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Europäische Identität – Top Down oder Bottom Up?

Eine Rezension von Florian Greiner

Checkel, Jeffrey T.; Katzenstein, Peter J. (Hg.): European Identity.Cambridge: Cambridge University Press, 2009.

Der Sammelband European Identity nähert sich dem in den letzten Jahren kontrovers diskutierten und inzwischen auch stark politisierten Thema der europäischen Identität aus einer dezidiert interdisziplinären Perspektive. Die theoretisch-programmatischen wie empirischen Beiträge namhafter Politologen, Historiker, Soziologen und Anthropologen versprechen dabei insbesondere, einen Mittelweg zwischen den in der Europaforschung vorherrschenden, meist jedoch rigide voneinander getrennten top down und bottom up- Ansätzen zu beschreiten. Leider wird in den meisten Aufsätzen jedoch europäische Identität vorschnell mit EU-Identität gleichgesetzt und durch mangelnde Historisierung ein Blick auf die prozessuale Langzeitperspektive europäischer Identität verwehrt.



Bezüglich der Flut an Veröffentlichungen zum Thema europäische Identität, stellte Justus Ulbricht vor kurzem fest, dass diese mehr Ratlosigkeit hinterlasse als Antworten vermittele (Justus H. Ulbricht: "Zwischen den Meeren. Über die Möglichkeit zur Zusammenarbeit europäischer Regionen", in: ders. u.a. (Hg.): Kultur – Nation – Europa. Nationalkulturelle Identitäten auf einem imaginären Kontinent. Frankfurt a.M. 2008, S. 17-31, hier S. 17). Diesem Missverhältnis möchte der vorliegende Sammelband, für den Beiträge namhafter Europa-Forscher aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gewonnen werden konnten, entgegensteuern. Im Vorwort differenzieren die Herausgeber, Jeffrey Checkel und Peter Katzenstein, innerhalb der Literatur zur europäischen Identität zwischen top down- und bottom up-Ansätzen und betonen, keine der beiden Herangehensweisen zu bevorzugen und sich stattdessen auf die Wechselwirkungen zwischen den beiden Ebenen konzentrieren zu wollen. Jedoch unterminieren sie diese Aussage tendenziell bereits in ihrer Einleitung, in welcher sie zu Beginn die augenscheinliche Krise des Integrationsprozesses in Europa daran festmachen wollen, dass es die Europäische Union (EU) bislang versäumt habe, einen gemeinsamen europäischen Sinn des "who are we" zu schaffen (S. 1). Ob und warum eine solche Form der Identitätsbildung tatsächlich eine (ausschließliche) Aufgabe der europäischen Bürokratie sein soll und kann, erscheint mehr als fraglich.
Auch Douglas Holmes sieht in seinem Beitrag die europäische Identität in erster Linie als ein von oben vorgegebenes Projekt, wobei Holmes zumindest feststellt, dass es historisch und gegenwärtig eine Vielzahl verschiedener Experimente mit Identität in Europa gebe. Dagegen beschränkt sich das 'Europäische' im Begriff der europäischen Identität in den meisten anderen Beiträgen des Sammelbandes auf die EU. Dies gilt etwa für den Aufsatz von Juan Díez Medrano, der die öffentlichen Reaktionen auf die Verfassungskrise der EU 2005 untersucht und mit Einschätzungen der Entwicklung des "architectural design" der EU durch die Europäer kontrastiert. Medrano betont dabei zu Recht, dass zwischen einer Ablehnung von einzelnen Reformprojekten und einer generellen Infragestellung der Existenz der bereits als "polity" etablierten EU scharf unterschieden werden müsse (vgl. S. 86). Tatsächlich sei wenigstens bis zu den jüngsten Erweiterungsrunden ein hoher Konsens hinsichtlich der Legitimation der EU als politischem Gemeinwesen festzustellen (vgl. S. 106).

Ob eine europäische Identität jedoch zwangsläufig mit einer "EU-Identität" gleichzusetzen ist, ist eine Frage, deren Klärung man sich vergeblich etwa von dem Beitrag Neil Fligsteins erhofft. Dieser setzt sich die Aufgabe, empirisch die 'Europäer' zu filtrieren, genauer: herauszufinden, warum einige Europäer offensichtlich eine europäische Identität annehmen und andere nicht. Dabei bedient sich Fligstein für seine Analyse v.a. der Daten des Eurobarometers. Während das Fazit der empirischen Erhebungen Fligsteins, dass einige soziale und gesellschaftliche Gruppen stärker von der Europäisierung profitiert hätten und sich ihre Vertreter daher tendenziell eher als 'Europäer' begreifen würden, prinzipiell überzeugt, müsste der analytische Wert der von ihm ausgewerteten Daten viel stärker problematisiert werden. So erscheint etwa die Aussage, Umfragen würden beweisen, dass sich nur 12,7 % der Westeuropäer als Europäer sehen, während 44 % der Europäer "still have only a national identity" (S. 154), nicht unproblematisch, weil das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Identität hier auf eine explizite Selbstzuschreibung reduziert wird. Da sich Identitäten langfristig im Rahmen eines komplexen, rationalen wie emotionalen Prozesses herausbilden, ist es darüber hinaus fraglich, ob eine europäische Identität zwangsläufig die EU als alleinigen Referenzmaßstab haben muss, oder ob es nicht vielmehr auch andere Bezugspunkte geben könnte. Zu denken wäre hier etwa an gesellschaftliche Verflechtungsprozesse, beispielsweise in den Bereichen Medien, Wirtschaft, Tourismus, Sport, Bildung oder Migration. Letzteres deutet der Aufsatz von Adrian Favell an, der überzeugend darlegt, wie das vermeintlich so sesshafte Europa faktisch im Laufe seiner Geschichte stark von massiven Bevölkerungsbewegungen geprägt war (vgl. S. 169 f.), es dann jedoch versäumt, systematische Überlegungen zu deren Rückwirkungen auf das (europäische) Selbstverständnis der davon direkt und indirekt betroffenen Europäer anzustellen.

