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Die Beschreibung des "wissenschaftlich Unfassbaren": Von Monstrositäten und Normalitäten

Eine Rezension von Andrea Zittlau (Rostock)

Stammberger, Birgit: Monster und Freaks. Eine Wissensgeschichte außergewöhnlicher Körper im 19. Jahrhundert. Bielefeld: transcript, 2011.

Die Konstruktion von Monstrositäten in den Wissenschaften und die öffentliche Zurschaustellung von sogenannten Freaks als populäre Unterhaltung im 19. Jahrhundert sind unentwirrbar miteinander verbunden. Während oft nur der eine oder der andere Bereich untersucht wird, setzt Birgit Stammberger mit ihrer kulturphilosophischen Studie genau an der Verknüpfung beider Diskurse an und verdeutlicht ihre komplexen Abhängigkeiten. Mit Hilfe der Diskursanalyse nach Michel Foucault untersucht sie wissenschaftliche Texte, die Monstrositäten, Pathologien und konsequenter Weise auch das Normale beständig neu definieren und erschaffen. Der Körper, wie Stammberger am Beispiel des weiblichen Geschlechts zeigt, ist kein geschichtsloser Raum, sondern immer ein Orientierungsraster zur Definition von Normalität, das gesellschaftliche Einstellungen zu Rasse und Geschlecht offenbart.



Als sehr junge Fachdisziplin haben sich die Disability Studies seit den 1990ern besonders in den USA etabliert. Eines ihrer beliebten Forschungsthemen sind die sogenannten Freaks, außergewöhnliche Körper, deren Ausstellung auf Jahrmärkten, in Museen und Zirkussen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Als wichtiger Bestandteil der Unterhaltungsindustrie sind Freaks ergiebig als (amerikanische) Populärkultur untersucht worden (z.B. Rosemarie Garland Thomson (Hg.): Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York: New York University Press, 1996). Im deutschsprachigen Raum hat das Phänomen jedoch bisher wenig Beachtung gefunden, wenn man von der schon etwas älteren Aufarbeitung der Wiener Sammlung Felix Adanos absieht (Hans Scheugl: Show Freaks und Monster. Die Sammlung Felix Adanos. Köln: DuMont, 1974). Das ist überraschend, denn die Freakshows prägten Ende des 19. Jahrhunderts die deutsche Populärkultur und waren zugleich essentielle Bestandteile wissenschaftlicher Diskurse. Diese Schnittstelle ist es, an der Birgit Stammberger mit ihrer nun als Monographie veröffentlichten Dissertation ansetzt. Es liegt ihr daran zu zeigen, wie die Subjekte der Unterhaltungsbranche entscheidend ein medizinisches Verständnis von Körper geprägt haben – und nicht zuletzt auch die Interpretation von Geschlecht.

In ihrem ersten Kapitel über die Geschichte der Monster und Monstrositäten geht es Stammberger insbesondere um die Kritik einer Abgrenzung zwischen Populär- und Wissenschaftsdiskurs. Es handelt sich hierbei nämlich nicht, wie oft angenommen, um Gegensätze etwa von "falschem" und "wahrem" Wissen, sondern um unterschiedliche Ausrichtungen des Körperverständnisses. Im Mittelpunkt des Kapitels steht die Kritik an zwei wissenschaftlichen Texten. Zum einen an Ulrich Bischoffs "Freaks, Abnormitäten, Schaustellerei" (1978) und zum anderen an Thomas Machos "Leichen im Keller. Zum Rückzug des Monströsen" (1999). Bischoff untersucht Freakshows als verfehlte Aneignung wissenschaftlichen Wissens, während Machos Beitrag die Entzauberung des Monsters in den Wissenschaften seit der Aufklärung analysiert. Dabei entgeht beiden, so Stammberger, dass es gerade in der Moderne zu einer Dynamisierung und Ausdifferenzierung des Monsterbegriffs kommt und die Monster folglich nicht verschwinden, sondern fester Bestandteil einer natürlichen Ordnung und etablierte Objekte des Wissens werden.

Bevor Monster unzähligen Definitionsversuchen in der Medizin unterlagen, waren sie ein Problem der Rechtslehre und der Politik. Stammberger gelingt es, die Disziplinen in ihrem zweiten Kapitel zur Wissenschaftsgeschichte der Monstrositäten zusammenzudenken und die gesellschaftliche Etablierung des Monsters als Orientierungsraster für das Verständnis von Individualität in der Moderne herauszuarbeiten. Dabei gestaltet sich die Unterscheidung zwischen normal und pathologisch als elementar für moderne Gesellschaften (vgl. S. 89). Besonders erhellend ist hier die Analyse der in Deutschland sehr lange nicht beachteten Texte von George Canguilhem, der auch im Dialog mit Foucault gedacht wird.
In diesem Kapitel wird bereits die Etablierung des weiblichen Geschlechts als Monster untersucht. Wenn nämlich nicht mehr der ganze Körper, sondern Teilbereiche in ihren Abweichungen die Grundlage für ein Verständnis von Monstrositäten bilden, ist dies die Grundlage für das monströse weibliche Geschlecht. Interessanter Weise fällt die Verwissenschaftlichung des weiblichen Körpers mit einem tiefgreifenden Wandel der Definition von Monstrositäten zusammen (vgl. S. 105), die sich, laut Stammberger, als wegbereitend für biologische Geschlechterdiskurse erweist.

