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Lost in Space. Reisen zum Mond oder irgendwo weg von hier

Eine Rezension von Gerrit Lembke (Kiel)

Grinsted, Daniel (Hg.): Die Reise zum Mond. Zur Faszinationsgeschichte eines medienkulturellen Phänomens zwischen Realität und Fiktion. Berlin: Logos, 2009.

Unter dem Titel Die Reise zum Mond hat der Berliner Anglist und Kulturwissenschaftler Daniel Grinsted eine Monographie zum Phänomen der fiktiven und realen Monderkundungen vorgelegt, die sich auf eine Rekonstruktion der medialen Bedingungen von Mondbeobachtungen und -reisen konzentriert. Im Zentrum stehen dabei die Erfindung des Teleskops, Vergnügungsparks mit Mondreiseattraktionen und die erste reale Mondlandung 1969. Trotz guter Beobachtungen ist leider kein 'großer Schritt für die Menschheit' dabei herausgekommen. 


2009 jährte sich die Mondlandung der Apollo 11 zum 40. Mal und gab Anlass für zahlreiche Bücher über den Mond, über Mondreisen und Mondreiseverschwörungen, Mondsucht und Hinweise zum richtigen, 'mondgerechten' Gartengestalten. 2010 legte Daniel Grinsted mit Die Reise zum Mond. Zur Faszinationsgeschichte eines medienkulturellen Phänomens zwischen Realität und Fiktion eine Monographie vor, in der er, dem Klappentext zufolge, die These vertritt, dass "die Reise zum Mond ihre faszinierende Wirkung wesentlich aus ihrer Medialität bezog und das Abenteuer von Apollo 11 von Beginn an als historisches Medienspektakel geplant war".

Die beiden ersten Kapitel dieser Studie bieten ein Präludium zur eigentlichen Arbeit, indem darin in aller Kürze zunächst die mediale Prägung der Mondlandung 1969, d. h. ihre Vermittlung durch die live-Aufnahmen für das Fernsehen (Kap. 1.3) und ihre produktive Relevanz für andere Medien (1.4), dargestellt werden. Während die Sowjetunion ihren Erfolg des ersten Weltraumflugs durch Juri Gagarin 1961 nicht medial ausschlachten konnte, sondern erst in der Retrospektive und ohne die manifeste Evidenz von Filmmaterial propagandistisch nutzbar machte, war der NASA die Bedeutung guter Bilder vollkommen bewusst.
Als Abschluss der Einleitung (1.5) verspricht der Verfasser, die Methodik seiner Arbeit offenzulegen; ein Versprechen, das er auf den anderthalb Seiten keineswegs einlöst, denn viel mehr als ein klappentexttauglicher Abriss der folgenden Kapitel wird dort nicht geboten.

Das zweite Kapitel bekommt den Status einer kulturgeschichtlichen Kontextualisierung, die für die Argumentation, wie der Verfasser selbst eingesteht (vgl. S. 30), keine besondere Funktion übernimmt. Der erste Abschnitt (2.1) verspricht zwar eine "zeit- und ideengeschichtliche Einordnung", hat aber tatsächlich mit Ideengeschichte wenig zu tun: Es ist vielmehr zugleich eine Technik- und Ereignisgeschichte des Space Race, jenes Kampfes um die wissenschaftsgeschichtliche Hegemonie auf dem Schlachtfeld der Astronomie, der zunächst nach dem Sputnik-Schock (1957) für die Russen entschieden schien, schließlich aber mit einem Sieg für die Amerikaner endete. Das Kapitel enthält zwar durchaus Aussagen, die sich einem – überdies nicht explizit gemachten – Begriff einer Ideengeschichte unterordnen ließen, erfüllt aber in toto den selbstgestellten Anspruch nicht.
In 2.2 und 2.3 wird die anhaltende curiositas in Bezug auf unseren Trabanten anhand verschiedener Texte seit der Antike und Filme des 20. Jahrhunderts illustriert. Die Ferne des Mondes und das Geheimnis seiner erdabgewandten Seite schüren Vermutungen über deren Beschaffenheit und provozieren Bilder, die man beim Anblick des Mondes zu erkennen glaubt; für solche Phänomene bietet Grinsted Beispiele von Dante über Shakespeare bis schließlich hin zum amerikanischen Science-Fiction-Kino: Cat-Women of the Moon (1953).

