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Artikelaktionen

Von literarischen und anderen Texten

Eine Rezension von Christoph Schanze

Müller, Jan-Dirk: Mediävistische Kulturwissenschaft. Berlin: de Gruyter, 2010.

Der Band Mediävistische Kulturwissenschaft versammelt ausgewählte Aufsätze des Münchener Altgermanisten Jan-Dirk Müller. Die Studien befassen sich allesamt, zum Teil implizit, zum Teil explizit, mit den Möglichkeiten, Anforderungen und Problemen einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten germanistischen Mediävistik. Sie behandeln anhand eines repräsentativen Querschnitts durch die verschiedenen Gattungen der mittelhochdeutschen Literatur ein breites Spektrum aktueller literaturwissenschaftlicher Fragestellungen in kulturwissenschaftlicher Perspektive: Es geht um verschiedene Formen der Interaktion von 'Text' und 'Kultur' in der mittelalterlichen Gesellschaft, um den Zusammenhang zwischen Texten und den Themen Mythos und Ritual sowie um den Beitrag der Literatur zur Formierung von Wissensbeständen, von Wahrnehmungsprozessen und von menschlichen und gesellschaftlichen Verhaltensmustern.


Schon lange vor den zahlreichen turns, die die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts den Geistes- und Sozialwissenschaften bescherte, hat sich die mediävistische Literaturwissenschaft mit 'kulturwissenschaftlichen' Fragestellungen beschäftigt. So kam auch der cultural turn, der in den vergangenen Jahren zu einer Neuausrichtung der Geisteswissenschaften beitragen sollte, für die Mediävistik nicht wirklich überraschend. Das zeigen u.a. die Arbeiten des Münchner Altgermanist Jan-Dirk Müller, der seit einiger Zeit das Projekt einer literarischen Anthropologie des Hochmittelalters verfolgt: Nach seinem wegweisenden Buch zum Nibelungenlied und einem zweiten zur narrativen Verarbeitung von Ambivalenzen der höfischen Kultur (vgl. dazu meine Rezension in KULT_online 16/2008: Textwissenschaft als Kulturwissenschaft) ist nun ein Band mit ausgewählten Studien erschienen. Diese befassen sich anhand von meist mittelhochdeutschen Texten mit literaturwissenschaftlichen Fragestellungen und Themen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Den meisten turns ist bekanntlich keine allzu lange Lebensdauer vergönnt, und so lässt Müller im knappen Vorwort des Bandes einen Abgesang auf den cultural turn anklingen, was im Kontext einer Mediävistischen Kulturwissenschaft etwas überrascht (vgl. S. V). In den folgenden 14 Aufsätzen zeigt er dann allerdings, wie eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Literaturwissenschaft wesentlich länger Bestand haben kann und nicht Gefahr läuft, zu "einer alle Felder der alten humanities streifenden und für keines wirklich zuständigen Kultur- und Sozialkunde 'light' [wie die] Cultural Studies" (S. 111) zu werden: Indem sie sich nicht auf immer neue turns stützt, sondern ihre 'Texte' auf die Zusammenhänge mit ihren Kontexten befragt, dabei aber immer von einer genauen Textanalyse ausgeht.

Die Aufsätze sind in drei thematisch weit gefasste Abschnitte geordnet. Anstelle einer Einleitung beginnt der Band mit dem Aufsatz "Überlegungen zu einer mediävistischen Kulturwissenschaft", der sich zunächst kritisch mit dem Begriff 'Kulturwissenschaft(en)' auseinandersetzt und einen Abriss ihrer Geschichte bietet. Müller distanziert sich von einer "Aufhebung disziplinärer Grenzen" (S. 3) und plädiert für eine Transdisziplinarität, in der die Einzelwissenschaften von ihrem je eigenen Bereich ausgehen, aber die Interdependenzen mit anderen Bereichen berücksichtigen. Das habe die Mediävistik mit ihrem weiten Literaturbegriff und ihrem Interesse an den Spuren der nicht-schriftlichen Kommunikation in Bildern, Gesten und Symbolen schon immer getan.