In dem wohl wichtigsten Kapitel der Studie geht es Stammberger um das monströse weibliche Geschlecht. Dessen Konstruktion wird anschaulich an verschiedenen Beispielen illustriert. So stellt Stammberger Rudolf Virchows Untersuchungsergebnisse zu den siamesischen Zwillingen "Chrissie und Millie" und "Chang und Eng Bunker" gegenüber, um zu zeigen, dass ein Interesse für die Genitalien und Sexualität eben nur im Falle der Frauen vorhanden war und hier die wissenschaftliche Diskussion sogar dominierte. Auch die als "Hottentott-Venus" berühmt gewordene Sara Baartman zog nach ihrem Tod das wissenschaftliche Interesse einzig und allein auf ihre Geschlechtsorgane. In diesem Kapitel bringt Stammberger alle Elemente ihrer Studie zusammen: die Freakshows mit der Wissenschaft, den Geschlechterdiskurs mit dem Fremdheitsdiskurs, das Normale mit dem Pathologischen, das Individuelle mit der Gesellschaft.

Die Studie ist theoretisch sehr informiert und anspruchsvoll und unterstreicht auch durch ihre Struktur die komplexe Verflechtung der unterschiedlichen Diskurse über Monster, Monstrositäten und Freaks. In gewisser Weise kreiert Stammberger ihren eigenen Hypertext durch Fußnoten und Querverweise. Denn die scheinbar chronologischen und thematischen Kapitel erweisen sich doch als miteinander vernetzt, wenn nicht sogar verknotet. Es geht Stammberger nicht darum, die Geschichte der außergewöhnlichen Körper zu entwirren, sondern ganz im Gegenteil unterstreicht sie mit ihrem Buch, dass Monstrositäten keine Krankheiten sind, "sondern radikale Pathologien, denen etwas Unvorhersehbares und wissenschaftlich Unerfassbares anhaftet" (S. 117), etwas, das sich jeglicher Kategorisierung entzieht.


Stammberger, Birgit: Monster und Freaks. Eine Wissensgeschichte außergewöhnlicher Körper im 19. Jahrhundert. Bielefeld: transcript Verlag, 2011 (Reihe Science Studies). 341 S., kart., 32,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1607-1


Inhaltsverzeichnis


Danksagung 9

1 Einleitung 11
1.1 Monster 11
1.2 Versuch einer Definition 18
1.3 Kulturelle Praktiken und wissenschaftshistorische Ansätze 24
1.4 Moderne Monstrositäten: Normalisierung und Geschlecht 28
1.5 Der Aufbau der Studie 32

2 Zur Geschichte der Monster und Monstrositäten 39
2.1 Das Monster im Zirkus und die Monster in den Wissenschaften 39
2.2 Von der Rationalisierung des Monsters im 19. Jahrhundert: eine Kritik 52
2.3 Vom Monster als Wunder zu den Monstrositäten als Wissensobjekte 65

3 Zur Wissenschaftsgeschichte der Monstrositäten 85
3.1 Wissenschaftliche Diskurse: Physiologien des Körpers im 19. Jahrhundert 85
3.2 Geschlechterdiskurs: Zur Konvergenz von Geschlecht und Monstrosität 92
3.3 Die Medizin als Leitwissenschaft der Monstrositäten: Zwei Betrachtungen 108
3.4 Der medizinische Diskurs über das Pathologische und das Normale 117
3.5 Canguilhem: Monstrositäten, das Pathologische und das Normale 127
3.6 Normalisierungspraktiken und die Zweideutigkeit des Anormalen 154
3.7 Die politische Dimension des Monsters nach Foucault 178
3.8 Zwischenfazit 206

4 Das monströse Geschlecht 209
4.1 Momente des Verstummens: das Monströse und das Ausgeschlossene 209
4.2 Plaudereien mit Monstrositäten: Rudolf Virchow 217
4.3 Sara Baartman als die 'Venus der Hottentotten' 239
Exkurs: Heterogene Aussagen und kanonisiertes Wissen 270
4.4 Der weibliche Körper als Gegenstand medizinisch-ethnologischer Aussagen 280
4.5 Experiment und Teratologie: Vom Ende der Monstrositäten in der Medizin 299

5 Schlussbetrachtung 309
5.1 Freaks, Monster und der Geschlechterdiskurs im 19. Jahrhundert 309
5.2 Ausblick: Die Geburtsstunde neuer Monster im 20. Jahrhundert 311

6 Quellen 317
6.1 Literatur 317
6.2 Abbildungen 341

Describing the "Scientifically Incomprehensible": Monstrosities and Normalities

In the 19th century the so-called freaks were displayed in public while science constructed its own monstrosities. Both discourses are intimately connected with each other, but are often separated when studied by scholars. Birgit Stammberger succeeds in discussing both discourses together in her cultural philosophical study, which reveals the entanglements between science and popular culture. Based on Michel Foucault’s understanding of discourses, Stammberger analyses academic texts that continuously define and create monstrosities, pathologies, and consequently shape an understanding of normality. The body, as Stammberger shows using the case study of the female sex, is not without a history. Instead, it always serves to define normality and thus reveals society’s attitudes towards race and gender.


© bei der Autorin und bei KULT_online