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Zwischen Epiphanie und Un(be)greifbarkeit. Zur Affinität von moderner Ästhetik und mystischer Tradition

Eine Rezension von Reinhard Möller

Temesvári, Cornelia; Sanchiño Martínez, Roberto (Hg.): »Wovon man nicht sprechen kann...« Ästhetik und Mystik im 20. Jahrhundert. Philosophie - Literatur - Visuelle Medien. Bielefeld: transcript, 2010.

Der interdisziplinäre Tagungsband "Wovon man nicht sprechen kann…" untersucht Parallelen zwischen mystischen Denk- und Sprachfiguren verschiedener Religionen einerseits und Formen ästhetischer Kreativität und Rezeptivität im 20. Jahrhundert andererseits. Die einzelnen Beiträge analysieren Gemeinsamkeiten zwischen mystischen und ästhetischen Denk-, Darstellungs- und Erfahrungsformen sowohl auf philosophischer und kunsttheoretischer Ebene als auch anhand exemplarischer Einzelstudien zu Texten Paul Celans, Gamal al-Ghitanis, Cynthia Ozicks, Marcel Prousts und Filmen Michelangelo Antonionis. Gerade durch die Konzentration auf schlaglichtartige Analysen unterschiedlicher Einzelphänomene zeigt der Band das breite Spektrum möglicher Analogiebeziehungen zwischen Mystik und (speziell moderner) Ästhetik auf und lässt so das weitere Potential des Forschungsfeldes erkennbar werden.


Im Gefolge tiefgreifender Krisen von diskursiver Sprache, Erkenntnis und Darstellung habe die Wahlverwandtschaft zwischen Ästhetik und Mystik nach 1900 derart an Bedeutung gewonnen, dass sich das 20. Jahrhundert insgesamt als das "Zeitalter der Mystik" innerhalb der Ästhetik bezeichnen lasse – so lautet die pointiert formulierte These im Klappentext des vorliegenden Sammelbandes, der auf einen im Herbst 2008 abgehaltenen Workshop des Sonderforschungsbereichs 626 der Freien Universität Berlin zurückgeht. Bereits der Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus zitierende Titel des Bandes verweist allerdings auf die grundlegende Schwierigkeit, das Mystische und seine Gegenstände zu benennen und zur Sprache zu bringen, die nicht zuletzt auch den in diesem Buch unternommenen Versuch betrifft, seinen Einfluss auf Phänomene moderner Ästhetik aufzuzeigen: Unterschiedliche ästhetische Paradigmen können zwar durchaus als Aktualisierungen mystisch-religiöser Traditionen interpretiert werden, sodass sich der Rekurs auf mystische Denk- und Sprachfiguren zum Beispiel als eine Alternative zum häufigeren Bezug auf philosophische Konzepte anbietet – gleichzeitig lassen sich jedoch genaue Kriterien, um spezifisch Mystisches in der Ästhetik und ihren Gegenständen präzise zu identifizieren, weniger leicht auffinden.

Wie der einleitende Beitrag von Hans Stauffacher betont, können Konstellationen ästhetischer und mystischer Erfahrung gleichermaßen auf die Erfahrung eines transzendenten oder immanenten 'ganz Anderen' bezogen werden. Diese sprengt gewohnte Bewusstseins- und Verstehenshorizonte, und ihre Intensität widersetzt sich beharrlich dem Verstehen, der Versprachlichung und der Darstellung, während sie zugleich aufgrund ihrer Faszinationskraft und vermeintlichen Bedeutungsfülle in besonderem Maße nach Ausdruck verlangt. Gerade in solchen Paradoxien lassen sich strukturelle Analogien zwischen mystischen und ästhetischen Beschreibungen intensiver "Differenz-Erfahrungen" (S. 8) erkennen, die beispielsweise in den von Stauffacher erwähnten gegenwärtigen Entwürfen einer anti-hermeneutischen Ästhetik der 'Präsenz' oder des 'Erscheinens' bei Martin Seel, Dieter Mersch oder Hans-Ulrich Gumbrecht (siehe S. 13-21) breiten Raum einnehmen.

