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Transkulturalität und Hochschule

Eine Rezension von Jennifer Ch. Müller

Darowska, Lucyna, Lüttgenberg, Thomas, Machold, Claudia (Hg.): Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität. Bielefeld: transcript, 2010.

Der von Lucyna Darowska, Thomas Lüttenberg und Claudia Machold herausgegebene Sammelband
Hochschule als transkultureller Raum? geht der Frage nach, welche Bedeutung die "Begriffe Kultur, Transkultur und Bildung in der Hochschule" (S. 7) haben. Die fünf versammelten Aufsätze sollen in ihrer Summe Aufschluss darüber geben, "inwiefern der Transkulturalitätsbegriff auf der deskriptiven Ebene die Praxisrealität der Hochschulen adäquat erfasst" (S. 8). Dahinter steht auch die normative Frage nach den Maßnahmen, die getroffen werden müssten, damit die Hochschule zu einem transkulturellen Raum werden kann. Die aus Politikwissenschaft, Geschichte und Pädagogik stammenden Herausgeber/innen stellen mit diesem Band den Begriff der Transkulturalität als geeignete Zielperspektive für die Hochschule im 21. Jahrhundert vor, welche den Phänomenen der Migration und der Internationalisierung an den Hochschulen gerecht werden kann.


In dem vorliegenden Sammelband Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität von Lucyna Darowska, Thomas Lüttenberg und Claudia Machold sind fünf Aufsätze enthalten, welche die Begriffe der "Kultur" und "Transkultur" unter die Lupe nehmen und sie auf die Hochschule beziehen. Die Autorinnen konstatieren, dass durch Migration und Internationalisierung auch an Hochschulen Veränderungen feststellbar sind. Dabei diskutieren die einzelnen Beiträge die Eignung des Transkulturalitätsbegriffs für die Beschreibung der Praxisrealität an Hochschulen und reflektieren das Konzept als normative Vorstellung für den Hochschulalltag (vgl. S. 8).

