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Der (Um)Weg ist das Ziel: eine motivierende Darstellung beruflicher Möglichkeiten für Kulturwissenschaftler

Eine Rezension von Lena Binder

Beer, Bettina; Klocke-Daffa, Sabine; Lütkes, Christiana (Hg.) Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler. Erfahrungsberichte und Zukunftsperspektiven. Berlin: Reimer, 2009.

Der Sammelband Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler - Erfahrungsberichte und Zukunftsperspektiven, herausgegeben von den Ethnologinnen Bettina Beer, Sabine Klocke-Daffa und Christiana Lütkes, liefert eine durch Anzahl und Vielseitigkeit der Beispiele überzeugende Sammlung an Erfahrungsberichten von Kulturwissenschaftler/innen über ihren beruflichen Werdegang. Der Zielsetzung der Herausgeberinnen, interessierten Studienbewerber/innen, Studierenden und Absolvent/innen eine berufliche Orientierung zu bieten, wird der Band durch die Darstellung verschiedenster Berufsprofile außerhalb der Universität zweifelsohne gerecht. Trotz breitem Verständnis von Kulturwissenschaften in der Einleitung wird in den Beiträgen unter kulturwissenschaftlichen Kenntnissen allerdings häufig speziell ethnologisches Methodenwissen verstanden, weshalb einige Tipps nicht unbedingt für andere Geisteswissenschaften übertragbar sind.  


Die 18 Autorinnen und zwei Autoren des Sammelbandes Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler - Erfahrungsberichte und Zukunftsperspektiven arbeiten heute in völlig unterschiedlichen Berufen und üben bisweilen Tätigkeiten aus, die mit einem kulturwissenschaftlichen Studium zumindest auf den ersten Blick nicht in Verbindung gebracht werden, wie etwa die Arbeit in der psychologischen Betreuung oder sogar beim Militär. Auf diese Weise zeigen die Herausgeberinnen den Facettenreichtum an beruflichen Möglichkeiten für Kulturwissenschaftler/innen auf, ohne dabei Grenzen und Hindernisse, die die Autor/innen in ihrem eigenen beruflichen Werdegang erfahren haben, zu verschweigen. Die wissenschaftliche Karriere an der Universität als mögliches Berufsziel wird zwar am Rande erwähnt, ihr widmet sich aber kein eigener Artikel, da der Fokus des Bandes auf den weniger naheliegenden oder gar unvorstellbaren Berufsprofilen liegen soll.
Auffällig ist, dass zu Beginn von mannigfaltigen kulturwissenschaftlichen Disziplinen die Rede ist, die Autor/innen jedoch allesamt der Ethnologie entstammen und diese allenfalls mit einer anderen kulturwissenschaftlichen Disziplin, aber auch mit VWL oder Psychologie in Kombination studiert haben.

Bei den Erfahrungsberichten handelt es sich um zum Teil sehr persönliche Schilderungen von beruflicher Orientierung, arbeitslosen Phasen und den (Um-)Wegen zum aktuellen (Traum-) Beruf. Gestalterisch untermalt werden einige Artikel durch Fotos der Autor/innen bei ihrer Arbeit. Die Artikel gliedern sich jeweils in einen deskriptiven Teil über die Stelle und die dazugehörigen Tätigkeiten sowie in einen eher analytischen Teil, der über die Wege zu diesem Beruf und die Erfordernisse und Schwierigkeiten insbesondere vor dem Hintergrund eines kulturwissenschaftlichen Studiums informiert. Besonders hilfreich sind weiterführende bibliographische Angaben sowie Internetadressen am Ende eines jeden Textes. Hinzu kommt ein Anhang für den gesamten Band, welcher praktische Tipps für Bewerbungen um einen Praktikums- oder Arbeitsplatz gibt.

