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Eine Brücke zwischen den Generationen: Phantastische Literatur für Kinder und Erwachsene

Eine Rezension von Dr. André Hahn

Bonacker, Maren (Hg.): Das Kind im Leser: Phantastische Texte als all ages-Lektüre. Tagungsband zum wissenschaftlichen Symposium 7. bis 9. Mai 2004. Trier: WVT, 2007.

Das 232 Seiten umfassende, von der Anglistin Maren Bonacker 2007 herausgegebene Werk Das Kind im Leser – Phantastische Texte als all-ages-Lektüre ist ein Tagungsband zum wissenschaftlichen Symposium "Pinocchios Freunde", welches vom 07. bis zum 09. Mai 2004 in Gießen abgehalten wurde. In 15 Beiträgen von 14 Autoren wird größtenteils auf populäre Werke aus dem weitverzweigten Bereich der Phantastik respektive der phantasievollen Literatur Bezug genommen, wobei sich die Spanne von Bilderbüchern, über Comics bis hin zu modernen Klassikern des Genres wie beispielsweise die Harry Potter-Reihe erstreckt. In überzeugender Weise wird dabei dargelegt, dass die Zeit der klaren Abtrennung von Kinder- und Erwachsenenliteratur vorbei zu sein scheint und sich Autoren und Verleger immer mehr auf die paratextuelle Doppel- oder Mehrfachadressiertheit verlegen, um so Leser aller Altersgruppen anzusprechen. 


Harry Potter. Immer wieder Harry Potter. Kein anderer Name, so scheint es zumindest, ist so eng mit dem Begriff der all-ages-Literatur verknüpft wie der seinige. Noch nie zuvor gab es ein Kinderbuch, welches es nicht nur in die Top Ten der 'erwachsenen' Bestsellerlisten schaffte, sondern diese auch monatelang anzuführen vermochte (vgl. S. ix). Dieser Eindruck der Einmaligkeit in Bezug auf Joanne K. Rowlings Zauberschüler täuscht jedoch, denn schon seit den 1970er Jahren verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was oft ein wenig abschätzig als bloße 'Kinderliteratur' abgeurteilt wird, und jenen Texten, deren Thematik, Erzähltechnik oder Komplexität es gerechtfertigt erscheinen lässt, ihnen den Status der vollwertigen Belletristik für ein erwachsenes Lesepublikum zu verleihen.

Bereits in dem von der Herausgeberin Maren Bonacker selbst verfassten Vorwort wird nachvollziehbar dargestellt, dass sich doppeladressierte Texte, also Literatur, die sowohl von Kindern und Jugendlichen als auch von Erwachsenen konsumiert wird, zum einen einer immer größeren Beliebtheit erfreuen und zum anderen vornehmlich auf den Bereich der phantastischen Literatur konzentrieren. Diese Einschätzung wird in den folgenden 14 Artikeln von durchweg hoher sowohl wissenschaftlicher als auch unterhaltender Qualität fortgeführt und genauer untersucht.

Das Buch, eine Fortführung des 2004 erschienenen Bandes Peter Pans Kinder – Doppelte Adressiertheit in phantastischen Texten, gliedert sich in vier Teile divergierender Länge, in denen nicht nur die international bekanntesten Vertreter und Figuren des Genres erläutert werden, sondern auch weniger populäre Werke aus Europa sowie ebenfalls der Gattung zugehörige Bilderbücher und Comics (wobei im Bezug auf letztere ohne Einschränkung behauptet werden kann, dass die abgedruckten Abbildungen allesamt im doppelten Sinne fantastisch sind und dem Leser viel Freude bereiten).

