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Artikelaktionen

Aggression gegen Juden im öffentlichen Kommunikationsraum der Gegenwartsgesellschaft

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Friesel, Evyatar; Reinharz, Jehuda; Schwarz-Friesel, Monika (Hg:): Aktueller Antisemitismus - Ein Phänomen der Mitte. Berlin/New York: de Gruyter, 2010.

Antisemitismus ist nicht bloß ein historisches Phänomen oder eine extremistische Einstellung. Es ist kein Randgruppenphänomen, sondern ein spezifisches Vorurteilssystem, dessen Stereotype auch in weiten Teilen der bürgerlichen Mitte verankert sind. Die Erfahrung und Aufarbeitung von Auschwitz hat auch die gebildete Gesellschaft nicht gegen pauschale Dämonisierungen immunisiert. Die Akzeptanz gegenüber antisemitischen Äußerungen hat in der heutigen Gesellschaft sogar wieder stark zugenommen. Bestimmte Arten dieser Äußerungen, die bisher fast nur im rechtsextremistischen Bereich vorkamen und Sanktionen unterlagen, tauchen inzwischen auf fast allen Ebenen der Gesellschaft in der öffentlichen Kommunikation auf und werden als Freiheit der Meinungsäußerung deklariert. Der vorliegende Band versammelt elf Beiträge von Experten verschiedener Disziplinen, die sich analytisch dem Phänomen des Antisemitismus der bürgerlichen Mitte widmen.
 


Eingangs stellen die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes Monika Schwarz-Friesel, Evyatar Friesel und Jehuda Reinharz fest, dass das offizielle Deutschland dem Antisemitismus zwar immer wieder den Kampf ansagt, sich die Bemühungen jedoch nicht gegen das tatsächliche Gefahrenpotential richten. Die brisanten antisemitischen Grenzüberschreitungen kommen nicht nur vom Vulgär- und Gewaltantisemitismus der Extremisten, sondern auch und zunehmend vom Antisemitismus der Mitte. Die Herausgeber betonen, dass sich dieser "bürgerliche" Antisemitismus (S. 4) über Kommunikationsstrukturen manifestiert, die sich dem Thema Israel vorgeblich in einer "kritische[n] Auseinandersetzung" (S. 4) widmen, in Wirklichkeit jedoch antijüdische Stereotype und israelfeindliche Dämonisierungen verbreiten. Schwarz-Friesel, Friesel und Reinharz machen darauf aufmerksam, dass Antisemitismus so vom Rand in die Mitte getragen wird. Der Anti-Israelismus, der über sachliche Israel-Kritik hinausgeht, wird von seinen Verfechtern als Freiheit der Meinungsäußerung verteidigt und der Antisemitismus so 'politisch korrekt' artikuliert.

Der Sammelband umfasst elf Beiträge von Historikern, Politik-, Sozial-, Medien- und Sprachwissenschaftlern. Er ist interdisziplinär ausgerichtet, weil die Herausgeber der Meinung sind, dass das Phänomen der Judenfeindschaft nur in einer Symbiose von Erkenntnissen verschiedener Disziplinen adäquat erfasst werden kann. Im Folgenden werden exemplarisch sechs der elf Beiträge kurz vorgestellt, die auf ein Symposium in Jena im Jahr 2009 zurückgehen.

Der Historiker Wolfgang Benz beleuchtet und definiert den Begriff Antisemitismus. Er beschreibt, welche Motive allgemein dem Phänomen zugrunde liegen und speziell wendet er sich den derzeit in Deutschland existierenden antisemitischen Argumentationsmustern zu. Mit Hilfe aktueller Beispiele zeigt der Autor extreme und gemäßigte Ausdrucksformen aus der Mitte der Gesellschaft auf. U.a. zitiert er anonyme Zuschriften an die Israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden, wie z.B.: "Jud Ade, Zyklon tut nicht weh. Der Tag naht an dem das Welt Judemtum endlich augerottet ist. Wir vernichten Euch alle aber vorher müsst Ihr noch richtig leiden, erst dann werden wir Euch alle restlos vernichten." (S. 25).

In seiner Studie untersucht der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn anhand von Telefoninterviews den latenten Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft und erarbeitet einen Zusammenhang zwischen antisemitischer Schuldprojektion – die einstigen Opfer werden zu Tätern gemacht – und der Angst vor der eigenen Vergangenheit. Der Autor kommt psychoanalytisch der Tiefenstruktur des Antisemitismus näher, entschlüsselt die politisch-psychologische Dynamik des Antisemitismus und zeigt seine assoziativen Kontexte auf.

Antisemitischen Äußerungen in Leserbriefen der Jahre 2002 bis 2004 widmet sich der Gymnasiallehrer Holger Braune. Dazu analysiert er Leserbriefe, die in etablierten regionalen und überregionalen deutschen Tages- und Wochenzeitungen veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung primär-, sekundär- und neuantisemitischer Stereotype in der Mitte der Gesellschaft. Im Ergebnis zeigen die sprachlichen Analysen, dass selbst in Zeitungen der bürgerlichen Mitte explizit antisemitische Leserbriefe, die vor einigen Jahren noch auf keinen Fall veröffentlicht worden wären, nun unkommentiert publiziert werden.

Einen Vergleich der historischen politisch-kulturellen Voraussetzungen und Motive der Judenfeindschaft in den USA und Deutschland nimmt der Historiker Jehuda Reinharz vor und betont, dass die verschiedenartigen Entwicklungslinien bis heute nachwirken. In beiden Ländern existiert die aktuelle Judenfeindschaft in Form eines vehementen Anti-Israelismus, unterscheidet sich aber im Hinblick auf die gesellschaftliche Verbreitung und die öffentliche Meinungsbildung.

