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Der Egmont-Mythos als Beispiel für die Konstruktion historischen Verständnisses

Eine Rezension von Dr. Dirk Maczkiewitz (Münster)

Rittersma, Regenier: Egmont da capo - eine mythogenetische Studie. Münster: Waxmann, 2009.

Das vorliegende Buch ist die überarbeitete Fassung der Dissertation Rengenier C. Rittersmas. In ihm zeigt der Autor am Beispiel Egmonts und seines Nachlebens, wie Mythen bewusst oder unbewusst konstruiert werden, sich verselbständigen und am Ende ein Eigenleben entwickeln. Durch fundierte Quellenarbeit zur Rezeptionsgeschichte des Egmont-Mythos wird deutlich, dass Mythen mit den historischen Ereignissen zwar in direktem Zusammenhang stehen können, aber keineswegs mehr müssen.


Egmont und Hoorn gehören zu den zentralen Figuren jenes Konfliktes, der als niederländischer Aufstand gegen Spanien in die Geschichte eingegangen ist. Nachleben und Mythogenese eines der beiden, Egmont, sind Gegenstand von Rengenier C. Rittersmas Monographie Egmont da capo – eine mythogenetische Studie.
Das Werk ist die überarbeitete Fassung seiner 2006 vorgelegten Dissertation und ist als Band 44 in der Reihe Niederlande-Studien im Waxmann-Verlag erschienen. Auf insgesamt 352 Seiten geht Rittersma der Frage nach, wie aus der realen Person, die am 5. Juni 1568 in Brüssel öffentlich hingerichtet wurde, jener Mythos "Egmont" wurde, dessen Wirkung weit über die historische Figur hinausgeht (vgl. S. 16). Als Zeitraum seiner Betrachtung wählte der Autor die Jahre zwischen Egmonts Tod 1568 und dem Beginn der französischen Revolution 1789.

Rittersma gliedert seine Arbeit in drei Hauptkapitel, die von Einleitung und Schlussbetrachtung sowie sechs Anhängen flankiert werden.In der Einleitung wird dem Leser neben der üblichen Herleitung der Fragestellung und einem kurzen Forschungsüberblick ein knappes theoretisches Grundgerüst rund um das Thema "Mythos und Mythogenese" gegeben.
Im ersten Teil zeigt Rittersma dann, dass schon Egmonts Zeitgenossen dessen Hinrichtung und die Gründe, die zu ihr führten, unterschiedlich beurteilten. Mal stand sie in der Tradition jener schon in der Antike gerühmten belgisch-batavischen Tapferkeit und des daraus resultierenden Konfliktes um die – je nach Lesart – von Philipp II. tatsächlich oder nur vermeintlich eingeschränkten niederländischen Freiheitsrechte. Mal war sie ein sakraler Bußgang und ein anderes Mal die Folge der persönlichen Rivalität zwischen Egmont und Herzog Alba.
Die Historiographie des 17. Jahrhunderts, der sich der Autor im zweiten Teil widmet, und die maßgeblich von den siegreichen nordniederländischen Provinzen geprägt wurde, legte dann, vor allem in den Werken Hugo Grotius’ und de Thous’, den Grundstein für die eigentliche Mythenbildung rund um Egmont. Es gab damals aber auch andere Deutungsansätze, wie die Stradas und Bentivoglios, die vor dem Hintergrund ihrer italienischen Heimat schrieben.Eine solche barocke Rezeption gab es in Deutschland "trotz regen deutsch-niederländischen Kulturaustausches" (S. 199) nicht. Erst mit Schiller und Goethe bekam "Egmont im europäischen Revolutionszeitalter" (ebd.) somit jenen Platz zugewiesen, den Rittersma im dritten Teil seiner Arbeit als Verklärung des Unverstellten bezeichnet (vgl. ebd.). Die Egmont-Rezeption seit dieser Zeit ist für den Autor in erster Linie eine Rezeption eben dieses hauptsächlich von Goethe geschaffenen Konstruktes.
In seiner Schlussbetrachtung betont Rittersma die hohe Eigendynamik, die der Egmont-Mythos an den Tag legte, und stellt gleichzeitig die These auf, dass Mythen meist keine reinen Konstrukte, sondern eher Amplifikationen sein. Sie scheinen für ihn Versinnbildlichung des menschlichen Wunsches zu sein, "sich des 'Webstuhls der Zeit' zu bemächtigen" (S. 289).

