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Work-Life-Balance - Professoren zwischen Familie und Beruf

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Liebig, Brigitte; Reuter, Julia; Vedder, Günther (Hg.): Professor mit Kind. Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2008.

Bereits seit einigen Jahren sind Akademikerinnen mit Kind fester Bestandteil in der Geschlechterforschung. Die männlichen Hochschullehrer hingegen, die sich nach wie vor in der Mehrheit befinden, wurden bisher kaum berücksichtigt, obwohl die Vereinbarung einer Elternschaft mit den Anforderungen, die das Hochschulsystem an die Lehrenden stellt, nicht nur für Frauen eine große Herausforderung darstellt. Anhand von Erfahrungsberichten von Professoren mit Kindern widmet sich die vorliegende Herausgeberschrift Fragen wie: Auf welche Weise begegnen Männer den von der Universität an sie gestellten Anforderungen? Wie reagieren sie auf die Bedürfnisse ihres privaten Umfelds? Gibt es auch für männliche Wissenschaftler ein Vereinbarkeitsproblem und, wenn ja, wie sieht es konkret aus? Im Ergebnis zeigen die Gespräche, dass durch die Strukturen der Wissenschaft der Alltag auch für Männer zu einem Balanceakt zwischen dem beruflichen und privaten Leben wird. Eine engagierte Vaterschaft und ein erfülltes Familienleben scheinen bis heute nicht mit einem Lehrstuhl vereinbar zu sein.  


Eingangs verweisen die Herausgeber des vorliegenden Bandes auf die Tatsache, dass, während wir über das Leben berühmter verstorbener Wissenschaftler einiges wissen – Albert Einstein soll ein schlechter Vater gewesen sein, der seine Kinder vernachlässigte, und Sigmund Freud galt als Arbeitsmensch und Patriarch –, wir vom Privatleben der lebenden Akademiker wenig erfahren.
Im ersten Quartal 2007 haben Reuter, Vedder und Liebig einige männliche Professoren und Väter als potentielle Gesprächspartner zum Thema Berufs- und Familienbiographie angefragt. Sie sollten sich zu ihrer Work-Life-Balance der letzten Jahre äußern. Zustande kamen 20 Interviews mit Professoren aus 16 Disziplinen. Vertreten sind Personen unterschiedlicher akademischer Positionen und Hochschulstandorte in Deutschland und der Schweiz. Die Befragten gehören überwiegend den Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an. Im Anschluss an die Gespräche nimmt Brigitte Liebig, eine der Herausgeberinnen, eine nach Themen geordnete Analyse der Interviews vor.

Wissenschaft als Lebensform
Brigitte Liebig stellt fest, dass Laufbahn- und Karrieremuster in der Wissenschaft eine überdurchschnittliche Anstrengung, eine rückhaltlose Selbstverpflichtung sowie ein hohes Maß an geographischer Mobilität verlangen: Tagungen, Lehraufträge im In- und Ausland, Befristungen von Stellen im Vorfeld von Professuren etc. Trotz dieser Voraussetzungen erschien keinem der Befragten eine Lebensphase ohne die Wissenschaft eine Alternative, so Liebig, und so hat auch kaum einer von ihnen eine Auszeit in Anspruch genommen. Trotz aller Identifikation mit der Wissenschaft ist in den Berichten eine kritisch-reflexive Distanz zu den beruflichen Bedingungen spürbar, die allen Männern große Einschränkungen im Privaten abverlangten.

Partnerschaft und Familie
Liebig betont, dass sich akademische Laufbahnen auf traditionelle Formen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern stützen. Zu den erfolgreichsten Wissenschatlern zählen verheiratete Männer, die ihre Partnerinnen als elementare Ressource mobilisieren können. Die wissenschaftliche Laufbahn erweist sich in den Schilderungen so vielfach als ein von einer Lebensgemeinschaft getragenes Projekt. Brigitte Liebig fasst zusammen, dass die Familienbiographien der meisten Interviewten dabei einem traditionellen Muster folgten. Die Kindererziehung übernahmen primär die Ehefrauen. Die Berichte zeigen, dass sich die Vaterschaft in erster Linie auf die Funktion des Familienernährers und eine zeitweise physische Präsenz beschränkte. Die Herausgeberin macht auf die sich in den Befragungen abzeichnenden Veränderungen in der Gestaltung des Familienlebens aufmerksam. Wie insbesondere die jüngeren Professoren schildern, brachen deren Frauen die Berufsausübung mit der Mutterschaft nicht ab, sondern reduzierten sie nur. Indem diese Frauen ihren Beruf auf die Karriere des Mannes abstimmten, trugen sie allerdings ebenfalls ganz wesentlich zum "Vereinbarungsmanagement" (S. 241) der Familie bei.

Strukturelle Defizite der Universitäten
Vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen erweisen sich die befragten Hochschullehrer als Kritiker der Hochschulen als Arbeitsplatz, so Liebig, denn fast alle bewerten die zur Verfügung stehenden Kinderbetreuungsangebote als unzureichend. Wie die Herausgeberin in ihrer Analyse feststellt, illustrieren die Berichte, dass sich mit den Strukturreformen der vergangenen Jahre die Zugangs- und Aufstiegsmodalitäten an den Universitäten noch verschärft haben. Die Erwartungen an die Publikationshäufigkeit und an den Umfang der Auslands- und Praxiserfahrungen der Bewerber(-innen) in den Berufungskommissionen sind gewachsen. Zugleich nimmt die Konkurrenz um den schrumpfenden Markt der universitären Stellen zu. Hinzu kommt, dass es bis heute innerhalb der Hochschulkultur keinen offiziellen Diskurs gibt, der es Männern erlauben würde, zu ihren Verpflichtungen durch Kinder zu stehen. Die Professoren berichten, dass durch Elternschaft erworbene Erfahrungen in Berufungsverfahren kaum als Qualifikation gewertet werden. Kollegen und Vorgesetzte bringen familienangepassten Arbeitszeiten kaum Verständnis entgegen.

