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Das venezianische Weltbild im Kopf

Eine Rezension von Katharina Pfeiffer

Scruzzi, Davide: Eine Stadt denkt sich die Welt. Wahrnehmung geographischer Räume und Globalisierung in Venedig von 1490 bis um 1600. Berlin: Akademie-Verlag, 2009.

Die Entdeckungsfahrten in der Frühen Neuzeit bilden den Anfang der Globalisierung; der Begriff selbst kam jedoch erst im zwanzigsten Jahrhundert auf. Die Veränderung der Wahrnehmungs- und Handlungsräume der Venezianer nach der Entdeckung Amerikas und der Kap-Route analysiert der Historiker Davide Scruzzi in seiner 2008 in Zürich angenommenen Dissertation. Anhand von Briefen, staatlichen Beschlüssen und Berichten, Tagebüchern, Karten sowie Chroniken rekonstruiert er kognitive Karten und zeigt, wie Venedig, das hauptsächlich im Mittelmeerraum Handel trieb, auf die neuen räumlichen Verhältnisse reagierte. 


Die Entdeckung Amerikas 1492 und des Seeweges nach Indien 1498 sowie die Weltumsegelung 1522 erschlossen neue Länder und Handelsrouten. Dies hatte unmittelbare Auswirkungen auf Venedig, da der von der Serenissima betriebene Levante-Handel zunehmend an Bedeutung verlor und Venedig unter anderem dadurch seine Vormachtstellung im Gewürzhandel einbüßte.

Der Historiker Davide Scruzzi untersucht in seiner 2008 an der Universität Zürich angenommenen Dissertation, "wie man im Venedig der Frühen Neuzeit geographische Räume wahrgenommen hat, mit besonderer Berücksichtigung der Wahrnehmung weit entfernter Gebiete und der Welt als Ganzes" (S. 2 f.). Die Wahl des Themas bestätigt, dass aktuell in den Geschichtswissenschaften wie in den anderen Geistes- und Sozialwissenschaften eine stärkere Hinwendung zum Raum erfolgt. Obwohl der Begriff "Globalisierung" selbst erst im zwanzigsten Jahrhundert aufkam, datiert Scruzzi deren Beginn in die Frühe Neuzeit, als die Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen stattfanden. Er betrachtet Globalisierung als neue Perspektive auf bestehende Gegebenheiten und fokussiert in seiner Arbeit "die Welt in den Köpfen" der Venezianer (S. 9).

In einem gelungenen Grundlagenkapitel klärt Scruzzi zunächst die Begriffe "Globalisierung" und "Raum", ehe er auf die Raumkonstitution eingeht. Diese erfolgt entweder durch Spacingprozesse wie "konkretes Errichten, Bauen, Positionieren oder Vermessen" oder durch Syntheseleistungen, das heißt "Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Erinnerungsprozesse" (S. 9). Den geographischen Raum unterteilt Scruzzi in Wahrnehmungs- und Handlungsräume (vgl. S. 11). Der wahrgenommene Raum wird anhand sogenannter kognitiver Karten sichtbar, die als Wahrnehmungsschemata zu verstehen sind. Diese kognitiven Karten möchte Scruzzi mittels Diskursanalyse seines umfangreichen Materials aus Spacing- und Syntheseelementen rekonstruieren, das Beschlüsse und Briefe des Senats sowie des Rates der Zehn, Gesandtenberichte, Tagebücher, Chroniken, private Aufzeichnungen, Bücher, Landkarten, Globen und Bilder umfasst (vgl. S. 15).

Der in vier Unterkapitel gegliederte Hauptteil veranschaulicht in nachvollziehbarer Weise die Ausweitung der Wahrnehmungs- und Handlungsräume Venedigs nach den Entdeckungsfahrten. Allerdings macht der Autor nicht deutlich genug, wodurch Anfang und Ende der vier Phasen dieses Prozesses markiert sind. Ebenso wenig erläutert er, warum das Jahr 1600 den Schlusspunkt seiner Untersuchung bildet. Eine Ausweitung der Studie auf den Beginn des 17. Jahrhunderts hätte sicher noch manchen interessanten Aspekt in Bezug auf die Handlungsräume und die wirtschaftliche Entwicklung Venedigs ans Licht gebracht. Im Gegenzug hätte eine Straffung der Einzelanalysen seines umfangreichen Materials der Arbeit eher gut getan, die in den Unterkapiteln an manchen Stellen in detailreiche Präsentationen einzelner Dokumente zerfällt und so eher sammelnden Charakter hat.

