Benutzerspezifische Werkzeuge

Sektionen

Benutzerspezifische Werkzeuge

Information zum Seitenaufbau und Sprungmarken fuer Screenreader-Benutzer: Brotkrumen-Navigation | Direkt zur Navigation | vertikale linke Navigationsleiste | Website durchsuchen | Direkt zum Inhalt | vor rechter Kolumne mit zusaetzlichen Informationen | Aktionen/Tools: Drucken, Permanent Link, to the English version, zur deutschen Version | Fussbereich: Sitemap, Barrierefreiheit, Hilfe und Login fuer Redakteure

Artikelaktionen
  • Permanent Link

Zwischen Selbstvermarktung und Subversion. Das web 2.0 und seine Subjekte

Eine Rezension von Sascha Simons

Reichert, Ramón: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0. YouTube - MySpace - Second Life. Bielefeld: transcript, 2008.

Auf den Pfaden Foucaults und Butlers vermisst Ramón Reichert die dynamische Grenze zwischen Selbstdarstellung, Selbstvermarktung und subversiver Aneignung im web 2.0. Reichert fragt in zahlreichen Analysen mikroprozessualer web-Praktiken nach dem Subjekt einer medientechnologisch katalysierten Bewerbungskultur und zeigt viel Gespür für die strukturellen Verflechtungen von Kultur und Ökonomie. Eine konsequentere Reflexion der theoretischen Prämissen hätte seinen erfreulich nüchternen Blick auf die teilweise überhitzte Netzdebatte allerdings zusätzlich schärfen können.  


Das web 2.0 hat die disziplinübergreifende Aufwertung rezeptiver Praktiken auf eine neue technologische Basis gestellt. Entsprechend oft steht daher der user im Zentrum der mit Leidenschaft geführten Etablierungsdebatten des social web. Nach der anfänglichen Euphorie angesichts neuer partizipatorischer Möglichkeiten hat sich Ernüchterung breit gemacht im Mitmachnetz. Sorgen um die Sicherheit persönlicher Daten und die Ökonomisierung des öffentlichen Raums Internet haben das Lob der Emanzipation zeitweise verdrängt und ein gesamtgesellschaftliches Problembewusstsein jenseits selbstbezüglicher Fachkreise geschaffen. Da sich diese kritische Wende aber nicht etwa in gebremsten Nutzungsaktivitäten sozialer online-Dienste niederschlägt, spricht sie keineswegs das letztes Wort der Meinungs- und Medienbildung.
Dementsprechend groß ist der Bedarf an kritischer Reflexion, die sich weder exklusiv auf ökonomische Verwertungspotentiale bezieht noch der selbstgenügsamen Begeisterung am Neuen erliegt. Kultur- und Sozialwissenschaften sollten in diesem Zusammenhang genau jene Analogien, Konstanten und Brüche erfassen, die im Lärm der alltäglichen Meinungskonjunkturen unterzugehen drohen. Die Relevanz kulturwissenschaftlicher Aussagen über das web und seine user müsste sich demzufolge nicht zuletzt an ihrer relativen Zeitlosigkeit messen lassen. Grund genug, Ramón Reicherts Studie Amateure im Netz auch zwei Jahre nach ihrem Erscheinen einer kritischen Revision zu unterziehen – und um so mehr, insofern sie den Anspruch eines Grundlagentextes erhebt, der "erstmals für den deutschsprachigen Raum" (Klappentext) die kulturelle Aufwertung und ökonomische Mobilisierung medialer Amateure untersucht.

Deren Praktiken nähert sich Reichert in begrüßenswerter Distanz sowohl zu "technisch begründeten Sozialutopien" (S. 8) als auch zu Andrew Keens (Die Stunde der Stümper, München 2008) "theoretische[m] Elitismus" (S. 10). Den Blicken von technoliberalen Befreiungsdiskursen und Kulturpessimismus entgleite gleichermaßen die Verflechtung kultureller Praktiken und gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die Reichert mit einem transdisziplinären Ansatz aus cultural, postcolonial und queer studies sowie diskursanalytisch geprägter Subjekt- und Medientheorie fokussieren möchte.
Die Selbstpraktiken der web-Amateure verortet Reichert dementsprechend genau zwischen den Polen der emanzipatorischen Selbstermächtigung und der Unterwerfung unter die herrschenden Strukturen des web. Letztere seien in Analogie zum dezentralisierenden Netzwerkdispositiv organisiert: Statt "hierarchischer Befehls- und Kontrollstrukturen" (S. 13) herrsche der flexible Normalismus post-disziplinärer Gesellschaften und verpflichte die user zum ebenso verinnerlichten wie vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Evaluationsnormen und Visibilitätszwängen eines entgrenzten Ökonomiediskurses. Selbstdarstellung ist hier immer gleichbedeutend mit Selbstvermarktung und Selbstoptimierung nach dem Vorbild kybernetischer Regelkreisläufe.

