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Joanne K. Rowlings Heptalogie als Grenzen überschreitendes Kulturereignis

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Karg, Ina; Mende, Iris: Kulturphänomen Harry Potter. Multiadressiertheit und Internationalität eines nationalen Literatur- und Medienevents. Göttingen: V&R unipress, 2010.

Im Jahr 2010, also drei Jahre nach dem Erscheinen des letzten Harry Potter-Bandes, richten die Autorinnen der vorliegenden Studie den Blick auf Joanne K. Rowlings Romanserie und stellen Fragen, die bisher unbeantwortet blieben: Wie kann es sein, dass ein Werk von mehreren tausend Seiten international Leser findet? Warum übt in einer von Technik und Naturwissenschaften geprägten Welt gerade Rowlings Zaubererwelt eine solche Faszination aus? Antworten finden Ina Karg und Iris Mende zum einen in der Analyse des während der Erscheinungsjahre geführten öffentlichen Diskurses und zum anderen in den Texten selbst. Im Ergebnis zeigen sie, dass Harry Potter zum Kulturphänomen wurde, weil die Serie 1. literarische Grenzen überschreitet (die Bücher sind Bestandteil eines umfangreichen Feldes aus Produkten), weil sie 2. die Grenzen des Publikums aufhebt (zu Fans wurden nicht nur Leser aus Ländern der ganzen Welt, sondern auch Leser unterschiedlicher Altersgruppen und Bevölkerungsschichten) und weil 3. die Texte für sich betrachtet die Grenzen der Genres und Traditionen der Literatur sprengen.  


Mindestens zehn Jahre lang war Rowlings in den Jahren 1997 bis 2007 veröffentlichte Erfolgsserie privat, öffentlich und fast überall auf der Welt präsent, wie die Autorinnen der Studie Kulturphänomen Harry Potter in ihrer Einleitung (Kapitel 1) betonen. Obwohl zu Rowlings Heptalogie bereits eine unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Literatur erschienen ist, legen die Germanistinnen Ina Karg und Iris Mende mit dem vorliegenden, aus vier großen Kapiteln bestehenden Buch eine weitere Publikation vor. Sie begründen dies mit der Feststellung, dass im Zuge des außergewöhnlichen Enthusiasmus, der die Publikationen der Bänder begleitete, die im Abstract dieser Rezension genannten Fragen nicht beantwortet wurden.

Fakten und Zahlen zu Harry Potter bestimmen das erste Großkapitel (Kapitel 2). Die Verfasserinnen sprechen für die Harry Potter-Bücher von einer Geschichte der Rekorde, denn sie wurden in mehr als 60 Sprachen übersetzt, und weltweit verkauften sich rund 400 Millionen Exemplare. Den Erfolg sehen Karg und Mende in mehreren Aspekten begründet: Rowling ist nicht nur auf ein weit verbreitetes Leseinteresse gestoßen. Wichtig ist auch das perfekte Zusammenspiel aus enthusiastischer Berichterstattung in Printmedien, Mund-zu-Mund-Propaganda und Fanaustausch über das Internet. Die Autorinnen betonen, dass die Multiadressiertheit der Reihe bereits durch die Publikationsorganisation deutlich wird. Die Leser haben nämlich die Möglichkeit, unter vielen Ausgaben eines Bandes zu wählen, die sich in Ausstattung und Preis unterscheiden. In aufwendigen Analysen vergleichen die Verfasserinnen die Erwachsenenausgaben mit den Bänden für jugendliche Leser. Neben den Verfilmungen interessieren sie auch Begleitangebote zu und aus der Harry Potter-Welt. Sie systematisieren das Angebot und erstellen mehrere Kategorien, wie Begleitliteratur, nützliche Artikel des Alltags (z.B. Bildkalender oder Notizbücher) und Gegenstände, die in der Handlung vorkommen (z.B. Zauberstäbe).