Insgesamt leidet der Band ferner unter einem Mangel an Historisierung. Zwar gelingt es Holly Case in ihrem Beitrag, in dem sie verschiedene Ausprägungsformen der europäischen Identität analysiert und im Rahmen einer historischen Kontextualisierung zu erklären sucht, plausibel darzulegen, wie aufgrund unterschiedlicher regionaler und nationaler Erfahrungen und Entwicklungen Vorstellungen des 'Europäischen' in Ost- und Westeuropa stark divergieren. Jedoch wird in den übrigen Beiträgen des Sammelbandes im Wesentlichen versucht, die Entstehung, Entwicklung und Notwendigkeit einer europäischen Identität aus der Gegenwart bzw. der Zeitgeschichte nach 1980 zu erklären. In diesem Zusammenhang ist bedauerlich, dass sich Hartmut Kaelble, ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des europäischen Selbstverständnisses seit dem 19. Jahrhundert, in seinem Aufsatz "Identification with Europe and politicization of the EU since the 1980s" einer umfassenderen diachronen Perspektive enthält und die von ihm in anderen Arbeiten (vgl. etwa Hartmut Kaelble: Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialgeschichte Westeuropas 1880-1980. München 1987) vielfach betonten langfristigen Angleichungsprozesse etwa im Bereich der europäischen Sozialstrukturen und Lebensstile lediglich andeutet (vgl. S. 204 f.). Die von vielen Wissenschaftlern immer wieder hervorgehobene prozessuale Langzeitperspektive der europäischen Identität bleibt so in dem Sammelband größtenteils außen vor (vgl. Wolfgang Schmale: Geschichte und Zukunft der europäischen Identität. Stuttgart 2008).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Sammelband eine Reihe zum Teil gelungener, empirisch fundierter Beiträge beinhaltet, denen jedoch ein sie verbindender roter Faden ebenso fehlt wie analytische Originalität. Leider spielt in dieser Hinsicht der in der Einleitung nur kurz aufgeworfene Gedanke, dass die europäische Identität auch eine alltägliche Seite habe, die sich in "ongoing social processes related to the lived experiences of Europeans" (S. 3) widerspiegele und die sich konkret etwa im europäischen Fußball oder im alljährlichen Eurovision Song Contest finden lasse, in den einzelnen Beiträgen kaum eine Rolle. Alles in allem ist die Ankündigung der beiden Herausgeber, dass über das Buch in erster Linie dargelegt würde, "how we should be studying European identity" (S. xi), daher mit Vorsicht zu genießen.


Checkel, Jeffrey T. und Peter J. Katzenstein (Hg.): European Identity. Cambridge: Cambridge University Press, 2009. 280 S., broschiert, 19,68 Euro. ISBN: 978-0-521-70953-8 


Inhaltsverzeichnis


List of figures vii
List of tables viii
List of contributors ix

Preface xi

Jeffrey T. Checkel and Peter J. Katzenstein: The politicization of European identities 1

Dario Castiglione: Political identity in a community of strangers 29

Douglas R. Holmes: Experimental identities (after Maastricht) 52

Juan Díez Medrano: The public sphere and the European Union's political identity 81

Holly Case: Being European: East and West 111

Neil Fligstein: Who are the Europeans and how does this matter for politics? 132

Adrian Favell: Immigration, migration, and free movement in the making of Europe 167

Hartmut Kaelble: Identification with Europe and politicization of the EU since the 1980s 193

Peter J. Katzenstein and Jeffrey T. Checkel: Conclusion – European identity in context 213

Bibliography 228
Index 259

European Identity – Top Down or Bottom Up?

This essay collection approaches the issue of European identity, which has been so controversially discussed and highly politicised in recent years, from a determinedly interdisciplinary perspective. The theoretical-programmatic as well as empirical contributions by renowned political scientists, historians, sociologists, and anthropologists undertake in particular the task of finding a middle ground between the top-down and bottom-up approaches which are prevalent, but often treated separately, within the field of European Studies. In most essays, however, European identity is rather too hastily equated with EU identity, and a view towards the process-related, long-term perspective of European identity is impeded by insufficient historicisation.


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