Vor dem Hintergrund solcher aktueller Debatten geht der Band anhand von Theorie-, Literatur- und Filmstudien möglichen Spuren des Mystischen in der Ästhetik des 20. Jahrhunderts nach, die auf unterschiedlichste Traditionen christlicher, jüdischer und islamischer Religion zurückgeführt werden.
Während der allgemein gehaltene Titel zunächst eine Art überblicksartige Gesamtdarstellung verspricht, zeigt der Band mit seiner Zusammenstellung lose miteinander verbundener 'Schlaglichter' eine eher disparate Struktur, die das zugrundeliegende Format eines offenen Workshops reflektiert. Weil gerade durch diesen Aufbau ein besonders breit gefächertes Spektrum oftmals überraschender struktureller Analogien zwischen mystischen und ästhetischen Denk- und Schreibfiguren erkennbar wird, muss dieses Spannungsverhältnis jedoch nicht als Schwäche aufgefasst werden, sondern korrespondiert dem gewählten, selbst stark zur Entgrenzung tendierenden Thema.

Zu den im Einzelnen thematisierten Aspekten zählt die Bedeutung des Mystischen als eine spezifische sinnliche Wahrnehmungs- und Erfahrungsform, die z.B. eine mit enthusiastischen Affekten verbundene Erfahrung der Entgrenzung des Subjekts in die Welt der Objekte ermöglicht – so im Fall des von Roberto Sanchiño Martínez thematisierten Entwurfs einer ästhetischen Mystik "innerer Erfahrung" bei Georges Bataille. Im Anschluss an solche Analogien im Bereich sinnlicher Erfahrung lassen sich zudem bemerkenswerte Parallelen zwischen ästhetischen und mystischen Zeichen- und Ausdrucksmodellen und Konzeptionen mystischer und (produktions-)ästhetischer Inspiration und Kreativität untersuchen: So weist der Beitrag von Hans Stauffacher eingangs auf die Analogie zwischen dem traditionellen "Prädikationsverbot" (S. 20) negativer Theologie für sakrale Gegenstände und dem im Zeichen einer für die Moderne charakteristischen Wirkungs- und "Erfahrungsästhetik" (S. 19) implizit ausgesprochenen Prädikationsverbot für die als quasi-sakral privilegierten Gegenstände autonomer Kunst hin, wohingegen der Beitrag von Reinhard Margreiter unter Bezug auf Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen die besondere Rolle mystischer und ästhetischer Zeichen als "ultimative und extreme Symbol-Verdichtung, als Totalisierung von Semantik" und gleichzeitiges "Zerbrechen aller Symbolik" (S. 40) problematisiert.

An diese systematisch-theoretisch orientierten Studien anknüpfend, thematisieren die Beiträge von Osman Hajjab, Cornelia Temesvári und Renate Schlesier einzelne als mystisch zu bezeichnende Poetologien literarischer AutorInnen, die den kreativen Schöpfungsakt als leidenschaftliche passiv-responsive Antwortbeziehung zu einer mystischen Inspirationsquelle (Gamal al-Ghitani), als planvolle Ausnutzung mystischer Energien durch gezielte Schöpfungsverfahren (Cynthia Ozick) oder als prekären Oszillationsprozess zwischen diesen beiden Polen (Marcel Proust) perspektivieren. Der Beitrag von Felix Christen analysiert zudem die Korrespondenz zwischen einer Poetik mystischen Schreibens am Rande des Schweigens und einer skeptischen, aber nicht gänzlich aporetischen Hermeneutik 'entfernten Verstehens' anhand mystischer Schriften Meister Eckharts und poetischer Texte von Paul Celan.
Im Anschluss an diese literaturwissenschaftlichen Perspektiven folgen unter dem Stichwort "Visualität" zwei weitere Studien von Daniel Illger und Jan Wöpking zu Strategien und Verfahren eines mystischen Realismus in der Filmästhetik Michelangelo Antonionis sowie zu Konrad Fiedlers Konzeption einer 'logoklastischen' "Mystik der Präsenz" vor allem, aber nicht nur der bildenden Künste.
Bei der Themenauswahl überrascht einzig, dass die gerade im 20. Jahrhundert nicht seltene Inszenierung mystischer Erfahrungen als Motiv in literarischen Texten und in anderen Künsten kaum thematisiert wird (hier ließe sich beispielsweise an die Darstellung des 'anderen Zustands' als eine literarische Inszenierung profaner Mystik in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften denken).

