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Leichen für Einsteiger

Eine Rezension von Maria Rossdal

Grande, Jasmin; Groß, Dominik (Hg.): Objekt Leiche: Technisierung, Ökonomisierung und Inszenierung toter Körper. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2010.

Der Sammelband Objekt Leiche stellt den Umgang mit toten Körpern und ihrem weiteren, zweckgebundenen Gebrauch in verschiedenen wissenschaftlichen und historischen Kontexten in den Mittelpunkt. Die Beiträge aus Geschichte, Soziologie, Psychologie und Literaturwissenschaft bieten größtenteils einen historischen Überblick. Das Hauptaugenmerk liegt auf konkreten Handlungen bei der Beerdigung, bei der Präsentation von und dem Gedenken an Tote sowie den dahinter stehenden Motiven, wobei eine weite Zeitspanne umfasst wird und die Themen von antiken Grabritualen bis hin zu virtuellen Friedhöfen und ausgestellten Plastinaten in der gegenwärtigen Gesellschaft reichen. 


Der Sammelband Objekt Leiche ist der erste Band in der Reihe "Todesbilder", die im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes zum Thema „Tod und toter Körper“ entstanden ist. Leider bleibt das Buch ebenso wie die Folgebände hinter dem Anspruch der (kulturwissenschaftlichen) Interdisziplinarität zurück, obwohl sich durchaus gewinnbringende Verknüpfungen hätten ergeben können. Diese werden aber weder im Vorwort ausdrücklich angesprochen noch kommen sie in der thematischen Aufteilung des Bandes zur vollen Geltung.

Bestattungsformen und Transplantationen

So betrachten z. B. mehrere Autoren verschiedene Bestattungsformen und deren historische Entwicklung. Der Schwerpunkt liegt hier klar auf aktuellen Praxen in Deutschland. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Kulturräumen wird allenfalls angerissen, wie etwa im Beitrag zur "Ökonomie des toten Körpers" (Thomas u. a.), der aufzeigt, dass in Europa die Wahl der Bestattungsform aus einem vielfältigen Angebot aufgrund der Professionalisierung von Bestattungsunternehmen einerseits und der Säkularisierung andererseits stark durch ökonomische Beweggründe bestimmt wird. In Gesellschaften aus dem islamischen und asiatischen Kulturraum dagegen bleibt die Bestattung in privatem Rahmen und an traditionelle religiöse Vorschriften gebunden. Eine kulturvergleichende Sicht nimmt in aller Kürze auch Heinen ein, der in seinem Beitrag zur Transplantationsmedizin auf die unterschiedliche Bereitschaft zur Organspende in Deutschland und Japan eingeht. Wie leider in diesem Band des Öfteren wird ein interessanter Ansatz, hier die Annahme der Trennung von Geist und Körper als Voraussetzung für die Akzeptanz der Organspende (S. 446), nicht weiter verfolgt.

Ideologische Instrumentalisierung

Einige Beiträge bringen die plausible These vor, dass gerade Grenzüberschreitungen und Tabus der Inszenierung von Leichen ihre Wirksamkeit verleihen. Dies gilt insbesondere für die Präsentation von Kriegstoten und prominenten (politischen) Persönlichkeiten. Mit der Instrumentalisierung der Leiche als Träger einer Botschaft, sei es Legitimation, Abschreckung oder Bestätigung, beschäftigen sich Ohnhäuser, Rass und Lohmeier. Eine ausführlichere Quellenanalyse liefert Engels mit seiner Untersuchung zur Apotheose römischer Kaiser. Von einer zunächst eher zufälligen Angleichung an archaische Überlieferungen wird die Vergöttlichung des kaiserlichen Leichnams zu einem gezielt eingesetzten Propagandainstrument, das die göttliche Legitimierung der Herrscher betont. Neben dem mit formalen Mängeln behafteten Überblick von Klaus Freitag zum Umgang mit der Leiche im antiken Griechenland ist dies einer der beiden altertumswissenschaftlichen Beiträge, die im ansonsten thematisch gegliederten Band als chronologische Einheit vorangestellt sind – obwohl sie durchaus Verknüpfungen zu anderen Beiträgen aufweisen.

Theoretische und moralische Grenzüberschreitungen

Auch Anstöße zu (disziplinübergreifenden) Theorien finden sich selten. Eine Ausnahme ist Andreas Gormans' Beitrag "Perspektiven der Zergliederung". Er stellt den Transfer des Begriffs 'Anatomie' in den Mittelpunkt, der von öffentlichen Sezierungen auf die systematische Darstellung und Analyse von Wissensgegenständen, wie z. B. in Handbüchern zum Bergbau, übertragen wird. Aus epistemologischer Sicht wird damit im 17. und 18. Jahrhundert die Leichensektion zu einem eindrücklichen Bild für den visuell und haptisch forcierten Erkenntnisgewinn durch eine (moralische) Grenzüberschreitung.
Mit moralischen Grenzen setzt sich auch Julia Glahn im Kontext literarischer Darstellungen von Nekrophilie auseinander. Ihr zufolge charakterisiert gerade das Spannungsfeld von "Abscheu und Faszination" (S. 511) die ästhetische Wirkung von Leichen auf den Betrachter. Cepl-Kaufmann und Grande sehen in der Leiche zudem ein aufladbares Zeichen. In der westlichen Kunst und Literatur spielt dieses Zeichen zum einen eine große Rolle im Zuge der Neubelegung von Christusfiguren, die gerade während und nach den Weltkriegen mit dem Leiden der Gefallenen verknüpft werden. Zum anderen entwickelte sich die Leiche zu einem prominenten Zeichen im Diskurs um Verfall und ewige Jugend. Weitere Beiträge, die sich mit Fragen nach der künstlerischen und literarischen Aneignung von Leichen beschäftigen, wären wünschenswert gewesen.


