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Rekontextualisierungen von Dingen, Symbolen, Praktiken

Eine Rezension von Antje Coburger

Hirschberger, Claudia et al. (Hg.): Die Sprache der Dinge: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur. Münster: Waxmann, 2010.

Eine im November 2008 abgehaltene Tagung, die von der Gesellschaft für Ethnographie e.V. in Kooperation mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin veranstaltet wurde, hatte sich der Wirkmächtigkeit von Dingen angenommen und deren Kultur generierenden Funktionen in den Mittelpunkt gestellt. Dabei wurde besonders die Rekontextualisierung von Dingen in den Blick genommen, sei es in Museen oder anderen Wissensarenen. Der Band präsentiert einen Großteil der Tagungsbeiträge, die den kulturwissenschaftlichen Blick auf materielle und auch mediale Dingkultur lenken.  


Die Herausgeberinnen des vorliegenden Tagungsbandes zur materiellen Kultur, Claudia Hirschberger, Karoline Noack, Jane Redlin und Elisabeth Tietmeyer, haben ihren derzeitigen Wirkungsschwerpunkt in Berlin und Bonn und sind in den Fächern Ethnologie und Altamerikanistik ausgewiesene Kennerinnen. Sie bündeln die Aufsätze mit ihren Vorbemerkungen in vier thematische Abschnitte, wobei sie acht Begriffe der kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit materieller Kultur vorstellen, die als Begriffspaare den jeweiligen Abschnitt charakterisieren: "Bedeutungen und Konstrukte", "Authentizität und Kontextualisierungen", "Symbolische Praktiken und Kulturtechniken" sowie "(Im)materialität und Medialität". Jane Redlin ist darüber hinaus mit einem eigenen Beitrag vertreten.

In zwei vorangestellten Beiträgen von Hans Peter Hahn und Hans Ottomeyer werden Dinge als Gegenstände ethnographischer Betrachtungen vorgestellt. Hahn gibt in seiner "Ethnographie des Wohnzimmers" ein Beispiel zur Untermauerung seiner These, dass die ethnographische Methode kritisch reflektiert werden muss, um einige populäre Pfade der Interpretation verlassen zu können und eine "Befremdung durch die Dinge" (S. 18) auch durch scheinbar ganz vertraute Dinge zuzulassen.
Hans Ottomeyer zeigt auf, wie Dinge dazu genutzt und benutzt werden, historische Ansprüche und Legitimationsabsichten zu bekräftigen. Dass diese Dinge oftmals in Museen nur rein formalen Kriterien unterworfen werden, bemängelt er. Vielmehr müsse man die historischen Objekte auch als solche sprechen lassen. Als Beispiel führt er das Zeughaus in Berlin an, das seit seiner Errichtung dem Versammeln von Beute- und Kriegsobjekten gedient hat. Die heute im Deutschen Historischen Museum, dem ehemaligen Zeughaus, ausgestellten Gegenstände müssten auch auf ihre ehemals herrschaftslegitimatorischen Funktionen hinweisen. Für das Erschließen historischer Zeugnisse wünscht sich der Autor ein neues theoretisches System, das deren Bedeutungsstränge auch fassen kann (vgl. S. 30).

Unter der Überschrift Bedeutungen und Konstrukte stellt Elisabeth Tietmeyer vier Aufsätze vor, die auf Mensch-Ding-Beziehungen hinweisen. Der Mensch gibt den Dingen Bedeutungen und mit seiner Deutungsmacht konstruiert er nicht selten Zuschreibungen, die es zu hinterfragen gilt. Einer dieser Aufsätze stammt von Anna-Lisa Müller, die sich mit Stadtsoziologie beschäftigt. Ihr Thema ist die Creative City (S. 65), die sie anhand der irischen Hauptstadt Dublin vorstellt. Genauer beschreibt sie das Konzept in den Stadtteilen Docklands und Temple Bar, die als innovative und künstlerische Viertel Eigenschaften einer Creative City sichtbar werden lassen. Die materielle Gestalt der Stadt macht sichtbar, wie die Stadtplanung und auch Stadtplaner Dublin als kreative Stadt konstruieren wollen.

Den zweiten Teil des Bandes leitet Karoline Noack mit Überlegungen zu Authentizität und Kontextualisierungen ein. Fünf Aufsätze beschäftigen sich an dieser Stelle mit dem Gebrauch von Objekten und Spuren der Benutzung, stellen aber auch das Konzept der Echtheit in Frage. Der Beitrag von Stefanie Samida beispielsweise beschreibt die Objektbiographie eines Artefaktes, das sowohl in der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem regelrechten "Objekt der Begierde" (S. 91) wurde: der Himmelsscheibe von Nebra. Hier wird vergleichbar mit der Biographie einer Person die "Lebensgeschichte" eines archäologischen Artefakts ausgebreitet. Herstellung, Benutzung, Entsorgung, Wiederentdeckung und Neukontextualisierung des Anwendungszusammenhangs werden vorgestellt.
Die Frage nach Echtheit oder Fälschung eines Maya-Stuckkopfes aus dem Ethnologischen Museum Berlin stellt Maria Gaida in ihrem Aufsatz. Besonders aufschlussreich macht hier die Auswertung der Korrespondenz, die im Zusammenhang mit dem Ankauf eines Stuckkopfes 1960 stand, deutlich, welche Fehleinschätzungen im "Expertentum" (S. 116) der Museumsfachleute zugrunde lagen, damit ein Ding in die Lage versetzt wurde, die Unwahrheit zu sagen.

