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Der Traum vom 'demokratischen Frieden'

Eine Rezension von Julian Mühlbauer

Dülffer, Jost; Niedhart, Gottfried (Hg.): Frieden durch Demokratie? Genese, Wirkung und Kritik eines Deutungsmusters. Essen: Klartext, 2010.

In der Friedensforschung wird oftmals auf Immanuel Kants Annahme Bezug genommen, dass zwischen der inneren Verfasstheit von Staaten und ihrem Aggressionspotenzial ein direkter Zusammenhang bestünde. Republikanisch verfasste Staaten sollten demnach weniger zu außenpolitischen Konflikten neigen, als andere. Diesem Theorem auf den Grund zu gehen, hatte die Jahrestagung 2009 des 'Arbeitskreises Historische Friedensforschung' an der Europäischen Akademie Berlin zum Ziel. Daraus entstanden ist ein Sammelband mit 14 Beiträgen, der das Deutungsmuster 'Demokratie=Frieden' aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven kritisch beleuchtet, seine Genese nachzeichnet und die Theorie der Praxis gegenüberstellt. Der Band gibt einen guten Überblick über grundlegende Konzepte der Friedensforschung, vermag jedoch nicht abschließend zu beantworten, ob besagter Ansatz Gültigkeit beanspruchen kann.


Was Staaten Kriege führen lässt, beschäftigt die Menschheit sicherlich nicht erst, aber vielleicht spätestens seit Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden aus dem Jahr 1795. Der Philosoph glaubte einen Kausalzusammenhang zwischen der politischen Verfasstheit von Staaten und deren außenpolitischen Handlungsmaximen auszumachen. Dahinter steckt die Idee, dass demokratische, will heißen republikanisch verfasste Staaten nach Frieden trachten und untereinander keine Kriege führen würden. Mit diesem viel rezipierten Denkansatz, der seine Attraktivität bis heute nicht eingebüßt zu haben scheint, befasste sich eine Tagung des 'Arbeitskreises Historische Friedensforschung' zum Thema Frieden durch Demokratie? Genese, Wirkung und Kritik eines Deutungsmusters, welche die Grundlage des gleichnamigen Sammelbandes bildet, der 2011 in der Reihe Frieden und Krieg - Beiträge zur Historischen Friedensforschung erschien. Auf 298 Seiten widmen sich 14 Beiträge aus den Geschichts- und Politikwissenschaften sowie der Philosophie den Möglichkeiten und Voraussetzungen eines dauerhaften Friedens – eine Fragestellung, die bei gegenwärtig rund 360 Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen pro Jahr mehr als berechtigt ist.

Schon in der Einleitung weisen die Herausgeber Jost Dülffer und Gottfried Niedhart jedoch darauf hin, dass ihr Ziel nicht in der Verifizierung oder Falsifizierung des Demokratie-Frieden-Axioms besteht. Vielmehr solle der Band die Genese desselben nachzeichnen, anhand von Schlüsselereignissen der Weltgeschichte die theoretischen Annahmen eines 'demokratischen Friedens' an der historischen Praxis überprüfen und besagten Denkansatz zugleich einer kritischen Betrachtung unterziehen (vgl. S. 12). Das Vorwort liefert dabei bereits einen guten Überblick über die Geschichte der Friedensforschung sowie über Forschungsstand und Begriffsgeschichte des zugrunde gelegten Paradigmas. Weiterführende Literaturangaben weisen die Richtung zum Selbststudium.
Der Beitrag von Thomas Kater bietet eine prägnante Synthese der Kant'schen Idee eines 'demokratischen Friedens', indem er diese reflektiert und kontextualisiert. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass nicht Kant der Begründer des 'Demokratie=Frieden'-Grundsatzes war. Kant habe die Demokratievorstellungen des 18. Jahrhunderts abgelehnt und sich vielmehr auf die antike Demokratie als "unmittelbare Herrschaft der Bürger" (S. 26) bezogen.
Der Sammelband untersucht daran anschließend mit unterschiedlichen methodischen und regionalen Zugängen historische Zeiträume, anhand derer der Zusammenhang von Frieden und Demokratie überprüft werden soll. So werden beispielsweise das Epochenjahr 1917, die dänische Friedensbewegung, die Geschichte der Vereinten Nationen, der Nahost-Konflikt und die Politik der Bush-Administration in den Blick genommen. Neben theoretischen Überlegungen zu Ursprung und Grundlagen der Friedensforschung stehen konzeptionelle Reflexionen über potenziell friedenstiftende Maßnahmen in der heutigen Welt. Besondere Aufmerksamkeit erfahren die Vorstellungen Woodrow Wilsons, wie sie etwa in dessen 14-Punkte-Plan zum Ausdruck kamen. So zeichnet Patrick O. Cohrs anschaulich die angeblichen und tatsächlichen Ziele des amerikanischen Präsidenten nach und stellt deren Realisierbarkeit auf den Prüfstein.
Bernd Rother widmet sich in seinem Beitrag den friedenspolitischen Ansichten Willi Brandts und kommt zu dem Ergebnis, dass Brandt weniger ein Anhänger der 'Frieden durch Demokratie'-Idee gewesen sei, als vielmehr 'Frieden durch Entwicklung' beabsichtigt habe.

