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"Migration ist in aller Munde": Multidisziplinäre Ansätze in der historischen Migrationsforschung

Eine Rezension von Andreas Hübner

Lucassen, Jan; Lucassen, Leo; Manning, Patrick (Hg.): Migration History in World History. Multidisciplinary Approaches. Leiden: Brill, 2010.

Die Ausgangsbeobachtung der Herausgeber des Sammelbandes Migration History in World History ist ernüchternd: Trotz der anhaltenden Aktualität des Themas Migration haben Studien von Migrationshistorikern die gegenwärtigen Debatten kaum beeinflusst (vgl. S. 3 f.). Um dies zu ändern, verlangen die Herausgeber nach neuen, multidisziplinären Perspektiven in der historischen Migrationsforschung. Diesem Anspruch folgt der vorgelegte Band und zeigt mit seinen Beiträgen das Potential linguistischer, archäologischer, kulturanthropologischer und biowissenschaftlicher Ansätze für die historische Migrationsforschung auf, ohne dabei die Risiken multidisziplinärer Verschränkungen, zum Beispiel die Gefahr des new racism, zu verschweigen.  


"Migration ist in aller Munde" (S. 3), stellen die Herausgeber des Sammelbandes Migration History in World History eingangs fest. Sie rufen damit all jene Diskussionen ins Gedächtnis, die den öffentlichen Diskurs zur 'Migration' in jüngster Vergangenheit geprägt haben. Zu nennen wären unter anderem die Berichterstattungen zu den 'Flüchtlingswellen' auf der italienischen Insel Lampedusa. Bei aller Aktualität des Gegenstands fragen die Herausgeber des Bandes, inwiefern Studien der historischen Migrationsforschung auf diese Diskussionen eingewirkt haben. Ihre Antwort ist ernüchternd: "Bisher haben die Arbeiten der Migrationshistoriker die aktuellen Debatten allerdings nicht wirklich beeinflusst" (S. 3 f.). Dabei können die Migrationshistoriker durchaus eine gewichtige Position in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen einnehmen. Schließlich sind sie in der Lage, Kontinuitäten und Brüche sowie generelle Bedingungen der Migrationsprozesse aufzuzeigen und somit Fehlkonzeptionen des Migrationsdiskurses offenzulegen und zu korrigieren. Grundsätzliche Voraussetzung hierfür ist eine Neuorientierung in der Migrationsforschung hin zu globalen und multidisziplinären Perspektiven.

In diesem Kontext verweisen die Herausgeber zwangsläufig auf Dirk Hoerders maßgebliche Studie Cultures in Contact: World Migrations in the Second Millenium (Durham, London: Duke UP, 2002) und erläutern, was sie denn als globale Migrationsgeschichte verstehen. Ausgangspunkt stellen die Erörterungen von Patrick Manning dar. Manning erfasst die globale Migrationsgeschichte als einen Prozess ökonomischer, sozialer und kultureller Verflechtungen, der spätestens Ende des 16. Jahrhunderts in Folge der europäischen Expansion in die Amerikas einsetzte (Patrick Manning: Migration in World History. London/New York: Routledge, 2005). Auf dieser Grundlage argumentieren die Herausgeber, dass "Migration in verschiedenen sozialen Situationen besser über ein Konzept analysiert werden kann, das lange Zeiträume, große geographische Räume sowie eine Vielzahl disziplinärer Perspektiven einschließt" (S. 18). Neben den dominierenden soziologischen, historischen und anthropologischen Tendenzen verlangt dieser Ansatz nach linguistischen, archäologischen, kulturanthropologischen und biowissenschaftlichen Methoden.

Beginnend mit dem Populations- und Evolutionsgenetiker Peter de Knijff stellen sich die Beiträger des Sammelbandes der Aufgabe, diese Vorgabe der Herausgeber einzulösen. De Knijff rekonstruiert über die Analyse zweier Typen von Y-Chromosom-Polymorphismus exemplarisch die frühe, menschliche Migrationsgeschichte. So bestätigen globale und mikrospatiale Genvariationen den afrikanischen Kontinent als den Ursprung der modernen Menschheit, deuten eine erste größere, interkontinentale Migrationswelle vor ca. 60.000 bis 80.000 Jahren an und weisen auf multiple Migrationsbewegungen aus Afrika heraus hin (vgl. S. 56 f.).
Im folgenden Beitrag verknüpft der Physiker und Anthropologe Shomarka Keita geochemische Methoden mit denen der biologischen Anthropologie und erörtert, wie über die räumlich-differenzierte Analyse von Strontium-Isotopenverhältnissen an Skelettresten frühe Migrationsbewegungen untersucht werden können. Keita zeigt dezidiert, dass geochemisch-anthropologische Methoden neue Perspektiven für die historische Migrationsforschung öffnen, beispielsweise mit Blick auf den transatlantischen Sklavenhandel (vgl. S. 69).