Tabu und Ambivalenz im Umgang mit Leichen

In vielen Beiträgen spielt also eine gewisse Ambivalenz im Umgang mit Leichen eine Rolle, die sich letztlich auch in Tabus niederschlagen kann: Einerseits ist der tote Körper ein besonderes Abbild der verstorbenen Person, das eine respektvolle Behandlung erfordert. Andererseits sind Leichen ein ob nun ideologisch oder als Materialquelle verwertbares Objekt. Wie Heinen betont, bedarf diese Ambivalenz immer der Kontextualisierung im "konkreten sozialen Sinnzusammenhang" (S. 432). Während z. B. Richard Kühl mit seinem Aufruf zur (Neu-)Untersuchung der zynischen Verwertung von Leichenteilen in KZs oder Christine Knust in ihrem Beitrag zum inzwischen per Internet laufenden Handel mit Reliquien eine solche Kontextualisierung vornehmen, ist dies durchaus nicht bei allen Beiträgen der Fall. So stellen etwa Grötzbach und Hofmeister die Lebensverlaufsanalyse als Methode empirischer Untersuchungen zum Umgang von Überlebenden mit der Leiche vor; ein teilweise genderorientierter Beitrag, der allerdings mehr Fragestellungen aufwirft als sie zu beantworten.

Objekt Leiche: Mehr Fragen als Antworten

Insgesamt betrachtet bieten die fünfzehn Beiträge Überblicke und Einführungen in verschiedene Fragestellungen und sind damit als Einstieg für am Thema interessierte Leser geeignet. Sie enthalten aber weniger vertiefte Analysen und arbeiten entgegen der Erwartungen, die man an einen interdisziplinären Sammelband richtet, kaum an übergreifender Theoriebildung.


Dominik Groß, Jasmin Grande (Hg.): Objekt Leiche. Technisierung, Ökonomisierung und Inszenierung toter Körper. Frankfurt/New York: Campus Verlag ,2010. 588 S., broschiert, 45,- Euro. ISBN 978-3-593-39166-3


Inhaltsverzeichnis


Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch, Brigitte Tag: Todesbilder – Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Geleitwort zu einer neuen Buchreihe …9

Thematische Einführung
Dominik Groß, Richard Kühl: Die Aneignung des menschlichen Leichnams: Facetten eines wenig beleuchteten Phänomens …17

I. Der Nutzen des Leichnams im Altertum
Klaus Freitag: Zwischen religiösen Tabus, ökonomischen Rahmenbedingungen und politischer Instrumentalisierung: Das schwierige Verhältnis der Griechen zum toten Körper …39
David Engels: Entrückung, Epiphanie und Consecration: Überlegungen zur Apotheose des römischen Kaisers und zum Umgang mit seiner Leiche …79

II. Aneignungen des Leichnams in Literatur und Wissenschaft
Andreas Gormans: Perspektiven der Zergliederung: Zum Verhältnis von Anatomie und Wissenschaftspraxis in der Frühen Neuzeit …137
Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande: Der tote Körper: Literarische Metamorphosen des Leibes und der Seele …193

III. Die Funktion von Leichen im Zeichen der Waffengewalt
Tim Ohnhäuser: Beweisen, Abschrecken, Legitimieren: Zum Einsatz der Leiche als Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen …247
Christoph Rass, Jens Lohmeier: Der Körper des toten Soldaten: Aneignungsprozesse zwischen Verdrängung und Inszenierung …271

IV. Der menschliche Leichnam als (technische) Ressource
Christine Knust: Wallfahrtsorte, Wanderschausteller und das World Wide Web: Ökonomisierung und Verehrung von Heiligenreliquien in Mittelalter und Gegenwart …337
Richard Kühl: Die Gräuel an den Leichen der Ermordeten der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager: Forschung und Erinnerung …361
Paul Thomas, Patrick Hahne, Jens Lohmeier, Christoph Rass: Die Ökonomie des toten Körpers …387

V. Soziale Dienstbarkeit von Leichen

Armin Heinen: Vom Nutzen und Nachteil der "dienstbaren Leiche" für die Toten und die Lebenden: Ein Ideenskelett …429
Eva-Maria Jakobs, Martina Ziefle: eBody: Interaktive Services des Bestattens und Gedenkens … 453
Jochen Grötzbach, Heather Hofmeister: Tod und tote Körper im Lebensverlauf von Männern und Frauen: Subjektiver Sinn und soziale Dienstbarkeit von Leichen …477
Julia A. Glahn: Verführerische Leichen: Ästhetische Nekrophilie als besondere Form der Aneignung toter Körper …495

VI. Die Aneignung des eigenen Leichnams

Gereon Schäfer, Stefanie Westermann, Dominik Groß: Do ut des? Zur Motivation von "Körperspendern" und zur Funktion des toten Körpers …519
Dominik Groß, Martina Ziefle: Im Dienst der Unsterblichkeit? Der eigene Leichnam als Mittel zum Zweck …545

Autorinnen und Autoren …583


Corpses for Beginners

The anthology Objekt Leiche (Object Corpse) focuses on the appropriation of dead bodies in different contexts. Papers from research areas such as history, sociology, psychology, and literature chiefly present an historical overview. Their main interest is in the actual proceedings (and attendant rationales) which accompany burial, presentation, and commemoration from ancient burial rituals to the virtual cemeteries and exhibitions of plasticized bodies of the present day.


© bei der Autorin und bei KULT_online