Selbstverständlich enthält der Band auch einen Beitrag über den in diesem Genre scheinbar alles überstrahlenden Harry Potter. Martin-Christoph Justs Aufsatztitel "Harry Potter und die Nürnberger Prozesse – Mehrfach-Kodierung in Rowlings Romanen" mutet zunächst seltsam an, zumal auf den ersten Blick nur wenige Berührungspunkte zwischen der Welt des jungen Zauberers und dem amerikanischen Militärgerichtshof zur Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher des Nationalsozialismus in den 1940er Jahren zu existieren scheinen. Umso eindrucksvoller ist Justs Analyse, die in Bezug auf den fünften Band der Reihe – Harry Potter und der Orden des Phönix – von einer Mehrfachkodierung ausgeht und die einzelnen Codes und Effekte herausarbeitet. Eine im Roman beschriebene Gerichtsverhandlung evoziert bei Just Assoziationen zu realen historischen Geschehnissen wie eben den Nürnberger Prozessen oder auch antikommunistischen Prozessen während der McCarthy-Ära, da der Plot mit eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen verknüpft wird. Daraus wird die nahe liegende These abgeleitet, dass ein Rezipient, der nicht über solche Erkenntnisse verfügt, den Text grundlegend anders lesen und interpretieren wird (S. 42).
Auch wenn die vorherrschende negative Stimmung des Textes für Rezipienten aller Altersklassen gleichermaßen erkennbar ist, scheint die Diskrepanz zwischen lebenserfahrenen Erwachsenen und Kindern hier offenbar wesentlich stärker ausgeprägt. Von diesem speziellen Fall einmal abgesehen, muss das jedoch nicht zwangsläufig der Fall sein, da gerade in Bereichen wie Kino oder Computer viele Jugendliche dem durchschnittlichen Erwachsenen an Erfahrung überlegen sind. Die Rezeption ist also so individuell, dass es schwierig ist, überhaupt ein konkretes Zielpublikum zu definieren. Die Individual-Kodierung führt dazu, dass Leser der Harry Potter-Romane auf einzelne Passagen sehr ähnlich reagieren, bestimmte Punkte aber mit gänzlich anderen Assoziationen versehen. Dieses Phänomen inspiriert viele Verleger dazu, für die Promotion ihres jeweiligen Produkts die Strategie der paratextuellen Doppeladressiertheit anzuwenden – weder eindeutig kindlich, noch eindeutig erwachsen –, um so eine breitere Spanne an potenziellen Kunden anzulocken.

Jene Doppeladressiertheit zählt auch zu den hervorstechendsten literarischen Merkmalen des englischen Autors Terry Pratchett, mit dessen Werken sich der Beiträger Johannes Rüster auseinandersetzt. Die augenscheinlichste Besonderheit von Pratchett, dessen Œuvre sich nicht nur auf das berühmte Discworld-Universum erstreckt, sondern darüber hinaus einige speziell für Kinder und Jugendliche verfasste Romane umfasst, ist die ansonsten eher ungewöhnliche Verbindung von Fantasy und Humor (S. 82 ff.). Die Absurdität des Plots und das bunte Ensemble der Protagonisten scheinen in seinen Büchern zu dominieren, wobei sich dieser Eindruck bei näherer Betrachtung als zu oberflächlich erweist. Der Autor würzt seine Geschichten nicht selten mit versteckter Kritik und Querverweisen auf aktuelles Zeitgeschehen oder mit literarischen Anspielungen und Parodien. Diese sowie die impliziten Doppeldeutigkeiten sind zwar ein Charakteristikum seiner Texte, für das Verständnis des Gesamtwerks jedoch nicht dringend erforderlich, weswegen sich automatisch zwei Lesarten ergeben: Die einen ergötzen sich an der versteckten Tiefsinnigkeit des Subtexts, während andere einfach den offenkundigen Humor und die spannende Handlung genießen.
Alle seine Werke sind bereits in frühem Alter lesbar und verständlich, und jene explizit für eine jüngere Zielgruppe verfassten weisen keine simplifizierte Form seines Stils und seiner Mixtur aus Fantasy und Humor auf. Sowohl Stil als auch Stilmittel sind in allen seinen Romanen unverkennbar. Ohne definitives Zielpublikum stellt Terry Pratchett also seit fast 30 Jahren gleichsam ein Paradebeispiel für all-ages Literatur dar.

Ähnlich kompetent wie die der beiden stellvertretend beschriebenen Aufsätze erweisen sich auch die Autoren der anderen Beiträge des von Maren Bonacker herausgegebenen Werks. Anschaulich wird dargestellt, welch große Bandbreite an phantastischer Literatur für alle Altersklassen existiert, wobei ebenso auf die Prä-Harry Potter-Zeit eingegangen wird und klassischere Autoren wie Carlo Collodi oder Robert Browning Erwähnung finden.
Das eindeutige Ergebnis der Lektüre von Das Kind im Leser besteht in der Erkenntnis, dass das Genre der phantastischen Literatur möglicherweise wie kein zweites dazu in der Lage ist, die metaphorische Brücke zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu schlagen und ihnen ein gemeinsames Leseerlebnis zu verschaffen. Die ansprechende Art der Vermittlung und die daraus resultierenden Anregungen zur universitären Auseinandersetzung mit diesem bislang weitestgehend vernachlässigten Zweig der Literaturwissenschaft rechtfertigen eine eindeutige Kaufempfehlung.


