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Mikro Makro Medium. Vermessungen von Raum und Zeit

Eine Rezension von Sascha Simons

Köster, Ingo; Schubert, Kai (Hg.): Medien in Raum und Zeit. Maßverhältnisse des Medialen. Bielefeld: transcript, 2009.

Raum und Zeit sind untrennbar verknüpft mit Medien, die sie veranschaulichen oder vermessen – und somit erst erzeugen. Diesem konstitutiven Zusammenhang zwischen soziotechnischen Mediendispositiven und unseren Vorstellungen von Raum und Zeit nähert sich der vorliegende Sammelband über mediale Vermessungs- und Skalierungspraktiken sowie der damit verbundenen Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroebene. In diesem Sinn überzeugen die 13 Beiträge in drei Sektionen zu medialen Raum-/Zeit-Konfigurationen sowie deren diagnostischen und ästhetischen Potentialen, wenn auch eine gleichberechtigte Berücksichtigung temporaler Aspekte wünschenswert gewesen wäre.

Dass Medien unser Verständnis von Raum und Zeit prägen, ist eine ebenso einleuchtende wie grob gefasste These. Wer sie vertritt, sollte sich daher um Prägnanz bemühen, um die Reichweite seines Geltungsanspruchs nicht mit begrifflicher Unschärfe zu erkaufen. Ingo Köster und Kai Schubert rücken aus diesem Grund den Untertitel in das konzeptionelle Zentrum des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes Medien in Raum und Zeit. Maßverhältnisse des Medialen. In einer medienwissenschaftlichen Engführung soll der Begriff des Maßverhältnisses als "Scharnier" (S. 7) dienen: ebenso für neue Optionen medialer Historisierungen wie für die Beschreibung lebensweltlicher Mikro- und Makroräume und der in ihnen angelegten Subjektpositionen.

Die Beiträge gehen überwiegend auf die Tagung "Mikro Makro Medium" des Siegener Sonderforschungsbereichs Medienumbrüche zurück und sind den drei heuristischen Problemfeldern mediale Ästhetik, Raum-/Zeitkonfigurationen und Raum-/Zeitdiagnostiken zugeordnet.
Bevor mediale Skalierungsverhältnisse mit Blick auf diese drei Felder näher bestimmt werden, systematisieren die beiden eröffnenden Aufsätze von Ingo Köster und Jochen Venus die Thematik auf inhaltlich komplementäre Art. Kösters einleitende Aufarbeitung des gegenwärtigen Forschungsstands stiftet eine dankenswerte Übersicht über konkret-epistemologische Raum- und Zeitbezüge medialer Erscheinungen. Er leitet vom "Schöpfungsakt bis zur langfristigen Wirkung" (S. 28) chronologisch Stadien der Genese und Rezeption medialer Objekte ab und zerlegt sie in räumliche und zeitliche Aspekte.
Venus hingegen konzentriert sich auf die theoretisch-kategoriale Rahmung durch die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroebene, die in den folgenden Aufsätzen mehrfach aufgegriffen wird. Ausgehend von den beobachtungstheoretischen Überlegungen Luhmanns identifiziert er eine Paradoxie dieser auf Demokrit zurückgehenden Differenz. Da sie sich stets auf eine nicht erfassbare Gesamtheit des Beobachtbaren beziehe, bleibe sie notorisch unscharf. Diese Unbestimmtheit fungiere als "epistemologischer Treibstoff" (S. 51) für krisenhafte Differenzierungsschübe des Wissens und seiner Technologien – wie Venus prägnant anhand des naturwissenschaftlichen Weltbildes des 17. Jahrhunderts beschreibt. Auf den "epistemologischen Problembestand" (S. 57) der Mikro/Makro-Unterscheidung müsse die Wissenschaftstheorie mit einer fortschrittsskeptischen Reflexion medialer Transkriptions- und Skalierungsoperationen reagieren. Eine medientheoretisch geschulte Selbstbeschreibung der Wissensproduktion könne so ein belastbares Fundament anthropologisch-ethnographischer, techniksoziologischer und systemtheoretischer Analysen der Wissensproduktion bilden.

Anschlüsse an diese Forderung bieten vor allem die beiden Sektionen zur Konfiguration und Diagnostik, so z.B. Katja Hoffmann (zu musealen Ausstellungsordnungen), Silke Roesler (zur Kartographie New Yorks), Anne-Katrin Weber (zum fiktiven Telephonoscope Edisons), Sebastian Gießmann (zu Morenos Netzwerkdiagrammen) und Florian Hoofs Analyse der filmgestützten Rationalisierung industrieller Produktionsabläufe.

