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Was heißt Fiktion? Zur Theorie des fiktionalen Erzählens als Make-Believe

Eine Rezension von Christiane Struth

Bareis, J. Alexander: Fiktionales Erzählen. Zur Theorie der literarischen Fiktion als Make-Believe. Göteborg: Acta Universitatis Gothoburgensis, 2008.

Die 2008 an der Universität Göteborg erschienene Dissertation des Germanisten J. Alexander Bareis hat den Anspruch, auf der Basis der medienübergreifenden Fiktionstheorie des US-amerikanischen Philosophen Kendall L. Walton sowie narratologischer Konzepte eine integrative Theorie des spezifisch literarischen fiktionalen Erzählens zu entwickeln. Während dieser Anspruch nur teilweise eingelöst wird, eignet sich die Arbeit hingegen gut als konzise Einführung in Waltons Fiktionstheorie, die in der Germanistik bisher wenig rezipiert wurde, sowie in zentrale Fragestellungen der weiteren Fiktionsforschung.
 


Was heißt Fiktion? Mit dieser Frage beschäftigen sich nicht nur Literaturwissenschaftler, sondern auch Vertreter anderer Disziplinen. Der Philosoph Kendall L. Walton entwickelte in Mimesis as Make-Believe: On the Foundations of the Representational Arts eine medienübergreifende Fiktionstheorie, die im angloamerikanischen Raum ein breites Echo hervorrief. Der Germanist J. Alexander Bareis greift die Theorie Waltons in seiner Dissertation Fiktionales Erzählen: Zur Theorie der literarischen Fiktion als Make-Believe auf, um sie für eine theoretische Bestimmung der fiktionalen Erzählung fruchtbar zu machen. Zu diesem Zweck verbindet Bareis die Fiktionstheorie Waltons mit zentralen narratologischen Konzepten.

Während Waltons Fiktionstheorie im angloamerikanischen Raum ausführlich rezipiert wurde, fand Waltons Beitrag zur Erklärung der Fiktion in der germanistischen Forschung bisher nur wenig Berücksichtigung. Der Germanist J. Alexander Bareis widmet das erste Kapitel seiner Arbeit deshalb einer ausführlichen Einführung in die ästhetisch-philosophische Theorie Waltons, um den Leser mit den Propositionen Waltons vertraut zu machen. Letztere sind die Eckpfeiler, auf denen der Versuch des Autors gründet, eine integrative Theorie des fiktionalen Erzählens (vgl. S. 12) zu etablieren.

Im zweiten Teil der Arbeit kontrastiert Bareis die Theorie Waltons mit weiteren Fiktionstheorien unterschiedlicher Provenienz, darunter Theorien mit semantischem Ansatz, "mögliche Welten" und an der Sprechakttheorie orientierte sowie pragmatische und intentionalistisch geprägte Fiktionstheorien (vgl. S. 52 f.). Die Vorzüge der ästhetisch-philosophischen Theorie Waltons treten dabei deutlich hervor. Der Autor kritisiert insbesondere solche Ansätze in der Fiktionstheorie, die Fiktion mit Fiktivität, d.h. Erfundensein, gleichsetzen. Schließlich handelt es sich bei der Fiktion um ein komplexes Phänomen, das sich nicht, wie vielfach geschehen, ex negativo aufgrund der oft zitierten Opposition von 'Fakt und Fiktion' bestimmen lässt.

