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Mit Bildern arbeiten: verstehen – anwenden – instrumentalisieren

Eine Rezension von Stephanie Nickel

Breckner, Roswitha: Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien. Bielefeld: transcript, 2010.

Die Soziologin Roswitha Breckner unternimmt mit ihrer Sozialtheorie des Bildes zunächst den Versuch, auf bildtheoretischen und -philosophischen Grundlagen Bildlichkeit allgemein zu verstehen, um dann auf den Wirklichkeitsbezug von Bildern hinzuarbeiten. Sie schlägt die Segmentanalyse als prozessorientierte Methode der Durchdringung von Bildern vor, führt diese anhand von Beispielen vor und etabliert sie so als Verfahren mit viel Potential. Die Autorin greift in ihrer Monographie auf die Symboltheorie Susanne Langers zurück. Damit gelingt ihr nicht nur eine theoretische Fundierung, sondern auch ein Perspektivwechsel, der die Analyse von Bildern unabhängig von ihren Medien möglich macht.


Bilder bestimmen unseren Alltag. Gleichgültig ob wir zum Frühstück die Tageszeitung lesen, auf der Straße mit Plakatwerbung oder Street Art konfrontiert sind oder den Tag am Fernseher ausklingen lassen; wir deuten und verstehen unsere Welt mit Hilfe von Bildern. Nicht erstaunlich ist es daher, dass sich zahlreiche bildtheoretische und -philosophische Schriften auf dem Markt finden lassen. "Was ist ein Bild?" fragen Bildtheoretiker und -philosophen von Platon (Der Sophist, 1807 [Original 365-348 v. Chr.]) bis Gottfried Boehm (1994). Gleichzeitig ist, wie die Wiener Soziologin Roswitha Breckner richtig feststellt, bisher nicht gelungen, "[…] einen methodischen Zugang zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien aus soziologischer Perspektive zu entwickeln und methodologisch zu begründen" (S. 9). Diese Lücke möchte sie mit ihrer Monographie auf "symboltheoretischer und bildwissenschaftlicher Grundlage" (S. 9) schließen.

Basis bildet dabei die Symboltheorie von Susanne K. Langer (Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst (1965, Orig. 1942: Philosophy in a New Key – A Study in the Symbolism of Reason, Rite, and Art)). Breckner begründet diese Wahl schlüssig damit, dass jene Symboltheorie nicht nur philosophisch fundiert ist (Langer greift hier, wie auch insgesamt in ihrem Werk, auf Ernst Cassirer zurück), sondern auch hochgradig interdisziplinär anschlussfähig ist. Das macht sie zu einer fundierten Grundlage für eine Theorie der interpretativen Soziologie, wie sie Breckner formulieren möchte. Hierbei ist besonders interessant, dass Langer ihre Unterscheidung nicht an verschiedenen Medien fest macht, sondern dass die Form – die "Logik der Bedeutungsbildung" (S. 31) – entscheidend ist. Es gilt daher, "Erfahrungen und Emotionen [als] Ausgangspunkt aller Symbolisierungstätigkeit" zu verstehen (ebd.).
Für Breckner wird dieses Postulat zur Arbeitsanweisung: In detaillierten Schritten untersucht sie mithilfe der Segmentanalyse, einem seit einigen Jahren von ihr erprobten und verfeinerten Verfahren zum tieferen Verstehen von Bildern und Text-Bild-Konstruktionen (z.B. Plakatwerbung), zunächst eine fotografische Präsentation einer Unternehmerfamilie in einem Managermagazin, später auch Plakatwerbung, ein Bild Helmut Newtons und ein privates Fotoalbum. Im Anschluss an Langer und W.J.T. Mitchell sieht die Autorin eine "unauflösliche Verbindung" (S. 51) von Sprache und Bild, die jedoch "nicht gänzlich" (S. 51) ineinander übersetzbar sind. Diese Feststellung erlaubt es nun, eben solche Text-Bild-Produkte des Alltags in den Analysekorpus aufzunehmen. Die drohende Not, mit Sprache Bildlichkeit nicht ganz fassen zu können, wird damit ex ante ausgehebelt.