Der erste Abschnitt versammelt unter der Überschrift "Kultureller Text – literarischer Text" fünf Aufsätze, die sich mit theoretischen und methodischen Fragestellungen zur Alterität der Literatur des Mittelalters befassen. Es geht um den Zusammenhang zwischen Text und Aufführungspraxis, um das mittelalterliche Verständnis von 'Autorschaft', das sich nicht im Fehlen eines Autor-Bewusstseins, sondern im Fehlen des modernen Typus' von Autorschaft von der Neuzeit unterscheidet (vgl. S. 17–20), sowie um den Zusammenhang zwischen literarischem und kulturellem Text. Diesen erläutert Müller an einem mittelalterlichen mære sowie an einem Beispiel aus der frühen Neuzeit, dem Narrenschiff Sebastian Brants. Dessen Offenheit und 'Unfestigkeit' (vgl. S. 28) zeigt sich in der Anlage des Werks, v.a. aber in dessen Rezeptions- und Bearbeitungsgeschichte, die Müller als 'Hinweisgeber' für eine kulturwissenschaftliche (Neu-)Bestimmung des Text-Begriffs versteht: "Eine künftige Kulturwissenschaft hätte die daraus sich ergebenden Typen von Textualität zu analysieren und sie nicht hastig in Richtung auf den Makrotext 'Kultur' zu überspringen." (S. 43).
Zentral sind die beiden komplexen Beiträge, die sich mit dem Fiktionalitätsproblem im Minnesang (S. 65–81) und der höfische Literatur allgemein (S. 83–108) befassen. Müller setzt bei einer kritischen Auseinandersetzung mit dem durch Harald Haferland wiederbelebten biographischen Deutungsansatz des Minnesangs an, der die Ich-Rede als authentisch und den Minnesang als nicht-fiktionale Bekenntnislyrik versteht, weil die gängige Auffassung des Minnesangs als Rollenlyrik ein neuzeitliches Konzept auf das Mittelalter anwende, das aber eher an einer "Inklusion des Ichs in ein Allgemeines" (S. 68) orientiert sei. Er befragt dann die Texte auf dieses Inklusionspotential und nutzt dazu den Ansatz von Iser, der 'das Fiktive' im Spannungsfeld zwischen 'Realem' und 'Imaginärem' beschreibt und so zwei Stufen von Fiktionen unterscheidbar macht: Fiktionen erster Stufe, die auf "Kohärenzbildung im Alltagsleben" (S. 71) mit Realitätsanspruch abzielen, und Fiktionen zweiter Stufe, literarische Fiktionen, die ihren fiktionalen Charakter betonen und in der Regel die gesellschaftlichen Fiktionen der ersten Stufe stabilisieren, diese aber auch desavouieren können. So lässt sich ein nicht literaturspezifischer Fiktionsbegriff einem auf die Literatur bezogenen Begriff von Fiktionalität entgegensetzen (vgl. S. 85), wobei beide über ihren Bezug zu einem gesellschaftlich Imaginären miteinander verbunden sind (vgl. S. 99 f.). In dieser Perspektive ist der Minnesang als eine Fiktion zweiten Grades der Vollzug der Fiktion des höfischen Frauendienstes als einer Fiktion ersten Grades. Diese Konstellation ist grundlegend für das Verständnis der höfischen Liebesdichtung (vgl. S. 77).

