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"Verstand wird Russland nie verstehen" – Europäischer Erfindungsreichtum und russische Antworten

Eine Rezension von Katharina Bauer

Drosihn, Yvonne; Lehmann-Carli, Gabriela; Klitsche-Sowitzki, Ulrike: Russland zwischen Ost und West? Gratwanderungen nationaler Identität. Berlin: Frank & Timme, 2010.

Die Autorinnen des Bandes Russland zwischen Ost und West? Gratwanderungen nationaler Identität beleuchten in drei selbständigen, über das Konzept der 'kulturellen Übersetzung' miteinander verbundenen kulturgeschichtlichen Beiträgen zum einen westliche Russlandkonstruktionen. Zum anderen untersuchen sie deren russische Rezeption und Verarbeitung zu nationalen Identitätsentwürfen vom 18. Jahrhundert bis in die postsowjetische Ära.
Mit Bezug auf kultursemiotische, kulturgeographische und postkoloniale Fragestellungen gehen die Autorinnen den ideengeschichtlichen Wurzeln der europäischen Russlandwahrnehmung bzw. der darauf rekurrierenden russischen Selbstwahrnehmung nach. Eine Nuancierung des Oppositionsmodells Europa vs. Russland anstrebend, öffnen sie anhand exemplarischer Diskurs- und Textanalysen den Blick für die epochenspezifische Vielschichtigkeit und Komplexität russischer Identitätskonstruktionen. Gegenstand der Untersuchungen sind u.a. russische Freimaurerkreise, Nikolaj Karamzin und Petr Čaadaev, Vorläufer und Vertreter der Eurasier sowie der Schriftsteller Boris Akunin.  


Die Faszination des Fremden. Eine andere Kulturgeschichte Russlands – so ist eine 2009 erschienene Monographie von Felix Ingold betitelt, in der er die These aufstellt, die größte Leistung der russischen Kultur bestehe in der kreativen Imitation und Übersetzung fremder, europäischer kultureller Importe in originäre russische Elemente (vgl. S. 208).
Die Autorinnen des vorliegenden Bandes charakterisieren die russische Kultur ebenfalls als "Übersetzungskultur" (vgl. S. 30) und richten den Fokus vor allem auf jene konkreten historischen Kontexte, in denen es im Dialog/Konflikt zwischen Europa und Russland zu "spannungsreichen Verflechtung[en] von Fremdem und Eigenem" (S. 7) kam, welche für die russische Eigenperspektive prägend wurden.

Wie Gabriela Lehmann-Carli einführend in der ersten Studie des Bandes betont, rücke das Konzept der "kulturellen Übersetzung" im Unterschied zum einseitigen Transfer-Begriff gerade auch "Modi, funktionale Kontexte und soziokulturelle Prämissen von Rezeptionen, Translationen und Adaptionen" (S. 30 f.) in das Blickfeld des Analysierenden.
Überzeugender Beleg für den Mehrwert des Übersetzungsbegriffs ist das Unterkapitel über die Aufklärungsrezeption in verschiedenen russischen Freimaurerkreisen des späten 18. Jahrhunderts. Wie die Autorin im Rahmen ihrer Analyse plausibel machen kann, reichen bipolare Modelle nicht aus, um die komplexen Adaptionen und Modifikationen von "Ideen, Texten [und] Konzeptionen" (S. 49) vor dem Hintergrund spezifisch national-kultureller Rezeptionsmodi adäquat erfassen zu können.
Als alternative Beschreibungskategorien für das stets ambivalente russische Verhältnis zu Europa schlägt die Autorin sodann "Ambition und Wettstreit, Replik, Kompatibilität, Pro et contra, Kipp-Effekt [sowie] das substantiell Andere" (ebd.) vor, deren Anwendung in den Beiträgen anhand exemplarischer Analysen demonstriert wird.
Im Rahmen ihres Beitrags erörtert sie am Beispiel so einschlägiger Protagonisten des russischen Selbst- und Fremdwahrnehmungsdiskurses wie Nikolaj Karamzin und Petr Čaadaev, wie über die Kategorien von "Replik und Kompatibilität" sowie "Pro et contra" die wechselseitige Einflussnahme und zwischen Zustimmung und Kritik oszillierende Positionen nuanciert dargestellt werden können.