Der Aufbau des Buches auf struktureller Ebene ist nicht nur angenehm zu durchdringen (es wird bereits im Inhaltsverzeichnis zwischen theoretischen Teilen und jenen der Anwendung unterschieden), er trägt auch insgesamt dazu bei, dass sich dieses Werk kurzweilig und abwechslungsreich liest. Ungewöhnlich, aber bestechend, ist insbesondere bei den theoretischen Teilen Breckners Arbeitsweise: Collagenhaft fügt sie leitende Theorien aneinander, um ihren Gedanken, fast isoliert davon, im Anschluss einen eigenen Raum zu geben. Dadurch lässt sich ihrer Lektüre und deren Analyse gut folgen, die Übergänge (von einem zum nächsten Theoretiker) wirken jedoch oft hart. Die theoretischen Kapitel der Arbeit kreisen um die Themenfelder Symbol, Dinghaftigkeit und Fotografie. In einem eigenen Kapitel wird die Methodologie systematisch in ihren Prinzipien erklärt, ihr Verfahren erläutert und dezidiert deren Anwendbarkeit dargestellt.

Breckner gibt in zahlreichen Beispielen ihrer langjährig praktizierten und weiterentwickelten Segmentanalyse zu verstehen, dass sich der Blick aufs Detail lohnt. Umso verwunderlicher ist es, in ihrer Monografie selbst auf Widersprüche zu stoßen: Mal sind die Ränder der Bildbeispiele durch einen schwarzen Strich gekennzeichnet (vgl. S. 299), in einigen Fällen jedoch fehlt dieser (vgl. S. 198-199) oder überlagert teilweise die eigene Begrenzung des Bildes (vgl. S. 200). Dabei nimmt die Frage nach der visuellen Gestaltung eines Albums (oder Bildes) eine zentrale Rolle ein, wenn Breckner das Prozedere der Bildinterpretation erläutert (S. 180) und später zur Anwendung bringt (S. 182 ff.). Auf sprachlich/orthographischer Ebene finden sich gleichermaßen Fotografie (z.B. S. 14) und Photographie (z.B. S. 46) wieder – soll dies als unerläuterter Hinweis dienen in Analogie zu Breckners Widerständigkeit gegen eine einheitliche geschlechterbezogene Formulierung (vgl. Fußnote auf S. 36)?
Statt auf der Verlagswebsite im Kurz-Interview mit der Autorin zu klären, warum ihr Buch nicht zu jenen gehört, "die die Welt nicht braucht" (vgl. http://www.transcript-verlag.de/ts1282/ts1282.php, letzter Zugriff am 09.11.2011), wäre es an dieser Stelle zudem nett gewesen, auf die farblichen Mängel der ersten Drucklegung hinzuweisen. Dies tut nur Breckner selbst auf ihrer Website der Universität Wien, auf der sie dankenswerterweise eine digitale Version der farblich beschädigten Kapitel frei zugänglich zur Verfügung stellt.

Trotz dieser kleineren Mängel, lässt sich insgesamt sagen, dass Breckner ihre im abschließenden Teil der Monographie reformulierte Zielsetzung gut erfüllt: "Das Ziel war, […] eine Methodologie und Methode zu entwickeln, mit der ein breites Spektrum von fixierten Bildern aus soziologisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive untersucht werden kann" (S. 313). Zudem gibt sie dem Leser nicht nur erprobtes Handwerkszeug zum praktischen Umgang mit Fotografien mit auf den Weg, sie zeigt auch weitere Anknüpfungspunkte auf und weist darauf hin, an welchen Stellen das Konzept Spielraum für Variationen bietet.
Etwas schade ist, dass die zu Beginn sympathisch anmutende Integration von Fotografie in die Definition von Bildlichkeit, letztendlich alle anderen Bild-Formen vergessen lässt. Es wäre schön gewesen, eine der Segmentanalysen an einem Gemälde oder Objekt der Bildenden Kunst zu verfolgen. Wer sich also, insbesondere mit fotografiebasierten Visualisierungen auseinandersetzen möchte und dabei den Bezug zur theoretischen Fundierung behalten will, der hat mit Breckners Sozialtheorie des Bildes eine Schrift an der Hand, die diese Absicherung leisten kann und über sich selbst an zahlreichen Stellen hinausweist.