Die anschließenden Beiträge von Andrew Pawley, Christopher Ehret und Patrick McConvell konzentrieren sich auf die Anschlussfähigkeit linguistischer Ansätze an die historische Migrationsforschung. Besonders Pawley, dessen Interesse den prähistorischen Migrationsphasen nach bzw. in Ozeanien gilt, gelingt es über die Verknüpfung linguistischer, klimatologischer und archäologischer Ansätze das multidisziplinäre Diktum der Herausgeber umzusetzen. Explizit differenziert er Formen der Land-, Küsten- und Hochseemigration und erläutert durch die Betrachtung verschiedener Sprachenfamilien, zum Beispiel jener der Papua-Sprachen, Migrationsbewegungen nach bzw. in Ozeanien (vgl. S. 87 ff.).
Christopher Ehret, ein Vertreter der historischen Linguistik, konzentriert seine Schilderungen auf den afrikanischen Kontinent sowie auf intra- und inter-gesellschaftliche Sprachveränderungen. Ehret vertritt die These, dass die Analysekategorie des Word Borrowing wesentliche Beiträge zum Verständnis von Migrationsbewegungen leisten kann (vgl. S. 145). Als weiterer Linguist verflechtet Patrick McConvell sprachwissenschaftliche Ansätze mit Aspekten der Material Culture. Seine Darstellungen, die im Wesentlichen auf das Beispiel der austronesischen Pama-Nyunga-Sprachgruppe rekurrieren, rücken die linguistische Durchdringung von Ehepraktiken und Verwandtschaftsnetzwerken bei der Analyse historischer Migrationsprozesse in den Vordergrund (vgl. S. 188). McConvell plädiert für die Kombination linguistischer sowie archäologischer, kulturanthropologischer und biowissenschaftlicher Ansätze (vgl. S. 186).

Die finalen Beiträge des Sammelbandes erläutern die Chancen kulturanthropologischer und -archäologischer Ansätze für die historische Migrationsforschung. Der Archäologe Jon M. Erlandson verdeutlicht in einer Tour de Force zur pazifischen und atlantischen Migrationsgeschichte der letzten 50.000 Jahre die Ausnahmestellung küstenspezifischer und maritimer Migrationsformen (vgl. S. 193). Abschließend erörtert der Historiker Jan Kok die Elemente, "in denen Migration in Familienstrukturen eingelassen ist" (S. 215). Er hebt die Auswirkungen von Heirats- und Vererbungspraktiken sowie -regelungen hervor und setzt diese mit Aspekten der elterlichen Handlungsgewalt, Haushaltsstrategien und Familienwerten in Verbindung. Auf diese Weise charakterisiert Kok klassen- und genderspezifische life courses von Migration (vgl. S. 249).

Koks Beitrag mutet eher inter- denn multidisziplinär an. Denn anstatt in der disziplinären Methodik zu verharren, arbeitet er methodologisch übergreifend. Dieser Umstand ist auch für eine Reihe weiterer Beiträge festzustellen. Sie überwinden die Grenzen multidisziplinär-additiver Verfahren und deuten die Zukunft einer interdisziplinären, historischen Migrationsforschung an. Die Beiträger und Herausgeber erkennen dabei die Risiken disziplinärer Verschränkungen. So weisen sie nicht nur auf die Gefahr eines new racism auf Basis biogenetischer und archäologischer Ansätze hin, sondern treten dieser auch entschieden entgegen.
Leider fehlt ein resümierendes Abschlusskapitel. Es hätte die Programmatik der Herausgeber weiter schärfen und dem Sammelband eine stärkere konzeptionelle Rahmung geben können. Gelungen ist dies den Herausgebern mit der Fokussierung auf die historischen Migrationsprozesse in Ozeanien, Afrika und den Amerikas der letzten 100.000 Jahre. Nachhaltig zeigen die Beiträge des Sammelbandes, dass Migration eher das "außergewöhnliche Normale" als die aktuelle Ausnahme darstellt; oder, wie es die Herausgeber formulieren würden: World History ist Migration History.


Lucassen, Jan, Leo Lucassen und Patrick Manning (Hg.): Migration History in World History: Multidisciplinary Approaches. Boston/Leiden: Brill, 2010 (Studies in Global Social History 3). 290 S., kartoniert, 99,00 Euro. ISBN: 978-90-04-18031-4


Inhaltsverzeichnis


Foreword vii
About the Authors ix

Part I: Historical Approaches
Jan Lucassen/Leo Lucassen/Patrick Manning: Migration History:
Multidisciplinary Approaches 3

Part II: Biological Approaches
Peter de Knijff: Population Genetics and the Migration of Modern Humans (Homo Sapiens) 39
Shomarka Keita: A Brief Introduction to a Geochemical Method Used in Assessing Migration in Biological Anthropology 59

Part III: Linguistic Approaches

Andrew Pawley: Prehistoric Migration and Colonisation Processes in Oceania: A View from Historical Linguistics and Archaeology 77
Christopher Ehret: Linguistic Testimony and Migration Histories 113
Patrick McConvell: The Archaeo-Linguistics of Migration 155

Part IV: Anthropological Approaches
Jon M. Erlandson : Ancient Immigrants: Archaeology and Maritime Migrations
191
Jan Kok: The Family Factor in Migration Decisions 215

References 251
Index on Names of Authors 277
Geographical and Languages Index 279
Subject Index 285

"Migration is the talk of the town": Multidisciplinary Approaches to Migration History

To begin with, the editors of Migration History in World History note that "Migration is the talk of town." They are compelled to conclude that "So far, however, the work by migration historians has not really influenced the current debate" (p. 3 f.). To change the status quo and to enhance the position of academic research, the editors argue for an inclusion of multidisciplinary perspectives into the field of migration history. Accordingly, the various essays in this volume illustrate the potential of linguistic, archeological, biological, and cultural-anthropological approaches for studies of migration history without denying the risks of multidisciplinary entanglement, such as the rise of new forms of racism.


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