Familien- und hochschulpolitische Entwürfe
Liebig fasst die von den Interviewten angeführten dringend notwendigen hochschul- und familienpolitischen Neuerungen zusammen: Angebotsverbesserung im Bereich der Kinderbetreuung, der Ganztagsschulen und der Hausaufgabenbetreuung, kulturelle Verankerung der Familienfreundlichkeit an den Hochschulen, Studien, die die betriebswirtschaftlichen Dimensionen der Vereinbarkeitsproblematik und des Einsatzes familiengerechter Maßnahmen an den Hochschulen verdeutlichen, neue Modelle und Leitbilder für akademische Karrieren, neue Bestimmungen von Qualifikationen in Berufungsverfahren, in denen Erziehungsjahre gutgeschrieben werden, innovative Arbeitszeitmodelle, die eine größere Flexibilität und einen Wechsel zwischen Phasen der Arbeit, der Familie und der Freizeit ermöglichen und gesellschaftlich aufgewertete Bilder einer aktiven Vaterschaft, die Aufgaben im Bereich der Erziehung, Familie und Hausarbeit einschließt.

Fazit:
Dass es zur Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bislang noch kein Buch über Wissenschaftler gab, liegt sicher an der nach wie vor wenig etablierten Männerforschung. Die von Julia Reuter, Günther Vedder und Brigitte Liebig vorgelegte Schrift ist ein außergewöhnliches Buchprojekt, das auf diesen Forschungsbedarf reagiert.
Die Berichte machen den vom schwierigen Balanceakt zwischen Familie und Wissenschaft bestimmten Alltag der Hochschullehrer transparent. Die Professoren weisen auf die Probleme bei der Vereinbarkeit hin und formulieren darüber hinaus konkrete Verbesserungsvorschläge, die die lesenswerte Studie sehr fruchtbar machen. Ihre Umsetzung würde dazu führen, die aktuelle Situation der Professoren positiv zu verändern.


Julia Reuter, Günther Vedder, Brigitte Liebig (Hg.): Professor mit Kind. Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2008. 255 S., 24,90 Euro. ISBN: 978-3-593-38661-4


Inhaltsverzeichnis


Vorwort
Professoren als Väter: Befunde und Fragestellungen
Julia Reuter/Günther Vedder 9


"Man ist manchmal ein bisschen in der Beobachterrolle"
Axel Haunschild 23

"Der Beruf war mein Hobby"
Bernd Hamm 39

"Die Gesellschaft tut sich offensichtlich noch schwer mit der Entwicklung eines neuen Rollensystems"
Christian Leumann 47

Wissenschaftliche und private Flugbahnen: die unplanbare Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Christian Suter 59

"Das System nimmt keine Rücksicht darauf, dass Kinder ein Normalfall sein könnten"
Christoph Antweiler 65

"Wir haben das ganz gut gemanagt"
Dieter Sadowski 79

"Es bleiben nach wie vor 80 Prozent an den Frauen hängen"
Eckhard Knappe 87

"Uns hat es sicherlich erleichtert, dass meine Frau keine festen beruflichen Karriereabsichten hatte"
Gerhard Krieger 97

"Dass es auch für einen Vater eine doppelte Belastung sein kann, Beruf und Familie zu vereinbaren, fällt unter den Tisch"
Gregor Bachmann 107

"Alle haben Email, um jederzeit den Papa erreichen zu können"
Helmut Schauer 119

"Ein Zölibatärer hat ganz andere Ausgangsbedingungen"
Joachim Theis 135

"Die Abwesenheit gehört zur Karriere dazu"
Karl Hölz 143

"Eigentlich ist das der ideale Beruf, um Kinder zu haben"
Lukas Clemens 153

"Wenn man um 17 Uhr zu Hause ist, ist das in meinen Augen früh"
Markus Artz 163

"Ich fand immer die Familie dufte"
Michael Albrecht 171

"Männer sollten ihren Umgang mit Kindern stärker kultivieren"
Norbert Platz 179

"Das Vatersein bereichert meine Lehre"
Sebastian Harnisch 191

"Wenn man sich eine familienfreundliche Situation schafft, dann faulenzt man"
Wolf-Andreas Liebert 205

"Für das Kind zu sorgen, habe ich als Erholung empfunden"
Wolfgang Göbel 213

"Ich werde auch als Pater angeredet, das bedeutet ja Vater"
Wolfgang Ockenfels 223


Schluss
Vaterschaft und Professur - Männerbiographien zwischen Familie und Wissenschaft
Brigitte Liebig 237

Nachwort
"Auch Väter haben es nicht (immer) leicht": Moderne Dilemmata der Männlichkeit
Walter Hollstein 251

Work-Life-Balance – Male Professors Juggling Career and Family

Female academics with children have been the subject of gender studies research for years. In contrast, male professors with children—still the majority case—have scarcely been given a second glance, even though combining parenthood with the demands academia makes on its teachers is a big challenge not only for women. On the basis of biographical accounts of male professors with children, the present volume reflects on questions such as: How do men cope with the demands university makes on them? How do they act on the desiderata of their private environment? Is there a problem of balancing career and family roles for male academics, too? And if so, what does it look like in practice? As a result, these interviews show that for reasons of the structures of academic life, for men, too, managing everyday life as fathers and professors becomes a difficult balancing act. To this day, being active fathers and living a fulfilling family life seems not to be compatible with a professorship.


© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 26.9.2011