Die Fiktionstheorie Waltons, in aller Kürze, zeichnet sich durch eine Akzentverschiebung aus, die von traditionellen werkimmanenten Erklärungsversuchen des Phänomens 'Fiktion' absieht und auf die aktive Konstruktionsleistung durch den Werkrezipienten verweist. Dieser generiert im Rahmen eines regelgeleiteten Make-Believe-Spiels sogenannte 'fiktionale Wahrheiten'. Das Kunstwerk dient in dem Spiel als eine Requisite, die bestimmte Vorstellungen vorschreibt. Dabei gilt es, zwischen Werk- und Spielwelt zu unterscheiden. Walton ersetzt den Begriff Mimesis durch Make-Believe, der auf Deutsch mit "Glauben-machen" übersetzt werden kann (vgl. S. 31), und umgeht somit die problematische Begriffsgeschichte, die sich seit Platon und Aristoteles um den Begriff der Mimesis rankt. (Nach Auffassung von Bareis verwendet Walton den Begriff der Mimesis im Titel seines 1990 erschienen Werks lediglich, um "den Bezug zu einem Diskussionsfeld herzustellen, in dessen Umfeld sich die Theorie befindet" (S. 20)). Der zentrale Begriff bei Walton ist daher nicht 'Mimesis' und deren traditionelle Deutung als 'Nachahmung', sondern 'Darstellung' in ihrer Funktion als Make-Believe. Walton betont also den Simulationscharakter darstellender Kunstwerke und die Partizipation des Rezipienten.

Während sich Bareis in den ersten beiden Kapiteln weitgehend auf die Explikation der Theorie Waltons und eine Gegenüberstellung mit genuin literarischen Fiktionstheorien beschränkt und dabei nicht über eine oberflächliche Besprechung alternativer Fiktionstheorien hinausgeht, ist das Besondere an der Herangehensweise der vorliegenden Arbeit der Versuch, das Spezifische der literarischen Fiktion auf der Grundlage einer allgemeinen Fiktionstheorie zu analysieren. Zu diesem Zweck erweitert Bareis die Fiktionstheorie Waltons im dritten Kapitel um eine Evaluation narratologischer Konzepte, die potentiell dazu geeignet sind, eine Unterscheidung zwischen fiktionalem und nicht-fiktionalem Erzählen zu ermöglichen. Der gängigen Praxis folgend differenziert Bareis eingangs zwischen "Fiktionsmerkmalen" und "Fiktionssignalen" (vgl. S. 69 ff.). Letztere dienen dem Rezipienten als Indizien, wonach das vorliegende Werk als ein fiktionales Werk rezipiert werden soll. Fiktionssignale sind demnach werkimmanente oder paratextuelle Hinweise, die dem Leser die Entscheidung nahelegen, ein gegebenes Werk als fiktionales Werk zu rezipieren. Fiktionsmerkmale hingegen sollen die fiktionstheoretische Unterscheidung zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Werken ermöglichen (vgl. S. 218).
Im abschließenden Teil der Arbeit untersucht Bareis eine Reihe von potentiell fiktionsspezifischen narratologischen Konzepten, die eine Unterscheidung zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Erzählungen ermöglichen sollen. Dazu zählen (1) das unzuverlässige Erzählen, (2) die Metafiktion und Metanarration und (3) die Metalepse sowie die mise en abyme. Die Diskussion dieser Konzepte mündet in einem vorläufigen theoretischen Modell, das insbesondere die Bedeutung der erzählerischen Vermittlung, die "Mimesis des Erzählens", bei der Unterscheidung von fiktionalem und nicht-fiktionalem Erzählen betont.

Leser, die sich einen Überblick über Fiktionstheorien und deren Anwendungsperspektiven verschaffen möchten, finden in der Dissertation von Bareis einen guten Überblick über die zentralen Fragen der Fiktionsforschung. Bareis zeigt lohnenswerte Perspektiven der Synthese zwischen Fiktionstheorie und Konzepten aus der Narratologie auf. Die Stärke der Arbeit ist die konzise Einführung in die Fiktionstheorie des amerikanischen Philosophen Kendall L. Waltons. Dieser Verdienst sollte nicht unterschätzt werden, zumal die Theorie Waltons in der germanistischen Forschung bisher auf wenig Resonanz stieß. Den Anspruch, eine Synthese aus narratologischen Konzepten und der Fiktionstheorie Waltons für eine integrative Theorie des fiktionalen Erzählens fruchtbar zu machen, kann der Autor jedoch nur in Teilen einlösen. Nichtsdestotrotz entwickelt Bareis wertvolle Vorüberlegungen für eine fiktionstheoretisch fundierte narratologische Theorie des fiktionalen Erzählens.


