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Geschlechtliche Codierung von Scham und Schuld: Zusammenhänge und Folgen auf Seiten der NS-Täter/-innen und deren Nachkommen

Eine Rezension von Anika Binsch

Figge, Maja; Hanitzsch, Konstanze; Teuber, Nadine (Hg.): Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah. Bielefeld: transcript, 2010.

Scham- und Schuldbekundungen spielen in den aktuellen erinnerungspolitischen Diskursen über NS-Verbrechen eine zentrale Rolle und repräsentieren zudem ein umfangreiches öffentliches Deutungsreservoir deutscher Schuld (vgl. S. 9). Zur Ausdifferenzierung dieses Interpretationspools widmet sich der Sammelband Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah – herausgegeben von Maja Figge, Konstanze Hanitzsch und Nadine Teuber – der Frage nach der "intergenerationellen Weitergabe von Scham und Schuld" sowie der "Bedeutung dieser Emotion in der erinnerungskulturellen und -politischen Auseinandersetzung" (S.9) mit den NS-Verbrechen. Dafür befassen sich die 14 Beiträge interdisziplinär vor allem mit den Subtexten der Scham- und Schuldbekundungen. Trotz der Perspektivenvielfalt wird die Prämisse belegt, dass eine spezifische geschlechtliche Codierung von Scham und Schuld auf Seiten der Täter/-innen und ihrer Nachkommen eine "Entlastung, Tabusierung oder Mystifizierung der Shoah" (S. 10) bewirken kann.



Auch 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind dessen Auswirkungen in der Familie und Gesellschaft immer noch spürbar (vgl. S. 9). Scham- und Schuldbekundungen nehmen somit weiterhin eine wesentliche Rolle im erinnerungskulturellen und -politischen Diskurs über die NS-Verbrechen ein. Die Bedeutung dieser Bekundungen sowie die Möglichkeit bzw. Ausprägung einer intergenerationellen Weitergabe von Scham und Schuld sind deswegen Thema des Sammelbandes Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah. Die Herausgeberinnen Maja Figge (Kulturwissenschaftlerin), Konstanze Hanitzsch (Gender- u. Literaturwissenschaftlerin) und Nadine Teuber (Dipl.-Psychologin) versammeln darin 14 Beiträge, die mit Hilfe psychoanalytischer, kultur- und literaturwissenschaftlicher, soziologisch-historischer sowie theologischer Konzepte und Analysen diskutieren, welche Zusammenhänge zwischen Scham, Schuld und Geschlecht auf Seiten der Täter/-innen und ihrer Nachkommen bestehen. Trotz des bestehenden Fokus finden auch Bekundungen aus der Opferperspektive Berücksichtigung. Hervorgegangen sind die Aufsätze aus einer gleichnamigen Konferenz, die im November 2008 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand. Die hier exemplarisch vorgestellten Beiträge informieren über die wesentlichen theoretischen Grundannahmen bzw. Begriffe und verdeutlichen paradigmatisch die Zusammenhänge von geschlechtlicher Codierung und Scham bzw. Schuld.

Fünf thematische Blöcke skizzieren die kontextuelle Verortung der Beiträge. So fokussiert Jan Lohl im ersten Kapitel "Intergenerationelle Weitergabe von Scham und Schuld" "Gefühlserbschaft[en] und Geschlecht" bei Nachkommen von Täter/-innen und Mitläufer/-innen und setzt sich dafür mit verschiedenen wissenschaftlichen Konzepten zur generationenübergreifenden Identifizierung auseinander. Aus der Perspektive einer psychoanalytisch orientierten Generationenforschung kritisiert Lohl, dass in die Untersuchungen der intergenerationellen Auswirkungen des Nationalsozialismus eine Geschlechterperspektive bislang kaum systematisch einbezogen wurde. Deswegen verdeutlicht er zunächst die Entwicklungen von Gefühlserbschaften im Generationenverhältnis, um darlegen zu können, welche Phänomene aus einer Geschlechterperspektive zu differenzieren sind. Lohl unterzieht die Kategorie Geschlecht in den Arbeiten zur generationenübergreifenden Auswirkung des Nationalsozialismus einer kritischen Bewertung. Er kommt zu dem Schluss, dass die Zueignung von Gender und die Bildung von Gefühlserbschaften zum einen nicht als getrennte Prozesse angesehen werden dürfen (vgl. S. 35) und zum anderen nicht nur in männlicher oder weiblicher Linie stattfinden (vgl. S. 34).

