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Straßenhändler in Südafrika im Kampf gegen ihre Marginalisierung

Eine Rezension von Carmen Ludwig

Çelik, Ercüment: Street Traders. A Bridge Between Trade Unions and Social Movements in Contemporary South Africa. Baden-Baden: Nomos, 2010.

In seiner Dissertation untersucht Ercüment Çelik die Organisierung der Straßenhändler als verbindendes Glied zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in Südafrika. Ausgehend von der Frage, wie die Straßenhändler mit ihrer Marginalisierung in der Post-Apartheid-Ära umgehen, nimmt der Autor die Arbeitsbedingungen auf der Straße sowie die Lebensumstände in den Hüttensiedlungen in den Blick. Den innovativen Charakter der Studie zeichnet insbesondere aus, dass Çelik die Sphären des Arbeitens und Lebens nicht als isolierte Phänomene der Marginalisierung begreift. Der Autor kann vielmehr zeigen, dass gerade in dieser Verbindung eine Basis für eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in Südafrika besteht.


In Südafrika gehören Händler zum Straßenbild: Sie sind Ausdruck einer wachsenden gesellschaftlichen Spaltung und einer Fragmentierung am Arbeitsmarkt. Unter Rückgriff auf Webster und von Holdt können in der südafrikanischen Gesellschaft drei "flexible worlds of work" (S. 37) unterschieden werden: Ein Kern vergleichsweise geschützter Arbeitsverhältnisse, außerhalb des Kerns liegende atypische Beschäftigungsverhältnisse und in der Peripherie angesiedelte informelle Beschäftigung sowie Arbeitslosigkeit. An diesem Ausgangspunkt setzt Ercüment Çeliks empirische Studie auf Basis quantitativer Erhebungen sowie 22 Experteninterviews zur Organisierung der Straßenhändler in der Hafenstadt Durban an. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie die Beschäftigten im informellen Sektor und die Bewohner der Hüttensiedlungen in der Post-Apartheid gegen ihre Benachteiligung angehen.

Den theoretischen Rahmen zur Verortung des Untersuchungsgegenstandes bilden im ersten Kapitel die sozialwissenschaftliche Einordnung des Phänomens informeller Arbeit sowie Theorien des Social Movement Unionism und sozialer Bewegungen.
Im zweiten Kapitel zeichnet Çelik Entstehung und Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung und der sozialen Bewegungen sowie des informellen Sektors in der Transformation vom Apartheidregime zur Post-Apartheid-Gesellschaft in Südafrika nach.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den neuen demokratischen Organisationen zur Vertretung der Interessen der Straßenhändler, ihren Mobilisierungsstrategien und Allianzen in Durban. Dabei werden jeweils Geschichte, Struktur, Ziele sowie die Erfahrungen der Organisationen Phoenix Plaza Street Traders Association, Siyagunda Association und die Eye Traders Association analysiert. Bei der Gründung dieser Organisationen haben insbesondere der internationale Dachverband der Straßenhändler StreetNet sowie die South African Communist Party eine unterstützende Rolle gespielt, wie im vierten Kapitel gezeigt wird. Das fünfte Kapitel widmet sich einer detaillierten Betrachtung der autonomen Bewegung der Hüttenbewohner Abahlali baseMjondolo, eine der größten Bewegungen der Marginalisierten im heutigen Südafrika. In der im sechsten Kapitel untersuchten World Class Cities For All-Kampagne, die darauf gerichtet ist, Vertreibungen zu verhindern und zu erreichen, dass von der FIFA-Weltmeisterschaft 2010 auch die ärmsten und marginalisierten Bewohner Südafrikas profitieren, gelingt eine Annäherung und Zusammenarbeit der Straßenhändler, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen.
Das siebte Kapitel liefert anhand einer vom Autor durchgeführten quantitativen Befragung der Straßenhändler in Durban den Hintergrund zum besseren Verständnis der Arbeitsbedingungen, ihrem Leben in den Communities sowie ihrer Haltung zu sozialen Bewegungen und Gewerkschaften.

