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Transgression der Tradition?

Eine Rezension von Christin Grunert

Liebrand, Claudia; Hnilicia, Irmtraud; Wortman, Thomas (Hg.): Redigierte Tradition. Literaturhistorische Positionierungen Annette von Droste-Hülshoffs. Paderborn: Schöningh, 2010.

Der vorliegende Sammelband untersucht Annette von Droste-Hülshoffs komplexen Umgang mit Traditionen. Wie die versammelten Beiträge deutlich machen, erzeugt die oft konstatierte Rückwendung der Autorin mit ihrem dadurch hervorgerufenen heterogenen Gattungs- und Formenarsenal gleichwohl "modernistische Effekte" (S. 10), die nicht aus einem radikalen Bruch mit dem Vergangenen, sondern aus einer kreativen Transformation der Tradition resultieren. Das weite Spektrum der 16 Aufsätze umfasst unterschiedliche Gattungen (auch 'halb-literarische' Texte wie die "Westphälischen Schilderungen") verschiedener Schaffensperioden (von Drostes Frühwerk "Bertha oder die Alpen" bis zu einem ihrer letzten Gedichte "Lebt wohl"). Einige Beiträge analysieren ihr Werk unter kulturwissenschaftlicher Perspektive vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit (natur)wissenschaftlichen Diskursen (wie etwa dem Magnetismus oder der Rechtsgeschichte) sowie religiösen Themen. 


Die unter dem Titel Redigierte Tradition. Literaturhistorische Positionierungen Annette von Droste-Hülshoffs versammelten Beiträge eröffnen dem Kenner der Droste-Forschung durch ihre variantenreiche Herangehensweise inspirierende Einsichten in ihr vielschichtiges Werk. Mit seinen innovativen und anspruchsvollen Thesen richtet sich der Sammelband an ein Fachpublikum, da auf eine einführende Darstellung größtenteils verzichtet wird. Das Spektrum reicht von systhemtheoretischen, narratologischen, intertextuellen, wissensgeschichtlichen, poetologischen und biographischen Interpretationsansätzen bis zur Gender-Theorie (die u. a. auch den somatic turn aufgreift) und dem von Mieke Bal (Quoting Caravaggio: Contemporary Art, Preposterous History, Chicago 1999) entworfenen und aktuell von Elisabeth Bronfen (Crossmappings. Essays zur visuellen Kultur, Zürich 2009) produktiv gemachten Konzept der preposterous history.
Vorangestellt ist eine Einleitung der Herausgeber, die nicht nur konzise die Bandbreite der einzelnen Beiträge und ihre jeweiligen Kernthesen vorstellt, sondern auch die literaturhistorische Einordnung Annette von Droste-Hülshoffs problematisiert. Wie die Beiträge überzeugend darlegen, vollzieht sich Drostes Arbeit an und mit der Tradition auf verschiedenen Ebenen und so findet auch die spezifische Modernität ihres Werkes auf vielfältige Weise Ausdruck.

Ausgehend vom Dramenfragment "Bertha oder die Alpen", ein Text, dem sich die Droste-Forschung bisher selten angenommen hat, zeigen gleich zwei Analysen, wie durch die ausgeprägte intertextuelle Bezugnahme auf mythische Stoffe bzw. auf Texte der Genieepoche, die Einschränkungen weiblichen Schreibens thematisiert werden. Frauke Berndt nimmt die Aufnahme zahlreicher mythischer Narrative (Aphrodite, Echo, Helena, Iphigenie und Artemis) in den Blick und interpretiert die typisch weibliche Tätigkeit des Stickens und Musizierens als einen "mythologischen Spiegel" (S. 14), der es zum einen den Frauenfiguren ermögliche, unsagbare Emotionen auszudrücken, und der zum anderen auf eine maternale Gottheit verweise, die die Gewalt gegenüber Frauen und die Bedrohung, die vom weiblichen Geschlecht ausgeht, bezeuge. Franziska Schößler liest den Text als Einschreibung in die ästhetische Tradition von Lessing, Goethe und Schiller, die den "Ausschluss des Weiblichen aus der Kultur zementiert" (S. 74) bzw. als eine Umschreibung derselben. Durch die im Text vollzogene Aufhebung von Kunst und Politik werde die Bedingung von "(weiblicher) Freiheit, Künstlerschaft und Androgynie" (S. 74) verhandelt.

