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Gattungstheorie zur Hand

Eine Rezension von Klaudia Seibel

Zymner, Rüdiger (Hg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart: Metzler, 2010.

Das Handbuch Gattungstheorie macht Gattungstheorie griffbereit. Es stellt Aspekte der Gattungstheorie diachron, transnational, transdisziplinär und über die Grenzen der einzelnen Philologien hinweg zusammen, ohne sie zu einer nivellierenden Synthese zu zwingen. Es präsentiert in einem Band, was der Gattungsforscher sich bislang mühsam zusammensuchen musste und kann so zum Sprungbrett für neue gattungstheoretische Forschungen werden. 


Die Gattung Handbuch ist, wie Zymner in der Einleitung zu seinem Handbuch Gattungstheorie darlegt, dazu da, dass sie "den Stoff eines Fachgebietes systematisch präsentiert und sich dabei an Fachleute und Studierende wendet" (S. 1), also sozusagen Wissen auf einen Griff präsentiert. Mit der Gattungstheorie wagt sich der vorliegende Band an eines der komplexesten Themengebiete der Literaturwissenschaft überhaupt. Nicht nur sind Gattungsfragen, seit Aristoteles seine Poetik mit "Von der Dichtkunst und ihren Gattungen" überschrieb, im Abendland Bestandteil des Nachdenkens über Literatur, das in jeder Epoche anders aussehen kann. Die Gattungstheorie setzt zudem in den unterschiedlichen Philologien verschiedene Schwerpunkte und hat national stark unterschiedliche Ausprägungen. Gattungstheoretische Fragestellungen sind omnipräsent: So gut wie jede literaturtheoretische Strömung hat entweder spezifische implizite Annahmen über die Rolle von Gattungen in ihrem theoretischen Gefüge, setzt sich explizit mit Gattungsfragen auseinander, oder ihre Erkenntnisse haben Auswirkungen auf die Sichtweise von Gattungen. Darüber hinaus ist Gattungstheorie kein rein literaturwissenschaftliches Forschungsfeld, sondern beispielsweise auch in der Geschichtswissenschaft oder der Biologie zu finden. Ferner verfügt sie weder über eine einheitliche Terminologie noch über eine Systematik.
Hempfers Monographie zur Gattungstheorie (1973) und Frickes literaturphilosophische Überlegungen zu Norm und Abweichung (1981) haben beide den Versuch unternommen, das gattungstheoretische Feld zu ordnen und eine einheitliche Theorie und Terminologie zu etablieren. Obgleich beide zu den grundlegenden Texten der deutschsprachigen Gattungstheorie gehören, konnten sich deren Begriffssysteme nicht allgemein durchsetzen.
Ein Handbuch, das sich der Gattungstheorie annehmen will, muss also andere Wege als den der Synthese beschreiten. In diesem Fall soll es "ein möglichst weites Spektrum gattungstheoretischer Reflexion erfassen" (S. 5). Dazu ist das Handbuch in acht Teile unterteilt, die jeder einen anderen Blickwinkel auf gattungstheoretische Fragestellungen eröffnen.

Zu Beginn, im ersten Teil (A), werden "Aspekte der literaturwissenschaftlichen Gattungsbestimmung" beleuchtet. Unter diesen Gesichtspunkt fallen sowohl Gattungsdefinitionen als auch -bestimmungskriterien. Hier kommen sowohl Harald Fricke als auch Klaus Hempfer selbst zu Wort, um ihre wegweisenden Überlegungen zur Gattungsdefinition in nuce darzustellen. Doch anders als bei den synthetisierenden Versuchen der Vergangenheit werden hier unterschiedliche Ansätze nebeneinander stehen gelassen.
Der zweite und längste Teil (B) hat unter dem Titel "Problemkonstellationen der Gattungstheorie" den Charakter einer Bestandsaufnahme. Gruppiert nach texttheoretischen, normentheoretischen, vermittlungs- und institutionentheoretischen, medientheoretischen und literaturtheoretischen Problemkonstellationen wird nach dem Muster "XY und Gattung" ein breites Spektrum von für die Gattungsforschung relevanten Aspekten behandelt. Diese reichen von "Autorintention und Gattung" über "Bibliothek und Gattung" bis hin zu "Ontologie und Gattung". Durch die Vielzahl der unterschiedlichen Aspekte entstehen zwangsläufig Heterogenität und Redundanzen, die aber dem Gegenstand geschuldet sind und nicht der Nachlässigkeit des Herausgebers zur Last gelegt werden können.