Alles in allem kommt Scruzzi zu dem Schluss, dass die Venezianer die Entdeckung Amerikas verspätet wahrgenommen haben, weil dies keine unmittelbaren Auswirkungen auf den venezianischen Handel hatte. Die portugiesische Expansion hingegen hatte direkte Konsequenzen auf den europäischen Pfeffermarkt, so dass sich der Wahrnehmungsraum Venedigs erweiterte (vgl. S. 92, 103). Scruzzi macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass sich Handlungs- und Wahrnehmungsräume nicht gleich entwickeln müssen (vgl. S. 123). Die Tragweite der Kap-Route etwa wurde von den Venezianern zunächst unterschätzt. Indien kam zwar als Wahrnehmungsraum vor, aber noch nicht als Handlungsraum, hier fokussierten die Venezianer immer noch auf das Mittelmeer (vgl. S. 72 ff.). Zu Recht weist Scruzzi darauf hin, dass die Entdeckung der Kap-Route nicht als ausschließlicher Faktor für das Sinken Venedigs als Handelsmacht anzusehen ist, da schon vorher die Konkurrenz aus Frankreich, Genua oder Florenz zugenommen hatte (vgl. S. 104 f.).

Im Anschluss an den Hauptteil folgt ein Kapitel zu den Antriebselementen der kognitiven Globalisierung. Scruzzi sieht hauptsächlich die Entdeckungsfahrten sowie die politische und wirtschaftliche Entwicklung als Auslöser für die Erweiterung der Wahrnehmungsräume und die Änderung der kognitiven Karten. Kulturell-wissenschaftliche Aspekte der Zeit sind als weiteres Antriebselement genannt, wobei Scruzzi die Beschäftigung mit der Geographie als Spiel betrachtet (vgl. S. 239). Die Arbeit hätte sicher davon profitiert, wenn die Wissenskultur der Frühen Neuzeit von Anfang an stärker in den Gesamtkontext der Untersuchung einbezogen worden wäre. Im Synthesekapitel konstatiert Scruzzi eine vorübergehende florentinische Überlegenheit im wissenschaftlich-kulturellen Bereich im Vergleich zur Lagunenstadt. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn der Autor Venedig noch stärker mit anderen italienischen Handelsstädten verglichen hätte, um seine These, dass die Serenissima auf die Entdeckungen zu spät reagiert habe (vgl. S. 250), zu untermauern.

Die Leistung dieser Studie liegt sowohl in ihrer innovativen Ausgangsfragestellung als auch in deren anschaulicher sowie ausführlicher Beantwortung: wie Venedig als auf den Mittelmeerraum konzentrierte Handelsmacht auf die Entdeckung neuer Länder und Handelsrouten reagiert hat und wie sich das neue geographische Wissen in den Köpfen durchgesetzt hat. Sie kann als Basis für weitere Forschungsarbeiten dienen, die diese Fragestellung auf andere italienische und europäische Handelsstädte beziehen.


Scruzzi, Davide: Eine Stadt denkt sich die Welt. Wahrnehmung geographischer Räume und Globalisierung in Venedig von 1490 bis um 1600. Berlin: Akademie Verlag, 2010 (Studi N.F. 3 / Centro Tedesco di Studi Veneziani). 352 S., 7 Blatt Illustrationen und Karten, gebunden, 69,80 €. ISBN: 978-3-05-004665-5


Inhaltsverzeichnis

VORWORT IX

1. EINLEITUNG 1

2. GRUNDLAGEN 7
2.1. Zu den Begriffen Globalisierung und Raum 7
2.2. Kognitive Karten als methodisches Modell 12
2.3. Raumwissen und Wissenskultur 17
2.4. Spacing- und Synthese-Elemente 21
2.5. Raum: heterogen und stark staatlich determiniert 53

3. PHASE I (149O—1518): ENTDECKUNG DER ENTDECKUNGEN
3.1. Indien vor 1498 57
3.2. 1499—1501: Erste Nachrichten über die Indien-Fahrten 66
3.3. 1502—1510: Ausweitung des Handlungsraumes 74
3.4. Zusammenfassende Berichte über die Indien-Fahrten 82
3.5. Die Entdeckung Amerikas 85
3.6. Eine erste gebundene Gesamtsicht: Montalboddos Paesi novamente ritrovati 93
3.7. Kartographische Produktion 99
3.8. Wirtschaftlicher Druck und kulturelle Praktiken 103

