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Von der Mahalla zum Mikrorajon. Urbanisierung und sowjetische Identitätskonstruktion in Zentralasien

Eine Rezension von Rayk Einax

Stronski, Paul: Tashkent: Forging a Soviet City, 1930-1966. Pittsburgh: University of Pittsburg Press, 2010.

Die eindimensionale Betrachtung des Stalinismus als bloße Gewaltgeschichte wird in der neueren Forschung vielfach durch die Perspektive der zivilisatorischen Mission des Sowjetregimes in den Randzonen der UdSSR ergänzt. Neben der Erforschung von Urbanisierungs- und Industrialisierungsprozessen geraten hierbei auch die Leistungen des Bildungswesens und die kulturell-sprachliche Russifizierung der indigenen Bevölkerung in den Blickpunkt. Am Beispiel der usbekischen Metropole untersucht der Historiker Paul Stronski diese angesprochenen Phänomene erstmals für Zentralasien, und zwar für einen Zeitraum, in dem das verschlafene Taschkent den Weg in die Moderne antrat und der das Leben der Stadt über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinaus in entscheidendem Maße geprägt hat. Wie die Studie zeigt, lässt sich dieser sozioökonomische Wandel allein mit Begriffen wie 'Zwang' und 'Terror' nicht adäquat erfassen. Der Alltag der Stadtbewohner war vielmehr von typischen Mangelerfahrungen geprägt, welche die Sowjetherrschaft fortwährend begleiteten. 


Seit geraumer Zeit sorgt die Allianz zwischen Stadtgeschichtsschreibung und Sozialismusforschung für Aufsehen in der Geschichtswissenschaft. Dabei geht es nicht um einen historischen Abriss, sondern die Autoren bemühen sich, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungsinteressen zu bündeln und aktuellen Fragestellungen durch innovative Methoden nachzugehen. Paul Stronski ist es zu verdanken, dass erstmals eine zentralasiatische Metropole unter den Bedingungen der stalinistischen und poststalinistischen Sowjetunion zum Untersuchungsgegenstand geworden ist. Schon der Titel von Stronskis Studie macht deutlich, dass die Urbanisierungsprozesse der Jahre 1930-1966 unter dem Etikett 'sowjetisch' verstanden werden. Dies hängt vornehmlich damit zusammen, dass die Stalinepoche nicht nur bedeutende demographische Impulse für die Stadtentwicklung in allen Ecken der Sowjetunion setzte, sondern auch in architektonischer Hinsicht stilbildend war.
Dank dem Archivmaterial aus Taschkent und Moskau ist es Stronski gelungen, eine konzise, überwiegend kulturwissenschaftlich aufgebaute Studie zusammenzustellen. Neben den zum Teil kontroversen stilistischen Debatten im Kreise der Stadtplaner spielen Diskurse über soziale Problemlagen in den einzelnen Kapiteln eine große Rolle. Trotz der politischen Rahmenbedingungen des Stalinismus, der innerhalb des Buches zeitlich den Schwerpunkt bildet, ist in diesem Zusammenhang weniger von staatlicher Gewalt als von den prekären Alltagsbedingungen der Stadtbevölkerung die Rede. Die zum Teil triste Realität projiziert der Autor immer wieder auf das Versprechen des Regimes, einen umfassenden gesellschaftlichen Aufbruch herbeizuführen, und konterkariert somit dessen 'zivilisatorische' Errungenschaften.

