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Ein weites Feld – Eine Einführung in die Gegenwartsliteratur

Eine Rezension von Corinna Dziudzia

Braun, Michael: Die deutsche Gegenwartsliteratur. Eine Einführung. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2010.

Das einführende Lehrbuch von Michael Braun vermittelt einen guten Einstieg in die komplexe Problematik der weitgefächerten und schwer einzugrenzenden deutschen Gegenwartsliteratur. Hilfreiche Orientierung wird durch Informationen zum literarischen Kulturbetrieb, zu gegenwärtiger Prosa, Lyrik und Filmen, aber auch in Form von weiterführenden, kommentierten Literaturhinweisen und Internetlinks geboten. Vollständig vermag die Einführung allerdings nicht zu überzeugen: Oftmals erscheint der gewählte Zeitraum von 1968 bis heute als zu weit gesteckt, zudem fehlt es an einer Problematisierung wichtiger Begriffe wie 'Kanon' oder 'Repräsentativität'.



Der Klappentext des Buches Die deutsche Gegenwartsliteratur verspricht eine als Lehrbuch und Grundriss angelegte Einführung, die im Bereich der Gegenwartsliteratur Orientierung geben und Grundwissen an Studierende wie Lehrende vermitteln möchte. Dabei soll sich in den sieben Buchkapiteln auf die letzten 20 Jahre im Bereich Prosa und Lyrik konzentriert werden, das Gegenwartsdrama bleibt unberücksichtigt. Die einzelnen Kapitel sind blockweise organisiert: Jedes beginnt und endet mit einem zusammenfassenden Absatz zu Aufbau und inhaltlicher Schwerpunktsetzung. Auch innerhalb der Kapitel ist die Gestaltung geprägt durch zahlreiche, graphisch hervorgehobene Aufzählungen. Der Buchrand ist durchgängig mit Marginalien versehen und am Ende jedes Kapitels folgen Kontroll- und Übungsfragen – was das Gesamtlayout als Lehrbuch unterstreicht und stützt.

Sehr positiv ist hervorzuheben, dass am Ende jedes Kapitels ebenso eine umfassende Auswahl an weiterführender Literatur und Internetlinks angegeben wird. Diese werden zusätzlich kurz kommentiert, was gerade dem Einsteiger auf dem Gebiet die Orientierung erheblich erleichtern dürfte. Zudem entspricht das Verweisen auf lesenswerte Internetinhalte dem Erfahrungshorizont heutiger Studierender und Lehrender. Am Ende des Buches finden sich die gesammelten, nach Kapiteln geordneten Anmerkungen sowie ein hilfreiches Personen- und Sachregister.

Generell ist der Inhalt der Buchkapitel sehr informativ und umfassend, vor allem das zweite Kapitel beeindruckt durch die Ausführlichkeit, mit welcher der literarische Kulturbetrieb in allen Facetten beleuchtet wird. Allerdings wird bisweilen der Bogen für eine Einführung in die deutsche Gegenwartsliteratur etwas zu weit gespannt. So beginnt der Autor z.B. das dritte Kapitel, in dem es um Literaturskandale und -debatten geht, mit Zolas berühmten offenen Brief "J’accuse" (1898), behandelt danach gleichberechtigt den Züricher Literaturstreit (1966) sowie die Debatte um Christa Wolfs Erzählung Was bleibt (1990) und Martin Walsers 'Skandalbuch' Tod eines Kritikers (2002). Offen lässt das Kapitel hingegen unter anderem, welche Rolle Literaturwissenschaft in dieser nicht selten von kommerziellen Interessen geprägten Gemengelage einnehmen kann.

Zu Recht wird mehrfach in der Einführung betont, wie groß die gegenwärtige Literaturproduktion ist und wie schwer der Versuch einer Orientierung fällt. Gerade vor diesem Hintergrund erscheinen allerdings die im ersten Kapitel gewählten zwei Zäsuren (1968 und 1989) weniger glücklich, vor allem die Zäsur 1968 erweist sich als zu weit gesteckt. Ein Zeitraum von gut 40 Jahren (statt der im Klappentext angekündigten 20 Jahre) ist in einer Einführung von 247 Seiten kaum zu bewältigen, erst recht nicht, wenn Wert auf weite thematische Bögen gelegt wird und diese Zäsur zudem für die beiden zu dem Zeitpunkt noch existierenden deutschen Staaten gleichermaßen gilt. Auf den völlig anderen, nicht nur kulturbetrieblichen, Kontext von 1968 bis 1989 in der DDR wird im Gegensatz zur BRD jedoch nicht weiter eingegangen. Diese deutlich westdeutsche Perspektive auf die Literatur lässt auch die Analysen ostdeutscher Gedichte der Wendezeit heikel erscheinen. Das Teilkapitel zur Liebeslyrik hingegen vermag mit Vollständigkeit zu überzeugen: Es reicht von der etymologischen Herleitung des Begriffs 'Lyrik' bis zu einer Merkmalsliste zeitgenössischer Gedichte.