Fragen wie, unter welchen regionalen und medienspezifischen Bedingungen Journalisten im Nahen Osten zu Bildern und Reportagen gelangen und warum Medien und deren Nutzer die meistens dramatischen und Israel verdammenden Bilder so gern rezipieren, gehen die Ressortleiterin für "Fernsehen und Zeitgeschichte" beim Hessischen Rundfunk Esther Schapira und der Abteilungsleiter für "Fernsehen, Politik und Gesellschaft" beim Hessischen Rundfunk Georg Hafner in ihrem Beitrag nach. Die Verfasser zeigen an vielen Beispielen aus dem journalistischen Alltag auf, wie Bilder manipuliert, Falschmeldungen verbreitet und diese nur selten und wenn, dann mit geringer Medienwirkung, dementiert werden.

Der Sozialpsychologe und Erziehungswissenschaftler Andreas Zick vergleicht anhand aktueller Umfragedaten der Studie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)" innereuropäisch acht Nationen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass nach wie vor eine hohe Zustimmung zum klassischen und sekundären Antisemitismus feststellbar ist. Ein NS-vergleichender Antisemitismus ("Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.", S. 234) dominiert jedoch, der vor allem in der Mitte der Gesellschaft stärker vertreten ist als klassische Ressentiments. Neben dem Verbreitungsgrad schaut der Autor vor allem auf Gefährdungsquellen und Schutzfaktoren in Bezug auf Antisemitismus, zu denen u.a. Alter, Bildung, Religiosität und demokratisches Bewusstsein zählen, und betont, dass im Krisenjahr 2009 zudem der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und der Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage und die Verbindung zu anderen Vorurteilen von besonderem Interesse sind.

Fazit: Wie brisant und präsent das Thema aktueller Antisemitismus ist, zeigt die Tatsache, dass in den letzten Jahren zahlreiche Veranstaltungen dazu stattgefunden haben und viele Bücher und Artikel veröffentlicht wurden. Die Motivation der Herausgeber, einen weiteren Band vorzulegen, basiert auf der Tatsache, dass bislang all diese Aktivitäten, Analysen und Aufsätze wenig in der breiten Öffentlichkeit, in der Gesellschaft und in der Politik bewirkt haben. Schwarz-Friesel, Friesel und Reinharz gelingt es, mit den im vorliegenden Band vorgestellten Studien, das Bewusstsein für die Brisanz der Lage zu wecken und auf das bestehende Gefahrenpotential aufmerksam zu machen.


Schwarz-Friesel, Monika; Evyatar Friesel und Jehuda Reinharz (Hg.): Aktueller Antisemitismus - Ein Phänomen der Mitte. Berlin/New York: de Gruyter, 2010. 254 S., 49,95 Euro. ISBN: 978-3-11-023010-9



Inhaltsverzeichnis


Monika Schwarz-Friesel/Evyatar Friesel/Jehuda Reinharz
Aktueller Antisemitismus als ein Phänomen der Mitte - Zur Brisanz des Themas und der Marginalisierung des Problems 1

Wolfgang Benz
Erscheinungsformen alltäglicher Judenfeindschaft 15

Monika Schwarz-Friesel

"Ich habe gar nichts gegen Juden!" Der "legitime" Antisemitismus der Mitte 27

Samuel Salzborn
Halbierte Empathie - Antisemitische Schuldprojektion und die Angst vor der eigenen Vergangenheit 51

Martin Kloke
Israelkritik und Antizionismus in der deutschen Linken: ehrbarer Antisemitismus? 73

Holger Braune
Expliziter und impliziter Verbal-Antisemitismus in aktuellen Leserbriefen 93

Esther Schapira/Georg Hafner
Die Wahrheit unter Beschuss - der Nahostkonflikt und die Medien 115

Robert Beyer/Eva Leuschner

Aktion und/oder Reaktion - funktionale Konvergenz von medialen Diskursen und antisemitischen Äußerungsformen 133

Evyatar Friesel
Aktuelle jüdische Judeophobie: Juden gegen Israel 163

Helga Embacher/Margit Reiter
Israel-Kritik und (neuer) Antisemitismus seit der Zweiten Intifada in Deutschland und Großbritannien im Vergleich 187

Jehuda Reinharz
Aktuelle Judenfeindschaft: Ein Vergleich zwischen den USA und Deutschland 213

Andreas Zick
Aktueller Antisemitismus im Spiegel von Umfragen - ein Phänomen der Mitte 225

Zusammenfassung der Podiumsdiskussion "Antisemitismus: eine globale Gefahr?!" am 23. April 2009 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena 247

Autorenverzeichnis 253

Aggressive Antisemitism in Today's Public Discourse

Antisemitism is not simply an historical phenomenon or extreme standpoint. Far from being a fringe occurrence, it is a specific system of prejudices whose stereotype pervades the middle class. The ordeal of Auschwitz and subsequent engagement with its meanings has not immunized educated society against this type of wholesale villification. In today's society, the tolerance of antisemitic expression has, in fact, greatly increased. Certain forms of expression that, up until now, occurred almost exclusively in extreme right-wing contexts and were subject to sanctions have, in the meantime, reappeared in almost all ranks of society in public language, and are said to fall under freedom-of-speech acts. This volume gathers eleven essays by experts from a range of disciplines, who turn their analytical attention here to the phenomenon of antisemitism in the middle class.


© bei der Autorin und bei KULT_online