In insgesamt sechs Anhängen erhält der Leser einen umfassenden Einblick in die Quellenfülle zum Egmont-Mythos und darin, wie diese Quellen sich untereinander verzahnten und sich gegenseitig beeinflussten. Hier sei besonders der Anhang IV erwähnt, der zeigt, wie und wo die einzelnen Chronisten des Aufstandes an ihr Wissen über Egmont und sein Ende gelangten. Oder deutlicher gesagt: wer von wem abschrieb.

Rittersmas Arbeit besticht durch ihre profunden Quellenkenntnisse, die es dem Autor ermöglichen, detailliert aufzuzeigen, wer von wem wie beeinflusst wurde, wie sich einzelne Deutungsmuster gegen andere durchsetzten oder auch vermischten und schließlich zum "Mythos Egmont" wurden. Dabei ist es auch legitim, wie hier geschehen, andere Akteure des niederländischen Aufstandes vor allem Wilhelm von Oranien und dessen Sohn Moritz, aber auch Wilhelm von Lumey oder Oldenbarnevelt bewusst auszuklammern. Es birgt aber zugleich die Gefahr, den Mythos Egmont im Vergleich zu anderen Gründungsmythen der niederländischen Nation überzubewerten – auch wenn dies explizit nicht die Absicht des Autors ist (vgl. S. 19). Dies gilt umso mehr, als die Katholiken Egmont und Hoorn in den nördlichen Provinzen nie jene Popularität genossen wie im heutigen Belgien. So ist die Beschäftigung Schillers und Goethes mit Egmont natürlich unstrittig, aber doch auch eingebettet in ein allgemeines Interesse an dem, was in ihren Augen der bewundernswerte Freiheitskampf eines kleinen, tapferen Volkes gegen einen übermächtigen Tyrannen war. Hier sei nur auf Schillers Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung und auf sein Drama Don Carlos hingewiesen.

Ebenfalls legitim, wenn auch aus der Sicht des Rezensenten unnötig, ist der manchmal etwas eigenwillig anmutende Umgang mit Definitionen, wie dem der Protohistoriographie. Schwieriger wiegt da schon der doch recht knappe theoretische Unterbau zum Thema "Mythos" in der Einleitung. Hier hätte man sich eine intensivere Auseinandersetzung mit Autoren wie Jan Assmann, Helmut Berding und Claude Lévi-Strauss gewünscht, zumal der Autor an zahlreichen Stellen beweist, dass ihm diese durchaus präsent sind. Dieser Mangel dürfte zumindest zum Teil dem Umstand geschuldet sein, dass eine Dissertation in der Regel vor Drucklegung zur Reduktion von Kosten und Komplexität überarbeitet und gekürzt wird. Die vorliegende Arbeit ist damit sicherlich kein Buch für Einsteiger in die Geschichte des niederländischen Aufstandes und auch nicht für Einsteiger in die moderne Soziologie. Das will es aber auch gar nicht sein (vgl. S. 22 f.) Das große Verdienst dieser Untersuchung ist der enorme Erkenntnisgewinn im Bereich der Rezeptionsgeschichte. Selbst dem versierten Kenner dürften die zahlreichen Mosaiksteine, die erst in ihrer Gesamtheit die Entstehung des Mythos Egmont ergeben und die bis ins 21. Jahrhundert hinreichen, nicht geläufig sein. Rittersma liefert damit am Bespiel Egmonts eine überzeugende Studie dazu ab, wie Mythen bewusst oder unbewusst konstruiert werden, sich verselbständigen und am Ende ein Eigenleben entwickeln, das mit den historischen Ereignissen zwar in direktem Zusammenhang stehen kann, aber keineswegs mehr muss.


Rittersma, Rengenier C.: Egmont da capo - eine mythogenetische Studie. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann, 2009. 352 Seiten, gebunden, 39,90 Euro. ISBN 978-3-8309-2134-9


Inhaltsverzeichnis


Einführung 15

1. TEIL Das Unerhörte einordnen: Egmont in der Protohistoriographie

A. Prolegomena
Kap. I Vorbemerkungen zum Phänomen Nachleben wie zum Stellenwert der protohistoriographischen Quellen und Fragestellung 24
Kap. II Biographische Informationen über die Augenzeugen und die anderen Verfasser 30

