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Nichts Neues in der literaturwissenschaftlichen Landschaftsforschung

Eine Rezension von Martina Kopf (Mainz)

Weber, Kurt-H.: Die literarische Landschaft. Zur Geschichte ihrer Entdeckung von der Antike bis zur Gegenwart. Berlin/New York: de Gruyter, 2010.

Landschaft gab es nicht immer; erst in der Renaissance wird sie als solche entdeckt. Bei ihrer Konstitution übernehmen bildende Kunst und Literatur eine zentrale Rolle: Erst durch die Vermittlung in der Kunst wird Landschaft zu einem Sehmuster.
Der Geschichte der literarischen Landschaft nun versucht die vorliegende Studie nachzugehen. Dabei versteht der Autor Landschaft als Naturlandschaft, somit greift er auf Ansätze aus der Naturästhetik zurück, ohne neue theoretische Erkenntnisse zu bieten. Im Mittelpunkt stehen außerdem der Vergleich von Literatur und bildender Kunst und die Frage nach ihren Möglichkeiten, Landschaft darzustellen. In einem exemplarischen Teil wird die literarische Landschaft anhand der Werke von Jean Paul, Adalbert Stifter, Theodor Fontane und Arno Schmidt untersucht. Die Analysen offenbaren, dass das Landschaftskonzept immer wieder neu ausgehandelt werden muss und der Naturbegriff in diesem Zusammenhang hinfällig wird.



Den interdisziplinären Gehalt von Landschaft hat Joachim Ritter bereits erkannt: In seinem berühmten Aufsatz von 1963 definiert er Landschaft zwar auf die ihm eigene philosophische Weise, entwickelt seine Thesen aber anhand literarischer Beispiele. Unterdessen haben sich Historiker, Geografen, Kunsthistoriker, Kultur- und Literaturwissenschaftler – oft gemeinsam – um eine Definition von Landschaft bemüht. Landschaft als interdisziplinäres Forschungsfeld hat Konjunktur, wobei mittlerweile weniger Landschaft als künstlerisches Konzept im Vordergrund steht als vielmehr ihre soziale und kulturelle Bedeutung (vgl. Brigitte Franzen; Stefanie Krebs: Landschaftstheorie. Texte der Cultural Landscape Studies. Köln 2005). Fragt sich, welchen Weg die aktuelle literaturwissenschaftliche Landschaftsforschung einschlägt und wie sich die literarische Landschaft gegenwärtig gestaltet.

Kurt-H. Webers in der vorliegenden Studie dargelegten Thesen, dass Kunst die Wahrnehmung der Umgebung maßgeblich präge und es historisch betrachtet primär die bildende Kunst war, die bei der Herausbildung des Sehmusters Landschaft die Führung übernahm (vgl. S. 1 und 9), sind nicht neu. Dem Titel nach möchte sich der Autor zwar explizit der literarischen Landschaft widmen, doch der Vergleich von Literatur und bildender Kunst ist nicht nur Thema eines eigenständigen Kapitels, sondern der Medienvergleich zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.
Ritter erklärt, dass Landschaft Natur sei, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig sei. Weber schließt sich auch hier an: Landschaft verdanke sich einer Ästhetik des Blicks (vgl. S. 170). Obwohl der Unterschied zwischen Natur und Landschaft mit Ritter prinzipiell geklärt zu sein scheint, verwirrt es, dass Weber häufiger von Natur spricht als von Landschaft. So nennt sich der erste, theoretische Teil seiner Studie "Über die Bedingungen der Naturbeschreibungen" und nicht "Über die Bedingungen der Landschaftsbeschreibungen".

