Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Innovative Medientechnik, aber arrivierte Titel – Die Strategie des Albrecht Pfister

Eine Rezension von Andreas Uhr

Häußermann, Sabine (Hg.): Die Bamberger Pfisterdrucke. Frühe Inkunabeillustrationen und Medienwandel. Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, 2008.

Die Inkunabeln Albrecht Pfisters gelten als Meilensteine der Buchgestaltung, weil sie erstmals Text- und Bilddruck im Buchdruck verbanden; dennoch blieben sie vorerst singulär. Häußermanns Studie weist die Sonderstellung der Drucke nach: Die bei Pfister verlegten Titel sind aus zahlreichen Handschriften bekannt, doch fanden sie offenbar im Druck kaum Verbreitung. Häußermanns Erkenntnisinteresse gilt dem funktionalen Einsatz der Buchholzschnitte in den Pfisterdrucken, daher vergleicht sie diese unter anderem hinsichtlich ihrer medienimmanenten Spezifika mit illustrierten Handschriften. Sie stellt die spezifischen Strategien der Bildintegration und Bilddidaktik der Holzschnittzyklen in der Konzeption Pfisters heraus, die bewusst auf Wiederholung und Kombination setzten. 


Medientechnisch innovativ und zugleich der mittelalterlichen Manuskriptkultur verhaftet, so charakterisiert Sabine Häußermann die von ihr untersuchten Wiegendrucke des Albrecht Pfister. Er verstand es als erster, den Typendruck von beweglichen Lettern mit Textillustrationen im Holzschnitt zu kombinieren. In ihrer für den Druck leicht überarbeiteten Dissertation, die 2005 an der Universität Augsburg angenommen wurde, hat Häußermann ein Desiderat der kunsthistorischen Inkunabelforschung bearbeitet. Ausgehend von der älteren kunstwissenschaftlichen Literatur und neueren, vornehmlich philologisch und buchwissenschaftlich ausgerichteten Arbeiten erschloss sie die spezifischen Strategien der Textillustration der Pfisterdrucke hinsichtlich ihrer Ikonographie aus rezeptionsästhetischer Perspektive. Mit fünf bekannten Titeln in neun Ausgaben gestaltet sich die Produktion der Bamberger Offizin überschaubar, der unbebilderte Processus Belial des Jacobus de Theramo entfiel in Häußermanns Studie aufgrund ihrer Fragestellung. Untersuchungsgegenstand waren somit beide Ausgaben von Ulrich Boners Fabelsammlung Der Edelstein, der Druck zu den Vier Historien, die drei Ausgaben der Biblia pauperum sowie beide Ausgaben von Johannes von Tepls Der Ackermann aus Böhmen.

Das erste Kapitel behandelt "Die illustrierten Inkunabeln im Kontext der Werküberlieferung" (S. 24-53). Besonders aufschlussreich ist das zweite Kapitel zu "Bilderzählung, Textintegration und Bildfunktionen" (S.54-89), dem sich Beobachtungen anschließen, die mit "Bilddidaxe und visuelle Kommunikation" (S. 91-109) überschrieben sind. Häußermanns Aufmerksamkeit gilt hierbei besonders dem von ihr als "Zeigefigur" bezeichneten Versatzholzschnitt der ersten Edelstein-Ausgabe, welcher auch im vierten Kapitel "Bildwiederholungen. Die Möglichkeiten des neuen Mediums" (S. 110-126) ein zentraler Referenzpunkt in ihrer Argumentation ist. Indem sie in allen 101 Illustrationen der Fabelsammlung wiederkehrt, gewinnt diese Figur einen besonders demonstrativen und appellativen Charakter. Die "Zeigefigur" schaut nicht nur die Handlung der Fabeln, sondern fordert den Leser aktiv zum Schauen auf. Letztlich fungiert sie als eine Art Scharnier zwischen dem Leser der Inkunabel und dem illustrierten Fabelstoff.
Ausführliche Angaben zu den erhaltenen Pfisterdrucken sind dem sehr hilfreichen "Anhang: Katalog der Pfisterdrucke" (S. 131-137) zu entnehmen, der auch die Faksimile-Ausgaben einzelner Exemplare benennt und sämtliche Literatur versammelt. Seither sind zwei Online-Digitalisate freigeschaltet worden: Hierbei handelt es sich um die erste Edelstein-Ausgabe der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel sowie die lateinische Ausgabe der Biblia pauperum der Bayerischen Staatsbibliothek München (URN: urn:nbn:de:bvb:12-bsb00026399-6).

