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Emotionstheorie im 18. Jahrhundert. Zur Verschränkung von Rationalismus, Empirismus und Ästhetik

Eine Rezension von Dr. Kai Marcel Sicks

Stöckmann, Ernst: Anthropologische Ästhetik. Philosophie, Psychologie und ästhetische Theorie der Emotionen im Diskurs der Aufklärung. Tübingen: Niemeyer, 2009.

Ernst Stöckmanns Monographie Anthropologische Ästhetik. Philosophie, Psychologie und ästhetische Theorie der Emotionen im Diskurs der Aufklärung bietet eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Theorie der Gefühle im 18. Jahrhundert. Gleichzeitig schreibt sie die Geschichte einer allmählichen Entfernung der Ästhetik als Disziplin von ihrem rationalistischen Begründungskontext (Leibniz, Wolff) hin zu ihrer anthropologisch-psychologischen Fundierung. Die Zusammenführung beider Erkenntnisinteressen macht den Reiz und die Qualität von Stöckmanns Studie aus.  


Seit etwa einem Jahrzehnt ist in den Literatur- und Kulturwissenschaften eine 'emotionale Wende' (Thomas Anz) zu verzeichnen, in der die Geschichte medialer Inszenierungen und Stimulationen von Gefühlen thematisiert wird. Einen Ausdruck dieser Wende bildet auch Ernst Stöckmanns 2009 erschienene Monographie Anthropologische Ästhetik. Philosophie, Psychologie und ästhetische Theorie der Emotionen im Diskurs der Aufklärung. Wie die meisten emotionswissenschaftlichen Arbeiten ist diese Studie über das Gefühlswissen im 18. Jahrhundert durch einen interdisziplinären Ansatz gekennzeichnet, indem sie – konkret gesprochen – philosophische und psychologische Aspekte des Aufklärungsdiskurses zusammenliest. Darüber hinaus beschäftigt sich Stöckmanns Arbeit mit dem Zusammenhang von Emotionalität, ästhetischer Erfahrung und Kunst, den sie theoriegeschichtlich neu perspektiviert. Einen expliziten Anschluss an den emotional turn stellt der Verfasser gleichwohl nicht her: Seine Arbeit situiert sich vielmehr im Rahmen einer 'klassischen' Anthropologie- und Ästhetikgeschichte und verortet sich in der seit den 1990er Jahren etablierten Forschung zur Geschichte des aufklärerischen Wissens vom Menschen.

In diesem Sinn geht die Untersuchung von einer anerkannten Tendenz aus, der zufolge sich das ästhetische Denken nach 1750 von seiner rationalistisch-philosophisch orientierten Begründung als Wissenschaft der cognitio sensitiva – der 'sinnlichen Erkenntnis' (A.G. Baumgarten) – allmählich entfernt. Stattdessen lässt sich eine Ausrichtung auf empirisch-psychologische Fragen nach den anthropologischen Voraussetzungen ästhetischer Erfahrung – nach einem spezifisch "ästhetischen Wahrnehmen[] und Erleben[], der ästhetischen Lust-Unlust-Erfahrung" (S. 12) – beobachten. In der so entstehenden Verschränkung anthropologischen und ästhetischen Wissens erkennt Stöckmann – und hier liegt der spezifische Fokus seiner Arbeit – die Herausbildung einer Theorie der Emotionen, von der aus sowohl der innere Aufbau des Menschen als auch die Frage nach der Wahrnehmung des Schönen neu gefasst werden. "Im Medium des Gefühlsbegriffs erfolgen", so heißt es, "die begrifflichen Weichenstellungen für die Begründung der ästhetischen Anschauung und Erfahrung aus emotiven Vermögenskomplexen" (S. 13). Nach Stöckmann etablieren sich parallel zum aufklärerischen Projekt einer Kultivierung der Gefühle durch Kunst emotionstheoretische Ansätze, in denen sich deskriptive und normative, kunstbezogene und psychologische Argumente permanent überkreuzen.

