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Das Bild der USA – Eine Einführung in US-amerikanische visuelle Kulturen

Eine Rezension von Dr. Julia Faisst

Decker, Christof (Hg.): Visuelle Kulturen der USA. Zur Geschichte von Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neuen Medien in Amerika. Bielefeld: transcript, 2010.

Mit dem Sammelband Visuelle Kulturen der USA legt Christof Decker, Medien- und Kulturwissenschaftler an der LMU München, die erste deutschsprachige Überblicksdarstellung zu US-amerikanischer Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neuen Medien vor – und damit einen umfassenden und aufschlussreichen Einstieg in die Bildwelten und Selbstbilder der USA. Die Geschichte der Technologien und kulturellen Aneignungen von visuellen Kulturen findet in dem komprimierten Handbuch ebenso detaillierte Berücksichtigung wie die Entwicklung von Themen, Stilen und Institutionen, die die globale "kulturelle Bedeutung von Visualität" (S. 9) ausmachen.  


Politische Bildrhetorik, Kunstavantgarde und kommerzielle Populärkultur in den USA unterliegen allesamt der Macht der Bilder. Aber visuelle Praktiken spielen nicht nur in der US-amerikanischen Gesellschaft und Kultur eine herausragende Rolle. Auch das Bild, das wir uns von den USA machen, ist von Hollywood-Filmen, Kriegsfotografie und Fernsehserien bestimmt. Aus transnationaler Perspektive – im Sinne des globalen Austauschs, aber auch der "mannigfaltigen Ethnien in der Binnenstruktur" (S. 10) einer USA, die als (multi)kulturelle, ökonomische und medialisierte "Machtformation" (S. 12) verstanden wird – widmen sich die Verfasser des vorliegenden Sammelbandes diesen visuellen Kulturen.
Den roten Faden bilden die in der Einleitung des Herausgebers skizzierten fünfzehn historischen Spannungsfelder wie eben Ethnizität, aber auch Geschlechtlichkeit, die Schaffung von Mythen oder Demokratieästhetik. Die informativen Überblicksdarstellungen wenden sich in erster Linie an Anfänger in Sachen US-amerikanische Bilderflut. Aber auch bereits versiertere Forscher der visuellen Kulturstudien mag der Band interessieren, denn sie werden neben kanonischen Werken weniger bekannte Episoden der Kulturgeschichte entdecken – etwa wenn Astrid Böger anhand der frühen Porträtkunst eines Mathew Brady die Umsetzung des "Ideal[s] der klassenlosen Gesellschaft" (S. 104) herausarbeitet, und dieser dann afro-amerikanische Fotografie als politisches Instrument der Emanzipation an die Seite stellt.

Bettina Friedl spannt den Bogen der Malerei von der Porträtkunst im 17. Jahrhundert bis zum Fotorealismus der 1970er. Besonderen Bedarf sieht sie im Ausgleich des Wissensdefizits um die Kunst des 19. Jahrhunderts – ein lobenswerter Anspruch, dem allerdings leider eine Dokumentation der Gegenwartskunst zum Opfer fällt. Ihren reichen Fundus an historischem Material verpackt sie bisweilen in lexikonartigen Passagen. Ihre treffenden Bildanalysen wiederum offerieren dann die aufschlussreichsten Einblicke, wenn sie in größere kulturgeschichtliche Zusammenhänge münden, wie etwa die Verherrlichung des Expansionsmythos in der Malerei des amerikanischen Westens oder die sublimen Landschaftsbetrachtungen der Hudson River School, die als Omen des Bürgerkriegs gelesen werden.

Astrid Bögers scharfsichtige Technik- und Ideengeschichte der Fotografie sticht hervor, indem sie die chronologischen Entwicklungen des Mediums und fotografische Praktiken sowohl in ihrer Komplexität als auch in anschaulicher Lesbarkeit nachzeichnet. Was Illustration sein könnte, gereicht der Autorin zum Argument. Durch die exzellente Gegenüberstellung zweier carte de visite etwa gelingt es ihr, deren unterschiedlichen Funktionen als "Identitätsausweise der dargestellten Person" und "massenproduziertes Sammlerobjekt, das [...] Kaufinteresse wecken sollte" (S. 111) vorzuführen. Damit untersucht sie auch die Pole zwischen Fotografie als Kunst und Technik. Dass selbst vermeintlich dokumentarische Formen zum Instrument ästhetischer Inszenierung geraten, wird spätestens dann deutlich, wenn sie die Brücke zur Fotografie als bevorzugtem Medium der Selbstinszenierung schlägt. Wie Böger anhand des Skandals um Abu Ghraib zeigt, ist jedoch auch die Diskussion um eine "Authentizität der Bilder" (S. 148) noch lange nicht zu Ende.