"Die Bamberger Offizin verlegte überkommene und arrivierte Texte, die im neuen Medium des Buchdrucks jedoch keine Popularität mehr erlangten." (S. 31) Es ist unklar, warum sich die Titel in gedruckter Form nicht verbreiteten. Die aufwendige und innovative Medientechnik der Pfisterdrucke legt nahe, dass man die neue Technik an vermeintlich sicher abzusetzenden Texten erproben wollte. Erfolgte die Textillustration in den gewerbsmäßigen Skriptorien oft sehr schematisch, so sind in den bei Pfister konzipierten Inkunabeln Text- und Bildelement im Detail sorgfältig abgestimmt. Es ist das Verdienst Häussermanns, die in der Bamberger Druckwerkstatt entwickelten Strategien der Bebilderung klar herausgearbeitet zu haben. In ihrer ausführlichen Behandlung der Einzeldrucke wird der hohe Planungsaufwand des illustrierten Buchdrucks deutlich.

Die Pfisterdrucke gelten heute als Schlüsselwerke der Buchillustration: Im Buchdruck bezogen sie erstmals den integrierten Bilddruck als Reproduktionsmedium konsequent mit ein; man verstand es, die durch den Holzschnitt gegebenen Möglichkeiten einer gezielten Bildwiederholung und Bildkombination in den Büchern effektiv zu nutzen. Ein Prinzip, das in dieser Konsequenz erst in den 1480er Jahren wieder aufgegriffen werden sollte. Erfolgte die Bildbeigabe der beiden ersten Bände, dem Edelstein von 1461 und den Vier Historien von 1462, noch schrittweise nach dem Textdruck im Stempeldruck, so konnten bei den späteren Drucken Text- und Bildmodule in einer Form gedruckt werden. Hierfür mussten die bereits vorhandenen Druckstöcke der Textillustrationen für die veränderte zweite Edelstein-Ausgabe neu zugerichtet werden, worauf Häussermann nicht explizit eingeht. Sie schreibt lediglich, dass die Textillustrationen der Fabel in der "zweiten »Edelstein«-Ausgabe von den identischen Holzstöcken gedruckt" (S. 61) wurden. Das ist korrekt, doch wurden die Holzstöcke klar überarbeitet, was in den nunmehr schmalen Randpartien der Textillustrationen am offensichtlichsten ist (vgl. die Abbildungen auf S. 110 f.). Strukturverändernd war indes die Einführung von drei "Erzählerfiguren", da diese die einheitliche "Zeigefigur" in den über hundert Doppelholzschnitten ablösten, sowie das Hinzusetzen von Tituli zwischen Bild und Text, welche als Bildunterschriften fungierten und die Moral der Fabel beinhalteten.