Bonacker, Maren (Hg.): Das Kind im Leser – Phantastische Texte als all-ages-Lektüre. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2007. 232 S., broschiert, 24,50 €. ISBN: 978-3-88476-968-3


Inhaltsverzeichnis


Maren Bonacker
"Writing for all ages" – Wenn Kinderbücher Grenzen sprengen…IX

Bilder und Poesie


Barbara von Korff Schmissing (Bonn)
Doppelte Adressiertheit im Bilderbuch
Warum eine Boa, die einen Elefanten verschluckt hat, wie ein Herrenhut aussieht…3

Susan Keller (Goch)

"And the piper advanced and the children followed"
Adressiertheit in Robert Brownings Erzählgedicht
The Pied Piper of Hamelin im Original und in deutschen Übersetzungen…16

Ingmarie Flimm (Gießen)
Wie der Elefant zum Rüssel kam
Ted Hughes und seine Schöpfungsgeschichten für Kinder…27

Phantastische Größen der englischsprachigen Gegenwartsliteratur

Martin-Cristoph Just (Hannover)
Harry Potter und die Nürnberger Prozesse
Mehrfach-Kodierung in Rowlings Romanen …39

Meike Röhl (Gießen)
Artemis Fowl – die unmoralische Antwort auf Harry Potter?
Vom Sympathiepotenzial eines kriminellen Teenagers…48

Iris Praël (Düsseldorf)
Die Hintertür zum Paradies ist offen
Philip Pullmans fröhlicher Materialismus…63

Johannes Rüster (Erlangen)
Von Wühlern und Weltschildkröten.
Terry Pratchett for all ages…80

Wandlungen vertrauter Figuren

Marion Gymnich (Bonn)

Merlins Nachfahren
Die Figur des Zauberers in der britischen und amerikanischen Kinder- und Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts…101

Martin Wambsganß (Tübingen)
Phantastischer Fun als mehrfachlesbare positive Überforderung
Mama Fuchs aus der Comic-Albenreihe Merlin…117

Matthias Hurst (Berlin)
Der Weg aus der Kindheit
Pinocchios Abenteuer als Initiationsgeschichte…135

Phantastisches aus Deutschland, Frankreich und Skandinavien

Bartholomäus Figatowski (Köln)
Cliquen, Klone und pubertäre Krisen – Generationenspezifische Lesarten dreier Science-Fiction-Romane von Andreas Eschbach…155

Anne Amend-Söchting (Gießen)
Tierische Erlebnisse
Die Mémoires d'un âne der Comtesse de Ségur…171

Angelika Nix (Freiburg)
Alle unter einem Dach
Eine Querlektüre von Bjarne Reuters Roman Das Zimthaus…188

Svenja Blume (Freiburg)
"Ich schreibe nicht für Kinder, sondern über Kinder."
Bjarne Reuters generationenübergreifende Phantastik…200

Angelika Nix (Freiburg)
Die Kindheit als literarisches Gegenkonzept
Astrid Lindgrens phantastische Erzählungen…213

Die Beiträger…229


A Bridge between Generations: Fantastic Literature for Children and Adults

232 pages strong and published by the English philologist Maren Bonacker in 2007, Das Kind im Leser - Phantastische Texte als all-ages-Lektüre (The child within the reader - Fantastic texts as all-ages literature) contains the proceedings of the research symposium "Pinocchio's Friends", which took place from 7-9 May 2004 in Gießen. The 15 articles from 14 authors are mainly about popular books from the widely ramified realm of the Fantastic respective to fantastic literature. The array includes everything from picture books to comics and modern genre classics like the Harry Potter series. In a convincing way it is demonstrated that the definite separation between children's and adults' literature seems to be a thing of the past. More and more authors and publishers are resorting to making their works more appealing to all ages by using paratextual double- or multi-addressing.


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