Der hervorragend strukturierte und mit zahlreichen Verweisen auf aktuelle Forschungsliteratur versehene Beitrag von Ulrike Klitsche-Sowitzki über das bislang erst wenig erforschte Eurasiertum, führt kompakt und informativ in die epochenspezifische Funktion des Raumkonzepts Eurasien ein und legt die ideengeschichtlichen Einflüsse in Ost und West frei. Die Analyse von Texten der 'klassischen' Eurasier der Zwischenkriegszeit Nikolaj Trubeckoj, Petr Savickij sowie Lev Karsavin vermittelt einen fundierten Eindruck von der Vielschichtigkeit des Konzepts "Eurasien" das mehrere Ebenen umfasst: Zum einen stellt es ein "umfassendes Identitätskonzept [dar], welches sich zusammensetzt aus anti-europäischen, anti-bolschewistischen, ur-russischen und asiatischen Elementen" (S. 107) – also abweicht von Russland als 'dem Anderen' des Westens und sich stattdessen als Alternative versteht. Zum anderen finden, wie die Autorin herausarbeitet, im Rahmen der Forschungsarbeit des "'letzten Eurasier[s]'" (S. 112), Lev Gumilev, geowissenschaftliche sowie geoethnische Aspekte Eingang in die Entwicklung eines eurasischen Staats- und Kulturraums (ebd.).

Der postsowjetische "Neoeurasismus" dient schließlich als Beispiel für die bis heute anhaltende Anziehungskraft der eurasischen Idee. Die Autorin macht in ihrer Analyse jedoch deutlich, dass es sich nur um eine vermeintliche Kontinuität zu den zuvor diskutierten Konzepten handelt und der Begriff in postsowjetischen Zeiten äußerst diffus gebraucht wird bzw. in der Verwendung Aleksandr Dugins – dem wohl prominentesten 'Neoeurasier' – vor allem der "Instrumentalisierung […] zur ideologischen Überdachung politischer Programme" (S. 156) dient.

Macht(politische) Aspekte spielen im Beitrag von Yvonne Drosihn unter dem Schlagwort "Constituting other" eine prominente Rolle. Die Autorin geht Ausformungen von Russophilie ("Traumland Osten", S. 182) und Russophobie ("Russland als Gefahr", S. 198) nach und fragt anhand einer ausführlichen Analyse von Boris Akunins Roman Altyn-Tolobas nach den Erfolgsaussichten eines russischen "writing back" (vgl. ab S. 229).

Den Lesefluss störend sind die – möglicherweise gut gemeinten – aber allzu häufigen Verweise im Fließtext oder in den Fußnoten auf andere Unterkapitel des Beitrags. Etwas größere Sorgfalt bei der Integration eines bereits anderweitig erschienenen Textabschnitts wäre ebenfalls wünschenswert gewesen: Mehrfach auftretende Textdoppellungen hätten vermieden werden können.
Diese redaktionellen Inkonsistenzen sollen jedoch die Leistung des Beitrags nicht schmälern. Der Autorin gelingt es, einen beeindruckenden Bogen von den theoretischen Überlegungen zu den Mechanismen des "othering" über die Veranschaulichung an historischen und zeitgenössischen Beispielen (u.a. Reiseführer, Fernsehproduktionen) zu schlagen und zuletzt anhand des Romans von Akunin die potentielle Ambivalenz der ironischen Selbstexotisierung zu demonstrieren, bei der offen bleibt, ob das Spiel mit Stereotypen und Klischees von den Rezipienten als solches erkannt wird.

