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Zwischen den Zeiten. Heimkehr als Phantasma der deutschen Nachkriegszeit (1945-1960)

Eine Rezension von Dr. Kai Marcel Sicks

Agazzi, Elena; Schütz, Erhard (Hg.): Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien. Berlin: Dunker und Humblot, 2010.

Der von Elena Agazzi und Erhard Schütz herausgegebene Band Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien untersucht Heimkehr als historisches und ästhetisches Phänomen der deutschen Nachkriegsgesellschaft und nimmt dabei die komplexe Gemengelage von Kontinuität und Zäsur im Gefolge der 'Stunde Null' neu in den Blick. Die Beiträge diskutieren ein so breites Spektrum unterschiedlicher Heimkehrkonstellationen und -inszenierungen, dass der Band auch als gelungene Einführung in die Literatur- und Kulturgeschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden kann.


Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind eine Zeit ubiquitärer Mobilität. Deutsche und alliierte Soldaten verlassen die Front und werden aus Kriegsgefangenschaft befreit; Überlebende aus den Konzentrationslagern suchen als displaced persons auf der ganzen Welt nach einer neuen Heimat; Exilanten kehren zurück nach Europa; und in Osteuropa fliehen Unzählige vor der Roten Armee nach Westen. Insgesamt sind in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zwischen 40 und 50 Millionen Menschen von einer globalen Wanderbewegung betroffen. So überrascht es nicht, dass Heimkehr in der frühen Nachkriegszeit zum realen und imaginären Ereignis schlechthin wird. Der von Elena Agazzi und Erhard Schütz herausgegebene Band Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien setzt sich mit eben diesem Phänomen vor allem mit Blick auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft auseinander.

Die insgesamt 16 Beiträge des Bandes untersuchen das Phantasma der Heimkehr aus mehreren disziplinären Perspektiven: historiographisch auf der Basis von Selbstzeugnissen und Massenmedien, literaturwissenschaftlich auf der Grundlage von Schriftsteller-Autobiographien und fiktionalen Texten und schließlich aus Sicht der visual studies anhand von Filmen, Fotografien und Fernsehsendungen. In der Summe ergibt sich daraus ein breites und differenziertes Panorama an Analysen der Heimkehr, mit der keineswegs nur die physische Rückkehr an einen vor dem Krieg bekannten Ort bezeichnet wird, sondern ebenso die mit dieser Rückkehr verbundenen Sehnsüchte nach Zugehörigkeit und einer stabilen Identität. Heimkehr ist somit aus Sicht des Herausgebertandems nicht zuletzt eine "mentale Kategorie" (Einleitung, S. 13). Dabei ist gerade für die Heimkehr nach dem Zweiten Weltkrieg konstitutiv, dass sie die Sehnsüchte eben nicht einlöst bzw. das, was als 'Heimat' galt, für immer verloren ist.

Je nach der sozialen Konstellation, in der sich die Heimkehr ereignet, variieren die Hoffnungen, die sich mit ihr verbinden, die Einschätzungen des zurückliegenden Krieges und die Möglichkeiten zur Reintegration. Zugleich zeigt eine Zusammenschau der Beiträge aber auch wesentliche Gemeinsamkeiten: Ob etwa Umgesiedelte, Flüchtlinge und Vertriebene heimkehren, die zwischen 1940 und 1945 aus den deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa nach Deutschland (in den Grenzen von nach 1945) ziehen, ob in die USA emigrierte Intellektuelle zurückkehren oder einfache Landser von der Front – alle diese Heimkehrer eint, dass sie angesichts der Heimkehr ein Bewusstsein davon erhalten, in eine Phase 'zwischen den Zeiten' geraten zu sein. Diese Phase ist dadurch bestimmt, dass Krieg und Nationalsozialismus zwar überwunden sind bzw. 'verdrängt' werden, die Traumata aus NS-Herrschaft und Kriegsniederlage aber latent gegenwärtig bleiben und den Aufschwung und Optimismus des Wiederaufbaus erheblich konterkarieren.

So zeigt beispielsweise der Beitrag von Michele Vangi – "'Sie lauschten dem echten Jazz…' Generationsnarrationen in Paul Schallücks 'Ankunft null Uhr zwölf' und Hans Benders 'Eine Sache wie die Liebe'" – aus literaturwissenschaftlicher Sicht die ambivalente Situation junger, d.h. in den späten 1910er und 1920er Jahren geborener Heimkehrer. Diese später 'Halbstarke' genannten jungen Erwachsenen assoziieren ihre Gegenwart einerseits mit großen Freiheiten und einer grundsätzlichen Zukunftsoffenheit, sind aber andererseits in nihilistischen Positionen gefangen, auf die sie im Sinne der lost generation der 1920er Jahre mit einem ausufernden, bohemienartigen Lebensstil reagieren. Mitunter wird die Ambivalenz durch einen Rückbezug auf diskreditierte bürgerliche Werte (z.B. die Familie) aufgelöst, zumeist bleibt sie aber als Hypothek auf dem Leben der Kriegsgeneration bestehen.

Auch der Beitrag "1946: Anmerkungen zu einigen frühen Heimkehrer-Filmen" von Matteo Galli setzt sich mit solchen problematischen Überlagerungen von Zukunftsoptimismus einerseits und "posttraumatic disorder" (S. 201) andererseits auseinander. Er untersucht dabei acht US-amerikanische, deutsche und italienische Heimkehrerfilme aus dem Jahr 1946 vor allem hinsichtlich dreier Aspekte: der posttraumatischen Belastungsstörungen der Heimkehrer, die in allen untersuchten Filmen in nachexpressionistischer Weise ästhetisiert und dadurch besonders hervorgehoben werden, der Darstellung von Trümmern und Ruinen und der Inszenierung der Geschlechterverhältnisse. Ein besonderes Verdienst von Gallis Beitrag besteht darin, die Fokussierung auf Deutschland, die den Band ansonsten stark prägt, aufzuheben und aufzuzeigen, dass Heimkehr auch in anderen Kulturen nach 1945 ein zentrales Phänomen darstellt, dessen Inszenierung je eigenen nationalen und filmhistorischen Logiken folgt.