Aufbauend auf zwei Einführungskapiteln und einem Teil über die französische Emotionsdebatte bei Descartes, Dubos und de Pouilly, befragt Stöckmann fünf Theoretiker der deutschen Hoch- und Spätaufklärung – Baumgarten, Meier, Eberhard, Tetens und Sulzer – auf ihre Konzeption der Gefühle im Spannungsfeld von Ästhetik und Anthropologie. Warum er angesichts der Fülle möglicher Referenzautoren ausgerechnet diese Denker ins Zentrum der Untersuchung stellt, wäre dabei ausführlicher zu rechtfertigen gewesen. Gleichwohl gelingt es Stöckmann durch seine präzisen Textanalysen, ein differenziertes Bild der emotionstheoretischen Ansätze in der Aufklärung zu zeichnen.

So sehr nämlich die allgemeine Abwendung von der rationalistischen Konzeption der Emotionen – ihrer Fassung im Spektrum von Erkenntnis- und Begehrungsvermögen und als Aktivität der menschlichen Seele (Leibniz, Wolff) – zutrifft, so wenig wird diese nach 1750 vollständig außer Kraft gesetzt. Vielmehr bleibt eine vermögenstheoretische Spekulation in unterschiedlicher Weise Bestandteil aller diskutierten Emotionskonzepte bis 1790, selbst wo sie die körperliche und passive (pathische) Dimension der Gefühle in den Vordergrund stellen. Zugleich zeigt Stöckmann, wie selbst bei Baumgarten, der als Wolff-Schüler noch ganz der rationalistischen Seelenkonzeption verpflichtet ist, über die Kategorie der vita cognitionis bereits Ansätze zur Psychologisierung und Empirisierung der Ästhetik vorhanden sind. Die Wende von der philosophischen zur psychologischen Ästhetik darf – das wird hier deutlich – keineswegs als glatter Bruch verstanden werden, sondern stellt sich als eine langsame und mitunter in sich widersprüchliche Transformation und Zusammenführung philosophisch-psychologischer Wissensbestände dar.

Dabei rekapituliert die Studie im Fall von Baumgarten, Sulzer und Tetens vielfach bearbeitete Autoren – deren Ansätzen im Licht der emotionstheoretischen Fragestellung allerdings durchaus neue Beobachtungen abgewonnen werden. Ein Verdienst von Stöckmanns Untersuchung ist aber insbesondere in der ausführlichen Würdigung des Popularphilosophen Johann August Eberhard zu sehen. Eberhards Theoriebiographie wird dabei als exemplarisch für die ästhetik- und anthropologiegeschichtlichen Tendenzen des mittleren bis späten 18. Jahrhunderts gewertet. Während seine frühe Emotionstheorie (Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens, 1776) das Empfinden als eine Form des Vorstellens auf das erkennende Denken zurückführt und die körperlichen Prozesse sinnlicher Wahrnehmung deprivilegiert, sind in der späteren Schrift zur Ästhetik (Versuch eines Plans zu einer praktischen Aesthetik, 1790) die Gefühle als vom Denken weitgehend unabhängige eigene 'Kräfte' definiert, mit denen sich das Subjekt nicht mehr bloß auf einen 'schönen Gegenstand', sondern insbesondere auf sich selbst bezieht. Die kantische Definition der Wahrnehmung des Schönen als eines 'interesselosen Wohlgefallens' ist damit zwar noch nicht eingeholt – aber der Weg zur transzendentalen Ästhetik ist spätestens von hier nicht mehr weit.

Insgesamt zeichnet die Studie die Genealogie der Emotionstheorie im 18. Jahrhundert sorgfältig nach und vermag es, die Komplexität, die in der jeweils spezifischen Zusammenführung unterschiedlicher Denktraditionen besteht, zu verdeutlichen und aufzuschlüsseln. Zwar ist die Arbeit aufgrund ihres umfangreichen Fußnotenapparats und ihres mitunter manierierten Stils nicht immer leserfreundlich. Aber die präzise Verortung der Emotionstheorie an der disziplinären Schnittstelle von Ästhetik und Anthropologie macht eine konzentrierte Lektüre auf jeden Fall lohnenswert.