Mit Blick nicht nur auf den Spielfilm, sondern erfreulicherweise auch auf Filmgattungen wie Dokumentarfilm und Avantgardefilm, lotet Deckers instruktiver Aufsatz das "Spezifische des amerikanischen Kinos" (S. 163) anhand des Spannungsverhältnisses von drei Analysekategorien aus: Filmästhetik, institutioneller Kontext und kulturelle Funktionen. Bei letzterer geht es Decker vor allem um "Mythen und Ideologien der amerikanischen Selbstwahrnehmung" (S. 170) einer national-globalen Filmkultur, die sich seit ihren Anfängen an den "Bedürfnissen einer durch Immigration, Urbanisierung und Multikulturalität gekennzeichneten [...] Gesellschaft" (S. 174) orientiert. Er beeindruckt durch Diskussionen von der Etablierung des 'klassischen' Hollywood-Kinos über den sozial engagierten Film bis zur digitalen Revolution. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der ethnischen Kodierung von Film und Geschlechterverhältnissen (inklusive sexueller Alterität), Medienreflexion und Bewusstseinsprozessen.

Der Fokus von Ralph J. Pooles Beitrag zum Fernsehen liegt mehr auf Akteuren und Programmgestaltung, herausragenden Medienereignissen und einer Vielzahl von Serien als einer Auffächerung verschiedener Fernsehformate. Diese Herangehensweise ist der oft unterbelichteten Geschichte von Medienproduktion und -rezeption allerdings sehr zuträglich. Pooles Narrativ reicht vom television boom nach dem zweiten Weltkrieg, der mit radikalen Veränderungen im Familienalltag einherging, über die Herausbildung des Starsystems in Sitcoms bis zum Reality TV. Während der Autor immer wieder die historischen Vorläufer aktueller Debatten herausstreicht, reflektiert er die Problematik der erzieherischen Funktion des Mediums ebenso wie das eskapistische "Cocooning der jüngsten Gegenwart" (S. 253). Interessant lesen sich auch Episoden der politischen Fernsehgeschichte wie der "TV-Kampf gegen McCarthyism" (S. 258).

Sehr gelungen ist auch Randi Gunzenhäusers "kursorische Technologie-, Medien- und Kulturgeschichte des Digitalen in den USA anhand von Computerspielen" (S. 303) seit den 1950er Jahren. Neben der Klassifikation von Cybertheorien und Computerspielen vor dem Hintergrund technischer Fortschritte finden sich dank der "komplexen Hybridisierungen" (S. 351), die in der Struktur des Computers verankert sind, Querverweise zu Medien wie Comics und Film – etwa die Integration von filmischen Schnitttechniken in Actionsequenzen. So gelingt es der Autorin, eine faszinierende Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen von Intermedialität anzustoßen. Überdies behandelt sie unter dem Begriff der Spielästhetik Themen, die den heutigen Umgang nicht nur mit visuellen Medien kennzeichnen: Immersion und sinnliche Interaktion, Performativität und Gruppendynamik. Multiplayer-Rollenspiele etwa erlaubten größere "individuell[e], spontan[e] Handlungsfreiheit" (S. 323) und damit auch öffentliche Handlungsmacht.

Im Ganzen gesehen sind die Querverweise zwischen den einzelnen Kapiteln, die die verschiedenen Medienkulturen sowohl in ihrer Komplementarität als auch in ihrem Kontrast präsentieren, wertvoll: etwa wenn Böger zeigt, dass Film noir nicht nur von hard-boiled-Detektivgeschichten, sondern auch von den urbanen Unterwelten des New Yorker Fotografen Weegee beeinflusst ist. Vernetzungen, Konkurrenzen und Ungleichzeitigkeiten der unterschiedlichen Medientraditionen laden den Leser zur nichtlinearen Lektüre ein – also genau dem interdisziplinären Dialog, der die Studien zur visuellen Kultur heutzutage ausmacht. Auch die weiterführenden bibliografischen Hinweise erweisen sich in dieser Hinsicht als informativ.

