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Agenten und Subjekte des Wandels: Die südafrikanische Gewerkschaftsbewegung vor neuen Herausforderungen

Eine Rezension von Carmen Ludwig

Buhlungu, Sakhela: A Paradox of Victory. Cosatu and the Democratic Transformation in South Africa. Scottsville: University of KwaZulu-Natal Press, 2010.

Die südafrikanischen Gewerkschaften als Teil der Befreiungsbewegung gegen das Apartheidsregime und als Gestalter des Demokratisierungsprozesses haben sich bis heute eine gesellschaftlich einflussreiche Stellung bewahrt. Sie sind jedoch nicht nur bedeutende Agenten des gesellschaftlichen Wandels in Südafrika, sondern zugleich auch selbst im Wandel befindliche Subjekte. Dieser Perspektive folgend und an die Labour Revitalization Studies anknüpfend, analysiert Sakhela Buhlungu angesichts veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen Dilemmata gewerkschaftlicher Organisierung. Dabei diagnostiziert der Autor in seiner umfassenden Untersuchung einen paradoxen Sieg des größten südafrikanischen Gewerkschaftsdachverbands COSATU zwischen dem Gewinn an politischem Einfluss einerseits und dem Verlust an Organisationsmacht andererseits. 


Die Entwicklung der südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, denn die Gewerkschaften haben sowohl im Kampf gegen das Apartheidsregime als auch im Demokratisierungsprozess Südafrikas eine entscheidende Rolle gespielt. Der größte südafrikanische Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions (COSATU) konnte seine gesellschaftlich einflussreiche Stellung bis heute erhalten. Und dennoch spricht Sakhela Buhlungu von einem paradoxen Sieg der Gewerkschaften, der sich im widersprüchlichen Prozess zwischen dem Gewinn an institutioneller Macht bei gleichzeitigem Verlust an Organisationsmacht ausdrückt (vgl. S. 162). Zur Schwächung der Organisationsmacht der südafrikanischen Gewerkschaften tragen insbesondere mangelnde Organisierungssbemühungen und -erfolge in den wachsenden Bereichen atypischer und informeller Arbeit bei – eine Entwicklung, vor deren Folgen Buhlungu warnt: "Union movements in the rest of the world learnt the hard way that political influence is impossible to sustain in the absence of organisational power." (S. 62)

Sakhela Buhlungu verortet seine Untersuchung zu COSATU zunächst im Kontext der Entwicklung der Gewerkschaftsbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent. Der Autor legt dar, dass gewerkschaftliche Organisierung in Afrika immer schon ein politischer Akt war: Über den Widerstand gegen ökonomische Ausbeutung hinaus, nahmen die schwarzen Gewerkschaftsbewegungen die Rolle von Agenten der Befreiung, Demokratisierung und sozialen Entwicklung ein. Im Post-Kolonialismus ist festzustellen, dass der Zugewinn an Demokratie vielfach überschattet wird durch die negativen Effekte ökonomischer Liberalisierung. In diesem Prozess wurden die Gewerkschaften in Afrika häufig von ehemaligen Agenten der Befreiung zu marginalen Akteuren. Die südafrikanische Gewerkschaftsbewegung stellt demgegenüber eine bemerkenswerte Ausnahme dar, denn sie übernahm im Transformationsprozess zur Demokratie nach 1990 eine gestaltende Rolle und konnte so unter anderem weit reichende Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechte sowie als Teil der sog. Dreierallianz – einem Bündnis bestehend aus dem regierenden African National Congress (ANC) und der South African Communist Party – politischen Einfluss sichern: "COSATU's gains in the period since the achievements of democracy have no parallel in the contemporary world." (S. 165)

Trotz dieser Erfolge hat die ökonomische Liberalisierung das Terrain für gewerkschaftliche Organisierung in Südafrika ebenfalls grundlegend verändert, wie Buhlungu im vierten Kapitel analysiert. Die rapide Re-Integration Südafrikas in die globale Ökonomie und veränderte Managementstrategien führten zu Massenentlassungen, Flexibilisierung und zur zunehmenden Fragmentierung von Arbeitsverhältnissen – eine Entwicklung, auf die die Gewerkschaften nur unzureichend vorbereitet waren (und sind). Die Dilemmata gewerkschaftlicher Organisierung im Zeitalter globaler ökonomischer Umstrukturierung sieht Buhlungu in der Krise des industriellen Gewerkschaftsmodells angesichts eines wachsenden Anteils prekärer Arbeitsverhältnisse. Damit einher gehen neue Spaltungslinien und Entsolidarisierungsprozesse, die zur Schwächung gewerkschaftlicher Repräsentation beitragen. Durch eine Vernachlässigung der Bündnispolitik mit sozialen Bewegungen (ehemals ein 'Markenzeichen' der südafrikanischen Gewerkschaften zur Zeit des Befreiungskampfs) droht die Gefahr, dass sich die Gewerkschaften isolieren. Außerdem konstatiert der Autor eine Krise des Paradigmas von Befreiung und Entwicklung. So wurde die Erwartung der Gewerkschaften, dass nach der Befreiung der Staat eine, an Umverteilung orientierte, gestaltende Rolle in der sozialen und ökonomischen Entwicklung des Landes einnehme, mit der Orientierung des ANC auf einen marktliberalen Kurs nicht erfüllt.