Bisweilen fehlt diese Ausführlichkeit an anderer Stelle, z.B. wäre eine Diskussion von im Diskurs wichtigen Begriffen wie 'Vormoderne' oder 'postmodern' wünschenswert gewesen. Gewichtig erscheint das Fehlen der Problematisierung auch bei 'Repräsentativität' oder 'Kanon', zumal sich die Einführung ausdrücklich die Aufgabe gestellt hat, 'maßgebliche' Autoren und Werke vorstellen zu wollen. Unstrittig ist dabei sicherlich die Kanonzugehörigkeit von Autoren wie Günter Grass oder Christa Wolf. Problematisch wird es jedoch, wenn der Autor Volker Brauns Gedicht "Mein Eigentum" ohne jede Begründung oder Einschränkung zum "berühmtesten und repräsentativsten Gedicht zur deutschen Einheit" (S. 155) erklärt. Auffällig ist auch, dass ein notwendiger Verweis auf die Werke W.G. Sebalds im Kapitel zur Erinnerungsliteratur fehlt, ausgerechnet auf den Autoren, der mit seinen Büchern und Vorlesungen den Anstoß gab, den Opferstatus auch der deutschen Bevölkerung aufzuarbeiten. Stattdessen wird eine bewusst als "repräsentativ" (S. 121) bezeichnete Auswahl dagegen gesetzt, ohne dass an irgendeiner Stelle thematisiert würde, wie hochproblematisch die Verwendung von derlei Begriffen und das vermeintliche Ausblenden der eigenen Subjektivität gerade im Bereich der aktuellen Gegenwartsliteratur ist.

Insgesamt überschatten die beiden Mängel des zu weit gesteckten Zeitraums sowie der fehlenden Problematisierung von Begrifflichkeiten den Umstand, dass das Buch über weite Strecken sehr informativ und lesenswert ist. So bietet es – insbesondere durch die wirklich ausführlichen und zudem kommentierten weiterführenden Literaturhinweise – insgesamt gesehen eine brauchbare Startposition, um von dort aus in die Tiefe zu gehen.


Braun, Michael: Die deutsche Gegenwartsliteratur. Eine Einführung. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 2010 (UTB, 3352). 247 S., kartoniert, 16,90 Euro. ISBN 978-3-412-20479-2


Inhaltsverzeichnis

Einführung . . . 7

1. Was ist Gegenwartsliteratur? . . . 9
1.1. Probleme der Wertung . . . 9
1.2. Begriffliche Grundlagen . . . 12 1.3. Eingrenzungsversuche . . . 19

2. Gegenwartsliteratur im Kulturbetrieb . . . 37
2.1. Markt und Medien . . . 37
2.2. Literaturkritik . . . 50
2.3. Autor und Leser als Zeitgenossen . . . 63

3. Gegenwartsliteratur als Skandal . . . 78
3.1. Literaturdebatten . . . 78
3.2. Germanistik und Gegenwartsliteratur im Zürcher Literaturstreit (1966) … 83
3.3. Ästhetik und Moral im Literaturstreit um Christa Wolf (1990) . . . 87
3.4. Literatur und Kritik in der Walser-Debatte (2002) . . . 96

4. Gegenwartsliteratur erzählt Geschichte . . . 109
4.1. Erinnerungskultur als Paradigma . . . 109
4.2. Günter Grass' Novelle Im Krebsgang als Tabubruch der Erinnerung . . . 122
4.3. Religiöse Erinnerung in Christoph Heins Kurzgeschichte Moses Tod . . . 128
4.4. Erinnerung und Medien in Ulrike Draesners Roman Spiele . 132

5. Gegenwartslyrik im Dialog . . . 141
5.1. Lyrik im Dialog . . . 141
5.2. Deutsche Einheit im Spiegel der Lyrik: das politische Gedicht . . . 152
5.3. Liebe als Passion: Liebeslyrik nach 1968 . . . 159
5.4. Neuro-Romantik: Durs Grünbeins Dialog mit den Naturwissenschaften . . .169

6. Gegenwartsliteratur und Film . . . 177
6.1. Literatur und Film . . . 177
6.2. Filmische Adaption von Literatur: Das Parfum . . . 182
6.3. Film in der Literatur: John Fords Western und Patrick Roths Johnny Shines . . . 187

7. Wie studiere ich deutsche Gegenwartsliteratur? . . . 199

Anhang
Anmerkungen . . . 209
Personenregister . . . 238
Sachregister . . . 243

Too Far Afield—An Introduction to German Contemporary Literature

This introductory book by Michael Braun offers access to the complex set of problems concerning the widespread and hardly limitable field of German contemporary literature. Helpful orientation is provided through informative looks at the arts sector, contemporary prose, verse, and film, but also in the form of commentated literature and online resources. Unfortunately, the introduction does not convince completely: often times the period under study, from 1968 until the present, seems to be too broad; the problems of important terms like 'canon' or 'representativeness,' furthermore, are not expounded upon.

© bei der Autorin und bei KULT_online