Die theoretischen Referenzgrößen für diese Überlegungen bilden Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität sowie die an Foucault geschulte Subjektivations-These Judith Butlers. Reichert kann daher das Verhältnis zwischen web und Amateur als flexiblen Aushandlungs- und Aneignungsprozess skizzieren. In dieser "chiastischen Struktur" (S. 46) von Medium und Subjekt wird die Formation des web 2.0 konstitutiv durch ihren kulturellen Gebrauch geprägt. Die mediale Praxis der Amateure stelle eben keine parasitäre Folge technologischer Programme dar, sondern transzendiere und transformiere ihre kulturellen Voraussetzungen permanent. Subversive Camouflage-Strategien bilden somit nur die explizite und radikalisierte Form eines "zwischen Subjektivierung und Entsubjektivierung" (S. 66) changierenden Mediengebrauchs, dessen "unberechenbares Moment der Unordnung, des Bruchs und der Willkür" (S. 87) hegemoniale Machtansprüche stets unterwandere.

Diese Subjektivierungsprozesse beschreibt Reichert zunächst für die Arbeit an der transmedialen web 2.0-Biografie und spürt dem Verhältnis zwischen digital storytelling und Identitätsbildung nach. Das zweite Kapitel zu Wissenstechniken des web 2.0 beschreibt ausführlich und überzeugend, wie sich kybernetische feedback-Schleifen, Dartenverarbeitungsroutinen sowie die grafischen Rasterformen der ePortfolios von social networks und dating-Portalen im Verbund zu einer Kultur der Selbstkapitalisierung verdichten und ihre user als kreative Selbstunternehmer in einer allgegenwärtigen Bewerbungssituation ansprechen. Im abschließenden Kapitel führt Reichert diese Ansätze in der Auseinandersetzung mit Computerspielen, Machinima-Filmen und slash fictions sowie Wikipedia zwar konsequent aber letztlich kursorisch fort.

Dass diese abschließenden Seiten statt eines Fazit oder fokussierten Ausblicks lediglich eine Reihe loser Enden anbieten, weist auf eine konzeptionelle Schwäche der Studie hin, die sich mit einem mutigeren Bekenntnis zur Theorie hätte vermeiden lassen. Reicherts methodischer Eklektizismus lässt eine ausführliche Selbstreflexion vermissen. Zwar sind die Ideen Foucaults und Butlers hier ebenso schlüssig wie anschlussfähig – und werden in einem vergleichbaren Kontext jüngst z.B. von Hannelore Bublitz (Im Beichtstuhl der Medien, Bielefeld 2010) zu Rate gezogen. Statt sich aber in lediglich referierenden Passagen immer wieder der gleichen Anleihen zu bedienen, deren Formulierungen zum Teil ärgerliche wörtliche Redundanzen aufweisen, hätte ein ausführlicheres Kapitel zu Theorie und Methodologie dem Buch nicht nur zu mehr argumentativer Kohärenz verholfen. Zu selten nämlich sind die Aneinanderreihungen theoretischer Referenzen hinreichend motiviert. Und in diesem Zusammenhang muss auch kritisiert werden, dass das Literaturverzeichnis viele der Verweise nicht aufführt. Ferner könnte sich das Vertrauen in die Evidenzeffekte gegenstandsnaher Beschreibungen auf eine breitere, selbstkritischere Basis stützen.
Positiv gewendet ermöglicht der Aufbau allerdings das verlustfreie selektive Lesen einzelner Kapitel. Dem eiligen Leser sei vor allem die gelungene Analyse der Wissenstechniken des web 2.0 ans Herz gelegt – nicht zuletzt, weil Reichert sich hier ausreichend Raum und Zeit nimmt, um die Verflechtung von Algorithmus, ästhetischer Form und rahmendem Diskurs zu beschreiben. Vor allem hier überzeugt sein gegenstandsnaher Mittelweg zwischen Technologieoptimismus und Kulturkritik.
Aufgrund dieser Sensibilität für die ökonomische Transformation kultureller Sphären empfiehlt sich das Buch jedem, der zugunsten einer nüchternen Beurteilung der überhitzten Netzdebatte auf eine eingehende Problematisierung und Historisierung des Titel gebenden Amateurs verzichten kann. Den eingangs formulierten Anspruch auf relative Zeitlosigkeit erfüllt Reicherts Studie nämlich durchaus – auch wenn einige Passagen stärker durch die von ihm analysierten Visibilitäts-, Beschleunigungs- und Vernetzungszwänge geprägt scheinen, als es die viel versprechende Grundthese verdient.