Buhlungu kann im fünften und sechsten Kapitel zeigen, dass jedoch nicht nur der äußere, sondern auch der innere Strukturwandel, bedingt u.a. durch eine veränderte Mitgliederstruktur sowie Aufstiegsmobilität und -orientierung der Gewerkschaftsfunktionäre, Auswirkungen auf Positionen und Strukturen von COSATU hat.
Die Gewerkschaften in Südafrika sind folglich nicht nur bedeutende Agenten gesellschaftlichen Wandels, sondern zugleich selbst dem Wandel unterliegende Subjekte. Damit verbunden stellt sich die Frage, ob und wie die Gewerkschaften auf die neuen Herausforderungen und Widersprüche in Form einer organisatorischen Erneuerung (Buhlungu verwendet hier den Begriff der Modernisierung) reagieren. Die Suche nach neuen Wegen stellt dabei nicht nur ein in den Gewerkschaften umkämpftes Feld, sondern zugleich eine in der Forschung zu den südafrikanischen Gewerkschaften bislang eher vernachlässigte Perspektive dar.

Die von Sakhela Buhlungu vorgelegte Untersuchung ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen des Autors zur südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung und erlaubt tiefe Einblicke in das Innenleben der Gewerkschaften. Stärken und Schwächen der größten Gewerkschaftsbewegung auf dem afrikanischen Kontinent werden detailliert und in analytischer Schärfe diskutiert. A Paradox of Victory ist damit nicht nur ein – wie Reaktionen aus den Gewerkschaften auf die Veröffentlichung gezeigt haben – provokatives Buch. Vielmehr ist es Sakhela Buhlungu auch gelungen, den Blick auf die Akteure und ihren Einfluss auf den organisatorischen Wandel in den Gewerkschaften zu richten. Mit diesem akteursorientierten Fokus leistet Buhlungu über das südafrikanische Fallbeispiel hinaus auch einen signifikanten Beitrag zur internationalen gewerkschaftlichen Revitalisierungsforschung. Sowohl für diejenigen, die sich für Gewerkschaftsforschung im Allgemeinen als auch für die Entwicklung der südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung im Besonderen interessieren, ist dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre.


Buhlungu, Sakhela: A Paradox of Victory. COSATU and the Democratic Transformation in South Africa. Scottsville, South Africa: University of KwaZulu-Natal Press, 2010. 210 S., kart., 40,99 €. ISBN: 978-1869141875.
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Inhaltsverzeichnis

Preface and Acknowledgements vii
Abbreviations x

Chapter 1

Introduction: Labour, Liberation and Development in Africa 1

Chapter 2
Fighting for Survival: Union Organisational Models and Strategies after 1973 21

Chapter 3
Fruits of their Labour: Unions and the Democratic Transformation in South Africa 57

Chapter 4
Union Organising and Global Economic Restructuring 79

Chapter 5
A Changing Workforce, a New Generation of Union Members 99

Chapter 6
Comrades, Entrepreneurs and Career Unionists: Union Leadership in Transition 117

Chapter 7
Many Shades of Black: Intra-black Relations in Trade Unions 139

Chapter 8
Gaining Influence and Losing Power: COSATU's Contested Future 157

Notes 179
References 189
Index 201


Agents and Subjects of Change:
The South African Trade Unions Are Facing New Challenges

The South African Trade Union Movement, part of the anti-apartheid-struggle and shaper of the democratic transition process, has maintained its influential societal position until today. However, trade unions are not only important agents of change, but also subjects liable of change. In this perspective and in line with the Labour Revitalization Studies, Sakhela Buhlungu analyses dilemmas of Union Organising in the face of changing societal conditions. In his comprehensive analysis the author observes a paradox of victory of the major trade union umbrella organisation in South Africa, COSATU, between its increase of political influence on the one hand and the diminishing of its organisational power on the other hand.


© bei der Autorin und bei KULT_online