff und der Gabe als "Gabentausch" (vgl. bspw. S. 28) wird bei einigen AutorInnen jedoch die Besonderheit der Verausgabung als Gabe und die Differenz zwischen Gabe und Tausch, die seit der umfassenden Rezeption von Mauss' Gabe geltend gemacht wird, umgangen. Georg Mein bildet eine Ausnahme, wenn er darauf hinweist, dass die Verausgabung gerade kein Tausch ist (vgl. S. 15). Diese Begriffsunschärfe wird in den weiteren Artikeln zu wenig beachtet (vgl. bspw. S. 179). Hier wird deutlich, dass die AutorInnen selbst Teil von Derridas "Dilemma jeglichen Sprechens über die Gabe" (S. 183) sind: Kein Schreiben oder Denken wäre möglich, wenn wir uns tatsächlich verausgabt hätten.

Auch die Beschäftigung mit dem Potlatsch, ein durch Übertreibung und Zerstörung charakterisiertes Gabenfest, den Marcel Mauss in seinem Essai sur le don analysiert und auf den Georges Bataille sein Gegenmodell zur kapitalistischen Wirtschaft aufbaut, kommt in der Vielzahl der Beiträge etwas zu kurz. Wenn Oliver Ruf schreibt, dass es sich beim "Gabentausch [...] um etwas, was Mauss in Rekurs auf die Tradition nordamerikanischer Indianer-Völker Potlatsch nennt", handelt (S. 28), bleibt unklar, dass der Potlatsch nur eine Form der Gabe ist, und dass bereits nach Mauss der Potlatsch nicht auf nordamerikanische "Indianer-Völker" beschränkt ist.

Negativ anzumerken sind zahlreiche Rechtschreib-, Trenn- und Formatierungsfehler (vgl. S. 29, 30, 70, 79, 116, 125f., 141, 150, 154). Vereinzelt kann stilistische Kritik geübt werden, wo unpräzise Ausdrücke auf inhaltliche Ungenauigkeit schließen lassen, wenn beispielsweise Ruf den Begriff "des Primitiven" (S. 31) unkritisch verwendet.

Solchen formalen Schwächen zum Trotz finden sich sehr lesenswerte Beiträge, wie etwa Meins Artikel über die Geisteswissenschaften als der 'überflüssigen' Wissenschaft, die wie Serres' Parasit gerade nicht zweckorientiert handeln müssen. Georg Mein weicht der Widersprüchlichkeit eines Begriffs der Verausgabung nicht aus. Der eigentliche Wert der Geisteswissenschaften wird mit Seel darauf bezogen, mehr Bewusstsein für die Möglichkeiten menschlicher Orientierung zu schaffen (vgl. S. 20), also eine "kathartische Funktion" (S. 24) zu erfüllen.

Resümierend ist der Sammelband der Versuch, das heterogene Areal der Überschreitung gangbar zu machen. Der interdisziplinäre Ansatz der HerausgeberInnen erleichtert den Einstieg in ein noch wenig umrissenes Forschungsgebiet. Durch die Vielzahl der berührten Themen können jedoch anfangs aufgebrachte Vorschläge, wie beispielsweise das Arbeiten an einer "Soziologie des Überflusses" (S. 50), im Folgenden nicht wieder aufgegriffen werden. Die Begründung eines fächerübergreifenden Paradigmas des Verausgabens steht zwar noch in weiter Ferne, der vorliegende Band leistet aber mit der Heterogenität seiner Beiträge eine gute Anregung auf dem Weg dorthin.


Bähr, Christine; Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: Transcript, 2009. 242 S., kartoniert, 26,80 Euro. ISBN: 978-3-89942-989-3


Inhaltsverzeichnis

Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf: Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Einleitung 7

Georg Mein: Verausgabung, Erschöpfung und andere Müdigkeitszustände. Vom Mythos beständiger Missernten im Weinberg der Geisteswissenschaften 13

Oliver Ruf: Ökonomie der Vergeudung. Die Figur des Verausgabens bei Georges Bataille 27

Leben im Überfluss

Stephan Lorenz: Überflusskultur und Wachstumshunger. Verausgabungen in Arbeits- und Konsumgesellschaft 43

Matthias Hoffmann und Rebecca Weber: Kulturindustrie – vermasste Kultur – Jazz 59

Andrea Haller und Thomas Lenz: Warenhauskönig und Kinoprinzessin. Konsum- und Kulturkritik in den Warenhaus- und Filmromanen der Kaiserzeit 73

Marco Borth: Christian Krachts Faserland an den Grenzen der Erlebnisgesellschaft 89

Überschreitungen des Körpers


Thomas Waitz: Dicksein. Armut und Medien. Selbstführungsfernsehen und die Unterschichtendebatte 103

Kai Marcel Sicks: »Zu Tode erschöpft«. Sportromane als Verausgabungsnarrative (1900–1933) 125

Irina Gradinari: Sterben im Überfluss: Luxus und Lustmord in Hollywood-Mainstream-Filmen seit den 90er Jahren 139

Viola Vahrson: Verausgabung und Souveränität. Die Performance Light/Dark von Marina Abramović und Ulay 159

Sprache der Verausgabung


Bernd Blaschke: »Bin die Verschwendung, bin die Poesie«. Überfluss und Verausgabung in Goethes Faust und seinen Kontexten 173

Kerstin Beyerlein: »Un drame dans la langue française.« Verausgabungsprozesse im literarischen Theater von Valère Novarina 193

Marion Rutz: Die Bändigung der kulturellen Vielfalt. Der Umgang mit dem sowjetischen Kulturerbe in Timur Kibirovs poetischer Collage ›Durch Abschiedstränen‹ (Skvoz' proščal'nye slëzy) 207

Thomas Ernst: Die Begrenzungen des Textflusses. Vom Urheberrecht der Gutenberg-Galaxis zur Wissensallmende im World Wide Web? 223

Autorinnen und Autoren 239


Controlled Distribution or Unlimited Overexertion? The Interdisciplinary Striving for Excess and Transgression

From an interdisciplinary point of view, comprehensive volume on the cultural practice of overexertion aims at opening up the vast territory of the concept of overexertion. The authors meet their stated goal of enhancing complexity. Thereby, overexertion is defined as something which exceeds limits on the threshold of containment. The authors' emphasis on liminal aspects of overexertion elucidates how difficult it is to think about excess at all. Due to the large quantity of articles concerning philology, media studies, the arts, and sociology, the perspective on one-dimensional overexertion as part of the gift, as analysed elsewhere by Marcel Mauss and enforced especially by philosophy, is hardly taken into account.


© bei der Autorin und bei KULT_online