In den Beiträgen überwiegen deutsche und US-amerikanische Sichtweisen. Zudem stehen diejenigen Konflikte im Vordergrund, die von staatlichen Akteuren ausgehen oder zwischen diesen ausgetragen werden. Nur am Rande thematisiert werden solche, die ihren Ursprung in ethnischen, religiösen oder sozialen Problemlagen innerhalb von Nationalstaaten haben oder in Zusammenhang mit imperialen Machtgefügen stehen. Allerdings bemerken die Herausgeber zu Recht, dass ein Sammelband stets nur selektiv vorgehen kann und keine umfassende Analyse zu leisten vermag (vgl. S. 14). Wie sie zudem einräumen, kommt das Buch zu keinem klaren Ergebnis, wo nun der Zusammenhang zwischen Frieden und Demokratie genau zu verorten und ob ein dauerhafter 'Frieden durch Demokratie' möglich ist.
Ein höheres Maß an definitorischer Klarheit wäre wünschenswert gewesen. In Zeiten, in denen Kriege nicht mehr Kriege heißen, sondern unter 'Stabilisierungseinsätze', 'humanitäre Hilfeleistung' oder 'friedenserzwingende Maßnahme' firmieren, hätte zunächst definiert werden sollen, was unter 'Frieden' zu verstehen ist. Gleiches gilt für den 'Demokratie'-Begriff.
Nichtsdestotrotz gibt der Sammelband einem akademischen Publikum und interessierten Lesern einen facettenreichen Überblick über "Genese, Wirkung und Kritik" des Denkschemas vom 'demokratischen Frieden'. Auf breiter Materialbasis werden Themen dargestellt, die bislang wenig in den Fokus der Forschung gerückt sind. Alles in allem ist der im Vorwort genannten Ankündigung zuzustimmen, dass die Beiträge "Neuland erschließen und darüber hinaus zu weiteren Untersuchungen anregen können" (S. 14).


Dülffer Jost und Gottfried Niedhart (Hg.): Frieden durch Demokratie? Genese, Wirkung und Kritik eines Deutungsmusters. Essen: Klartext, 2011 (Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung; Bd. 15). 298 S., broschiert, 19,95 Euro. ISBN: 978-3-8375-0401-9


Inhaltsverzeichnis

Jost Dülffer, Gottfried Niedhart: Einleitung 9

I. Kantisches Denken und sozialwissenschaftliche Ansätze
Thomas Kater: Am Anfang war Kant? Über Demokratie, Republik und Frieden 17
Jost Dülffer: "Demokratie und Frieden" als wissenschaftliches Paradigma 35

II. Erster Weltkrieg und Nachkriegsordnung
Gottfried Niedhart: Demokratie und Friedenserwartungen im Epochenjahr 1917 55
Patrick O. Chors: "American Peace" - Ein "demokratischer Frieden"? Wilson und die Suche nach einer neuen Weltordnung nach dem Ersten Weltkrieg 73
Peter Hoeres: "Wer Menschheit sagt, will betrügen" Die Kritik an universalistischen Friedenstheoremen im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik 105
Karen Gram-Skjoldager: Der Demokratische Frieden in Dänemark vor dem Zweiten Weltkrieg: Theorie und Praxis 125

III. Vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg
Tim B. Müller: Frieden durch Demokratie? Intellektuelle im Dienst der US-Regierung vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg 147
Norbert Götz: Universeller oder spezieller Frieden? Demokratie als Kriterium der Mitgliedschaft in den frühen Vereinten Nationen 167
Mariane Zepp: Weiblichkeit als politisches Argument. Frieden und Demokratie im Übergang zu einer deutschen Nachkriegsgesellschaft 187

IV. Demokratieförderung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
Volker Depkat: Die Ausbreitung von Demokratie als Friedensprogramm unter den US-Präsidenten William J. Clinton und George W. Bush 209
Jonas Wolff: Theorie des Demokratischen Friedens - Politik der internationalen Demokratieförderung. Eine Skizze des Aufschwungs und der Fusion zweier Paradigmen 227

V. Entwicklung und Frieden
Benyamin Neuberger: Die Theorie des Demokratischen Friedens und der Israelisch-Arabische Konflikt 245
Bernd Rother: "Entwicklung ist ein anderes Wort für Frieden". Willy Brandt und der Nord-Süd-Konflikt von den 1960er bis zu den 1980er Jahren 257
Dieter Senghaas: Ordnungspolitische Problemlagen einer zerklüfteten Welt 271

Autorinnen und Autoren 293

Namenregister 295


The Dream of a 'Democratic Peace'

Peace research often refers to Immanuel Kant, who saw a causal connection between the internal and political constitution of states and their foreign policy. Therefore, republican states are supposed to have less interest in foreign-policy conflicts than others. To fathom this theorem, a meeting was held at the European Academy in Berlin in 2009 by the 'working group on historical peace research'. The result of this conference was a volume which critically examines the interpretation 'democracy=peace' from different disciplinal perspectives, describes its genesis, and compares theory and practice. The book gives a general idea of basic concepts of peace research; nevertheless, it is ultimately unable to answer the question whether the aforesaid theory can claim validity.


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