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Kulturelle Bedeutungen der Fußballweltmeisterschaft 2006

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Tagsold, Christian: Spiel-Feld. Ethnografie der Fußball-WM 2006. Konstanz: UVK, 2008.

Dreh- und Angelpunkt der vorliegenden Studie ist die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Als so genannter Team Liason Officer der japanischen Nationalmannschaft fungierte Christian Tagsold während des Events als Bindeglied zwischen der japanischen Delegation und dem Organisationskomitee der WM. Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie die Weltmeisterschaft als vielschichtiges Ereignis ohne eindeutige Gesamtinterpretation die Menschen trotzdem faszinieren konnte. Durch Analysen symbolischer Tauschbeziehungen, Raumsemantiken und Übersetzungsleistungen spricht der Dozent am Ostasien-Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Prozesse der Sinngebung und Bedeutungszuweisung an, die im Turnier von den Spielern, Mitarbeitern und Fans vollzogen wurden. Mit seiner Arbeit leistet der Autor so einen Beitrag zum Verständnis von Fußball als Kultur im sozialwissenschaftlichen Sinne.  


Tagsold gewährt mit seiner Studie einen Einblick in das Innenleben der japanischen Nationalmannschaft. Kleinere Begebenheiten und Situationsbeschreibungen vermitteln einen Eindruck von der unglaublichen Stimmung und der hohen Komplexität der Fußball-WM 2006.

Diesem komplexen Phänomen der Fußball-WM widmet er 10 Kapitel, inklusive einer Einleitung und eines zusammenfassenden Ausblicks. Im zweiten Kapitel diskutiert der Autor die Frage, ob Fußball eine Religion ist. Der Verfasser verweist auf eine Reihe von Parallelen zwischen beiden, z. B. die räumliche Ähnlichkeit zwischen der Kirche und dem Stadion oder die besondere Beziehung zwischen Spielern und Fans. Nichtsdestotrotz scheint Tagsold eine derartige Gleichsetzung zu gewagt. Er erarbeitet ein eigenes Verständnis von Fußball als Kultur und stellt fest, dass Fußball zwar keine Religion ist, sich aber manchmal als 'religionsartig' charakterisieren lässt, was einen analytischen Vergleich darstellt. Auf diese Weise werden Ähnlichkeiten und Unterschiede deutlich, die helfen, spezielle Bedeutungen der WM herauszuarbeiten.

Gerade die Annäherungen der Fans an die Spieler fungieren als Beispiel, die Frage des Religiösen konkreter zu beleuchten. Am Beispiel der direkten Interaktion zwischen Fans und Spielern zeigt Tagsold in Kapitel 3, was es bedeutet, wenn sich Fans ein gemeinsames Foto oder eine Unterschrift von den Spielern erbitten, ihnen die Hände schütteln oder ihnen aufmunternd zurufen. Der Autor unterstreicht, dass es nicht darum geht, durch den körperlichen Kontakt mit den Stars etwas zu erhalten, indem man etwas von ihrer Sakralität übertragen bekommt. Vielmehr soll den Spielern etwas mitgegeben werden. Durch diese Gabe werden die Spieler genötigt, eine Gegengabe zu machen. Es existiert ein symbolischer Tausch, in dem Fans nicht einfach nur passive Empfänger sind, sondern mit den Spielern in eine Gabe-Gegengabe-Beziehung treten.