Dabei belegen die Daten, dass für das Selbstverständnis der befragten Straßenhändler und ihrer Organisierung entscheidend ist, dass sie sich als Teil der Arbeiterklasse und nicht als Unternehmer oder Selbstständige betrachten: "They declared their belonging to 'marginal' workers or 'working class' in general." (S. 264) Çelik ordnet die Bewegungen der Straßenhändler und Hüttenbewohner deshalb als "movement of the marginalised labour force" ein (S. 269).
Deren Forderungen zielen sowohl auf "redistribution" als auch auf "recognition" und damit darauf, als Experten ihrer Situation ernst genommen und beteiligt zu werden.
Çelik kann am Beispiel der Bewegung der Straßenhändler sowie der Bewohner der Hüttensiedlungen darlegen, wie eng der Kampf gegen Unsicherheit und Exklusion in den Sphären der Produktion und Reproduktion verbunden ist: So leben knapp 62 Prozent der befragten Straßenhändler selbst in Townships, über 36 Prozent in Hütten (vgl. S. 242 f.). Straßenhändler und Hüttenbewohner teilen zudem die mit der Informalität einhergehende Angst vor Zwangsräumungen durch staatliche Gewalt. "The vulnerability of street traders and shack dwellers, in particular, their working conditions on the streets and living conditions in shack settlements bring their struggles for a better life closer to each other." (S. 21)
Der Autor zeigt darüber hinaus auf, wie die Mobilisierung der Straßenhändler die sozialen Bewegungen mit den Gewerkschaften vereinen kann und damit neben der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Straßenhändler auch das Potential für eine Revitalisierung der Gewerkschaftsbewegung in Südafrika beinhaltet. Die der Arbeit zugrunde liegenden Hypothesen finden sich im empirischen Material bestätigt: "Street traders" and shack dwellers' self perception of their class status creates a positive approach to cooperate with trade unions, in spite of an inconsistency on the union side. […] As they are playing a bridging role between trade unions and social movements, street traders can be a promising agent for revitalising social movement unionism in contemporary South Africa." (S. 21 f.)

Çelik hat ein aufwändig recherchiertes und uneingeschränkt empfehlenswertes Buch vorgelegt, in dem es gelingt, die Vielfältigkeit der Perspektiven der Marginalisierten, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften für den Leser nachvollziehbar herauszuarbeiten, historisch einzubetten und zu verbinden. Die Studie erlaubt somit tiefe Einblicke in das Leben und Arbeiten in der Informalität im heutigen Südafrika und vermag zugleich, Chancen und Perspektiven der Organisierung im Kampf gegen die Marginalisierung aufzuzeigen.


Çelik, Ercüment: Street Traders: A Bridge Between Trade Unions and Social Movements in Contemporary South Africa. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2010. 294 S., kart., 54 €. ISBN: 978-3-8329-5721-6 Pick It!


Inhaltsverzeichnis

Acknowledgements 5
Illustrations 11
List of Abbreviations 13

Introduction 17

Chapter I Theoretical Framework 25

I. Conceptualising Informal Economic Activities 25
I.1. Informalisation as a Systemic and Historical Process 28
I.2. The Question of Marginality and the Marginalised Labour Force 31
I.3. Three Major Zones within the World of Work 35
II. Rethinking Social Movement Unionism 39
III. Visiting Social Movement Theories 47

Chapter II South Africa from Apartheid to Post-Apartheid 55

I: Trade Union Movement from Apartheid to Post-Apartheid 56
I.1. Trade Union Movement in Apartheid-Era South Africa 57
I.1.1. The Industrial and Commercial Workers' Union (ICU) 57
I.1.2. South African Congress of Trade Unions (SACTU) 57
I.1.3. Durban Strikes and the Emergence of Independent Trade Unions 58
I.1.4. Federation of South African Trade Unions (FOSATU) 60
I.1.5. Trade Union Unity and the Formation of the Congress of South African Trade Unions (COSATU) 62
I.1.6. Linking the Workplace with the Community 63
I.1.7. Summary 65
I.2. Trade Unionism in Post-Apartheid South Africa 66
I.2.1. Unions' Role in Political Democratisation and Economic Liberalisation 67
I.2.2. Privatisation, Black Economic Empowerment (BEE) and 'Labour Capitalism'69
I.2.3. The Reflections of Workplace Change on the Unions 70
I.2.4. Summary 73

II: Social Movements in Contemporary South Africa 74
II.1. Emergence of Social Movements in Post-Apartheid South Africa 74
II.2. COSATU's Approach to Post-Apartheid Social Movements 79