Oliver Kohns Beitrag beschäftigt sich ebenfalls mit Drostes Weiterentwicklung und Radikalisierung der goethezeitlichen Vorlagen. Das von der Forschung bisher weitgehend ignorierte Gedicht "Das Schicksal", als dessen vermutliches Entstehungsjahr 1810 angegeben wird, interpretiert er – ausgehend von der Schifffahrtsmetaphorik – als "Erfahrung radikaler Kontingenz" (S. 158). Sie wird weder in alttestamentarischer und erbauungslyrischer Bildlichkeit als Möglichkeit gelesen, Gottes Erbarmen zu erfahren, noch mit dem goetheschen Prätext "Gesang der Geister über den Wassern" als gebändigtes Schicksal (vgl. S. 164). Das Gedicht illustriere vielmehr die Unberechenbarkeit des Schicksals, durch welche die Erlösung zu einer Möglichkeit unter vielen verkümmere. Zwar scheut sich Kohns, die "Zeitlichkeit dieser Schicksalhaftigkeit" als 'modern' zu apostrophieren, gleichwohl stellt er eine Interpretation als bloßes "epigonales Lebensgefühl"(S. 153) als zu verkürzt dar. Er argumentiert überzeugend, dass sich Annette von Droste-Hülshoff mit diesem Gedicht nicht nur in die literarische Tradition der Kontingenzerfahrung einschreibt, sondern sie in dem Sinne überbietet, dass sie den harmonisierenden Sicherheitsrahmen aufhebt.

Die Beiträge von Irmtraud Hnilica und Stefan Börnchen nehmen die literarischen Strategien in den Blick, mit deren Hilfe es Annette von Droste-Hülshoff gelingt, die gesellschaftlichen Normen zu wahren und dennoch indirekt ihre innige Beziehung zu Levin Schücking zu thematisieren. Die Doppelcodierung der Landschaftsbeschreibung bzw. der Thematisierung des Mesmerismus als intime Botschaft unterwandern den engen Rahmen der Konvention und erlauben der Autorin, sich selbstbewusst als schreibende Frau zu positionieren.
Hnilica entschlüsselt die volkskundlichen "Westphälischen Schilderungen" als Verführungstext mit geheimer Botschaft, der die prekäre Verbindung, die die gesellschaftliche Stellung der Autorin gefährdete, in die Fiktion transformiert. Mit der Schilderung heterogener westfälischer Heiratsbräuche, unterstützt durch unterschiedliche sexualisierte Metaphorik der Landschaftsbeschreibung, werde eine Relativierung der bestehenden Ehenormen erzeugt, die wiederum Drostes libidinöse Bezogenheit (vgl. S. 298) auf Schücking moralisch entlaste. Börnchen zeigt in seinem Beitrag wie Droste in ihrem Gedicht "An ***" auf die Tradition des "animalischen Magnetismus" (S. 201) Mesmers Bezug nimmt. Die Metapher des Magnets, eines zentralen Elements des Mesmerismus, veranschauliche den "magnetischen Rapport" (S. 207) zwischen den Liebenden, eine unsichtbare, aber materielle Verbindung, die räumliche Grenzen überwinden kann. Im Unterschied zu den magnetischen Kuren werde das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Magnetiseur und Patientin im Gedicht zu einer gleichberechtigten Partnerschaft. Der Magnetismus-Diskurs wird auf diese Weise nicht nur zitiert, sondern geradezu korrigiert (vgl. S. 220), da die Ebenbürtigkeit des Paares, wie im Dioskurenmythos, kraft ihrer Liebe hergestellt wird.

Insgesamt zeichnen sich die Beiträge durch einen differenzierten und reflektierten Umgang mit der aktuellen (Droste-)Forschung aus und beschreiten u. a. durch die Analyse bisher wenig beachteter Texte Neuland. Die ungenaue Lektüre Ourania Sideris, deren Interpretation der letzten Strophe des Gedichts "Spiegelbild" auf einem schlichten Lesefehler beruht (vgl. S. 241 f.), bildet glücklicherweise eine Ausnahme. Die hier versammelten Ansätze und Methoden sind – abgesehen von der achronologischen Interpretation Astrid Lange-Kirchheims, die Drostes "Judenbuche" vor der Folie von Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" liest, einem Text der rund 70 Jahre später entstand – allesamt ebenfalls sehr überzeugend. Der Sammelband eignet sich für eine vertiefende Recherche im Rahmen einer qualifizierenden Arbeit, da die hier vorgestellten innovativen Ansätze neue Wege in der aktuellen Droste-Forschung andeuten, die auch dem Kenner eine abwechslungsreiche wie inspirierende Lektüre garantieren.