Gerade weil dieser Band den Anspruch hat, einen umfassenden Überblick zu bieten und solch eine Fülle von lesenswertem Material beinhaltet, stellt er seine Leerstellen aus. Um die ganze Bandbreite vor allem der neuen Medientechniken und -ästhetiken (wie Comicromane oder Multimedia-Installationskunst) zu beleuchten, wäre ein Folgeband zur zeitgenössischen visuellen Medienkultur nur zu begrüßen. Dieser könnte auch mit einem Nachwort versehen werden, das die für die amerikanische Kulturgeschichte so entscheidenden Spannungsfelder der hier noch recht knappen Einleitung ausdifferenzieren und, basierend auf den einzelnen Kapiteln, systematisieren könnte. Insgesamt betrachtet wecken die mal mehr mal weniger exemplarischen Überblicksdarstellungen jedoch bereits exakt, was sie sollten: nämlich die Lust, sich eingehender mit der Materie der visuellen Kulturen – nicht nur der USA – zu befassen.


Christof Decker (Hg.): Visuelle Kulturen der USA. Zur Geschichte von Malerei, Fotografie, Film, Fernsehen und Neuen Medien in Amerika. Bielefeld: transcript, 2010. 358 S., Broschiert, Euro 29,80. ISBN 978-3-8376-1043-7


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

Einleitung 9

1. Die amerikanische Malerei zwischen 1670 und 1980
(Bettina Friedl)

1.1 Einleitung 15
1.2 Die Porträtmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts 18
1.3 Die Entdeckung der Landschaft im 19. Jahrhundert 31
1.4 Der amerikanische Westen als Sujet 40
1.5 Realismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts 46
1.6 Beginn der Moderne 56
1.7 Präzisionismus, Regionalismus und "American Scene"-Malerei 62
1.8 New York School: Abstrakter Expressionismus und Farbfeldmalerei 73
1.9 Die Wiederentdeckung des Gegenstands: Pop Art und Fotorealismus 84

2. Die amerikanische Fotografie
(Astrid Böger)

2.1 Einleitung 99
2.2 Die Anfänge der Fotografie in Amerika: 1839-1860 102
2.3 Fotografie als Kunst oder Technik: 1860-1900 108
2.4 Fotografie und Gesellschaft: 1900-1970 118
2.5 Fotografie als subjektives Medium: 1970-2000 136
2.6 Digitale Fotografie: 2000-heute 146

3. Der amerikanische Film

(Christof Decker)

3.1 Einleitung 161
3.2 Früher Film: Eine neue demokratische Kunst, 1890er Jahre-1918 175
3.3 Studiosystem und ‚goldenes Zeitalter’: 1918-1941 186
3.4 Kriegsschauplätze und Medienumbruch: 1941-1960 199
3.5 Das ‚doppelte’ New Hollywood Cinema: 1960-1985 210
3.6 Pluralisierung und postklassisches Kino: 1985-heute 221

4. Das amerikanische Fernsehen

(Ralph J. Poole)

4.1 Einleitung: Über das Fernsehen sprechen 239
4.2 "Birth of an Industry" oder "False Dawn"? 1928-1947 243
4.3 Television Boom und Golden Age: Diversifizierung, Distribuierung, Professionalisierung, 1948-1963 251
4.4 Herrschaft der Networks und Konsensus-TV: 1964-1975 263
4.5 Neuerfindung: Glamour, Videoästhetik, Publikumserweiterung, 1976-1994 272
4.6 Das Ende von TV? Experiment und Nostalgie: 1995-heute 282

5. Die amerikanischen digitalen Medien: Cybertheorien und Computerspiele

(Randi Gunzenhäuser)

5.1 Einleitung: Von Hypertexten zu Cybermedien 301
5.2 Konzepte digitaler Medien 303
5.3 Zur Geschichte der US-amerikanischen Computerspiele 1950er Jahre-1999 318
5.4 Spielästhetik im Detail: 2000-heute 334

Index 359

Autorinnen und Autoren 363


The Image of the US—An Introduction to US-American Visual Cultures

Christof Decker, media and cultural studies scholar at LMU Munich, presents with the collection Visuelle Kulturen der USA (Visual Cultures of the USA) the first German-language survey of US-American painting, photography, film, TV, and new media—and thereby a comprehensive and insightful introduction to the image worlds and self-images of the US. In this compendium, the history of technologies and cultural appropriations of visual cultures is treated in the same detailed manner as the development of themes, styles, and institutions which amount to the global "cultural meaning of visuality" (p. 9).

© bei der Autorin und bei KULT_online