Ohne das angesprochene Prinzip des Seiten- oder Bogendrucks in einer Form wäre die Erstellung der drei Biblia pauperum-Ausgaben durch Pfister wohl kaum zu bewältigen gewesen, weil die nötige Passgenauigkeit der fünf Holzstöcke sonst nicht zu erreichen war. Zwar sind für keinen der Drucke Angaben zur Auflagenhöhe bekannt, doch legt der hohe Arbeitsaufwand gerade der ersten beiden Pfisterdrucke nahe, dass man in der Bamberger Druckstätte wohl eher auf die Herstellung von technisch innovativer Klasse als einfacher Massenware bedacht war. Heute gehören die Pfisterdrucke zu den Rara-Beständen, wenn nicht gar Unika-Beständen der einschlägigen Sammlungen. Darum geht Häußermann aus Ermanglung von Vergleichsexemplaren lediglich in einem Exkurs (S. 70) sowie gelegentlich en passant (vgl. exemplarisch S. 97) auf die charakteristische Kolorierung der Holzschnitte ein, welche nachträglich von Hand erfolgte. Es ist auffällig, dass die sorgfältige Kolorierung der beiden ersten Pfisterdrucke, welche durch grobes Nachziehen die Kontur der Kleidung besonders betont, in ähnlicher Form auch in Blockbüchern und Einblattdrucken zu beobachten ist. Konträr zu den Fortschritten im Bereich der Abzugstechnik verlief die Entwicklung bei der weiterhin nachträglich von Hand aufgebrachten Kolorierung, welche in ihrem großflächigen Farbauftrag oft flüchtig erscheint.

Kurzum, der Band zeigt die Sonderstellung der Pfisterdrucke auf und streicht ihre Bedeutung als ein wichtiges Bindeglied in der Phase des medialen Umbruchs von der handschriftlichen zur mechanischen Vervielfältigung heraus. Hierbei konzentriert sich Häußermann auf die Bilderzyklen, die sie in einem ersten Schritt hinsichtlich der Ikonographie, dem Layout und der spezifischen Erzählstruktur untersucht. Im Anschluss daran widmet sie sich der Einfügung der Bilder in den Text und fragt nach deren Funktionen. Ein Manko hat der Band allerdings: Der Lesefluss wird durch die intensive Gliederung des Textes und das dadurch bedingte vielfache Hinführen und Überleiten zwischen den einzelnen Textbausteinen gebremst. Zugleich ist es aber auch eben diese Textstruktur, die dem Leser jederzeit einen gezielten Zugriff auf die Informationen zu einzelnen Drucken erlaubt, weil die durchgängig verfolgte Leitfrage und alle untersuchten Phänomene der Bildzyklen jederzeit klar benannt werden.


Häußermann, Sabine: Die Bamberger Pfisterdrucke. Frühe Inkunabelillustration und Medienwandel. Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, 2008 (Neue Forschungen zur deutschen Kunst; IX). 176 S., Hardcover, 66 Euro. ISBN: 978-3-87157-219-7


Inhaltsverzeichnis


VORWORT 7

VERZEICHNIS DER ABGEKÜRZT ZITIERTEN LITERATUR 9


EINFÜHRUNG 17
Die Bamberger Pfisterdrucke 18
Zum Stand ihrer Erforschung 18
Theoretische Vorüberlegungen: Inkunabelillustration und Medienwandel 20


DIE ILLUSTRIERTEN INKUNABELN IM KONTEXT DER WERKÜBERLIEFERUNG 24
Die Werke 24
Ulrich Boners »Edelstein« 24
Die »Vier Historien« 25
»Biblia pauperum« 27
»Der Ackermann aus Böhmen« des Johannes von Tepl 29
Die Inkunabeln und ihre Werktradition 30

Die Bebilderung 31
Ulrich Boners »Edelstein« 31
Die »Vier Historien« 35
»Biblia pauperum« 41
»Der Ackermann aus Böhmen« des Johannes von Tepl 48
Die Bebilderung im Kontext der Werküberlieferung 52


BILDERZÄHLUNG, TEXTINTEGRATION UND BILDFUNKTIONEN 54
Die Fabelbilder der »Edelstein«-Inkunabeln 54
Vom Esel in der Löwenhaut und anderen Illustrationen. Das Bild als visuelle Komprimierung des Fabelstoffs 54
Reduktion auf das Wesentliche: Konzeption und Bildsprache 57
Bild und Titel als Einheit. Die Veränderungen in der zweiten Ausgabe 61
Die Fabel von der Hochzeit der Sonne – eine exemplarische Text-Bild-Analyse 62