Mit dem dritten Kapitel beginnt nach Grinsteds eigener Zählung (vgl. S. 30) die Arbeit erst richtig: Hier wird die technische Entwicklung des Teleskops zu Beginn des 17. Jahrhunderts nachvollzogen und als Anfang der medial vermittelten Mondbetrachtungen gesetzt; damit sei das Interesse am Mond wieder erwacht und eine Ursache für die im 17. und 18. Jahrhundert beliebten Mondromane beispielweise von Francis Godwin (1638) oder Cyrano de Bergerac (1657) gefunden. Aber nicht nur in der fiktionalen Literatur, auch in der mit wissenschaftlichem Anspruch auftretenden Selenographie wurde die Existenz von Mondbewohnern behauptet, in dessen Kontext der Verfasser exkurshaft die Diskursgeschichte von Marsmenschen und UFOs (3.5) nachzeichnet.

Im vierten Kapitel werden Mondreiseattraktionen in amerikanischen Vergnügungsparks um 1900 untersucht. Erstmals im Luna Park auf Coney Island (New York), der seinen Namen der Hauptattraktion verdankt, installiert, zog A Trip to the Moon unglaubliche Besuchermassen an, die sich in dem Simulator als Beobachter und Passagiere zugleich fühlen konnten. Mit solchen – später (1964, 2005) wieder aufgegriffenen – Mondreisesimulationen wurde die Mondreise in den wackelnden Maschinen auch körperlich erfahrbar.

Das fünfte Kapitel stellt die Mondlandung 1969 und deren televisive Vermittlung in die Wohnzimmer der ganzen Welt in den Fokus. Was bisher nur in der Fiktion literarischer und filmischer Weltentwürfe möglich war, wird 1969 plötzlich Realität, wenn auch wiederum der unvermittelten Anschauung verborgen und dagegen der medialen Mittelbarkeit des Fernsehens ausgeliefert. Damit entstand für die NASA und die Lunonauten von Apollo 11 eine 'Bildschuld' gegenüber der Welt, die sie mit klassisch gewordenen Aufnahmen von der Erde und der 'In-Besitznahme' des Erdtrabanten einlösten. Grinsted widmet sich ausführlich einer Bild- und Textanalyse der Kamerabewegungen und Funkübertragungen, die von den Astronauten zur Erde gesendet wurden. In einer Aktion Buzz Aldrins entdeckt der Verfasser ein Filmzitat aus Kubricks 2001: A Space Odyssey (1968), der ein Jahr zuvor ins Kino gekommen war. Unabhängig davon, ob man Aldrins Geste, der eine Stabtaschenlampe vor sich im Raum schweben lässt, als Filmzitat akzeptiert, ist die Schlussfolgerung, dass "für den Fernsehzuschauer die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit" verwischt werde, reichlich gewagt: "Die Realität wird fiktionalisiert, während die Fiktion realisiert wird." (S. 154) Einem Zitat eine solche Funktion im Hinblick auf den Illusionierungsprozess zuzuschreiben, schießt über das Ziel weit hinaus, denn in der spielerischen Überschreitung einer Grenze wird diese keineswegs 'verwischt', vielmehr wird auf ihre Existenz aufmerksam gemacht.

Darin zeigt sich auch eines der Probleme der vorliegenden Studie: Die zahlreichen angestellten Vergleiche, die aufgezeigten Parallelen, die Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Phänomenen und die ständigen Verweise vom Einen aufs Andere haben oft keine Funktion außer der bloßen Verkettung an sich, denn ein Erkenntnisgewinn wird darin kaum ersichtlich, nicht einmal ein Erkenntnisinteresse. Die eloquente Sprache kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch die Exkurse und Querverweise – dazu zählen auch die zahllosen entbehrlichen Fußnoten – die Suche nach dem roten Faden zu einem Lektüreabenteuer wird, während dessen der Leser befürchten muss, sich in der Weite des Raumes zu verlieren. Das in seiner Kürze nicht aussagekräftige Kapitel zur Methodik offenbart leider gerade die Methodik und Struktur als wesentliche Probleme der Arbeit, denn diese ist eigentlich so ziellos wie ein durch das Weltall sausender Komet, lost in space, bis er in der Atmosphäre eines Planeten zu verglühen droht.