Die Gaben und Gegengaben zwischen Spielern und Fans münden in eine regelrechte Mikroökonomie des Fußballs, die Tagsold im vierten Kapitel schildert. Im Mittelpunkt steht hier die Frage, wie Dinge (z. B. Mappen von Autogrammsammlern, Pins, Kugelschreiber, Trikots oder unterschriebene Bälle) und Symbole (z.B. Trikotfarben oder Mannschaftswappen) innerhalb dieser Ökonomie bewertet werden. Es sind scheinbar banale Dinge, die von Hand zu Hand wandern und um derentwillen Fans große Anstrengungen unternehmen, aber sie vermitteln eine Vorstellung davon, welchen Sinn die Fans dem Geschehen verleihen. Die Dinge bekommen nur durch den Bezug auf das Symbolische ihren Wert. Der Verfasser betont, dass sich ihr empfundener Wert erhöht, wenn sie aus dem inneren Kreis einer Delegation oder der WM allgemein kommen. Dingen, die aus dem räumlichen Zentrum kommen, wird ein höherer Wert zugeschrieben, woraus sich die Frage ergibt, was es mit dem Raum auf sich hat.

In den Kapiteln 5 und 6 thematisiert der Autor, wie der Raum der Fußball-WM sozial erzeugt und strukturiert ist, und wie sich die Verräumlichung in den Stadien, Hotels und Trainingsplätzen mit einer globalen, imaginären Verräumlichung des Ereignisses in Verbindung bringen lässt. Kapitel 5 behandelt dabei das Stadion zunächst als konkreten, machtgeprägten Raum, durch dessen Einteilung sich eine spezielle Bewertung des Zentrums, des Rasens und der Kabinen ergibt. In Kapitel 6 fasst der Autor diesen Raum des Stadions noch einmal als imaginären Ort, dessen besondere Zuschreibungen und Qualitäten sich aus einem Wechselspiel zwischen lokalen und globalen Bedingungen ergeben.

Neben symbolischem Tausch und Raum spielen schließlich Sprache und Übersetzung eine bedeutende Rolle für ein Großereignis wie die WM. Im siebten Kapitel zeigt der Autor auf, dass es entgegen landläufiger Meinungen gerade die Unklarheiten und Missverständnisse sind, die das Verständnis befördern. Tagsold stellt fest, dass das unabsichtliche, gegenseitige Missverstehen Teil der Kommunikation über die Sprachgrenzen hinweg darstellt. Die Übermittlung von Sinn durch Sprache hatte bei der WM keinen besonderen Status. Vielmehr heftete sich ein Verlangen nach Authentizität an die sprachliche Übermittlung, das sich nicht im Sinn der Worte selbst begründet sah, sondern in der Herstellung einer bestimmten 'authentischen' Situation.

Zum Ende hin (Kapitel 8 und 9) erschließt der Verfasser aus den Aspekten Tausch, Raum und Sprache, welche Rolle die Weltmeisterschaft 2006 und vergleichbare sportliche Großveranstaltungen spielen und welche allgemeinere Bedeutung sie haben. Er zeigt auf, dass es keine große Geschichte mehr gibt, in die das Ereignis eingebettet ist und die ihm Sinn verleiht. Die Beteiligten müssen selbst versuchen, Anschluss an den globalen Event zu finden. Deswegen sind sie auf Gabentäusche und räumliche Konstruktionen verwiesen, die ihnen helfen, dies zu bewerkstelligen. Der Autor macht klar, dass dies Konsequenzen für Begriffe wie Identität oder Ritual hat, die vor diesem Hintergrund ihre analytische Kraft einbüßen.

Fazit: Obwohl Christian Tagsold nicht mit dem Modell der in Ritualen inszenierten nationalen Identität als analytischem Werkzeug arbeitet und genauso wenig der sozialwissenschaftlichen Interpretation folgt, Fußball sei eine Religion, zeigt er in seiner Arbeit doch auf, dass die Fußball-WM im Jahr 2006 nicht ein rein kommerzielles Ereignis war. Durch den ethnografischen Zugang verdeutlicht er, wie alle Beteiligten dem Geschehen Sinn verleihen, und stellt fest, dass der Sinn nicht mehr zentral hergestellt wird, sondern sich mosaikartig aus den verschiedenen Zugängen zusammensetzt. Die These des Verfassers, dass Fußball zwar keine Religion, aber dennoch eine Kultur darstellt, leuchtet verständnisbefördernd ein. Die zehn Kapitel der Studie sind in der Länge überschaubar und thematisch aufeinander aufbauend und der Schreibstil verständlich und gut nachvollziehbar, was die Lektüre des Bandes erleichtert. Besonders zu empfehlen ist das vorliegende Buch den an Fußball und/oder Japan interessierten Lesern.