Eine weitere Erklärung für den Erfolg der Serie liefern Karg und Mende im nächsten Großkapitel (Kapitel 3): Die dargestellte Welt hat für Rezipienten vieler Nationen und Kulturen einen hohen Wiedererkennungseffekt. Die von den Verfasserinnen angeführten spezifischen Komponenten der internationalen Anschlussfähigkeit sind Schule, Politik, Journalismus und Sport. Sie erläutern, dass Schule in allen Romanen prävalent ist, und stellen den Unterricht sehr ausführlich dar, da er das Geschehen in Hogwarts dominiert und Schule das ist, was im Leben von Menschen in vielen Kulturen Bedeutung hat. Im Hinblick auf den Sport erzählt Rowling, wie Karg und Mende verdeutlichen, vom Teamgeist, der Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, die Harry als Sucher in der Sportart Quidditch auszeichnen. Sie stellt die Identifikation des Teams mit dem Haus und umgekehrt dar. Das sportliche Ereignis ist in den Romanen einer der bedeutendsten Momente und das Turnier einer der Höhepunkte im Schulleben. Die Ehrung der Sieger stärkt die Bindung an das Haus, und die Schule und wirkt über die Schulzeit hinaus.

Hauptthema des vierten Kapitels ist die Intertextualität, die synonym für Beziehungen zwischen Texten verwendet wird. Karg und Mende stellen heraus, dass es sich bei Rowlings Romanen um hochgradig intertextuelle Werke handelt. Die Bezüge auf Mythen, Sagen und Legenden sind am deutlichsten. Es sind aber auch Referenzen auf moderne Werke vorhanden, die sich nicht auf Jugendliteratur beschränken. Die Verfasserinnen erstellen hier vier Kategorien: Menschenfiguren, phantastische Wesen, Gattungen und Ambiente. Rowlings Referenzen in ihren Figuren beziehen sich fast nur auf vormoderne Literatur: die griechische und römische Mythologie, die mittelalterliche Literatur und den Artusstoff. Die phantastischen Wesen (z.B. das Einhorn) sind dadurch gekennzeichnet, dass sie durch ihr auffallendes Äußeres auf Körperlichkeit verweisen. Im Hinblick auf die Gattungen konstatieren die Autorinnen, dass die Romane im öffentlichen Diskurs meist als Märchen oder Fantasy-Erzählungen deklariert werden. Sie lassen sich jedoch keiner Gattung eindeutig zuordnen und stellen eine Mischung aus Fantasy-Roman, Abenteuergeschichte, britische School-Story, Adoleszenzroman und Kriminalgeschichte dar. Das Ambiente der Texte bezeichnen Karg und Mende als mittelalterlich. Technische Errungenschaften der Moderne fehlen, die Schüler wohnen und lernen in einer Burg.

Im fünften und letzten Kapitel verwerfen die Autorinnen die Fragen, ob es sich bei der Serie um Literatur handelt und ob sie in einen Literaturkanon gehört, als irrelevant. Vielmehr gehen Karg und Mende von der Tatsache der Präsenz dieser Bücher aus, die vielen Lesern die unterschiedlichsten Zugänge und vielfältigsten Impulse ermöglichen. Die Romane sind genuin englisch, sind es aber nicht geblieben, da sich eine internationale Gemeinde ihrer angenommen hat. Deshalb sehen die Verfasserinnen in ihnen einen kulturellen Text in interkultureller Funktion.

Fazit: Mit der vorliegenden Arbeit legen Ina Karg und Iris Mende eine sehr detaillierte Studie zu Rowlings Harry Potter vor. Sie liefern eine Vielzahl bekannter und neuer Fakten und Untersuchungen zu den Romanen – dieser Rezensionstext gibt lediglich einen Bruchteil der Ergebnisse wieder –, die insgesamt vor Augen führen, wie Rowlings Heptalogie vielfache Grenzen sprengt. Die zentrale Frage der Studie, wie es möglich war, dass dieses Werk auf der ganzen Welt gelesen wurde, beantworten die Autorinnen hinreichend, indem sie viele verschiedene Bereiche in den Blick nehmen.
Leider fällt die Einleitung etwas verkürzt aus. Sie enthält keine Strukturierung der im Buch behandelten Inhalte. Das Verständnis erschwert ebenfalls die Tatsache, dass eine Schlussbetrachtung fehlt, die die wichtigsten Erkenntnisse pointiert zusammenfassen und so die Studie zu einem runden Abschluss bringen würde. Dennoch ist der Band allen zu empfehlen, die Harry Potter gerne gelesen haben und nun einen tiefergehenden Blick auf die Bücher werfen möchten.