Anschließend bezieht sich Katharina Obens in ihrem Beitrag "Generation der Scham?" nicht so sehr auf die geschlechtliche Codierung von Scham und Schuld, sondern verdeutlicht vielmehr eine Schwachstelle im Forschungsfeld der intergenerationellen Weitergabe dieser Gefühlsregungen. Sie beklagt in ihrer sozialpsychologischen Metaanalyse eine in weiten Teilen der Forschungsliteratur fehlende Differenzierung von Scham- und Schuldgefühlen bei den Enkel/-innen der Täter/-innen. Diese begriffliche Verwässerung habe zu einer Überbetonung von Schuldgefühlen in den nachfolgenden Generationen geführt (vgl. S. 42). Obens geht davon aus, dass es sich bei "einer großen Anzahl der als Schuldgefühle der dritten Generation diagnostizierten Phänomene vielmehr um Schamgefühle handelt" (S. 42, Her. im Org.). Nach einer Differenzierung der beiden Gefühlsäußerungen diskutiert sie die auf diesem Feld relevantesten Studien der Sozialwissenschaft und kommt zu dem Ergebnis, dass diese Untersuchungen die herausragende Rolle der Scham in der NS-Rezeption übersehen haben und aufgrund der mangelnden begrifflichen Differenzierung keinen "Erkenntnisgewinn zur Bedeutung von reflexiven Emotionen in der dritten Generation" (S. 53) generieren.

Anhand der Täterzeugnisse von Oswald Pohl, Robert Ley und Hans Frank zeigt Björn Krondorfer im vierten Block "Schuld und Sühne: Geschlechtercodes der Religionen", wie religiöse Rhetorik, Schulddiskurse und Geschlechter(sub)texte in diesen Darstellungen verwoben sind. Nach Krondorfer müssen diese Bekundungen als Zeugnisse einer Selbstrechtfertigung verstanden werden, in welchen die Täter persönlicher Schuld ausweichen und sich selbst zum Opfer der Machtverhältnisse stilisieren. Dies könne jedoch zu einer Entmaskulinisierung des männlichen Subjekts führen (vgl. S. 208). Der Rückgriff auf die religiöse Rhetorik in strategisch wichtigen Momenten aber, so Krondorfer, ermöglicht es den Tätern, "öffentlich Rechenschaft [abzulegen], ohne [dabei ihre] moralische und politische Glaubwürdigkeit zu verlieren" (S. 214) und somit einer Entmaskulinisierung entgegenzuwirken.

Zudem werden Scham- und Schuldbekundungen der unmittelbaren Nachkriegszeit (2. Block), Strategien der Be- und Entschuldung (3. Block) sowie Sexualitätsentwürfe und deren (Aus)Wirkung (5. Block) verhandelt. Der Anspruch, mit den Aufsätzen eine interdisziplinäre Brücke zu schlagen (vgl. S. 10), wurde eingelöst. Für manche Beiträge sind Vorkenntnisse zwar nötig, dennoch tritt größtenteils die Verwobenheit von Scham, Schuld und Geschlecht auch für Leser ohne Vorkenntnisse hervor. Die verwendete Sekundärliteratur liefert zudem ausgezeichnete Anhaltspunkte für den thematischen Einstieg.


