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Fortsetzung folgt. 9/11 in amerikanischen Fernsehserien, Filmen und Romanen

Eine Rezension von Heide Reinhäckel

Hoth, Stefanie: Medium und Ereignis. ›9/11‹ im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman. Heidelberg: Winter, 2011.

Zehn Jahre nach den New Yorker Terroranschlägen liegt mit der Monographie
Medium und Ereignis. ›9/11‹ im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman eine profunde narratologische Analyse der fiktionalisierten und fiktionalen Remediationen von 9/11 vor. Durch die Analyse der drei Genres Film, Fernsehen und Literatur entsteht ein komplexes Bild der unterschiedlichen Bezugnahmen und Verarbeitungen des kollektiven Traumas in der amerikanischen Kultur – ein gewinnbringender, bilanzierender Beitrag zum wissenschaftlichen 9/11-Diskurs und über die Ereigniskonstruktionen innerhalb der Mediengesellschaft. 


Pünktlich im Jahr des zehnten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 erscheint mit Stefanie Hoths Studie Medium und Ereignis. '9/11' im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman eine narratologische Untersuchung über die fiktionalen Verarbeitungen des epochalen Ereignisses in den USA. Liegen mit Thomas Schneiders Monographie Der 11. September 2001 im amerikanischen Kino. Zur filmischen Verarbeitung eines kollektiven Traumas (2008) und zahlreichen Beiträgen zum Verhältnis von 9/11 und amerikanischer Gegenwartsliteratur – zum Beispiel Sebastian Domsch (Hg.): Amerikanisches Erzählen nach 2000. Eine Bestandsaufnahme (2008) und Ann Keniston (Hg.): Literature after 9/11 (2008) – bereits Untersuchungen über die Repräsentation der Terroranschläge in Einzelmedien vor, ist der besondere Ansatz der vorliegenden Studie die Untersuchung der drei Genres Film, Fernsehserie und Roman. Ausgehend vom erzählerischen Potential der "drei populäre[n] narrative[n] Mediensorten" (S. 6) fragt die Studie nach den genre- und medienspezifischen Darstellungen von 9/11-Narrativen sowie deren Semantisierungen und Funktionen.

Der Aufbau der Studie orientiert sich an einem dreiteiligen Theoriedesign. Eröffnend wird aus konstruktivistischer Perspektive die Ereigniskonstitution von 9/11 in den Nachrichtenmedien beschrieben, welche mittels der Prozesse der Narrativisierung, Visualisierung und Topisierung erfolgt. Zudem geht es um das komplexe Verhältnis des Medienereignisses 11. September zur Realitätsstruktur einer Mediengesellschaft, in deren kulturelle Wissensbestände das Ereignis 9/11 durch Remediationen als Prozesse des medialen Rückbezugs eingeht. Bei ihrer Kontextualisierung der untersuchten amerikanischen Medienformate hebt die Autorin insbesondere den Aspekt hervor, dass die Anschläge als kollektives Trauma der amerikanischen Nation interpretiert wurden.
In einem zweiten Schritt stellt sie ein narratologisches "Beschreibungsmodell für fiktionalisierte Narrative der Terroranschläge" (S. 116) vor, das als Grundlage für die transgenerische und transmediale Erzählanalyse ausgewählter amerikanischer Filme, Fernsehserien und Romane aus dem Zeitraum 2001 bis 2007 im drittem Teil dient.

Als Ergebnis konstatiert die Studie einerseits unterschiedliche Reaktionsgeschwindigkeiten, andererseits einheitliche Topoi der untersuchten Medienformate. Während die filmischen sowie literarischen Remediationen eher verhalten einsetzten und sich erst ab 2006 intensivierten, erwiesen sich die Fernsehserien als die reaktionsschnellsten Medienformate. In den TV-Serien, deren Drehbücher innerhalb weniger Wochen von Autorenteams geschrieben bzw. umgeschrieben wurden, fungiert 9/11 zumeist als Referenzereignis in einzelnen Episoden und die Serien erzählen überwiegend das Lebensgefühl der Post-9/11-Ära. In diesem Kontext thematisieren die Serien, wie beispielsweise die für ihre Folterszenen bekannte Echtzeit-Serie 24, die die Verfasserin bedauerlicherweise nur als Beispiel anführt und nicht analysiert, zunehmend das Thema des internationalen Terrorismus und die Einschränkung der Bürger- und Freiheitsrechte als Folge des Patriot Acts.
Dem amerikanischen Film bescheinigt die Studie eine Tendenz zu fiktionalisierten Formaten wie Oliver Stones World Trade Center oder Paul Greengrass' Dokudrama Unites 93, während die Literatur ausschließlich, auch durch die Konkurrenz des Sachbuchmarktes und der Betroffenenliteratur, fiktive Formate bevorzugt.