Im dritten Teil (C), "Gattung und Gattungshistoriographie" greifen die durchgängig von Marion Gymnich verfassten Unterkapitel diachrone Gattungsfragen auf. Im Gegensatz zum vorhergehenden Teil treten hier statt Schlaglichtern eingehendere Betrachtungen in den Vordergrund, die durch ihre homogene Verfasserschaft und den klar gesteckten Rahmen deutlich besser ineinander greifen.
Ähnliches gilt auch für den vierten Teil (D), in dem die Beiträge zu "Richtungen und Ansätze[n] der poetologischen Gattungstheorie" mit einer Ausnahme von Ralf Klausnitzer verfasst wurden. Dieser Teil besticht vor allem durch die historische Tiefe, mit der die einzelnen Ansätze ausgeleuchtet werden. Wer das Buch zur Hand nimmt, um sich über die historischen Ursprünge und die Entwicklung bestimmter gattungstheoretischer Fragestellungen kundig zu machen, wird hier umfassend informiert.
Hatte bereits Teil D eine starke historische Ausrichtung, so wird in Teil E die "Geschichte der poetologischen Gattungstheorie" von der Präantike bis ins 21. Jahrhundert erzählt. In diesem diachronen Längsschnitt werden die ideengeschichtlichen Entwicklungslinien sowie ihre Verflechtungen, Dependenzen und Kontraste deutlich.

In Teil F wird wieder eine neue Perspektive auf die Gattungstheorie eröffnet: Primär werden verschiedene "Bezugssysteme" wie etwa die Dekonstruktion, die Naturwissenschaften oder die Rezeptionsästhetik dargelegt und nur sekundär in einem kurzen Absatz die Bezüge zur Gattungstheorie hergestellt. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, die gattungstheoretischen Bezugspunkte auch in solchen Bereichen aufzuzeigen, in denen sie keine zentrale Rolle spielen bzw. nur rudimentär vorhanden sind.
Im vorletzten Teil wird die Gattungsforschung in unterschiedlichen Disziplinen bzw. Philologien dargestellt. Durch die Zusammenstellung wird die Dominanz unterschiedlicher Fragestellungen in den einzelnen Philologien deutlich, während die Beiträge zu anderen Disziplinen wie etwa der Geschichtswissenschaft oder der Theologie zeigen, wie die literaturwissenschaftliche Gattungstheorie auch dort Anwendung finden kann bzw. welche gattungstheoretischen Anregungen und Fragestellungen andere Disziplinen beitragen können. Einzig die Abwesenheit der Slawistik mit ihrer spezifisch osteuropäischen gattungstheoretischen Tradition ist zu bedauern.

Im letzten Teil werden anhand von generischen Gruppen und Schreibweisen dichtungsgeschichtliche Längsschnitte gezogen. Dass in dieser Reihe das Phantastische fehlt, mag der Marginalisierung geschuldet sein, die dieser Gattung bzw. Schreibweise v.a. in der germanistischen Forschung widerfährt. Dennoch sind anhand der Phantastik wichtige gattungstheoretische Aspekte diskutiert und erprobt worden, so dass sie die Reihe sinnvoll erweitert hätte.
Ergänzt wird der Band über die Einzelbibliographien zu jedem Artikel hinaus durch "Bibliographische Winke und Hinweise zur literaturwissenschaftlichen Gattungsforschung" zum Download, die allerdings nichts weiter sind als eine zwar umfangreiche, aber unkommentierte Bibliographie.

Fazit: Zymners Handbuch Gattungstheorie ist es in weiten Teilen gelungen, den undurchsichtigen Dschungel der Gattungstheorie zu kartographieren, so dass sowohl Studierende als auch Forschende es gewinnbringend zur Hand nehmen können, sei es zur Examensvorbereitung, sei es als Blick über den eigenen disziplinären Tellerrand. Allein die Nebeneinanderstellung der verschiedensten Ansätze ohne den Versuch einer nivellierenden Synthese ist ein großer Schritt vorwärts, denn sie erlaubt es, Gattungstheorie aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. Diese Leistung überwiegt bei weitem die wenigen erwähnten Schwächen. Eben deshalb sind dem Handbuch viele Leser und eine zweite Auflage zu wünschen.


Zymner, Rüdiger (Hg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler, 2010. VII, 368 Seiten inkl. 57 Seiten Downloadangebot, gebunden, 79,95 Euro. ISBN-13: 978-3476023438


Inhaltsverzeichnis


Zur Gattungstheorie des 'Handbuches', zur Theorie der Gattungstheorie und zum "Handbuch Gattungstheorie". Eine Einführung 1

(A) Aspekte der literaturwissenschaftlichen Gattungsbestimmung
1. Methodische Aspekte 7
2. Bestimmungskriterien 29

(B) Problemkonstellationen der Gattungstheorie
1. Texttheoretische Problemkonstellationen 47
2. Normentheoretische Problemkonstellationen 59
3. Vermittlungs- und institutionentheoretische Problemkonstellationen 82
4. Medientheoretische Problemkonstellationen 102
5. Literaturtheoretische Problemkonstellationen 107