Der von den beiden Herausgeberinnen Lucyna Darowska und Claudia Machold selbst verfasste erste Aufsatz "Hochschule als transkultureller Raum unter den Bedingungen von Internationalisierung und Migration – eine Annäherung" diskutiert zunächst den Kulturbegriff und eröffnet mit der Verwendung des Begriffs der Transkulturalität die Perspektive auf die sozio-kulturellen Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen, die in der Hochschule stattfinden. Anders als der von den Autorinnen dezidiert abgelehnte Begriff der Interkulturalität, der Kultur in der Form von abgrenzbaren Einzelkulturen begreift, impliziert der Begriff der Transkulturalität gerade die Frage nach der Überschreitung kultureller Grenzen in der Hochschule. Die Autorinnen wenden sich gegen einen holistischen Kulturbegriff, da dieser eine Essentialisierung kultureller Gruppen vornimmt und damit nach der Ansicht von Darowska und Machold keine adäquate Annäherung an die aktuellen Lebenswelten von sozialen Akteuren ermöglicht. Die Autorinnen fragen danach, auf welchen Kulturbegriff sich der Begriff der Transkultur bezieht und warnen davor, den Transkulturalitätsbegriff im Sinne ethnisch-nationaler Grenzen zu verstehen, da somit lediglich die Flexibilisierung feststehender Grenzen in wissenschaftlicher Theorie und pädagogischer Praxis erfolgen würde. Als geeignet sehen die Autorinnen die Grundlegung eines bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriffs an, der kollektive Interpretationen von Sinn- und Bedeutungszuschreibungen nicht im Lichte von territorialen Staatsgrenzen betrachtet. Somit kann Kultur im Sinne von Transkultur als soziale Praxis verstanden werden.
Bei dem raumsoziologischen Blick auf die der Hochschule als sozialem und kulturellem Raum betonen Darowska und Machold die territoriale Unabgeschlossenheit der Hochschule, da sie sich nicht außerhalb von Gesellschaft organisiert und sich zudem mit der Welt verbindet. Dabei berücksichtigen die Autorinnen die vertikalen und horizontalen Differenzierungen im Raum. In Anlehnung an Martina Löw nennen die Autorinnen die Frage nach der Hervorbringung sozialer Ungleichheit durch die Ordnungen der Räume, neben der in der Ungleichheitsforschung bekannten räumlichen Abbildung sozialer Ungleichheit.
Hier rekurrieren Darowska und Machold auf die bourdieuschen Kapitalien und deren Bedeutung für die Strukturierung des sozialen Raums und den Habitus der einzelnen Akteure. Darowska und Machold formulieren diesbezüglich die unter sozialisatorischen Gesichtspunkten sehr überzeugende Hypothese, dass im Hochschulraum "soziale und kulturelle Dispositionen entstehen, die sich auf die bis zum Eintritt in diesen Raum erworbenen identitären Strukturen lagern und sie transformieren" (S. 25). Dabei haben sie berechtigterweise die möglichen Grenzen durch "Ressourcen und Bedingungen" (S. 26) im Blick und reflektieren die Entwicklungsmöglichkeiten von Habitus und Kapitalien. Im Hinblick auf die von Bourdieu ermittelte Bedeutung von Selbstsicherheit und sprachlicher Leichtigkeit thematisieren die Autorinnen eine Benachteiligung von internationalen Bildungsakteuren gegenüber Muttersprachlern und plädieren hier für entsprechende strukturelle Maßnahmen, wie etwa Mehrsprachigkeit in Lehre und Verwaltung, die zumindest zeitweise Einführung differenzierter Benotungskriterien und die Verlängerung der so genannten Regelstudienzeiten. Die über Sprache und Interaktion hergestellte Konstruktion von Fremdheit führt nach der Ansicht der Autorinnen zu Behinderungen der Bildungsakteure, die zu persönlichen Benachteiligungen führen und zudem den Zielen der Internationalisierung von Hochschulen zuwiderlaufen.
Darowska und Machold würdigen einerseits die Ergebnisse der Ungleichheits- und Gleichstellungsforschungen und benennen andererseits die empirische Analyse von kulturellen Praxen der Erzeugung von beispielsweise ethnischer Differenz als blinden Fleck in diesem Forschungsfeld. Sie schlagen in diesem Kontext die Anwendung des Intersektionalitätsansatzes auf die Hochschulforschung vor (vgl. S. 32). Die Hochschule als transkultureller Raum ermögliche nach Darowska und Machold die Entwicklung hybrider Identitäten in dem Sinne, dass "multiple Zugehörigkeit und identitäre Vielschichtigkeit" (S. 34) entstehen kann. Schließlich sprechen sich die Autorinnen für eine Hochschulpraxis aus, welche sowohl die Dimension der Grenzziehungen als auch die Dimension der Grenzüberschreitungen zu einem bedeutungsorientierten und grenzüberschreitenden Transkulturalitätsbegriff integriert und präferieren damit sehr gut nachvollziehbar "Transkulturalität als wünschenswertes Konzept für die Hochschule" (S. 35).

In dem anschließenden Aufsatz "Was ist eigentlich Transkulturalität?" nimmt Wolfgang Welsch eine noch ausführlichere Bestimmung des Transkulturalitätsbegriffs vor. Er beschreibt die Dimensionen und die historische Entwicklung des Kulturbegriffs und diskutiert anschließend das Transkulturalitätskonzept in seinem Verhältnis zu Multikulturalitäts- und Interkulturalitäskonzepten (vgl. S. 49 ff.), wobei er vor allem die Bedeutung von Transkulturalität für Transdisziplinarität in der Hochschule herausstellt.

Isabell Diehm diskutiert in ihrem Aufsatz "Kultur als Beobachtungsweise" dann den Kulturbegriff aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive vor dem Hintergrund der Einwanderung. Sie spricht sich schließlich gegen die Verwendung des Kulturbegriffs als Kampfbegriff zur Kulturalisierung und für die Kultur als Beobachtungsweise zur Sichtbarmachung der "beobachterabhängigen Konstruktion von Kultur" (S. 76) aus. Sie grenzt sich hier gegen quasi-theoretische Texte in der Sozialpädagogik ab, in denen Fremdheitskonstruktionen über so genannte Herkunftskulturen vorgenommen würden (vgl. S. 75). Dabei beschreibt sie die Begriffe der "Interkultur" und "Transkultur" als Konzepte, die sich auf abgegrenzte Einheiten beziehen und daher zu überwinden seien (vgl. 79).