Der Beitrag von Erhard Schütz – "'Spätheimkehrer'. Mediale Reflexe zum Mythos von Adenauers Moskau-Reise" – markiert einen historischen Endpunkt des in der Publikation verfolgten Forschungsinteresses, indem er die medialen Effekte von Adenauers Moskaureise 1955 und der durch diese Reise (wahrscheinlich) bewirkten Freilassung der letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion untersucht. Die Reise habe Adenauers innen- wie außenpolitische Position, so Schütz, gerade gegenüber der DDR entscheidend gestärkt und bringe gleichzeitig mit dem Spätheimkehrer eine besondere Figur hervor, die "als Märtyrerfigur eines Anderen der Wirtschaftswundergesellschaft und sichtbare[s] Zeichen von Unsichtbaren, von den nicht Heimgekehrten; den Vermissten und Toten" (S. 98) betrachtet werden müsse. Die Überlagerung von Aufbau und Trauma, von Bruch und Kontinuität verlängert sich solchermaßen in 1950er Jahre – und über diese hinaus.

Insgesamt bietet der Band, der durch eine Kooperation von italienischen und deutschen Wissenschaftler/innen im Rahmen des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts zustande gekommen ist, eine facettenreiche und gelungene Aufarbeitung der Heimkehrproblematik in der deutschen Nachkriegszeit. Die internationale und transhistorische Perspektive der Problematik deutet sich in einigen Beiträgen an und eröffnet solchermaßen das Desiderat einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema. Vermittelt über die Heimkehrkategorie bietet der Band schließlich ganz nebenbei eine hilfreiche literatur- und kulturgeschichtliche Einführung in die deutsche Nachkriegszeit, die sowohl die Situation in der sich formierenden DDR als auch in der jungen Bundesrepublik berücksichtigt.


Agazzi, Elena; Erhard Schütz (Hg.): Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien. Berlin: Duncker & Humblot, 2010. 274 S., broschiert, 78,00 Euro. ISBN: 978-3-428-53379-4


Inhaltsverzeichnis

Elena Agazzi/Erhard Schütz: Heimkehren – Ein Vorwort 7

Rainer Schulze: Als Deutsche zu Deutschen? Geschichten einer Heimkehr in die Fremde: Umgesiedelte, Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten 21

Henning Wrage: Flucht, Ankunft, Wandlung. Tradition und Transformation des Motivs der Heimkehr in der DDR-Kultur bis 1961 41

Fabrizio Cambi: "Des Tags der Heimkehr habe ich geharrt / in deiner heiligen Allgegenwart". Literatur der Heimkehr und Sozialismus in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR der fünfziger Jahre 57

Arnd Bauerkämper: Die Heimkehr aus den USA und der politische Neuaufbau in Westdeutschland. Konservative Wissenschaftler als Förderer der Demokratie? 69

Erhard Schütz: "Spätheimkehrer". Mediale Reflexe zum Mythos von Adenauers Moskau-Reise 95

Eva Banchelli: Heimkehr als Gründungsmythos: Walter Kolbenhoff 117

Enza Gini: "Nachdenklich und hungrig2. Heinrich Böll kehrt aus dem Krieg heim 129

Cecilia Morelli: "Ich weiß, ich werde alles wiedersehn, / Und es wird alles ganz verwandelt sein." Carl Zuckmayers Rückkehr nach Deutschland 143

Raul Calzoni: "Herzlich willkommen". Walter Kempowskis "erzwungene" Heimkehr 155

Michele Vangi: "Sie lauschten dem echten Jazz...". Generationsnarrationen in Paul Schallücks "Ankunft null Uhr zwölf" und Hans Benders "Eine Sache wie die Liebe" 171

Elena Agazzi: Verweigerte Identitäten. Die Geschichte des Valentin Senger (1918-1997), Jude, Kommunist und Heimkehrer ohne Vaterland 185

Matteo Galli: 1946: Anmerkungen zu einigen frühen Heimkehrer-Filmen 199

Wolfgang Kabatek: Das Gestern im Heute: Inversion und Zukunftsversprechen. Zur Ästhetisierung von Ruinen in Film und Fotografie nach 1945 211

Alexandra Tacke/Geesa Tuch: Frauen auf der Flucht. "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959), "Die Flucht" (2007) und "Die Gustloff" (2008) im Vergleich 229

Simone Costagli: Männer und Frauen. Die BRD-Trilogie von Rainer Werner Fassbinder 243

Andrea Rota: Wiedersehen mit der Familie, Wiedersehen in der Heimat. "Söhne" von Volker Koepp 257

Nachwort 269
Personenregister 271

Between Times: Phantasms of Homecoming in Postwar Germany (1945-1960)

The anthology Heimkehr: Eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien (Homecoming: A key category of the postwar period. History, Literature, and Media) discusses homecoming as an historical as well as aesthetic phenomenon in postwar Germany, and thus sheds new light on the complex relationship of continuities and ruptures after the 'zero hour'. What is more, since the articles present a very wide range of homecoming constellations and representations, the volume provides a useful introduction to German literary and cultural history of the postwar period.


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