Im dritten Teil führt Jane Redlin in Symbolische Praktiken und Kulturtechniken ein.
Während Dinge im kulturellen Gebrauch genutzt werden, um Bedürfnisse des Alltagslebens zu realisieren, kann ihr symbolischer Gebrauch der Vermittlung von Werten dienen.
Ein Beispiel dafür ist die Forschungsskizze von Jane Redlin zu Gegenständen des Kleinkindertransports, von ihr als "Kitras" (S. 163) zusammengefasst. Kinderwagen und Tragetücher werden hier als Gegenstände vorgestellt, die als traditionell gelten, modern sein wollen, wieder entdeckt werden und auf diese Weise ein Bild vom Verständnis der Kindererziehung zu verschiedenen Zeiten geben. Regionale Eigenheit und damit Zeugnis auch eines als 'antimodern' gedeuteten Selbstverständnisses ist das Transportieren von Kindern im Tragemantel, auch Hockmantel genannt, der in Thüringen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts üblich war. Redlin weist darauf hin, dass die topographischen Gegebenheiten der Landschaft und die schweren und unhandlichen Ausführungen früher Kinderwagen zum Festhalten an dieser Kulturtechnik beitrugen.

Den letzten Abschnitt (Im)materialität und Medialität stellt Claudia Hirschberger vor. Hier wird beleuchtet, "in welchem Verhältnis technische und virtuelle Welten zu materieller Kultur und dem Umgang mit den – gewandelten – Dingen stehen" (S. 173).
Besonders deutlich wird das im Beitrag von Charlotte Giese, die "mobile (in) fashion" (S. 175) vorstellt und damit Materialität und ihre Auflösung zeigt. Werden moderne Kommunikationsmittel fast unsichtbar in funktionelle Kleidungsstücke eingearbeitet, löst sich deren Materialität auf und die Medialität der Mobiltelefone wird zur umfassenden Verbindbarkeit.

Obwohl der Tagungsband eine enorme Bandbreite von Dingen aus Archäologie, Kunstgeschichte, Geschichte, europäischer und amerikanischer Ethnologie und moderner Technik anspricht, vermögen es doch alle Beiträge, 'ihre' Dinge zum Sprechen zu bringen. Somit lohnt sich ein kulturwissenschaftlicher Blick auf die materielle Kultur, die als Hinterlassenschaften menschlichen Wirkens im interdisziplinären Austausch sogar in die Lage versetzt werden können, in mehreren Sprachen zu sprechen.


Elisabeth Tietmeyer, Claudia Hirschberger, Karoline Noack, Jane Redlin (Hg.): Die Sprache der Dinge. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die materielle Kultur. Münster: Waxmann, 2010. 220 S., broschiert, 29,90 Euro. ISBN: 978-3-8309-2333-6 Pick It!


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7
Hans Peter Hahn: Von der Ethnographie des Wohnzimmers zur Topographie des Zufalls 9
Hans Ottomeyer: Zeugnisse der Geschichte und die Museen Europas 23

Elisabeth Tietmeyer: Bedeutungen und Konstrukte 31

Udo Gößwald: Die Erbschaft der Dinge 33
Friederike Felcht: "die Straßenbahnen und Omnibusse sind gestopft und gepfropft und mit Menschen garniert". Überlegungen zur Aufhebung des Anthropozentrismus von Mensch-Ding-Beziehungen 43
Günther Schörner: Dinge und ihre soziale Bedeutung: Behavioral Archaeology, Terra sigillata und die Imelda Marcos-Hypothese 53
Anna-Lisa Müller: Die Creative City Dublin. Architektur und Materialität als Ausdruck der Stadtplanung 65

Karoline Noack: Authentizität und Kontextualisierungen 77

Werner Schweibenz: Das Spannungsverhältnis von Ding und Information – Bezüge zwischen Museologie und Informationstheorie 79
Stefanie Samida: ‚Objekte der Begierde‘: archäologische Dinge zwischen Forschung und Kommerzialisierung 89
Beatrix Hoffmann: Unikat oder Dublette? Zum Bedeutungswandel musealisierter Sammlungsgegenstände aus dem Bestand des einstigen Museums für Völkerkunde Berlin 99
Maria Gaida: Echt oder nicht echt? Der (falsche) Maya-Kopf im Ethnologischen Museum Berlin 109
Andrea Blumtritt: Von Menschen, Räumen und Dingen: materielle Praxis im Kontext translokaler Raumwahrnehmung 119

Jane Redlin: Symbolische Praktiken und Kulturtechniken 133

Paola Ivanov: Verschleierung als Praxis: Gedanken zur Beziehung zwischen Person, Gesellschaft und materieller Welt in Sansibar 135
Gudrun Grauenson: Das Gele – nur ein einfaches Tuch? Das Kopftusch Gele der Yoruba-Frauen in Nigeria als künstlerisch-modisches Symbol emanzipatorischer Körper-Politik 149
Jane Redlin: Kitras – Alltagsdinge und Symbolträger. Eine Forschungsskizze 163

Claudia Hirschberger: (Im)materialität und Medialität 173

Charlotte Giese: mobile (in) fashion – Mobile Connectedness im urbanen digitalen Lifestyle 175
Verena Kuni: "From Analog to Digital and Back Again”? 185
Lars Frers: Automatische Irritationen – Überlegungen in Video zur Initiativentfaltung der Dinge 195
Hendrik Pletz: Die Materialisierung des Imaginären - Die Neuen Medien der 1980er 203

Abbildungsnachweis und Copyright 215
Autorinnen und Autoren 217


Recontextualizations of Objects, Symbols, and Practices

A November 2008 conference of the German association for ethnography and Berlin's Institute for European Ethnology at Humboldt University and Museum for European Cultures focused on the influence of (museums-)objects and their culture-generating functions. The central question for researchers was the reforming of contexts, be it in museums or in other arenas of knowledge. The publication presents many of the conference papers which show a cultural-studies point of view of material and medial objects.



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