B. Die verschiedenen Schichten der frühen Egmont-Rezeption
Kap. III Die atavistische Schicht 35
Kap. IV Diepartikularistische Schicht 39
Kap. V Die theokratisch-heilshistorische Schicht 44
Kap. VI Die religiös-konfessionelle Schicht 47
Kap. VII Die personzentrierte Schicht 51
Intermezzo: Die sakrale Schicht 61
Fortsetzung der personzentrierten Schicht 64
Kap. VIII Die antihispanische Schicht 77
Kap. IX Die antihispanische Schicht in der frühen ausländischen Egmont-Rezeption 85
Schlußbetrachtung: Vom Umgang mit den Tücken der Geschichte 91

2. TEIL Den Unzeitgemäßen ausschlachten: Egmont in der Historiographie

Kap. X Vorben zum Quellenkorpus und Fragestellung 99
Kap. XI Eine historiographische Untergattung: die Herographie 105
Kap. XII Kampf um die Präponderanz: die Historiographie im Sog des konfessionellen Tauziehens 121
Kap. XIII Die Zielscheibe: Die Vorherrschaft der nordniederländischen Geschichtsschreibung 125
Kap. XIV Im Kielwasser der Politik: Grotius' Geschichtsschreibung als "Urkundung" der Republik 148
Kap. XV Im Zeichen der Wahrheitssuche:
De Thous Geschichtsschreibung als irenisches Manifest 154
Kap. XVI lm Banne der Prudentia: Stradas und Bentivoglios Geschichtsschreibung als politische Lektion 163
A. Barock: Mehr als bloßes Provisorium zwischen Renaissance und Aufklärung 164
B. "Quell' Aiace e questo Ulisse." Egmont und Oranien bei Strada und Bentivoglio 172
Kap. XVII Im Geiste der Aufklärung: Wagenaars Geschichtsschreibung als empirische Erschließung der Vergangenheit 185
Schlußbetrachtung: Vom Umgang mit dem Nachzügler der Geschichte 192

3. TEIL Den Unverstellten verklären: Egmont im europäischen Revolutionszeitalter

Teil A: Die Sackgasse:
Wie der deutsche Barock keine Egmont-Spur hinterließ 199

Teil B: "Die Bahn zum Ruhme":
Egmonts Sternstunde im Revolutionszeitalter 203
Kap. XVIII Fragestellung und thematische Abgrenzung 203
Kap. XIX Der Werdegang des Erwählten: Über Goethes Quellen seiner Egmont-Tragödie 207
Kap. XX Der Werdegang des Erwählten: Über Schillers Quellen seiner Egmont Thematisierung 220
Kap. XXI "Unter gleichen Konstellationen": Ein Stern über Brüssel, Rom, Weimar 234
Kap. XXII Egmont oder: das Zuviel an Edelmut 246
Kap. XXIII Egmont, der Biedermann, oder: das Lob des Redlichen und Unverstellten 264
Kap. XXIV Ausblick: Das Nachleben des Grafen Egmont seit 1800 274
Schlußbetrachtung: Vom Umgang mit den Schablonen der Geschichte 279

Nachwort: Vom Zappeln des Rumpfes und vom homo aniplificator 284

Anhang 1: Schachspielelement in Goethes Egmont 290
Anhang II: Abbildungen des Prozesses der Mykorrhiza 291
Anhang III: Textvergleich zwischen dem leperer Augenzeugenberichtund Pieter Christiaenszoon Bors Nederlantsche Oorloghen (...)293
Anhang IV: Schematische Abbildung der Transmission des Egmont-Stoffes zwischen der proto- und der historiographischen Phase der Egmont-Rezeption 297
Anhang V: Übersicht über den germanistischen Forschungsstand zu Goethes Egmont 303
Anhang VI: Vollständige Textstellen zu Egmonts Edelmut 314

Quellen 319

Pamphlete & Manuskripte 324

Sekundärliteratur 326

Personenregister 342

The Myth of Egmont as an Example of the Construction of Historical Understanding

Egmont and Hoorne are two central figures of a conflict commonly known as the Dutch Revolt. In his book Egmont da capo – eine mythogenetische Studie (Egmont da capo – a Mythogenetic Study), a revised version of his PhD thesis, Rittersma shows how one of them, Egmont, became mythical in stature, with meanings reaching well beyond the original event. By analyzing a large amount of sources from the reception of the Egmont mythos, the author gives a precise survey of how myths in general are constructed and how they create their own dynamic—a dynamic that can be based on the original history but need not.


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