Aus der Fülle an Forschungsliteratur zum Themenkomplex Russland und Europa ragt der besprochene Band vor allem durch seine doppelte Perspektive heraus: Alle Beiträge öffnen den Blick auf die Entwicklungen der Auto- und Heterostereotype über die Jahrhundertgrenzen hinaus, binden die Argumentation jedoch stets an die detaillierte Lektüre einschlägiger repräsentativer Texte zurück und vermeiden damit Pauschalisierungen. Für Fachfremde und Einsteiger in die Thematik kann der Band als fundierte, kompakte und sehr gut lesbare Einführung empfohlen werden, für Kenner halten die zahlreichen Verweise auf Forschungsliteratur und -desiderate – vor allem im Zusammenhang mit den Eurasiern – ebenfalls inspirierende Aspekte bereit.


Gabriela Lehmann-Carli, Yvonne Drosihn, Ulrike Klitsche-Sowitzki: Russland zwischen Ost und West? Gratwanderungen nationaler Identität (= Ost-West-Express. Kultur als Übersetzung hrsg. v. Jekatherina Lebedewa u. Gabriela Lehmann-Carli; Bd. 9). Berlin: Frank&Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur, 2011. 264 S., broschiert, 39,80 €. ISBN: 978-3-86596-338-3 Pick It!


Inhaltsverzeichnis


Vorwort...7

GABRIELA LEHMANN-CARLI
Studie 1: Kulturelle Übersetzung westlicher Konzepte und nachpetrinische Identitätsentwürfe bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts...13

1 Kulturgeschichtliche und konzeptionelle Prämissen des Umgangs mit "Europäisierung"...13
2 Die Moskauer Freimaurer zwischen Aufklärung und ihrem Gegenteil? Das Ringen um ein anthropologisch-religiöses Aufklärungskonzept...35
3 Nikolaj Karamzins geschichtsphilosophische und kulturosophische 4 Reflexionen: Peter I. und die "Verwestlichung" Russlands aus der 5 Perspektive des russischen Reichshistoriographen...49
6 Die geschichtsphilosophische Provokation des "Wahnsinnigen" und ihre direkten Folgen...67

ULRIKE KLITSCHE-SOWITZKI
Studie 2: Eurasismus und "Neoeurasismus" in Russland. Historischer Abriss und Funktionsanalyse des Raumkonzepts Eurasien...81

1 Vorbetrachtungen...81
2 Vordenker...87
3 Die "klassischen" Eurasier...94
4 Der "letzte Eurasier" Lev Gumilev...112
5 "Neoeurasismus"...125
6 Kritik der Entwicklungsphasen des Eurasismus und Vergleich der Bedeutung des Kulturraums in den eurasischen Konzeptionen...139
7 Das Kulturraum-Bild Eurasien als künstlerisches Motiv...145

YVONNE DROSIHN
Studie 3: Zwischen Russophobie und Russophilie: Der Westen und der "Osten" und ein russisches "writing back"...161

1 Constituting other...161
2 Russland in Anlehnung/Abgrenzung zum "Westen" – Die westliche Sehnsucht nach Russland/dem "Osten"... 182
3 Re-Entering Eastern Europe: Boris Akunins Altyn-Tolobas – eine postkoloniale Betrachtung...229



»Russia is a thing of which the intellect cannot conceive«—European Inventiveness and Russian Answers

The three dense and concise studies of the publication Russland zwischen Ost und West? Gratwanderungen nationaler Identität (Russia between east and west? Tightrop walks of national identity) dealing with western constructions of Russia as well as with the Russian perception of these heterostereotypes are conceptually united by the theory of "cultural translation". Referring to methods of cultural semiotics, cultural geography and postcolonial theory, the authors examine different aspects of cultural translation from the 18th century until post-Soviet times that overcome the dichotomy between 'East' and 'West.' By offering exemplary analyses of discourses and texts such as that on Russian freemasonry, Nikolaj Karamzin and Petr Čaadaev, precursors and spokespeople of Eurasism as well as the writer Boris Akunin, they demonstrate the complexity of Russian identity construction. Well written, this publication can be recommended as introduction to the topic but offers also inspiring thoughts for experts in the field.


© bei der Autorin und bei KULT_online