Die in utopischen Schriften dargestellte, primär unter technischen Aspekten verstandene (Sowjet-)Moderne hatte unter anderem zum Ziel, die zentralasiatischen Republiken sozioökonomisch zu modernisieren und gleichzeitig das sozialistische Gesellschaftssystem an der Peripherie des Imperiums fest zu verankern. In diesen Planungen war Taschkent eine zentrale, avantgardistische Funktion zugedacht. Aus diesem Grund repräsentiert die Stadt in Stronskis Studie die umfassende Transformation der sozialen und physischen Verhältnisse in der zentralasiatischen Region. Wie die Einleitung verdeutlicht, konnte das Ziel nicht allein der Aufbau der sozialistischen Stadt gemäß sowjetischer Lesart sein. Die Intentionen des stalinistischen Social Engineering erstreckten sich darüber hinaus auf die rasche Überwindung der vermeintlichen Rückständigkeit sowie auf die Formung neuer nationaler Identitäten in den sowjetischen Randgebieten; im Fall von Taschkent einer usbekischen Sowjetnation.
Ausgangspunkt aller Überlegungen unter den Sowjetfunktionären war laut Stronski der Eindruck einer entsetzlichen Rückständigkeit der Region. Dies galt bereits für die stark normative Wahrnehmung europäischer Reisender und russländisch-imperialer Verwaltungseliten seit dem 19. Jahrhundert. Seit dieser Zeit war Taschkent auch in einen russischen Teil und in die übrigen traditionellen Stadtviertel, Mahallas genannt, aufgeteilt. Vor allem letztere galten als unhygienisches Wohnumfeld und zivilisationsfeindliche Brutstätten von Epidemien. Im Gegensatz dazu folgte der Ausbau des 'neuen' Taschkent der Prämisse, die lokale, für rückständig erachtete Gesellschaft der sozialistischen Moderne zuzuführen. Stronskis chronologisch angeordnete Kapitel im Anschluss spiegeln diese, von zahlreichen Rückschlägen begleiteten Bemühungen wider. Taschkent, das 1930 zur Hauptstadt der Usbekischen Sowjetrepublik avancierte, wurde daher mit typisch stalinistischen Stilmitteln versehen – Stuckbauten, Parks, Wasserspiele, etc., die vorrangig auf Moskauer Klischees zurückzuführen waren. Die russische 'Neustadt' bildete darüber hinaus erstmals mit der 'Altstadt' eine administrative Einheit. Praktisch bedeutete das, dass die Schritte, die zur Überwindung der Segregation eingeleitet wurden, mit der Zerstörung traditioneller Stadtteile einhergingen.
Infolge der stalinistischen (Zwangs-)Migration fluktuierte auch die Bevölkerungszusammensetzung Taschkents ständig. Diese änderte hingegen nichts an der gegenseitigen sozialen und ethnischen Abgrenzung in der Stadt. Der Zweite Weltkrieg stellte u. a. in Bezug auf die Bevölkerungsstruktur eine wichtige Zäsur in der Geschichte Taschkents dar. Zum einen überfluteten hunderttausende Flüchtlinge die Stadt und verschärften somit das Hunger- und Seuchenproblem. Zum anderen gerieten die Einheimischen, darunter insbesondere Frauen, in den Sog der Mobilisierung als Arbeitskräfte, was dem traditionellen, islamisch geprägten Rollenverständnis fundamental widersprach.
Stronski rekonstruiert das Stimmungsbild innerhalb der Stadt überwiegend anhand von Eingaben und Beschwerden. Im Alltag wurde in den Zuwanderern primär die Konkurrenz um Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung gesehen, was zu einer erheblichen Feindseligkeit unter der einheimischen Bevölkerung führte.
Selbst nach Ende des Krieges hatten sich die schlimmen Lebensumstände – Überbelegung des Wohnraums, hygienische Missstände, Rationierung der Nahrungsmittel – auf Jahre hinaus verfestigt. Außerdem wurden diese Erscheinungen von Schattenwirtschaft und Korruption flankiert. Ein weiteres soziales Manko lag nach wie vor in der geringen akademischen und technischen Qualifikation der usbekischen Einwohnerschaft. Überdies hinderten hartnäckige kulturelle und religiöse Traditionen Frauen daran, die Bildungsinstitutionen aufzusuchen.
Auf der anderen Seite war ein Aufschwung im städtischen Verkehrswesen und im Wohnungsbau zu konstatieren. Im Gegensatz zu den Prämissen der Stadtplaner wurde es vor allem unter den Usbeken geradezu üblich, ihre Behausungen eigenmächtig am Stadtrand zu bauen. Der Grund dafür war laut dem Autor in den massiven Vorbehalten gegen den sowjetischen Wohnungsbau und gegen die kulturelle und sprachliche Russifizierung des Stadtzentrums zu suchen.
Den Endpunkt der Studie markiert das Erdbeben vom April 1966, welches aus Taschkent im wahrsten Sinne des Wortes eine Tabula rasa machte und der Stadtobrigkeit damit den Anlass bot, den architektonischen Neuanfang einzuleiten. Dieser führte wie andernorts dazu, dass sich am Stadtrand riesige Neubaugebiete, die sogenannten Mikrorajons ausbreiteten.

Stronski betritt in geografischer Hinsicht Neuland. Methodisch entsprechen seine Ansätze der aktuellen Stadtgeschichtsforschung, wie sie zum Beispiel Thomas Bohn in seiner Urbanisierungsgeschichte von Minsk dargelegt hat, obgleich diese in theoretischer Perspektive weitgehend unreflektiert bleiben. Bedauerlich erscheint zudem, dass der quantifizierenden Sozialwissenschaft zugunsten breit angelegter Diskursanalysen wenig Platz eingeräumt worden ist. Nichtsdestotrotz ist die Untersuchung historiografisch ein Gewinn, weil sie in Bezug auf die bislang erörterten Städte der europäischen Sowjetunion mehr als eine bloße Vergleichsperspektive bietet und zur weiteren Beschäftigung mit dem Betrachtungsgegenstand herausfordert.


Stronski, Paul: Tashkent. Forging a Soviet City, 1930-1966. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 2010. 350 S., brosch., 27,95 $. ISBN: 978-08229-6113-0.


Inhaltsverzeichnis


Preface and Acknowledgements vii
List of Names and Terms xiii
1. Introduction 1
2. A City to Be Transformed 16
3. Imaging a "Cultured" Tashkent 46
4. War and Evacuation 72
5. Central Asian Lives at War 119
6. The Postwar Soviet Society, 1945-1953 145
7. Central Asian Tashkent and the Postwar Soviet State 173
8. Redesigning Tashkent after Stalin 202
9. The Tashkent Model 234
10. Epilogue 257
Notes 281
Bibliography 325
Index 335


From the Mahalla to the Mikrorajon: Urbanization and Identity Construction in Soviet Central Asia

The one-dimensional view on Stalinism as a mere history of violence has to be complemented by new approaches that emphasize the perspective of the civilization mission the Soviet regime envisioned for the geographical edge of the USSR. Beside the study of urbanization and industrialization processes, the achievements of the education system and of the cultural-linguistic russification of the indigenous people thereby becomes much more important, too. Looking at the Uzbek metropolis, the historian Paul Stronski for the first time investigates all these phenomena with regard to the whole of Central Asia, namely for the period in which the sleepy town of Tashkent entered into the modern age, and which formed the city's profile to a decisive extent, even more so than the collapse of the Soviet Union. As his study points out, this social and economic change isn't described sufficiently by terms like 'coercion' and 'terror' alone. The everyday life of the citizens was instead influenced by typical symptoms of deficiency that accompanied the Soviet regime constantly.


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