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Kein Europa ohne Europa

Eine Rezension von Christina Norwig

Renger, Almut-Barbara; Ißler, Roland Alexander (Hg.): Europa – Stier und Sternenkranz: Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009.

Der 656-seitige Sammelband, dessen Beiträge teilweise aus der Konferenz "Mythos Europa. Vom Stier zum Sternenkranz" im Dezember 2001 an der Universität Greifswald hervorgegangen sind, führt in 34 Aufsätzen erstmals Perspektiven verschiedener Disziplinen auf den antiken Mythos von der Entführung Europas durch Zeus zusammen. Namhafte VertreterInnen eines weiten Fächerspektrums – von den Geschichts- und Literaturwissenschaften über Philosophie und Kunstgeschichte bis hin zu Ethnologie und Politologie – aus europäischen und außereuropäischen Ländern liefern dabei einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten und Interpretationsansätze, die der Europa-Mythos im Laufe der Geschichte bot. Auf informative Weise werden dem Leser die Grundlagen des gemeinsamen kulturellen Erbes Europas enthüllt, zu dem der Europa-Mythos eindeutig gehört.


Was ist Europa? Mit dieser großen Frage beginnt der Sammelband Europa – Stier und Sternenkranz, herausgegeben von der Altphilologin, Literatur- und Religionswissenschaftlerin Almut-Barbara Renger und dem Romanisten Roland Alexander Ißler. Europa, so die Antwort der Herausgeber, ist mehr als nur ein geographischer Raum. Der Begriff 'Europa' umfasst vielmehr vielfältige politische, ökonomische und besonders historische, ideelle und kulturelle Aspekte. Es sind all diese Elemente, die die oft diskutierte europäische Identität konstituieren. Ähnlich wie nationale Identität ist auch eine europäische Identität auf gemeinsame Symbole, Traditionen und nicht zuletzt Mythen angewiesen, mit denen sich Menschen identifizieren und somit zu Europa zugehörig fühlen können. Diese vereinenden Elemente, so ein oft gehörter Einwand, seien jedoch in der gegenwärtigen Zeit unzureichend vorhanden; Europa leide an einem "Mythendefizit" (siehe Beitrag von Wolfgang Schmale, S. 397). Aber ist dem wirklich so?

Die 34 internationalen Beiträgerinnen und Beiträger des Sammelbandes zeigen aus der Perspektive eines weiten Fächerspektrums aus Kultur- und Sozialwissenschaften, dass das Mythen-"Arsenal" der Europäer (Schmale, S. 411) aller Gegenmeinungen zum Trotz gut gefüllt ist. Anhand des antiken Mythos über die Entführung der phönizischen Prinzessin Europa durch den als Stier erscheinenden Zeus illustrieren sie, wie im Laufe der Geschichte dieser antike Mythos in Kunst, Literatur, Philosophie und populären Ausdrucksformen immer wieder aufgegriffen wurde und in seinem jeweiligen Zusammenhang identitätsstiftend wirkte. Mit Europa und dem Stier existiert also ein zentraler europäischer Gründungsmythos, der nicht nur einen gemeinsamen Referenzpunkt für das kulturelle Selbstverständnis der Europäer darstellt, sondern der bei näherer Betrachtung vielfältige Hinweise auf die Grundlagen einer möglichen gemeinsamen europäischen Kultur geben kann.

Diese Verbindung zwischen "der Europa" und "dem Europa" (Vorwort, S. 9) untersucht der Sammelband erstmals aus einer multidisziplinären Perspektive:
Die Einleitung von Almut-Barbara Renger und Roland Alexander Ißler verdeutlicht zunächst in einem historischen Überblick den Zusammenhang zwischen dem Europa-Mythos und dem kulturellen und geographischen Europa-Begriff. Die Autoren zeigen, wie die mythische Europa auf dem Stier im Laufe der Geschichte zur Projektionsfläche für Europavorstellungen wurde und wie im Gegenzug Eigenschaften, die der Figur Europa zugeschrieben wurden, auf den Kontinent als geopolitische Einheit übertragen wurden.
Es folgen fünf Kapitel, die den antiken Mythos und seine Rezeptionsgeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren: Das erste Kapitel ist der Verwendung des Europa-Mythos in der Literatur von der Antike bis zum 20. Jahrhundert gewidmet. Kapitel zwei untersucht die Personifikation Europas als Allegorie in Kartographie, bildender Kunst, Musik und Literatur. Danach wird in Kapitel drei die "historische Gestaltwerdung" Europas und die diskursive Konstruktion des Kontinents in den Blick genommen, wobei sich die Autoren unter anderem mit der Funktionalisierung des Europa-Mythos, mit europäischen Symbolen und mit der Geschichte des Einigungsgedankens beschäftigen und dabei den Weg "von der Vielfalt zur Einheit" (Untertitel des Kapitels) nachzeichnen. Das vierte Kapitel mit dem Titel "Konzert der Nationen" stellt hingegen die Spannung zwischen dem europäischen Einheitsgedanken und dem Distinktionsbestreben einzelner Länder heraus und verdeutlicht, dass Europa im Laufe der Geschichte durchaus auch als Argument für nationale Interessensicherung diente. In einem reflektierenden Schlusskapitel wird schließlich der philosophische und politische Anspruch Europas in der Welt, u. a. in den Schriften von Nietzsche, Habermas und Derrida, untersucht.