Unter den Stichwörtern "Literatur – Ritual – Mythos" sind vier Aufsätze zusammengefasst, von denen sich die ersten drei mit dem Zusammenhang zwischen liturgischen und paraliturgischen Ritualen und dem Geistlichen Spiel befassen und zeigen, welche wichtige Rolle theatralische Inszenierungen in der Liturgie des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gottesdienstes spielen. Müller plädiert für eine radikale Historisierung des Ritualbegriffs: "In der aufgeführten Heilsgeschichte bedeutet Ritual etwas anderes als im religiösen Kult [...]. Erkenntnisfördernd ist der Ritualbegriff nur, wenn man ihn historisch differenziert" (S. 134). Wie das aussehen kann, zeigt Müller an der Dreiecks-Konstellation zwischen den sogenannten 'Feiern' im Umfeld des Gottesdiensts, der eigentlichen Liturgie und dem geistlichen Spiel. Bei den Feiern tritt der 'Realpräsenz' Christi in der Liturgie eine theatrale Mimesis gegenüber, bei der "die Zelebranten [...] theatrale Rollen aus der biblischen Geschichte" (S. 118 f.) übernehmen. Im geistlichen Spiel ist dagegen die Partizipation der 'Rezipienten' abgeschwächt. Folglich lassen sich je nach Art der Inszenierung unterschiedliche Grade der Partizipation unterscheiden: eine emotional-intellektuelle Teilnahme beim Geistlichen Spiel und eine 'kultische Partizipation' beim Gottesdienst. Im Geistlichen Spiel gibt es daher verschiedene Strategien, dieses "Defizit an kultischer Partizipation [...] zu überwinden" (S. 126).
Der vierte Beitrag befasst sich anhand eines heldenepischen Textes mit dem Mythos-Begriff und mit der Verortung der Rolle des Mythischen in der mittelalterlichen Literatur und Gesellschaft. Müller zeigt, wie in der Hagen-Episode der Kudrun Bruchstücke mythischer Überlieferung in der höfischen Literatur durch eine konsequente Annäherung an die höfische Welt narrativ überformt und so aus der Erzählung "verabschiedet" werden.

Die im dritten Abschnitt unter der Überschrift "Interaktion – Wahrnehmung – Wissen" zusammengestellten Aufsätze sind heterogen und behandeln den Zusammenhang zwischen narratio und Lehre im Hinblick auf die hovezuht in einem Schwank, die formalisierten Verhaltenscodes der höfischen Gesellschaft, die Frage der 'Lesbarkeit' der Bedeutung von visuellen 'Zeichen' sowie die Druckgeschichte einer frühneuzeitlichen Enzyklopädie, bei der die sich darin spiegelnden Beziehungen zwischen "Wissen und Subjekt" (S. 269) untersucht werden, die sich auch auf die moderne Wissensgesellschaft übertragen lassen.
Auch hier zeigen sich trotz der Heterogenität der Beiträge die Berechtigung und die überzeugende Schlagkraft von Müllers Verfahren. Er geht von konkreten Beobachtungen an hauptsächlich literarischen Texten aus und kontextualisiert diese, um so den "Platz" eines Textes "im kulturellen 'Haushalt' seiner Zeit" (S. 8, ähnlich S. 50) zu bestimmen und die Wechselwirkungen zwischen 'Text' und 'Kultur' beschreiben zu können. Die Voraussetzung dafür ist eine radikale Historisierung der verwendeten Begriffe, die Müller immer wieder fordert (z.B. S. 46, 115 und 134).