Ernst Stöckmann: Anthropologische Ästhetik. Philosophie, Psychologie und ästhetische Theorie der Emotionen im Diskurs der Aufklärung. Tübingen: Niemeyer, 2009. 298 S., broschiert, 79,95 Euro. ISBN: 978-3-484-81039-6

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung
1 Anthropologische Ästhetik. Der thematische Rahmen und die These der Untersuchung
2 Ästhetik und Anthropologie. Untersuchungsfelder

II Ästhetische Theorie im anthropologischen Feld der späten Aufklärung. Ausgangskonstellationen und Begründungskontexte
1 Transdisziplinäre Ästhetik
2 "Ästhetik von unten" und "doppelte Ästhetik"
3 Sinnlichkeit als Grundsignatur des Ästhetischen

III Anthropologie und Physiologie der Emotionen im französischen Lustdiskurs: Descartes, Dubos, de Pouilly
1 Physiologie des Vergnügens. Descartes' Theorie der Affekte
2 Natürliche und künstliche Leidenschaften. J.B. Dubos' Anthropologie und Ästhetik der Emotionen
3 Lusttheorie als "Physik der Empfindungen". Erster und zweiter Physiologismus bei Lévesque de Pouilly

IV Zwischen sinnlicher Erkenntnislehre und theoretischer Ästhetik des Affekts. "Natürliche Ästhetik", Theorie des schönen Geistes und ästhetische Pathologie in der Ästhetik als Disziplin (Baumgarten, Meier)
1 Anthropologische Ästhetik. Das Modell Baumgarten
2 Ästhetische Pathologie. Anthropologie der Leidenschaften und Ästhetik des Begehrens bei G.F. Meier

V Psychologie und Erkenntnistheorie der Emotionen. Ästhetiktheoretische Implikationen der philosophischen Erfahrungspsychologie und Vorstellungstheorie (Eberhard, Tetens)
1 Emotion als Vorstellung. Psychologie der Empfindungen im Deutungsschema der rationalistischen Vorstellungstheorie (J.A. Eberhard)
2 Emotion als Vermögen. Phänomenologie, Erkenntnistheorie und Psychologie des Gefühls in J.N. Tetens' Physiologismuskritik in psychologischer Absicht

VI Erkenntnistheorie der Lust, Psychologie des ästhetischen Zustands, Ästhetik des Geschmacks. Anthropologie und Ästhetik der Emotionen bei Johann Georg Sulzer
1 Emotionalistisches Paradigma – nach Baumgarten und vor Kant. Entwicklungstendenzen der spätaufklärerischen Ästhetiktheorie
2 Anthropologische und ästhetische Progression der Emotionen. Sulzers Akademieschriften von 1751/52 und 1763 im zeitgenössischen Kontext

VII Von der Lustpsychologie zur Kunsttheorie der Emotionen. J.A. Eberhards Versuch eines Plans zu einer praktischen Aesthetik (1790)
1 Praktische Ästhetik: Ästhetik 'von unten' und 'von oben'
2 Das "Gefühl unserer Kräfte": Eberhards anthropologische Ästhetik der Emotionen
3 "Objective" versus "subjective" Methodologie des ästhetischen Wissens. Eberhard contra Kant
4 Kunsttheorie der Emotionen. Mimesiskritik und Psychologie des ästhetischen Zustands vom anthropologischen Standpunkt
5 Der Schritt von Baumgarten zu Eberhard. Anthropologisch-ästhetische Dispositionsschemata im Vergleich

VIII Schluss
Literaturverzeichnis
1 Quellen
2 Sekundärliteratur, Darstellungen

Theory of Emotions in the 18th Century: On the Entanglement of Rationalism, Empiricism, and Aesthetics

Ernst Stöckmann's monograph Anthropologische Ästhetik. Philosophie, Psychologie und ästhetische Theorie der Emotionen im Diskurs der Aufklärung (Anthropological Aesthetics: Philosophy, Psychology and the Aesthetic Theory of Emotions in the Discourse of the Enlightenment) offers a complex analysis of the theory of emotions in the 18th century. At the same time, the study writes the story of an ongoing dissolution of Aesthetics from its rationalist origin (Leibniz, Wolff) to its anthropological and psychological formulation. Binding together these research foci makes for the charm and high quality of the examination.


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