Die Studie stellt generell für die untersuchten Formate eine amerikanische Perspektive der Trauer und des Verlustes fest, die dominant über Individualschicksale realisiert wird. Dies führt zu einer eher zögerlichen Darstellung der politischen Vorgeschichte, Folgen und Dimension von 9/11, die im Gegensatz zur politischen Instrumentalisierung des 11. September durch die Bush-Administration steht.

Vor allem drei Aspekte machen den Gewinn dieser anschaulichen und materialreichen Studie aus: der multi-methodische Ansatz durch die Kombination von narratologisch ausgerichteter Textanalyse, Filmanalyse und Fernsehanalyse, das transmediale und transgenerische narratologische Beschreibungsmodell, das beispielsweise auch an Art Spiegelmans Comic In the Shadow of no Towers oder Mark Ravenhills Theaterstück Das Produkt erprobt werden könnte, und die Nobilitierung der Fernsehserie. Besonders die Berücksichtigung der im letzten Jahrzehnt auch im Feuilleton und in der Wissenschaft salonfähig gewordenen TV-Serien platziert die Arbeit im aktuellen Diskurs über das popkulturelle Fernsehformat. So outeten sich die Autoren Ulrich Peltzer, Martin Klug und David Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Juni 2010 im Gespräch mit Richard Kämmerlings als Serienjunkies und der Literaturkritiker Klaus Nüchtern lobpreiste in seinem Artikel Lesen sie fern? im Juli-Heft von Literaturen die TV-Serien.

Erwähnte Literatur:
Thomas Schneider: Der 11. September 2001 im amerikanischen Kino. Zur filmischen Verarbeitung eines kollektiven Traumas. Marburg: Tectum 2008.
Sebastian Domsch (Hg.): Amerikanisches Erzählen nach 2000. Eine Bestandsaufnahme. München: Edition Text + Kritik 2008.
Ann Keniston (Hg.): Literature after 9/11. New York u.a: Routledge 2008.
Richard Kämmerlings im Gespräch mit Martin Klug, Ulrich Peltzer und David Wagner: "Das Fernsehen schaut uns an". In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 2010.
Klaus Nüchtern: "Lesen Sie fern? Die avancierteste Form des Erzählens findet heute im Fernsehen statt. Dass sich Literatur dennoch nicht fürchten muss, beweist der US-Autor Richard Price, der sowohl Romane als auch Drehbücher für TV-Serien schreibt." In: Literaturen Juli 2011.


Stefanie Hoth: Medium und Ereignis. '9/11' im amerikanischen Film, Fernsehen und Roman. Heidelberg: Winter, 2011. 309 S., 3 Abb., gb., 49,00 Euro. ISBN:978-3-8253-5516-6


Inhaltsverzeichnis

Vorwort IX

1 Kultur – Medien – Ereignis: Repräsentationen des '11. Septembers' in fiktionalen Medien 1

2 Vom Geschehen zur Geschichte: Die Konstituierung des Ereignisses '9/11' in der nachrichtenmedialen Berichterstattung 19
2.1 Der mediale Ausnahmezustand: Der '11. September' als Fernsehereignis 21
2.2 Bildereignis – Ereignisbilder: Von Bildern zu Ikonen 28
2.3 Die Versprachlichung des Geschehens: Narrativisierung und Topisierung 37
2.4 Die kulturelle Kontextualisierung und Verarbeitung der Terroranschläge in den Vereinigten Staaten 51