Ein zweiter Teil widmet sich der "Weiterentwicklung der literarischen Landschaft" (S. 287) am Beispiel der Autoren Jean Paul, Adalbert Stifter, Theodor Fontane und Arno Schmidt. Lockt die Studie mit dem Zusatz "von der Antike bis zur Gegenwart", so muss Arno Schmidt wohl als Gegenwartsautor begriffen werden, denn mit ihm endet die "Weiterentwicklung". Merkmal der Landschaftsdarstellung von Jean Paul ist, wie Weber herausarbeitet, Bewegung, da sich Landschaft in seinen Werken durch Wanderungen erschließt. Landschaft zeige sich als Resultat einer Komposition: Ihr gehe zwar eine Studie der Natur voraus, doch handle es sich nicht um wirklichkeitsgetreue Abbilder. Nur Teile würden übernommen und in eine künstlerische Konzeption eingepasst (vgl. S. 302).
Im Kapitel über Adalbert Stifter steht der Wald im Mittelpunkt. Dieser ist nicht bloß Schauplatz, sondern Akteur, d.h. er wirkt auf die Personen ein und unter seinem Einfluss machen sie eine Entwicklung durch: Sie kommen zur Einsicht, werden geläutert oder stellen ihr Leben um (vgl. S. 321). Landschaftsschilderung zerfällt hier in einzelne Akte: Einer groben Orientierung anhand von Fixpunkten folgt eine Konkretisierung (vgl. S. 341). Demgegenüber handelt es sich dem Verfasser zufolge in Theodor Fontanes Werk nur noch um Landschaftsfragmente, wie zum Beispiel das Motiv des Blicks aus dem Fenster deutlich mache. Dem bzw. der LeserIn wird hier deutlich, wie unterschiedlich Landschaft begriffen werden kann: Ist Landschaft nicht immer ein Fragment? Auch Fontane hat einen eigenen Landschaftsbegriff wie Weber schreibt: Für ihn sei Landschaft eine unkultivierte Gegend, ohne Städte oder Dörfer (vgl. S. 379).
Bei Arno Schmidt kommt es Weber zufolge schließlich zu einer Auflösung des Sehmusters Landschaft. Zwar beherrsche der Traum vom Häuschen auf dem Land Schmidts Protagonisten, doch verfalle er nicht in die Vorstellung einer heilen Welt. Er distanziere sich als Nachkriegsautor vielmehr von der Inszenierung einer Landschaft und ihrer Heroisierung, "die die volkstümelnde und die faschistische Gesinnung hervorgebracht haben" (S. 391).

Fazit: Was kann die literaturwissenschaftliche Forschung zum Landschaftsbegriff nach Ritter noch leisten und was passiert mit der literarischen Landschaft in der Gegenwart? Das Beispiel der vorliegenden Studie ist eher ernüchternd. Viel Neues bietet der Theorieteil dazu kaum, doch immerhin zeigen die exemplarischen Untersuchungen, dass Autoren und Werken ganz unterschiedliche Landschaftsbegriffe zugrunde liegen.
Landschaft muss also für jeden Autor bzw. für jedes Werk neu ausgehandelt werden, denn die literarische Landschaft verstanden als Weltsicht mag zwar einerseits Kontinuität aufweisen, ist andererseits aber stets einem Wandel unterworfen und scheint sich von traditionellen Landschaften distanzieren zu wollen. In diesem Zusammenhang wird fragwürdig, ob Landschaft stets an Natur gekoppelt sein muss und ob sie wegen ihres Konstruktcharakters nicht immer schon mehr Kultur als Natur war. Ähnliche Schlussfolgerungen hätte man sich für die Studie gewünscht, doch Schluss oder Ausblick fehlen und die Herausforderung für die Literaturwissenschaft bleibt.


Weber, Kurt-H.: Die literarische Landschaft. Zur Geschichte ihrer Entdeckung von der Antike bis zur Gegenwart. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2010. 436 S., gebunden, 99,95 Euro. ISBN: 978-3-11-022763-5


Inhaltsverzeichnis

Zur Einführung 1

Teil I: Über die Bedingungen der Naturbeschreibung
1. Die Lust an der Natur 15
2. Über Naturbegriffe und deren Widerschein in der Literatur 47
3. Die Bilder und die Worte oder die Kunst der Beschreibung 101
4. Vom Wesen der Landschaft 167
5. Das Naturschöne und das Erhabene 199
6. Anmerkungen zur Geschichte der Naturbeschreibung 235


Teil II: Schriftsteller und ihre Landschaft
1. Der Tempel der Natur – Jean Paul 297
2. Der große Wald – Adalbert Stifter 319
3. Der Zauber einer Kiefernheide – Theodor Fontane 361
4. Musivisches Dasein – Arno Schmidt 385

Literaturverzeichnis 417
Verzeichnis der Abbildungen 429
Namensregister 431

Nothing New in Literary Landscape Studies

'Landscape' has not always been there; it is in the Renaissance that it is first discovered as a concept as such. In constituting landscape, a central role is taken by visual arts and literature: it is due to mediation in arts that landscape becomes a pattern of perception. This study aims at tracing the history of literary 'landscape.' In doing so the author understands landscape as a natural landscape, and thus he incorporates approaches coming from the aesthetics of nature but without offering new results. The study also focuses on a comparison between literature and visual arts and their possibilities for representing landscape. In an exemplary section, literary landscape is examined in the works of German speaking authors Jean Paul, Adalbert Stifter, Theodor Fontane, and Arno Schmidt. The analyses make clear that landscape as a concept has to be negotiated again and again and that in this context the concept of nature becomes unsound.

© bei der Autorin und bei KULT_online