Der Fokus auf den Europamythos und seine Rezeptionsgeschichte erlaubt innovative Fragenstellungen und liefert zum Teil aufschlussreiche Einblicke in gemeinsame kulturelle Strukturen und deren Veränderung im Laufe der Geschichte. Beispielsweise sucht der Germanist Andreas Mussloff in seinem Beitrag nach Sprachbildern in der britischen Presse, die mit der Personifikation europäischer Länder als "(Staaten-) Familie" oder "-Paar" spielen, und entlarvt somit das traditionelle europäische (patriarchale) Familienbild (S. 547). Europäische Gender-Konzepte deckt auch die italienische Kulturhistorikerin Luisa Passerini auf, die in der Rezeptionsgeschichte des Europa-Mythos eine fortlaufende Neuinterpretation des Frauenbildes erkennt (S. 212). Auf ähnliche Art und Weise legt die Kunsthistorikerin Sabine Poeschel ein eurozentrisches Weltbild in Erdteil-Allegorien frei, in denen die personifizierte "Herrscherin" Europa allen anderen Kontinenten als überlegen dargestellt wird (S. 267).

Auch wenn bei einem Umfang von 34 Beiträgen auf 656 Seiten Wiederholungen nicht zu vermeiden sind, die vor allem die immer wiederkehrende Rezitation des antiken Europa-Mythos betreffen, macht doch die Heterogenität der Ansätze und der Ergebnisse den Sammelband zu einer aufschluss- und abwechslungsreichen Lektüre. Obwohl viele Einzelbeiträge in den Grenzen ihrer eigenen Disziplin verhaftet bleiben und erst die Zusammenschau der Beiträge den Anspruch der Interdisziplinarität des Bandes verwirklicht, bekommt der Leser einen tiefen Einblick in die Vielzahl an Deutungsangeboten, von der die Rezeptionsgeschichte des Mythos zeugt. Bei aller Vielfalt ist es immer wieder das gleiche Motiv, das je nach Zeit und Kontext immer wieder neu mit Sinn gefüllt wird. Damit bestätigt der Sammelband, dass der traditionsreiche Wahlspruch "In varietate concordia" ("Einheit in Vielfalt") keine leere Worthülse darstellt, sondern die kulturelle Realität Europas abbildet. Der Gründungsmythos von Europa und dem Stier war und ist ein integraler Teil der kulturellen Identität der Europäer. Oder, wie es die französische Historikerin Odile Wattel-de Croizant in ihrem Beitrag mit Bezug auf de Bartillat ausdrückt: "Auch wenn Europa nicht die Gründerin Europas ist, gibt es ohne Europa kein Europa." (S. 238).


Renger, Almut-Barbara; Ißler, Roland Alexander (Hg.): Europa – Stier und Sternenkranz: Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. 656 S., gebunden, 77,90 €. ISBN 978-3-89971-566-8


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 9
Abstracts 15
Europa – Stier und Sternenkranz Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund Almut-Barbara Renger (Berlin und Cambridge, Mass.); Roland Alexander Ißler (Bonn): Stier und Sternenkranz: Europa in Mythos und Geschichte. Ein Rundgang 51

I Europa und der Stier: Vom Mythos zu Literatur und Künsten
Angela Kühr (Frankfurt am Main): Europa war nie in Europa. Mythos und Geographie in vorhellenistischer 103
Bernhard Kytzler (Berlin und Durban): Eine Annäherung: Europa in der lateinischen Poesie. Gedanken zu Horaz und Ovid 117
Thomas Poiss (Berlin): Freuden und Probleme der Polyphonie. Die Europa-Ode des Horaz (carm. 3,27) 123
Peter von Möllendorff (Gießen): Bild-Störung. Das Gemälde von Europas Entführung in Achilleus Tatios' Roman 145
Karl Braun (Marburg): Europa und der Stier 165
Gerhard Poppenberg (Heidelberg): Europas Weg nach Westen. Zu Góngoras Aufnahme des Europamythos in den Soledades 183
Barbara Kuhn (Eichstätt): Der Mythos in Zeiten der Schrift. Massimo Bontempellis Viaggio d'Europa 197
Luisa Passerini (Turin und Florenz): Destini del mito di Europa e il toro nella contemporaneità 211