(C) Gattung und Gattungshistoriographie
1. Bedürfnissynthese, -erweiterung und -produktion 131
2. Darstellungsformen der Gattungsgeschichtsschreibung 133
3. Entstehungstheorien von Gattungen 135
4. Gattung und Geschichtsphilosophie 138
5. Gattungshistoriographische Ordnungsmuster 140
6. Gegenstände und Gegenstandskonstitution der Gattungsgeschichtsschreibung 142
7. Historische Systematik von Gattungen 146
8. Institution/Institutionalisierung 148
9. Leitgattungen 150
10. Normbildende Werke 152
11. Theorien des historischen Endes von Gattungen 154
12. Theorien generischen Wandels 156

(D) Richtungen und Ansätze der poetologischen Gattungstheorie
1. Ästhetischer Nominalismus 159
2. Biopoetische/Kognitionswissenschaftliche Gattungstheorie 162
3. Darwinistische Gattungstheorie 164
4. Dichtungslehren/Gattungspoetiken (bis 1800) 166
5. Formgeschichtliche Gattungstheorie 169
6. Gattungsästhetik 172
7. Geistesgeschichtlich- anthropologische Gattungstheorie 174
8. Konstruktivistische Gattungstheorie 177
9. Kontextorientierte Gattungstheorien 180
10. Neoaristotelismus 182
11. Poststrukturalistische Gattungstheorie 185
12. Rhetorische Gattungstheorie 188
13. Sozial- und funktionsgeschichtliche Gattungstheorie 190
14. Struktural-formalistische Gattungstheorie 193

(E) Zur Geschichte der poetologischen Gattungstheorie
1. Präantike Gattungstheorie 197
2. Gattungstheorie in der Antike 199
3. Gattungstheorie im Mittelalter 201
4. Gattungstheorie in der Frühen Neuzeit 203
5. Gattungstheorie um 1800 206
6. Gattungstheorie im 19. Jahrhundert 210
7. Gattungstheorie im 20. Jahrhundert 213
8. Gattungstheorie im 21. Jahrhundert 217

(F) Bezugssysteme von Gattungstheorie und Gattungsforschung
1. Analytische Literaturwissenschaft 221
2. Cognitive Poetics und Biopoetik 223
3. Dekonstruktion 225
4. Diskursanalyse 227
5. Empirische Literaturwissenschaft 229
6. Feministische Literaturwissenschaft und Gender Studies 231
7. Formalismus und Strukturalismus 232
8. Gesellschaftswissenschaften 235
9. Hermeneutik 237
10. Kulturwissenschaften 239
11. Linguistik und Semiotik 240
12. Naturwissenschaften 243
13. Philosophie 245
14. Psychologie 247
15. Rezeptionsästhetik 248
16. Rhetorik 250

(G) Gattungsforschung disziplinär
1. Anglistische/Amerikanistische Gattungsforschung 253
2. Germanistische Gattungsforschung 256
3. Geschichtswissenschaftliche Gattungsforschung 260
4. Japanologische Gattungsforschung 263
5. Journalistische Gattungsforschung 267
6. Komparatistische Gattungsforschung 270
7. Kunstwissenschaftliche Gattungsforschung 274
8. Medienwissenschaftliche Gattungsforschung 277
9. Musikwissenschaftliche Gattungsforschung 281
10. Romanistische Gattungsforschung 284
11. Sinologische Gattungsforschung 288
12. Sozialwissenschaftliche Gattungsforschung 291
13. Sprachwissenschaftliche Gattungsforschung 295
14. Theaterwissenschaftliche Gattungsforschung 298
15. Theologische Gattungsforschung 302
16. Volkskundliche/Ethnologische Gattungsforschung 306

(H) Theorien generischer Gruppen und Schreibweisen
1. Theorien der Epik. 311
2. Theorien der Faktographischen Literatur 315
3. Theorien der Kunstprosa 317
4. Theorien des Komischen 320
5. Theorien der Lyrik 324
6. Theorien des Narrativen 328
7. Theorien des Satirischen 331
8. Theorien der Theaterliteratur 335
9. Theorien des Tragischen 338
Verzeichnis der Beiträgerinnen und Beiträger 343
Sachregister 345
Namenregister 357

Genre Theory at Hand

The Handbuch Gattungstheorie (Handbook of Genre Theory) makes genre theory accessible. It takes into account the diverging traditions of the various language departments and adds a diachronic, transnational, and transdisciplinary perspective. It presents in one volume the many strands of genre theory without trying to unify them. It can therefore be a very good starting place for further research.


© bei der Autorin und bei KULT_online