---
Anmerkung der Redaktion (28.11.2013):
Im Nachhinein bedauert der Autor der Rezension den Tonfall seines letzten Absatzes und hat die entsprechende Passage wie folgt reformuliert.


"Dass diese abschließenden Seiten statt eines Fazit oder fokussierten Ausblicks eine Reihe loser Enden anbieten, weist auf eine konzeptionelle Schwäche der Studie hin. Zwar sind die Ideen Foucaults und Butlers hier ebenso schlüssig wie anschlussfähig – und werden in einem vergleichbaren Kontext jüngst z.B. von Hannelore Bublitz (Im Beichtstuhl der Medien, Bielefeld 2010) zu Rate gezogen. Statt sich aber in lediglich referierenden und zum Teil wörtlich redundanten Passagen immer wieder der gleichen Anleihen zu bedienen, die zudem nicht in allen Fällen bibliographisch erfasst sind, hätte eine ausführliche theoretische Selbstreflexion dem Buch nicht nur zu mehr argumentativer Kohärenz verholfen. Ferner könnte sich das Vertrauen in die Evidenzeffekte gegenstandsnaher Beschreibungen auf eine breitere, selbstkritischere Basis stützen. [...]"
---

Reichert, Ramón: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0. Bielefeld: Transcript, 2008 (Kultur- und Medientheorie). 241 S., broschiert, 24,80 Euro. ISBN 978-3-89942-861-2


Inhaltsverzeichnis

1. Das Zusammenspiel von Selbstmanagement, Wissenstechniken und kulturellen Formationen. Eine Einleitung. 7
1.1 Web 2.0. 8
1.2 Medialer Konvergenzraum und kollektive Wissensallmende. 11
1.3 Ein Prototyp liberaler Regierungstechnologie. 13
1.4 Die soziale Morphologie des Netzes. 14
1.5 Theatralisches Paradigma und digitales Paradigma. 15
1.6 Soziale Tektonik technischer Medienumbrüche. 18
1.7 Selbstmanagement. 19
1.8 Wissenstechniken. 22
1.9 Kulturelle Formationen. 23
1.10 Die Medien als soziale Institution. 26
1.11 Die kulturellen Praktiken der Medienaneignung. 27
1.12 Selbstpraktiken, Wissensapparate, Kulturtechniken. 33

2. Selbstmanagement. 37
2.1 Erzählökonomie im Web 2.0. 47
2.2 Biografiearbeit auf Aufmerksamkeitsmärkten. 60
2.3 Prosumer Cultures. 66
2.4 Normalisierung der Lebensstile. 70

3. Wissenstechniken. 87
3.1 Die Wissensmedien der Social Software. 92
3.2 E-Formulare als Regulative biografischer Wissenserfahrung. 95
3.3 Profiling and Behavioral Targeting. 101
3.4 Populäre Evaluationen. 105
3.5 Das Portfolio und die Ausweitung der Bewerbungskultur. 112
3.6 Feedbacksysteme im Dating Management. 124
3.7 Testen und Trainieren. 130
3.8 Matching und Assessment. 137
3.9 Postdisziplinäre Wissenstechniken. 150
3.10 Mapping und Remapping. 154

4. Kulturelle Formationen. 169
4.1 Gaming Government. 171
4.2 Civilization zwischen Technology Tree und Master Narrative. 174
4.3 Kontrollskripte im Controltainment. 178
4.4 Gouvernementalität und Hypermediatisierug. 184
4.5 Machinima. 190
4.6 Slash Fiction. 194
4.7 "The Sims: Grandmothers are cooler than trolls." 204
4.8 Wikipedia als Protagonist des Netzwerkkapitalismus. 209
4.9 Amateure als kulturelle Ressource. 215

Between Self-marketing and Subversion: Web 2.0 and Its Subjects

Following in the tracks of Foucault and Butler, Ramón Reichert draws a dynamic line between self-expression, self-marketing, and the subversive appropriation of the Web 2.0. By analysing the micro-processes of the Social Web, he probes for the subject of a media-driven culture of permanent application, and demonstrates a great sensibility for the structural interdependence of economy and culture. A more rigorous reflection on the theoretical assumptions would have sharpened his viewpoint, which nevertheless keeps the overheated Web debate in perspective.


© beim Autor und bei KULT_online