Abgesehen davon, dass einzelne Aspekte auch anders deutbar wären – etwa der zu sehr auf die Frage der Lesbarkeit von Körperzeichen ausgerichtete Abschnitt zur ersten Begegnung zwischen Siegfried und Kriemhild im Nibelungenlied (S. 263–265) –, bietet der Band neben seiner kulturwissenschaftlichen Ausrichtung ein breites Spektrum an überzeugenden Textinterpretationen quer durch die verschiedenen Gattungen der mittelhochdeutschen Literatur. Daran zeigt sich die Notwendigkeit eines primär auf Literatur bezogenen Textbegriffs: Erst eine klare Bestimmung der diskreten Einheit 'Text' (S. 27 f.) ermöglicht die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Texten und kulturellen (Kon-)Texten. Zudem kommt der Literatur durch ihre Fähigkeit zur expliziten Selbstreflexion eine Sonderstellung innerhalb der verschiedenen 'Texte' einer Kultur zu (vgl. Walter Haug: "Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft?", in: DVjs 73 / 1999, S. 69–93).
Etwas ermüdend ist das teils redundante Thematisieren der Debatte um die Kulturwissenschaften und ihren Einfluss auf die Literaturwissenschaft in den ersten Aufsätzen. Im Hinblick auf die Kohärenz des Bandes wäre es sinnvoll gewesen, ein separates, neu verfasstes 'Theorie-Kapitel' voranzustellen, das den Ansatz einer 'kulturwissenschaftlichen Textwissenschaft' erläutert und innerhalb der Kulturwissenschaften verortet. Durch die gewonnene Prägnanz wäre der Band unter der Hand von einer "reinen" Aufsatzsammlung zu einer Art Handbuch über die Möglichkeiten einer kulturwissenschaftlich orientierten germanistischen Mediävistik geworden.
Einige Kleinigkeiten wie das unbequeme Nachschlagen der in Kürzeln zitierten Literatur, das Fehlen einiger Kürzelauflösungen, auffällig viele Druck- und Satzfehler sowie eine sehr kleine Schrift hemmen den Lesefluss. Dem spannenden und anregenden Panorama, das sich hier eröffnet, tut das jedoch keinen Abbruch. Besonders überzeugend und prägnant sind Müllers Arbeiten da, wo sie nicht über ihr 'kulturwissenschaftliches Tun' reflektieren und dieses problematisieren, sondern einfach das machen, was Müller propagiert: von einer genauen Textanalyse ausgehend den kultur- und zeitspezifischen Kontext in den Blick nehmen.


Müller, Jan-Dirk: Mediävistische Kulturwissenschaft. Ausgewählte Studien. Berlin/New York: de Gruyter, 2010. VIII + 308 Seiten, kartoniert, € 79,95, ISBN 978-3-11-023094-9



Inhaltsverzeichnis

Überlegungen zu einer mediävistischen Kulturwissenschaft 1

1. Kultureller „Text“ – literarischer Text

Aufführung – Autor – Text.
Zu einigen blinden Stellen gegenwärtiger Diskussion 11

Literarischer Text und kultureller Text in der Frühen Neuzeit. Am Beispiel des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant 27

Der Widerspenstigen Zähmung 45

Die Fiktion höfischer Liebe und die Fiktionalität des Minnesangs. Zum Verhältnis von Liedkunst und Lebenskunst 65

Literarische und andere Spiele.
Zum Fiktionalitätsproblem in vormoderner Literatur 83

2. Literatur – Ritual – Mythos

Kulturwissenschaft historisch.
Zum Verhältnis von Ritual und Theater im späten Mittelalter 111

Mimesis und Ritual 135

Realpräsenz und Repräsentation.
Theatrale Frömmigkeit und Geistliches Spiel 161

Verabschiedung des Mythos.
Zur Hagen-Episode der „Kudrun“ 183

3. Interaktion – Wahrnehmung – Wissen

Die hovezuht und ihr Preis.
Zum Problem höfischer Verhaltensregulierung in Ps.-Konrads "Halber Birne" 205

Kleine Katastrophen.
Zum Verhältnis von Fehltritt und Sanktion in der höfischen Literatur des deutschen Mittelalters 229

Visualität, Geste, Schrift.
Zu einem neuen Untersuchungsfeld der Mediävistik 253

Wissen ohne Subjekt?
Zu den Ausgaben von Gesners "Bibliotheca universalis" im 16. Jahrhundert 267

Nachweise 285
Gesamtverzeichnis verwendeter Literatur 287

On Literary and Other Texts

This volume contains selected studies by medievalist Jan-Dirk Müller that examine vernacular literary texts of the Middle Ages and the Early Modern Age, which are here understood as a medium for the reflection of cultural configurations. The essays deal with the possibilities and problems of mediaeval studies from a cultural studies perspective, and cover a wide spectrum of texts from the 12th to the 16th centuries, focusing on their concepts of cultural systems, the interaction between 'text' and culture in mediaeval society, the discussion and transformation of social norms, and the relation between myths and rituals.


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