Einen explizit ästhetischen, aber ähnlich praxisnahen Ansatz verfolgt Jens Schröter in seiner Gegenüberstellung von Greenbergs high modernism mit den "Panoramen der Form" (S. 68) von Malraux, Wölfflin und Warburg. Aus einer auf Latour zurückgreifenden Analyse ästhetischer Wahrnehmungsproduktion leitet Schröter eine transmediale Perspektive ab, die auch die weiteren medienästhetischen Beiträge prägt. Statt auf Medien und deren Materialität konzentrieren diese sich auf über Mediengrenzen hinweg zirkulierende Formen und somit auf eine mittlere Ebene zwischen Mikro- und Makrostruktur. Henriette Heidbrink und Jürgen Sorg beziehen sich hierbei wie Schröter auf Rainer Leschkes Theorie medialer Formen. Ihr medienmorphologischer Vergleich medialer Handicap-Formen verfolgt medien- und gattungsübergreifende Formdynamiken in Filmen und Computerspielen. Auch Barbara Hollendonner widmet sich mit dem aus der gleichnamigen Fernsehserie bekannten CSI shot einer solchen medialen Form mittlerer Größe.

So zeichnet sich vor allem der Abschnitt zur Medienästhetik durch inhaltliche Kohärenz aus, auch wenn der Bezug zum Titel gebenden Konzept weniger offensichtlich sein mag als in den übrigen Abschnitten. Ohnehin gewährleistet über weite Strecken nicht die thematische Konzeption die Einheit des Bandes, sondern vielmehr ein methodisches Vorgehen, das sich für medienwissenschaftliche Spielarten von Diskursanalyse und Akteur-Netzwerk-Theorie engagiert. Dieser theoretische Dreisatz, dem sich Gregor Schwerings Beitrag dezidiert widmet, hat dabei einen nicht zu unterschätzenden Vorteil – sorgt er doch für anregende Bezüge zwischen den Beiträgen, die sich befruchten können, ohne sich gegenseitig determinieren zu müssen. Die thematisch übergeordneten Aufsätze von Köster und Venus erleichtern dem/der Leser/in zudem die Orientierung auf dem großen und entsprechend unübersichtlichen Terrain. Hätte Kösters Ordnungsangebot bei der Strukturierung der übrigen Beiträge eine stärkere Berücksichtigung erfahren, gelänge das Navigieren aber sicherlich leichtfüßiger.

Das spricht insgesamt keineswegs gegen die jeweiligen Befunde der Autoren/innen, wohl aber dafür, dass hier ein medienwissenschaftliches Feld betreten wird, dessen weitere Vermessung ebenso notwendig wie viel versprechend scheint. Der Sammelband leistet einen inspirierenden, aber keineswegs erschöpfenden Beitrag hierzu. Gerne können in Zukunft trotz der diskursiven Konjunktur des Raumes die lediglich von Köster und Axel Volmar behandelten temporalen Aspekte medialen Wirkens eine größere Berücksichtigung finden.


Köster, Ingo; Schubert, Kai (Hg.): Medien in Raum und Zeit. Maßverhältnisse des Medialen. Bielefeld: Transcript, 2009 (Medienumbrüche 34). 316 S., broschiert, 29,80 Euro. ISBN 978-3-8376-1033-8


Inhaltsverzeichnis

Einleitung. 7

Ingo Köster 23
Mediale Maßverhältnisse in Raum und Zeit. Ein Versuch der Systematisierung.

Jochen Venus 47
Mikro/Makro. Zur Wissens- und Technikgeschichte einer eigentümlichen Unterscheidung.

MEDIALE ÄSTHETIK

Jens Schröter 63
Maßverhältnisse der Medienästhetik.

Henriette Heidbrink/ Jürgen Sorg 85
Dazwischen. Zur Mesodimension der Medien.

Barbara Hollendonner 107
Der Blick nach Innen.

Axel Volmar 117
Die Mikrotemporalität der Medien. Manipulationen medialer Zeitlichkeit in der Geschichte von Film und Video.

MEDIALE RAUM-/ZEITKONFIGURATIONEN

Katja Hoffmann 143
Medium Kunstausstellung – Medium Bild. Documenta 11: Zum Spannungsverhältnis diskursiver Praxen und bildlicher Widerständigkeit.

Silke Roesler 175
Medium. Map. Mobility.

Kerstin Rothe; Anne-Kathrin Schade 193
Transnational, national, lokal. Protesträume im Internet.

MEDIALE RAUM-/ZEITDIAGNOSTIK

Gregor Schwering 223
Michel Foucault und das Netzwerk einer Mikrophysik der Macht – mit Seitenblicken auf die Medientheorie und Bruno Latours 'Actor Network Theory'.

Florian Hoof 239
Film – Labor – Flowcharting. Mediale Kristallisationspunkte modernern Managementtheorie.

Sebastian Gießmann 267
Ganz klein, ganz groß. Jakob Levy Moreno und die Geschichte des Netzwerkdiagramms.

Anne-Kathrin Weber 293
Audio-Visionen um 1880. Zum Beispiel George Du Mauriers 'Edison´s Telephonoscope'.

Micro Macro Medium: Measurements of Space and Time

Space and time are inseparably linked to media technologies that illustrate and measure them – and thereby generate them in the first place. The present volume addresses this constitutive relationship between media apparatuses and our perception of space and time, focusing on media-driven measuring and scaling as well as on the connected conceptual distinction between micro-level and macro-level. In this vein, the 13 essays (grouped into three sections) convincingly engage with media configurations of space and time, as well as their diagnostic and aesthetic potentials, although one would wish for an equally thorough consideration of the temporal aspects.


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