Figge, Maja; Konstanze Hanitzsch und Nadine Teuber (Hg.): Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah. Bielefeld: transcript, 2010. 324 S., broschiert, 29,80 Euro. ISBN: 9783837612455


Inhaltsverzeichnis


Maja Figge, Konstanze Hanitzsch und Nadine Teuber
Einleitung 9


Intergenerationelle Weitergabe vom Scham und Schuld


Jan Lohl
Gefühlserbschaft und Geschlecht
Überlegungen zur Struktur der generationenübergreifenden Folgewirkungen des Nationalsozialismus 21

Katharina Obens
Generation der Scham?
Eine Reanalyse sozialwissenschaftlicher Forschung zu Schuld- und Schamgefühlen in der dritten Generation der Täter/-innen 39

Margit Reiter

Vaterbilder und Mutterbilder
Geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Täterschaft und Schuld in der NS-Nachfolgegeneration 61

Jo Schmeiser und Simone Bader
Liebe Geschichte
Nationalsozialismus im Leben der Nachkommen von Täter/-innen. Eine Vorschau auf den Film von Klub Zwei 81


Das Ende des zweiten Weltkrieges in Privatheit und Öffentlichkeit


Sabine Grenz
»Davon haben wir nichts gewusst«?
Artikulationen von Schuld und Scham in Tagebuchaufzeichnungen >deutscher< Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges 99

Kathrin Hoffmann-Curtius
Deutsche Denkmalpolitiken nach 1945 121


Weiblichkeit und nationalsozialistische Täterinnenschaft


Ljiljana Heise
Verhandelte Schuld
Täterinnenschaft im ersten britischen Ravensbrück-Prozess 1946/47 149

Simone Erpel
»Der Krieg war verloren, die Unschuld verraten …«
Die Feminisierung von NS-Täterschaft im Fernsehfilm »Gegen Ende der Nacht« 171


Schuld und Sühne: Geschlechtercodes der Religionen


Björn Krondorfer

Männlichkeit und Selbstmitleid
Religiöse Rhetorik in Selbstzeugnissen von NS-Tätern 195

Naomi Shulman
Poetik der Verantwortung
Eine Analyse von Paul Celans Gedicht »Nah, im Aortenbogen« 223

Mirjam Bitter

»Mister Holocaust 1989« und die göttliche Gaia
Religiöse und soziale Scham in Alessandro Pipernos Roman »Con le peggiori intenzioni« 237

Tim Lörke
Geschlecht und Heilsgeschichte
Ulla Berkéwicz' Roman »Engel sind schwarz und weiß« 257


Sexualität und Nationalsozialismus

Sebastian Winter

»Die Nazis, die war'n ja schlimmer wie die Juden!«
Sexualitätsentwürfe als Medium von Kontinuität und Bruch zwischen Volksgemeinschaft und postnazistischer Gesellschaft 273

Birgit Dahlke
Nuda Veritas?
Zum Effekt des Pornographischen in Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten« 301

Zu den Autorinnen und Autoren 319


Gender Codes of Shame and Guilt: Correlations and Consequences on the Part of Nazi Perpetrators and Their Descendants

Avowals of shame and guilt play a major role in contemporary discourses of remembrances of national socialist crimes. Furthermore, they represent an extensive interpretation pool of German guilt (cf. p. 9). For the differentiation of this pool, the interdisciplinary anthology Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah (Shame and Guilt. Gender (Sub)Texts of the Shoah) published by Maja Figge, Konstanze Hanitzsch, and Nadine Teuber discusses whether shame and guilt have been disseminated to the second and third generations of NS perpetrators, as well as the significance of these emotions in the remembrance of and political debate about national socialist crimes (cf. p. 9). Therefore, it is the subtexts of avowals of shame and guilt that dominate in all 14 articles. Despite the diversity of perspectives the premise is proved that a specific gender codification of shame and guilt provokes a discharge, a cover up, and a mystification of the Shoah (cf. p. 10).


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