III. Informal Economy and Street Trading in South Africa 83
III.1. From Apartheid to Post-Apartheid 83
III.2. The State of Street Trading Under Current Policies 88
III.3. COSATU's Approach to Organising Informal Workers 92
III.4. Summary 94

Chapter III Reorganising and Mobilising Street Traders in Durban 97

I. New Democratic Organisations of Street Traders 97
I.1. Phoenix Plaza Street Traders Association (PPSTA) 97
I.1.1. History 97
I.1.2. Structure 99
I.1.3. Grievances of Street Traders in Phoenix 102
I.1.4. A Constitutional Challenge to the Municipality 104
I.1.5. Victimisation of the PPSTA Chairperson 109
I.2. Siyagunda Association 110
I.2.1. History 110
I.2.2. Structure 112
I.2.3. Grievances of Street Barbers 115
I.2.4. Siyagunda as the Voice of Refugees 117
I.3. The Eye Traders Association 118
I.3.1. History 118
I.3.2. Structure 119
I.3.3. Grievances of the Eye Traders 121

II. Mobilising Street Traders and Building Alliance in Durban 123
II.1. Background 123
II.2. Forming a Strong Democratic Mandated Alternative to ITMB 124
II.3. Achieving a Democratic Forum of Negotiation and Dialogue 126
II.4. Democratic Street Traders' Organisations Stepping in the Boycott of Rents Increases 130
II.5. State of Chaos and Street Wars in Durban 135
II.6. The Launch of Sisonke Traders' Alliance 140

Chapter IV The Role of StreetNet and the South African Communist Party (SACP) 143

I. The Role of StreetNet 144
I.1. Background 144
I.2. StreetNet's Developing Cooperation with Trade Unions and Social Movements 145
I.3. Developing Collective Bargaining, Law and Litigation Strategies for Street Traders 151
I.4. StreetNet's Activities in Durban 153

II. The Role of the SACP 159
II.1. The SACP's Approach to Informal Work in 'Second Economy' Debates 159
II.2. The SACP's Engagement with Street Traders 161
II.3. An Informal Division of Labour within the Tripartite Alliance? 163

Chapter V Shack Dwellers' Movement Abahlali baseMjondolo 165

I. Historical Similarities 166
II. The Emergence and Rise of the Shack Dwellers' Movement in Durban 168
III. Developing Democratic Structures of Their Own 173
IV. Opportunities and Challenges for Trade Union Cooperation 177
V. Incorporating Street Traders with the Shack Dwellers' Movement 184
VI. Building Collective Struggles and the 'World Class Cities for All'(WCCA) Campaign 187

Chapter VI World Class Cities For All (WCCA) Campaign 191

I. An Overview of 'Mega-events' and Their Effects on the Urban Poor 191
II. StreetNet Leading the WCCA Campaign 195
III. Growing Solidarity Between Street Traders, Trade Unions and Social Movements Through the Campaign Activities 203
IV. WCCA Campaign Tabling Demands in Cooperation with Trade Unions and Social Movements 206
IV.1. Negotiations with Municipalities 206
IV.2. 2010 NEDLAC Framework Agreement 209
V. WCCA in Solidarity with Other Campaigns 213

Chapter VII Empirical Research: Street Traders in Durban 217

I: General Characteristics of Street Trading and Street Traders in Durban 217
II: Street Traders in Their Communities 242
III: Street Traders' Awareness of Social Movements and Civic Organisations, and Their Perception on the WCCA Campaign 253

Chapter VIII Theoretical Contributions 263

I. Reflections on Some of the Current Debates on Post-Apartheid Social Movements 263
II. Integrating Street Traders into the Social Movement Unionism (SMU) Approach 267

Conclusion 271

Bibliography 279
Appendix 293


South Africa Street Traders Fight Marginalization

In his dissertation Ercüment Çelik explores street trader organizing as the bridge between trade unions and social movements in contemporary South Africa. Based on the question of how street traders deal with their marginalization in the post-apartheid era, the author researches working conditions on the street and living conditions in shack settlements. The chosen perspective—that the spheres of work and community are not isolated phenomena of marginalization—reveals the innovative character of Çeliks study. The author shows moreover, that this combination lays the basis for an intensified cooperation between social movements and trade unions in South Africa.



© bei der Autorin und bei KULT_online