Die narrativen Illustrationszyklen der »Vier Historien« 64
Wiederholung, Reihung, Komprimierung: Strategien der Bilderzählung am Beispiel der Judithsequenz 64
Die Jünglinge im Feuerofen und Daniel in der Löwengrube: Biblische Historie als Tatsachenbericht 68
Exkurs zur Bedeutung des Kolorierung für das Bildverständnis 70

Die typologischen Bildgruppen der »Biblia pauperum«-Ausgaben 72
Bild- und Textbausteine – das Zusammenwirken der beiden Medien 72
Typologische Argumentation durch visuelle Evidenz 73
Anleitung zur Andacht. Die Passionsszenen 75
Bildanalogie versus Typologie? Die veränderten Bildgruppen der zweiten deutschen Ausgabe 77

Der Holzschnittzyklus zum »Ackermann« 80 Inhaltliche Akzentuierung des Textes durch die Illustrationen 80 Zur Konzeption des Zyklus 82
Der paradoxe Dialog mit dem Tod. Die Wechselwirkung von Bild und Text am Beispiel des ersten Holzschnitts 84
Zur Bilderzählung der Pfisterschen Inkunabel-Illustration 88


BILDDIDAXE UND VISUELLE KOMMUNIKATION 91
Die Zeigefigur der ersten »Edelstein«-Inkunabel 91
Zeigen, Bezeugen, Vermitteln 91
Der visualisierte Erzähler 93
Zeigefigur und Autorenbild 95
Getrennte Bildfelder 97
Die visuelle Interpretationshilfe 98

Die Erzählerfigur in der zweiten Ausgabe der Fabelsammlung 99

Die disputierenden Propheten der »Biblia pauperum« 100

Zur Gestik in den »Vier Historien« 101

Der Dialog als Rahmen der Bilderzählung im »Ackermann« 103

Zeigende und erzählende Bilder in den Pfisterschen Inkunabeln 106

Kontextualisierung des Phänomens 107


BILDWIEDERHOLUNGEN. DIE MÖGLICHKEITEN DES NEUEN MEDIUMS 110
Wiederkehr des Identischen: Die Zeigefigur im ersten »Edelstein«-Druck 110

Sereotypie in Variation: Die Erzählerfigur der zweiten »Edelstein«-Inkunabel 112

Bildmodule in den »Biblia pauperum«-Ausgaben 113

Wiederholung von szenischen Darstellungen in den »Vier Historien« 115

Bildchiffren und topische Wiederholungen 117

Der medienhistorische Kontext: Bildwiederholungen in Buchmalerei und

Druckillustration 118

Zur Frage der Ein- oder Mehrdeutigkeit wiederholter Bilder 125


ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 127

ANHÄNGE 131
Katalog der Pfisterdrucke 131
Verzeichnis der erwähnten Handschriften, Blockbücher und Drucke 138

ANMERKUNGEN 147

REGISTER 170

BILDNACHWEIS 176


Innovative Media Technology, but Well-Known Titles - The Strategy of Albrecht Pfister

Since they combined printed words and images in letterpress for the first time, the incunabla printed by Pfister are considered to be milestones in book design. Indeed, they remain unique for the time being. Häussermann's study on Pfister's work points out the exceptional position of these early printed books, because their titles were very common in manuscript form, but not in further incunabla. In addition, she brings the functional use of woodcuts as book illustrations into focus by the comparison with illustrated manuscripts and the exposition of intrinsically medial specifics. For the woodcut cycles she traces the specific visual strategies employed to integrate the images, which predominantly consist of deliberately repeating and (re-)combining them. Furthermore these strategies play an important role in Pfister's overall conception of his books: they contribute to the prints achieving their didactic goals.



© beim Autor und bei KULT_online