3 Die Medien- und Genrespezifik fiktionaler '9/11'-Narrative: Kategorien zur Analyse von Romanen, Filmen und Fernsehserien 59
3.1 Mono- vs. plurimediales Erzählen: Zur Spezifik von literarischen und audiovisuellen Narrativen 62
3.1.1 Erzählliteratur als monomediale Erzählform 63
3.1.2 Die Plurimedialität filmischen Erzählens 66
3.13 Medienspezifische Kommunikationsmodelle für literarische und audiovisuelle Medien 72
3.2 Die erzählte Welt: Figur – Handlung – Raum und Zeit 79
3.2.1 Personal, Figurenkonstellation und -charakterisierung 79
3.2.2 Handlung, Plotstrukuren, Texteinstieg und Schlussgebung 87
3.2.3 Raum- und Zeitdarstellung
3.3 Die erzählerische Vermittlung und Perspektivenstruktur 103
3.4 Formen und Funktionen intra- und intermedialer Bezugnahmen in fiktionalen Narrativen der Terroranschläge 108
3.5 '9/11' -Darstellungen zwischen Illusionsbildung und Metafiktion 112
3.6 Kriterien für eine intermediale Analyse von Romanen, Filmen und Fernsehserien 116

4. Plot Point '9/11': Die Terroranschläge in ausgewählten amerikanischen Filmen, Fernsehserien und Romanen 119
4.1 '9/11' in amerikanischen Spielfilmen: Spuren im Alltag und die unmittelbare Darstellung des Geschehens 119
4.1.1 Der Einbruch in die Wirklichkeit und das Spiel mit der Visibilität im "USA"-Segment in 11'09''01 120
4.1.2 Die atmosphärische Präsenz der Anschläge und die Inszenierung der Veränderung New Yorks in 25th Hour 224
4.1.3 "The new normal": Die unmögliche Rückkehr zum Alltag in der Dramenverfilmung The Guys 133
4.1.4 "Hovering around like a frog": '9/11' als handlungsübergreifender Bezugspunkt in dem Episodenfilm The Great New Wonderful 142
4.1.5 Das Füllen medialer Lehrstellen und die Einbeziehung der Täterperspektive in dem Dokudrama United 93 148
4.1.6 "From the macro to the micro" – Die multifunktionale Semantisierung des Ereignisses in World Trade Center 156
4.1.7 Zwischenfazit 168

4.2 Genrekonventionen und die Funktionalisierung des Ereignisses in der Verarbeitung von '9/11' in amerikanischen Fernsehserien 171
4.2.1 Die Perspektive der Helfer und die Beschäftigung mit der Heldenverehrung in Third Watch 172
4.2.2 Situationskomik post '9/11': Visuelle Bezüge in Friends 179
4.2.3 Die sentimentale Auseinandersetzung mit '9/11' und der Trauer in Ally McBeal 184
4.2.4 Die Erinnerung an persönliche Verluste und die Schuldfrage in Judging Amy 190
4.2.5 Der Umgang mit Terrorverdächtigen und die Traumatisierung nach '9/11': Die Anschläge in Without a Trace 193
4.2.6 Die Terroranschläge als episodenübergreifende Storyline in Rescue Me 204
4.2.7 Zwischenfazit 219

4.3 Das Ereignis '9/11' im amerikanischen Roman: Bezüge zu audiovisuellen Medien und die individuelle Dimension 224
4.3.1 '9/11' als Auslöser von nationalem Terrorismus in Michael Cunninghams Specimen Days 225
4.3.2 Medial vermitteltes Ereignis vs. eigene Erfahrung in Reynolds Prices The Good Priest's Son 232
4.3.3 Die Anschläge als persönliche Zäsur in Jay McInerneys The Good Life 241
4.3.4 Die Semantisierung von Sprache in Lynne Sharon Schwartz' The Writing on the Wall 249
4.3.5 '9/11' als individuelle Verlusterfahrung in Jonathan Safran Foers Extremely Loud & Incredibly Close 260
4.3.6 Terror in der Endlosschleife: Don DeLillos Falling Man 273
4.3.7 Zwischenfazit 281

5 Zusammenfassung und Ausblick: Medienkultur '9/11' – "Casting a Shadow" 285

6 Bibliographie 290
6.1 Primärmedien 290
6.2 Sekundärliteratur


To Be Continued. 9/11 in American TV Series, Films, and Novels

Ten years after the event, this new study offers a profound narratological analysis of American 9/11 fiction in the fields of literature, television, and movies. It shows how the media take part in reacting to a collective trauma by (re-)constructing different facets of a complex media event and its cultural meaning. A fruitful, balanced contribution to the academic discourse of 9/11.


© bei der Autorin und bei KULT_online