Roswitha Breckner: Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien. Bielefeld: Transcript Verlag, 2010. 331 S., zahlreiche, zum Teil farbige Abbildungen, kartoniert, 29,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1282-0



Inhaltsverzeichnis


Einleitung 9

Wirklichkeiten im Bild – Bildwirklichkeiten: Skizze grundlagentheoretischer Positionen I
19
Zum Umgang mit der Frage "Was ist ein Bild" 21
Bilder als symbolische Gestaltung der Welt 30
Bedeutung als relationaler und funktionaler Zusammenhang 34
Anzeichen und Symbole 37
Denotative und konnotative Bedeutungsfunktionen 40
Präsentative versus diskursive Formen der Symbolisierung 44
"Sinngewebe" 49
Symbolisierungsprozesse in sozialen Welten 53

Bildinterpretation I: "Trend Privat" – zur Inszenierung einer Ökonomie 63

Wirklichkeiten im Bild – Bildwirklichkeiten: Skizze grundlagentheoretischer Positionen II
83
Bild als Materialität, Wahrnehmung, Imagination und Wirkung 83
Erzeugung von Sichtbarkeit: phänomenologische Bildkonzepte 85
Sinn durch Zeigen: Ikonische Differenz und die Logik der Kontraste 95
Das wirksame Eigenleben und die Macht der Bilder 107
'Etwas' 'als etwas' und 'sich' 'für jemanden' zeigen:
Zwischenbetrachtung zum Verhältnis von Bild und Wirklichkeit 111

Bildinterpretation II: Körper im Bild – eine Fotografie von Helmut Newton 125

Körper – Medium – Blick – Bild
145
Die Bildhaftigkeit des Körpers in sozialen Situationen und in Bilder-Rahmen 149
Leibliche Bezüge symbolisch gestalteter Körperbilder 161
Der Körper als 'Ort der Bilder' 168
Blickverhältnisse in und mit Bildern 173

Bildinterpretation III: Bildbiographien – Biographiebilder in einem privaten Fotoalbum
179

Fotografie als Bildakt
237
Fotografie als materialisierte Spur fotografischer Akte 245
Fotografie im Verhältnis zu Raum und Zeit 248
Fotografie als Medium sozialer Zusammenhänge 258
Fotografie und Wirklichkeit – eine Zusammenfassung 262

Methodologische Prinzipien und methodisches Verfahren 265
Bild, Fotografie und soziale Wirklichkeiten: Potentielle Analysedimensionen 267
Methodologische Prinzipien 270
Fallanalyse und Gestaltrekonstruktion 272
Wiedererkennendes und Sehendes Sehen: Ikonographie, Ikonologie, Ikonik 276
Perspektivische Projektion, szenische Choreographie und planimetrische Komposition 281
Methodisches Verfahren 286
Segmentanalyse einzelner Bilder 287
Interpretation von Bildserien oder Bildsammlungen 294

Bildinterpretation IV: 'Fremde' im öffentlichen Bilderraum zwischen Abwesenheit und kolonialen Blickverhältnissen 297

Auf den Spuren einer soziologischen Bildtheorie – ein Ausblick
313

Literatur 317


Working with Images: Understanding—Use—Instrumentalization

With her monograph Sozialtheorie des Bildes (Social Theory of the Image), sociologist Roswitha Breckner presents a work in which theory and philosophy of the image becomes the basis for a larger understanding of pictorial representation. She aims to spur a discussion about what pictures have to do with reality. She shows the function and procedure of the method of a segment analysis. The whole theoretical part is mainly based on the theory of symbol by Susanne Langer. With that choice, she realizes not only a theoretical basis, but also a change of perspective, which allows for looking at pictures without thinking of the media of their representation.


© bei der Autorin und bei KULT_online