Christian Tagsold: Spiel-Feld. Ethnografie der Fußball-WM 2006. Konstanz: UVK, 2008. 192 S., 19 Euro. ISBN: 978-3-86764-056-5


Inhaltsverzeichnis


1 Nach der Weltmeisterschaft 11

2 Fußball eine Religion? 21
2.1 Religion in der Olympischen Bewegung Coubertins 24
2.2 Die analoge Methode - Fußball ist wie eine Religion 26
2.3 Fußball als religiöse Antistruktur 31
2.4 Der westliche Religionsbegriff und das globale Spiel 35
2.5 Fußball als Ritual 38
2.6 Fußball als "religionsartiges" Feld 41

3 Der Sinn des Kontakts zwischen Spielern und Fans 45
3.1 Fotografie des Augenblicks und Autogramm 49
3.2 Handschlag und Zuruf als Bekräftigung des Teams 52
3.3 Gaben und Gegengaben zwischen Spielern und Fans 54

4 Die Mikroökonomie des Fußballs 59
4.1 Die Wertschöpfung der Mappensammler 60
4.2 Pins, Kugelschreiber und andere wertvolle Dinge 64
4.3 Der Wert der Dinge 67
4.4 Gaben, Tausch und Kommerz 71

5 Raum während der Weltmeisterschaft 75
5.1 Die Unterteilung und Verschachtelung des Raums 77
5.2 Architektur, Interesse und Macht 81
5.3 Aus der Mitte des Raums 85
5.4 Die zeitliche Ordnung des Raums 90

6 Der real-and-imagined place der Weltmeisterschaft 95
6.1 Stadien als Hightech(t)räume 97
6.2 Die Integrität des staatlichen Raums 101
6.3 Das Globale als dritte Dimension des imagined place 107
6.4 Die WM-Stadien zwischen Ort und Nicht-Ort 110

7 Fußball als Übersetzungsprozess 117
7.1 Pressekonferenz als Flüsterpost 118
7.2 Missverstehen als Grundlage des Zugangs 123
7.3 Vom „Kämpfen bis zum Umfallen“ 127

8 Das Narrativ Fußballweltmeisterschaft 131
8.1 Die Ablösung der großen Narrative 132
8.2 Die Erzählung der Fußballweltmeisterschaft 137
8.3 Religiöse Narrative gegen Narrative des Fußballs 141
8.4 Der Anschluss an die Weltmeisterschaft 144

9 Weltmeisterschaft ohne Rituale und Identität 151
9.1 Identifikation statt Identität 152
9.2 Globale Ereignisse und die Forschungslogik des Hahnenkampfs 157
9.3 Die Legitimation der Weltmeisterschaft 163

10 Die Weltmeisterschaft 2006 und kommende Großevents 167

11 Abbildungsverzeichnis 173
12 Literaturverzeichnis 175
13 Register 187

The Cultural Significance of Football's 2006 World Cup

The pivotal event of Christian Tagsold's study Spiel-Feld (Playing Field) is the 2006 World Cup of football in Germany. As a so-called Team Liaison Officer of Japan's national team, Tagsold acted as a connector between the Japanese delegation and the organizing committee of the World Cup during the events. The central question of the study is how such a multifaceted event as the World Cup, which lacks a definitive cultural interpretation, nonetheless captivates people to such a degree. By analysing symbolic exchanges, the semantics of space, and key translations, the researcher at the institute of modern East Asian studies at Heinrich Heine University Düsseldorf talks about the processes of players, workers, and fans interpreting and assigning meaning to the event. With his study he therefore contributes to a sociological understanding of football culture.

© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 6.9.2011