Insgesamt erscheint der Sammelband seiner Struktur entsprechend zwar nicht unbedingt als ein umfassender Überblick, dafür aber als ein zahlreiche Denkanstöße bietender Aufriss der auf vielen Ebenen sichtbar werdenden Wahlverwandtschaft zwischen Mystik und Ästhetik. Zu fragen bleibt letztlich aber, ob die hierbei thematisierten Analogien zur Mystik tatsächlich besonders spezifische Charakteristika der Ästhetik des 20. Jahrhunderts darstellen, das sich im Sinne der eingangs erwähnten These gegenüber anderen Epochen als mystisches Zeitalter der Ästhetik herausheben ließe - oder ob die hier aufgezeigten Affinitäten zwischen mystischen Weltzugängen und -beschreibungen einerseits und den Verfahren und Wirkungen der 'autonom' gewordenen Künste andererseits nicht eher charakteristische Züge der neuzeitlichen Ästhetik insgesamt darstellen.


Temesvári, Cornelia; Sanchiño Martínez, Roberto (Hg.): "Wovon man nicht sprechen kann…" Ästhetik und Mystik im 20. Jahrhundert. Philosophie – Literatur – Visuelle Medien. Bielefeld: transcript, 2010. 210 S., kart., 23,80 €. ISBN 978-3-8376-1226-4


Inhaltsverzeichnis


Vorwort 7

I. Philosophie

Erfahrung des Unaussprechlichen. Einige Überlegungen zum Mystischen in der gegenwärtigen Ästhetik (Hans Stauffacher) 13

Mystik im Spannungsfeld symbolischer Formen (Reinhard Margreiter) 29

Georges Batailles "innere Erfahrung" (Roberto Sanchiño Martínez) 43

II. Literatur

"Mystik als Wortlosigkeit / Dichtung als Form". Celans Poetik der Dunkelheit (Felix Christen) 67

"Zwischen zwei Tulpenbäumen". Ästhetische und mystische Erfahrung in Gamal al-Ghitanis "Brief über Liebesverlangen und Liebesrausch" (Osman Hajjar) 85

Kabbala als Kreationsfiktion. Starker Dichter und schreibender Golem bei Harold Bloom und Cynthia Ozick (Cornelia Temesvári) 107

Ist Inspiration für Proust eine mystische Erfahrung? (Renate Schlesier) 131

III. Visualität


Die Stadt als Un-Ort. Michelangelo Antoniolis "L'éclisse" und die Fremd- heit des Vertrauten (Daniel Illger) 157

Logoklasmus? Konrad Fiedler über Sprache und Sichtbarkeit (Jan Wöpking) 175

Zu den Autoren 205

Between Epiphany and Incommensurability. On Modern Aesthetics' Affinity with Mysticism

This interdisciplinary volume investigates potential analogies between figures of mystical and religious thought and language, on the one hand, and phenomena of aesthetic creativity and reception in the 20th century, on the other. The individual contributions explore common characteristics of mystical and aesthetic thought, experience and (re)presentation on the level of theory as well as through exemplary case studies of literary works and films by, for example, Paul Celan, Gamal al-Ghitani, Cynthia Ozick, Marcel Proust, and Michelangelo Antonioni. By highlighting such very diverse individual figures and phenomena, the volume reveals a broad spectrum of possible analogies between mysticism and modern aesthetics and makes visible some further potentials of this challenging area of research.


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