Die Kürze der einzelnen Artikel und ihre Aufteilung in Teilabschnitte mit hilfreichen Tipps am jeweiligen Textende sorgen für Anschaulichkeit der einzelnen Berichte, die in ihrer Wiederkehr dann auch zu einer übersichtlichen Gesamtstruktur beiträgt. Es wird von einer berufsunerfahrenen Leserschaft ausgegangen, weshalb beispielsweise für Tätigkeiten im Verlag Fachbegriffe wie "Backlist" und "Zwischenbuchhandel" separat in einem Glossar erläutert werden. So erweist sich der Ratgeber als gut lesbar und verständlich für Studienanwärter/innen ebenso wie für Absolvent/innen.
Der Band kann als Inspiration für mögliche Berufsziele dienen und überrascht dabei mit Einblicken in kulturwissenschaftliche Tätigkeiten beim Militär ("Ethnologie und Militär – ein Widerspruch?"), in der Personalberatung ("Einstieg in die Personalberatung") oder etwa in der Justizförderung ("Rechtsethnologie in der Entwicklungshilfe"). So überraschend diese Berufsprofile im Zusammenhang mit Kulturwissenschaften klingen, so ernüchternd mögen alsdann wiederkehrende Aussagen dahingehend sein, dass die jeweiligen Autor/innen die Stelle über Umwege, durch Kontakte, durch Zufall oder nur dank vieler Zusatzqualifikationen etwa im wirtschaftlichen und juristischen Bereich erwerben konnten. Ernüchterung ist sicher nicht gesetztes Ziel der Verfasser/innen dieser Artikelsammlung, dennoch wird deutlich, dass Kulturwissenschaftler/innen durch viele (unbezahlte) Praktika, zahlreiche Auslandsaufenthalte sowie weitere Qualifikationen außerhalb des Studiums beweisen müssen, dass ihre akademischen Kenntnisse praktisch nutzbar gemacht werden können.
Ebenso eignet sich der Band für solche Student/innen und Absolvent/innen, die bereits ein Berufsziel vor Augen haben. Sie können sich anhand der Artikel ein konkreteres Bild von dem angestrebten Berufsfeld machen und überlegen, ob dieses wirklich zu ihnen passt. Gewisse Berufsprofile bilden für die eine oder den anderen Kulturwissenschaftler/in möglicherweise einen Widerspruch zu eigenen Prinzipien und Ideologien. Darüber hinaus führen die Artikel auch die zwar naheliegende, aber vielleicht doch gelegentlich ausgeblendete Tatsache vor Augen, dass die vorgestellten Berufe gar nicht auf rein kulturwissenschaftlichen Tätigkeiten, wie etwa teilnehmender Beobachtung, Konfliktberatung oder interkulturellem Handeln beruhen können, sondern viele Berufe vielmehr von einem geregelten Büroalltag leben. So berichten auch die 20 Autor/innen von ihren organisatorischen und administrativen Tätigkeiten sowie von Aufgaben in der Logistik, in der Buchhaltung oder im Übersetzen, für die sie eigentlich nicht qualifiziert wurden.
Keine Scheu zeigt der Band vor Themen, welche die prekäre Situation mancher Kulturwissenschaftler/innen zeigen, wie etwa niedrige Gehälter, schlechte Aufstiegschancen oder Arbeitslosigkeit. Die Autor/innen warnen vor befristeten Verträgen und Ausnutzung – letzteres gilt vor allem im Praktikum.

Insgesamt bietet der vorliegende Band also ein differenziertes Bild über ein breites Spektrum an möglichen Berufsfeldern für Kulturwissenschaftler/innen. Allerdings wird trotz des eingangs genannten Anspruchs einer mehrere kulturwissenschaftliche Disziplinen umfassenden Ausrichtung Kulturwissenschaft häufig im engeren Verständnis gebraucht, also mit der Ethnologie gleichgesetzt, sodass bisweilen Methodenkenntnisse aus der Ethnologie als grundlegende kulturwissenschaftliche Kompetenzen vorausgesetzt werden, die man als Absolvent/in im Berufseinstieg vorweisen kann. Deshalb stellt sich vor allem für Philolog/innen die Frage nach der Nutzbarkeit des Ratgebers, wenn auf Kenntnisse in teilnehmender Beobachtung, empirischer Methodik und Evaluation als Kernkompetenzen zurückgegriffen wird. Dennoch können auch diese Leser/innen ein Fazit aus der Lektüre des Buches ziehen: Fast alles ist beruflich möglich – aber wo es viele Möglichkeiten gibt, ist der Weg nicht klar vorgezeichnet. Dass 'Umwege' Abwechslungsreichtum und positive Herausforderung bedeuten können, bestätigen beispielhaft die erfolgreichen Karrieren der beteiligten Autor/innen.