Bareis, J. Alexander: Fiktionales Erzählen: Zur Theorie der literarischen Fiktion als Make-Believe. Göteborg: Acta Universitatis Gothoburgensis, 2008. 246 S., broschiert. ISBN 978-91-7346-605-9 Pick It!


Inhaltsverzeichnis


Einleitung…11

Teil I …17

1. Kendall L. Waltons Fiktionstheorie…19
1.1. Zur Verwendung des Begriffs 'Mimesis'…20
1.2. Darstellungen…24
1.2.1. Was gilt als Darstellung?…28
1.3. Make-Believe…31
1.4. Requisiten…34
1.5. Vorstellen (Imaginieren)…35
1.6. Die Prinzipien des Generierens…36
1.6.1. Implizite fiktionale Wahrheiten…37
1.6.2. Primäre fiktionale Wahrheiten…40
1.7. Werkwelt und Spielwelt…42
1.8. Zusammenfassung Teil I…46

Teil II…49

2. Grundprobleme und Modelle literaturwissenschaftlicher Fiktionstheorien
…51
2.1. Anstatt einer Einführung in die vorliegende Forschung…51
2.2. Fiktion vs. Wirklichkeit…55
2.3. Fiktion vs. Wahrheit…64
2.4. Zur Unterscheidung von Fiktion und Nicht-Fiktion…69
2.4.1. Intrinsische Fiktionssignale…72
2.4.2. Paratextuelle Fiktionssignale…79
2.4.3. Das Vor-Schreiben von Vorstellungen…82
2.5. Fiktionstheoretische Modelle…86
2.5.1. Sprachhandlungs- und kommunikationstheoretische Fiktionstheorien…88
2.5.2. Intentionalistisch argumentierende Fiktionstheorien…92
2.5.3. Mögliche Welten…95
2.5.3.1. Ontologie und Semantik…100
2.5.4. Semiotische und analytisch-philosophische Fiktionstheorien…103
2.5.5. Erzähltheoretische Fiktionstheorien…106
2.6. Zusammenfassung Teil II…113

Teil III…117

3. Grundzüge eines Modells des fiktionalen Erzählens…
119
3.1. Fiktionstheoretisch relevante Kernbereiche erzähltheoretischer Ansätze…121
3.1.1. Von der Romantheorie zur deutschsprachigen Erzähltheorie…123
3.1.1.1. 'Low structuralism' und Diskursnarratologie…125
3.1.2. Fiktionstheorie und Ansätze der strukturalistischen Narratologie…131
3.1.3. Fiktionstheorie und poststrukturalistische / postmoderne erzähltheoretische Positionen…132
3.1.4. Fiktionstheorie und 'natürliche' Narratologie… 136
3.2. Fiktionales Erzählen als Teil einer integrativen Fiktionstheorie…138
3.2.1. Prolegomena einer integrativen Theorie des fiktionalen Erzählens…139
3.2.2. Der implizite Autor – ein Teil der Fiktion? …144
3.3. Mimesis des Erzählens…148
3.4. Potentiell fiktionsspezifische Konzepte der Narratologie…170
3.4.1. Unzuverlässiges Erzählen…172
3.4.2. Metafiktion, metafiction, Metafiktionalität und Metanarration…189
3.4.3. Metalepse und mise en abyme…201
3.5. Zusammenfassung Teil III…214

4. Fazit und Ausblick…217
4.1. Abstract…221

5. Bibliographie…223
5.1. Literarische Texte…223
5.2. Forschungsliteratur…224

What is Fiction? Theorising 'Fictional Narrativisation'

Germanist J. Alexander Bareis published his doctoral thesis on Fiktionales Erzählen (Fictional narrativisation: On the theory of literary fiction as make-believe) at the University of Gothenburg in 2008. His aim is to develop an integrative theory of specifically literary methods of 'fictional narrativisation'. This theory is founded on combining the transmedial theory of fiction by the American philosopher Kendall L. Walton with narratological concepts that are central to any analysis of fictional narratives. Although the theory of 'fictional narrativisation' falls short of its aim, Bareis' thesis is worthwhile reading for its insights into the central concerns and aporia of theories of fiction. Moreover, it provides a very good introduction to Walton's transmedial approach to theorising fiction.



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