Die Forderung nach einer Ausgestaltung der "Universität als transgressive Lebensform" entfalten Paul Mecheril und Birte Klinger in ihrem Beitrag argumentativ und beschreiben den Erwerb von kulturellem Kapital aus demokratietheoretischer Perspektive als Bürgerrecht – und damit die Teilhabe am akademischen Leben und den sinnvollen Erfahrungen, die an der Universität möglich sind. Aktuell ist die Universität, wie Mecheril und Klinger feststellen, allerdings an der Reproduktion verschiedener sozialer Ungleichheiten und Stereotype mindestens beteiligt. Deshalb fordern sie die Entkopplung der Universität von sozialer Zugehörigkeit (vgl. S. 103) und problematisieren in diesem Zusammenhang den Diversity-Ansatz.

In dem Aufsatz "Interkulturelles Training? Eine Problematisierung" analysiert María do Mar Castro Varela im Rahmen von interkulturellen Trainings die problematische Konstruktion des Fremden sowie die Herstellung von kulturellen Zugehörigkeiten über Mechanismen der Repräsentation. Sie kritisiert die in diesen Trainings häufig vorherrschende eurozentristische Perspektive als Resultat "von (neo-)kolonialem Begehren" (S. 117) und spricht sich für eine interkulturelle Professionalisierung durch postkoloniales Denken und "die Praxis des Regelbrechens" (Spivak) aus.

Der vorliegende Sammelband stellt einen wertvollen Beitrag für die Debatten um Hochschule, Hochschulpolitik, soziale Ungleichheit, Vielfalt und transkulturelle Bildung und Erziehung dar. Gleichzeitig wird der Begriff der Transkulturalität einer Kritik unterzogen, die für die Reflexion und Weiterentwicklung dieser deskriptiven und analytischen Kategorie förderlich ist. Es handelt sich bei jedem Aufsatz um einen erkenntnisreichen Beitrag und insgesamt um ein uneingeschränkt empfehlenswertes Werk der kulturwissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Transformationsprozesse.


Darowska, Lucyna: Lüttenberg, Thomas; Machold, Claudia: Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität. Bielefeld: transcript, 2010. 132 S., broschiert, 18,80 Euro. ISBN: 978-3-8376-1375-9


Inhaltsverzeichnis

Einleitend…7
(Lucyna Darowska, Thomas Lüttenberg & Claudia Machold)

Hochschule als transkultureller Raum unter den Bedingungen von Internationalisierung und Migranten – eine Annäherung…13
(Lucyna Darowska & Claudia Machold)

Was ist eigentlich Transkulturalität?...39
(Wolfgang Welsch)

Kultur als Beobachtungsweise…67
(Isabell Diehm)

Universität als transgressive Lebensform. Anmerkungen, die gesellschaftliche Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse berücksichtigen…83
(Paul Mecheril & Birte Klingler)

Interkulturelles Training? Eine Problematisierung…117
(María do Mar Castro Varela)

Autorinnen und Autoren…131


Transculturality and Higher Education

The contributors to the edited volume Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität (Academia As a Transcultural Space? Culture, Education, and Difference in the University), published by Lucyna Darowska, Thomas Lüttenberg, and Claudia Machold, discuss the meaning and significance of the terms culture, transculture, and education within the sphere of higher education. The compiled articles, taken together, are supposed to shed light on the extent to which the concept of transculturality adequately accounts for the actual circumstances in institutions of higher education, in practice, on a descriptive level (p. 8). Also underlying this is the normative question of measures necessary to enable higher education to become a transcultural space. With this essay collection, the editors, coming from political sciences, history, and pedagogics, introduce the concept of transculturality as a suitable objective for higher education in the 21st century that can meet the requirements of the phenomena of migration and internationalization.

© bei der Autorin und bei KULT_online