Liebrand,Claudia; Irmtraud Hnilica und Thomas Wortmann (Hg.): Redigierte Tradition. Literaturhistorische Positionierungen Annette von Droste-Hülshoffs. Paderborn: Schöningh, 2010. 380 S., kartoniert, 49,90 Euro, ISBN: 978-3-506-76972-5


Inhaltsverzeichnis


Claudia Liebrand, Irmtraud Hnilica und Thomas Wortmann: Einleitung...7

Frauke Berndt: "Die Kunst des Rahmens und das Reich der Töne". Weibliche Medien der Konversation in Droste-Hülshoffs "Bertha oder die Alpen"...21

Franziska Schößler: Schiller und Goethe, "männliche Sittlichkeit" und "weibliche Freiheit": Genrehybride und Geschlechterdiskussion in Droste-Hülshoffs Dramenfragment "Bertha oder die Alpen"...59

Bastian Reinert: Metaleptische Dialoge. Wirklichkeit als Reflexionsprozess in Annette von Droste-Hülshoffs Versepos "Des Arztes Vermächtniß"...77

Claudia Liebrand: Todernstes Rollenspiel. Zur Poetik von Annette von Droste-Hülshoffs "Geistliches Jahr"...77

Rüdiger Nutt-Kofoth: Verfügbarkeit, Unzuverlässigkeit. Zur literatursysteminternen Funktion literarischer Tradition in der Lyrik Annette von Droste-Hülshoffs...121

Oliver Kohns: Wie in Schiff im Sturm. Schicksalhaftigkeit, Kontingenz und Zeit in Annette von Droste-Hülshoffs "Das Schicksal"...151

Martin Roussel: Tummelplatz und Folgegeister. Annette von Droste-Hülshoffs materielle Romantik...171

Stefan Börnchen: "König über Alle, der Magnet". Magnetismus und Liebe in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht "An ***"...197

Ourania Sideri: Annette von Droste-Hülshoffs "Spiegelbild": das poetische Selbst im Zwielicht des Kristalls...223

Achim Geisenhanslüke: Schwellenzauber. "Die Taxuswand"...243

Günter Oesterle: Annette von Droste-Hülshoffs lyrische "Versuche im Komischen"...253

Martha B. Helfer: "Ein heimlich Ding". Das Selbst als Objekt bei Annette von Droste-Hülshoff...271

Marcel Lepper: Annette von Droste-Hülshoff und Joseph von Laßberg: Geduldsphilologie und Ungeduldspoetik 1835-1848...281

Irmtraud Hnilica: Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking: Heiratsregeln und Körpertopographien in Drostes "Westphälischen Schilderungen"...297

Thomas Wortmann: Kapitalverbrechen und familiäre Vergehen. Zur Struktur der Verdopplung in Droste-Hülshoffs "Judenbuche"...315

Astrid Lange-Kirchheim: Annette von Droste-Hülshoff wiedergelesen mit Franz Kafka – "Die Judenbuche" und "In der Strafkolonie"...339

Angaben zu den Autorinnen und Autoren...375

Outmoded "Modernistic Effects"?

This anthology analyses Annette von Droste-Hülshoffs complex handling of traditions. As the 16 essays point out, the often attested backwardness of the author, and the resulting heterogeneous assemblage of genres and forms, nevertheless create modernistic effects (p. 10). These result not from a radical separation from the past, but rather from a creative transformation of the tradition. The broad spectrum of interpretations in this anthology covers different genres (including 'semi-literary' texts such as "Westphälische Schilderungen") and creative periods (from Droste's early work, "Bertha oder die Alpen", to one of her last poems, "Lebt wohl"). Furthermore, some papers analyse her work from a cultural perspective, taking into account the discussion of scientific discourses (such as magnetism or legal history) as well as religious issues.


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