Ina Karg und Iris Mende: Kulturphänomen Harry Potter. Multiadressiertheit und Internationalität eines nationalen Kultur- und Medienevents. Göttingen: V&R unipress, 2010. 258 S., 31,90 Euro. ISBN: 978-3-89971-574-3


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Panoptikum des Enthusiasmus 7

2. Harry Potter: nationaler Anstoß für ein internationales Ereignis 13
2.1 Fakten, Zahlen - und was dahinter steckt 13
2.1.1 Publikation der Buchbände national und international 16
2.1.2 Verfilmungen 32
2.1.3 Begleitprogramm zur Vermarktung 43
2.2 Öffentlichkeitswahrnehmung der Bücher 47
2.2.1 Harry Potter als "Literatur" 47
2.2.2 Beispielhafte Reaktionen der Fangemeinde 58
2.3 Die wissenschaftliche Bearbeitung bislang 66
2.3.1 Was Wissenschaftler interessiert 66
2.3.2 Harry Potter im Unterricht 67
2.4 Statt eines Fazits 70

3. Harry Potter: Literatur als kultureller Kommentar 73
3.1 Die Harry-Potter-Welt: International anschlussfähig mit spezifischen Komponenten 76
3.1.1 Die Bildungseinrichtung Schule 76
3.1.2 Politik und Politiker 85
3.1.3 Journalismus: Boulevardzeitungen überall? 92
3.1.4 Der Sport und seine Funktionen 99
3.2 Harry Potter und die Problematik des Übersetzens 104
3.2.1 Glück und Unglück des Übersetzers: Zwei Passagen im Kontext 107
3.2.2 Glück und Unglück des Übersetzers: Sprache 114
3.2.3 Glück und Unglück des Übersetzers: Transportierte Bilder 119
3.2.4 Von Hexen, Zauberern, witches und wizards 124
3.3 Die Kulturspezifik der Romanwelt 130
3.3.1 Harry Potter und die englische Gesellschaft im frühen 21. Jahrhundert 130
3.3.2 Harry Potter und das englische Bildungswesen 134
3.3.3 Kulturelles Gepäck, auch wenn es versteckt ist 148

4. Paradigma und Syntagma. Erzählen und Lesen 163
4.1 Lesarten und Wissensbestände 163
4.1.1 Grundsätzliche Gedanken zum Leseprozess 163
4.1.2 Die so genannte Intertextualität 170
4.2 Lektüre im Paradigma: Aufruf und Verarbeitung des Vorfindlichen 176
4.2.1 Menschen-Figuren 176
4.2.2 Phantastische Wesen 178
4.2.3 Gattungen 184
4.2.4 Ambiente 189
4.3 Syntagma als Sinngebung in einer erzählten Welt 190
4.3.1 Zusammenhalt im Erzähltext und Anstrengung beim Lesen 190
4.3.2 Buch und Film: Begreifbare Welt als sichtbare Welt? 202

5. Flucht in die Zauberwelt oder zauberhaftes Lernen? 209
5.1 Harry Potter - Lektüre als Eskapismus 209
5.2 Harry Potter im gegenwärtigen Lesediskurs 213
5.3 Lesen versus Literatur? Literatur versus Lesen? 220
5.3.1 Literarische Verhandlungen des Lesens von Literatur 220
5.3.2 Didaktische Verhandlungen des Lesens 228
5.4 Professionelle Lektüre 233
5.4.1 Was ist Literatur - wertvolle Literatur? 233
5.4.2 Wirkung, Wertung, Kanonisierung 240
5.4.3 Harry Potter - ein kultureller Text? "Resonanzraum" statt "Kanon" 244

Bibliographie 247

Joanne K. Rowling's Septology as a Boundary-Crossing Cultural Event

In 2010, three years after the publication of the last volume in the Harry Potter series, the authors of this study turned their attention to Joanne K. Rowling and posed previously unanswered questions: How does a work totaling several thousand pages capture an international readership? Why does Rowling's magical universe hold such fascination for readers in a world dominated by technology and the sciences? Ina Karg and Iris Mende find their answers in the analysis of public discourse from the last year of publication, as well as in the texts themselves. As a result, they demonstrate that Harry Potter became a cultural phenomenon because the series (1) crossed literary boundaries (the books are components of a comprehensive set of consumer goods); (2) removed boundaries between readers (drawing fans not only from all over the world, but also from different age groups and social classes); and, (3), because the texts in their own right shatter genre boundaries and literary traditions.


© bei der Autorin und bei KULT_online