4. PHASE II (1519—1547): DIE ENTDECKUNG DER RELEVANZ 108
4.1. Gold und Hochkultur: Die Eroberung des Azteken-Reichs 108
4.2. Möglichkeit eines Handels mit den Portugiesen 111
4.3. Sebastiano Cabotos Angebot 113
4.4. Die Umsegelung der Welt 116
4.5. Allgemeine Intensivierung der Wahrnehmung 120
4.6. Die Welt als Punkte-Raum: Bordones isolario 123
4.7. Die Welt in der Tasche: Coppos Portolano 127
4.8. Gesamtübersichten aus Spanien: Martire und Fernández de Oviedo 129
4.9. Manuzios Reiseberichtssammlung 131
4.10. Wichtigkeit der Entwicklung erkannt 133

5. PHASE III (1548—1584): GEOGRAPHIE ALS KULTUROBJEKT I35
5.1. Die Ptolemaios-Ausgabe von 1548 135
5.2. Ramusios Reiseberichtssammlung 136
5.3. Höhepunkte der Kartographie und die Geographie als Element in der Kunst 142
5.4. Navigation als philosophisches Leitwissen: Agnese und Medina 153
5.5. Lopez' Historia delle nuove Indie occidentali 157
5.6. Weitere Integration Indiens und Amerikas in das weltpolitische System 160
5.7. Weltpolitik gegen die Osmanen 164
5.8. Politische und historische Handbücher 166
5.9. Plinius 168
5.10. Ein weiteres Inselbuch: Porcacchi 170
5.11. Ruscellis Ptolemaios-Ausgabe von 1574 172
5.12. Poetisch und global: Universale Fabrica del mondo 173
5.13. Weiterhin europäische Perspektive der Kaufleute 175
5.14. Geographische Kultur, Politik und Wirtschaft 177

6. PHASE IV (1584—16OO): FORTLAUFENDE INTENSIVIERUNG 179
6.1. Vertragsverhandlungen zwischen Spanien und Venedig 179
6.2. Erweiterung der Wahrnehmung durch Konflikte 190
6.3. Nachrichten aus Fernost dank der Missionsreisen 191
6.4. Sanutos Geografìa 193
6.5. Boteros Relationi Universali 194
6.6. Vecellios Habiti 198
6.7. Praktische Anleitungen für Fernreisen 199
6.8. Gallucci, Rosaccio, Magini 201
6.9. Weitere Zunahme des globalen Bewusstseins 205

7. ANTRIEBSELEMENTE DER KOGNITIVEN GLOBALISIERUNG 206
7.1. Die Entdeckungsfahrten 206
7.2. Neue weltwirtschaftliche Verbindungen 208
7.3. Politik 212
7.4. Wissenschaft, Kultur und Spiele 223
7.5. Religion 246

8. VENEDIG UND EINE NEUE WELT: VERSUCH EINER SYNTHESE 248
8.1. Globalisierung als Prozess der Einordnung und Vernetzung 248
8.2. Globalisierung als Medienwandel: Darstellung einer neuen Realität 251
8.3. Globalisierung als neuer Blick auf sich selbst und auf die anderen 255
8.4. Vergleich mit anderen Orten 261
8.5. Einzelne weltgewandte Venezianer 266

9. SCHLUSS 277

BIBLIOGRAPHIE 283
REGISTER 345
ABBILDUNGSNACHWEISE 351
ABBILDUNGEN 353

The Venetian View of the World

The discovery of America in 1492, of the sea route to India in 1498, and the first circumnavigation of the globe in 1522 are considered to be the beginning of globalization, even though the term itself wasn't coined until much later, namely until the 20th century. Davide Scruzzi earned his PhD analysing the shift of spaces perceived by the Venetians, and in which spaces they act after geographic discoveries. He uses letters, official reports, diaries, maps, and chronicles to reconstruct cognitive maps and show how Venice, whose main trade room at that time was the Mediterranean, reacted towards these new geographic conditions.


© bei der Autorin und bei KULT_online