II Die Reise der »Madame Europa«: Vom Mythos zur Kontinentalallegorie
Odile Wattel-de Croizant (Paris): Europa promachos. De l'Antiquité à nos 223
Elke Anna Werner (Berlin): Triumphierende Europa – Klagende Europa. Zur visuellen Konstruktion europäischer Selbstbilder in der Frühen Neuzeit 241
Sabine Poeschel (Stuttgart): Primadonna Europa: Prinzessin und Königin 261
Bodo Guthmüller (Marburg): Zur Personifikation des Erdteils Europa in der Comédie héroïque Europe des Desmarets de Saint-Sorlin 275
Ivana Rentsch (Zürich): Europa als künstlerische Suggestion. Die Inszenierung des Friedens im französischen Ballett des 17. Jahrhunderts 291
Annegret Pelz (Wien): Zum Abschied vom 5-DM-Schein. Eine Kurzbiographie der »Madame Europa« 305
Monika Schmitz-Emans (Bochum): Fließende Grenzen und rätselhafte Verwandlungen. Yoko Tawadas Visionen von Europa 319

III Auf dem Stier zu den Sternen: Von der Vielfalt zur Einheit
Immanuel Musäus (Greifswald): Der Name Europas 341
Linda-Marie Günther (Bochum): Herodot und die Entführung der Europa. Zu Gegnerwahrnehmung und Geschichtsbild im 5. Jahrhundert v.Chr 353
Elisabeth Lichtenberger (Wien): Europa und das Meer. Vom Mythos und der Allegorie zur Politik 365
Alexander Demandt (Berlin): Europa perficienda. Europas Weg nach Europa 383
Wolfgang Schmale (Wien): Die politischen Seiten des Europamythos in der Neueren Geschichte 395
Roland Bieber (Lausanne): Auf dem Stier zu den Sternen. Zur politischen Symbolik der Europäischen Union 415
Farbtafeln 429

IV Konzert der Nationen: Von der Einheit zur Vielfalt
I Deug-Su (†) (Siena-Arezzo): Europavorstellungen im Mittelalter 455
Klaus Pietschmann (Mainz): Konzert der Nationen. Zum ›europäischen‹ Charakter des Musiklebens in Rom und am Papsthof der Renaissance 473
Peter Hanenberg (Lissabon): Europa, dort, wo es aufhört und etwas beginnt. Portugiesische Dichtung entdeckt den Kontinent: 483
Michael Bernsen (Bonn): Die Wacht am Rhein. Eine europäische Debatte 497
Jacques Le Rider (Paris): Der österreichische Begriff von Zentraleuropa: Habsburgischer Mythos oder Realität? 509
Karin Sarsenov (Lund): Europe in Post-Soviet Autobiographical Writing 521
Andreas Musolff (Durham): Love, Parenthood, and Gender in the European Family: The British Perspective 537

V Die Wiedergeburt Europas: Erbe und Verantwortung
Ekkehart Krippendorff (Berlin): Europas Wiedergeburt aus dem Geiste des Friedens 551
Christoph Jamme (Lüneburg): Die ›geistige Geographie‹ Europas. Die Geschichte der (philosophischen) Europaidee von den Romantikern bis Derrida 571
Ralf Witzler (Frankfurt am Main): Nietzsches Europa – die Wahrheit als Weib. Geschichte einer unerhörten Sehnsucht 583
Vera Hofmann (Darmstadt): Von einem neuerdings erhobenen seufzenden Ton in der Europaphilosophie: Habermas und Derrida. Zur Frage, wie sich Europa philosophisch verantworten lässt 597
Rodolphe Gasché (New York): Europe, or the Form of the Concept 609

Autorinnen und Autoren 625
Verzeichnis der Abbildungen und Tafeln 629
Ortsregister 637
Namenregister 643


No Europe without Europa

This anthology of 34 articles is partly based on the conference "Mythos Europa. Vom Stier zum Sternenkranz" (The Myth of Europa/e: From the Bull to the Circle of Golden Stars) at the University of Greifswald in December 2001 and brings together for the first time perspectives from different disciplines on the antique myth of the abduction of Europa by Zeus. Prominent representatives of a wide range of academic fields – from history and literary studies to philosophy and art history, ethnology and political science – and from European and non-European countries alike give a deep insight into the various possibilities of interpretation offered by the myth of Europa throughout history. In an informative manner readers are initiated inEuropean cultural heritage, which clearly includes the myth of the ancient princess Europa.


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