Grinsted, Daniel: Die Reise zum Mond. Zur Faszinationsgeschichte eines medienkulturellen Phänomen zwischen Realität und Fiktion. Berlin: Logos, 2010, 229 S., broschiert, 28,00 Euro, ISBN 978-3832521646.


Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung (S. 11)
1.1. Das Thema des Buches (S. 11)
1.2. Die Verbindung zwischen der Reise zum Mond und dem Medialen (S. 13)
1.3. Die Mondlandung von Apollo 11 als paradigmatisches Medienereignis (S. 19)
1.4. Die technischen Bilder von der Mondlandung und ihr Einfluss auf die postmoderne Medienkultur: Drei Beispiele (S. 23)
1.5. Methodik (S. 29)

2. Kulturgeschichtliche Hintergründe der Moderne (S. 31)
2.1. Die Mondlandung als medialer Höhepunkt des Space Age: Eine zeit- und ideengeschichtliche Einordnung (S. 31)
2.2. Der Mond als Faszinosum – Ein kurzer Blick auf die kulturhistorische Bedeutung des Erdtrabanten (S. 45)
2.3. Der Mond als Gegenstand astronomischer Curiositas (S. 51)

3. Das Medium des Fernrohrs und die Moderne (S. 57)
3.1. Die Genese des teleskopischen Sehens (S. 57)
3.2. Der medial vermittelte Blick als Ursache für die Entstehung des Phantasmas von der Reise zum Mond (S. 61)
3.3. Das Aufkommen der Mondromane im Barock als Folge des teleskopischen Blicks (S. 67)
3.4. Das Teleskop und die lunaren Chimären (S. 71)
3.5. Verwandte mediale Phantasmen: Marsmenschen und UFOs (S. 75)
3.6. 'The Great Moon Hoax' von 1835 (S. 81)
3.7. Die Mondreise als Kulmination der aviatischen Bestrebungen des Menschen (S. 95)

4. Die Mondreise als immersives Erlebnis (S. 101)
4.1. Der 'Mondreiseboom' im Fin de Siècle (S. 101)
4.2. 'A Trip to the Moon': Die Mondreise als panoramatisches Massenerlebnis (S. 107)
4.3. Weitere immersive Mondreisen: Cinerama und IMAX (S. 119)

5. Aus Fiktion wird Realität: Die Mondlandung von Apollo 11 als makroskopisch-televisives Ereignis (S. 125)
5.1. 'The eyes of all people' (S. 125)
5.2. Der Blick auf den Planeten Erde: Die Mondrakete als archimedischer Punkt (S. 135)
5.3. Das größte Fernsehereignis aller Zeiten: Die Landung auf dem Mond als mediales Live-Event (S. 159)
5.4. Die televisive Übertragung des 'one small step' als Verwirklichung und Ende des Traums von der Mondreise (S. 165)
5.5. Das Medium der Fotografie als indexalischer Beleg für die Tatsächlichkeit der Mondlandung (S. 173)
5.6. Touristen auf dem Mond (S. 177)
5.7. Zwei Phantome auf dem Mond – Das geisterhafte Fernsehbild als surreales Signal aus einer anderen Welt (S. 183)
5.8. Der panoramatische Blick auf die lunare Oberfläche – Ein Verweis auf die Mediengeschichte der Mondreisefantasie (S. 187)
5.9. "If you believed / they put a man on the moon" – Mediale Ursachen einer Verschwörungstheorie (S. 193)

6. Schlussbetrachtung (S. 201)

7. Quellenverzeichnis (S. 205)
Literatur (S. 205)
Online (S. 214)
Bildmaterial (S. 229)

Lost in Space: Travels to the Moon, or Anywhere But Here

Daniel Grinsted, graduate of Cultural Studies and Anglistics/Americanistics, published Die Reise zum Mond (Trip to the Moon), a short monograph about the phenomenon of fictitious and real explorations of the moon. He focuses on reconstructing the medial history of moon observations and moon travels, from the first usage of telescopes to fun-fair attractions in lunar parks as well as to the moon landing in 1969. In spite of some interesting observations, this study is no 'giant leap for mankind'.


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