Beer, Bettina; Klocke-Daffa, Sabine; Lütkes, Christiana (Hg.): Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler. Erfahrungsberichte und Zukunftsperspektiven. Berlin: Reimer Verlag, 2009. 305 S., kartoniert, 19,90 Euro. ISBN: 978-3-496-02814-7


Inhaltsverzeichnis

Bettina Beer, Sabine Klocke-Daffa, Christiana Lütkes
Einleitung: Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler 9

Bettina Beer
Berufsorientierung und Praktika im Studium der Kulturwissenschaften 19

Christiana Lütkes
Betriebsame Arbeitslosigkeit - Wie sich Lücken im Lebenslauf schließen lassen 31

Birgit Baumann
Einblicke in das Verlagswesen - Erste Erfahrung durch Praktika 43

Beate Behrens
Berufsmöglichkeiten im Verlag? 53

Elisabeth Tietmeyer
Arbeit im Museum 69

Sabine Klocke-Daffa
"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" - Kulturmanagement als Beruf und Herausforderung 83

Katja Dühlmeyer
Kulturwissenschaftler im Bibliothekswesen 103

Friederike Seithel
"Into the future": Ethnologie und Bildung für nachhaltige Entwicklung 117

Christiana Lütkes
Bürgerschaftliches Engagement mit Ruheständlern und Berufsvorbereitung für Jugendliche - Ein Beispiel für Tätigkeiten im Bildungswesen 131

Margret Spohn
Berufsorientierung in den Kulturwissenschaften - Schwerpunkt: Integration und Interkulturelle Kommunikation 147

Maren Tomforde
Ethnologie und Militär - Ein Widerspruch? 159

Anne Artmeyer
Kulturwissenschaftliche Kenntnisse in der Krankenpflege - Wem hilft das? 171

Silke Gassner
"Unsere Familie ist wie ein Baum ohne Wurzeln, wie soll er blühen?" Psychologische Betreuung im Kinderkrankenhaus 181

Kundri Böhmer-Bauer
Die Ferne als Geschäft - Tätigkeitsfelder für Kulturwissenschaftler in der Touristik 191

Susanne Spülbeck
Organisationsethnologische Forschung und Beratung: Neue Perspektiven in der Unternehmensberatung 213

Markus Weilemann
Rechtsethnologie in der Entwicklungshilfe - Einblicke in die Justizförderung 225

Wiebke Koenig
Das Berufsfeld Entwicklungszusammenarbeit 241

Rosa Grabe, Axel Schmidt
Humanitäre Hilfe oder: Das NGO-Business 255

Bettina Weiz
"On air". Ethnologie im Radio 271

Miriam Grabenreich
Vom Exotenfach in die Medien - Fernsehjournalismus 277

Christiana Lütkes
Anhang: Praktische Tipps für die Bewerbung um einen Praktikums- oder Arbeitsplatz 291

Die Autorinnen und Autoren 301


The Detour as the Destination: A Motivating Presentation of Professional Opportunities for Cultural Scientists

The anthology Berufsorientierung für Kulturwissenschaftler—Erfahrungsberichte und Zukunftsperspektiven (Professional orientation for cultural scientists—field reports and future perspectives), edited by the German ethnologists Bettina Beer, Sabine Klocke-Daffa and Christiana Lütkes, provides a collection of testimonials on career and professional development by academics who have a cultural studies background. The collection impresses due to the number and variety of articles. The explicit aim of the editors, namely to offer professional orientation help to prospective students of cultural studies and to current students and graduates of the same field, is doubtlessly fulfilled by presenting a range of job profiles outside of university. In spite of the all-embracing understanding of the study of culture in the introduction, some of the job profiles described in the articles rely on methodological competencies from ethnology, so that some advice is probably not useful for students of other humanities fields.


© bei der Autorin und bei KULT_online