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Artikelaktionen

Ein GI in glänzender Rüstung

Eine Rezension von Matthias Däumer

Baumann, Uwe; Kane, Brian M. (Hg): Prinz Eisenherz: Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber. Bonn: Bocola, 2010.

Seit 2006 publiziert der eigens zu diesem Zweck gegründete Bocola-Verlag eine den amerikanischen Originalen möglichst nahe kommende Gesamtausgabe des weltbekannten Klassikers der Comic-Literatur Prince Valiant (Prinz Eisenherz). Einhergehend mit der Reihe ist nun Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber erschienen, welches die Gesamtausgabe wo nicht wissen-, so doch leidenschaftlich begleitet. Dieser enthusiastische Ritterschlag von Hal Fosters Werk könnte eine ernsthafte kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung einleiten.  


Geben wir es doch einmal offen zu: Es sind nicht ausschließlich Texte der "hohen Literatur" (was auch immer das sein mag), Bach-Fugen, Fassbinder-Filme oder Heiner Müller-Inszenierungen, die uns zu den Kulturwissenschaftlern haben werden lassen, die wir heute sind. "Es ist ganz einfach. Man verliert sein Herz und hat es für immer verloren" (S. 7): So der erste, von Ray Bradbury verfasste Satz des hier vorgestellten Begleitbandes zu einer Comicserie, die außer mir mit Sicherheit noch manch anderen dazu brachte, eine Faszination für "das Mittelalter" (was auch immer das wiederum sein mag) zu entwickeln, die einen von den bunten Bildern der Kindheit auf lange Sicht in das bunte Treiben der mediävistischen Wissenschaft führte.
Umso schöner ist es zu sehen, dass ausgerechnet im vor zehn Jahren noch (zurecht) als Comic-Entwicklungsland verschrienen Deutschland der 2006 eigens zu diesem Zwecke gegründete Bocola-Verlag erstmals den weltbekannten Klassiker der Comic-Literatur Prince Valiant (Prinz Eisenherz) in einer vollständigen, den amerikanischen Originalen möglichst nahe kommenden Gesamtausgabe präsentiert. Für diese wurden die seit 1937 bis heute wöchentlich erscheinenden Sonntagsseiten der Originalfarbgebung entsprechend digital restauriert. 2010 ist die Bocola-Reihe schon bei Band 12 (Jahrgang 1959/60) angelangt und beginnt die parallele Publikation der (anfangs nur graphischen, später auch inhaltlichen) Fortführung von Prince Valiant durch John Cullen Murphy in den 1970er Jahren. Einhergehend mit den Reihen ist nun Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber erschienen, das die Gesamtausgabe um den Artusritter mit der femininen Topffrisur begleitet.

Um es gleich vorweg zu sagen: Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Prince Valiant blieb hinsichtlich seiner künstlerischen Leistung beinahe und hinsichtlich der Analyse seiner Mittelalterrezeption bis heute vollständig aus. Lediglich die mediengeschichtliche Bedeutung seiner Comics, die den Bruch der herkömmlich ebenmäßigen Panelaufteilung zugunsten eines autonomen graphischen Erzählens entgegen aller Beschränkungen durch amerikanische Comicsyndikate und unter Papierknappheit leidende Tageszeitungen durchsetzten, wurde auch in Deutschland schon mehrfach festgestellt. Wenig findet man noch zum bei Foster sehr speziellen Text/Bild-Verhältnis.
Der nun publizierte Band präsentiert in dieser Hinsicht kaum etwas Neues. Die Artikel sind aus mehreren Jahrzehnten zusammengestellt und nehmen einerseits die Form biographischer Huldigungen, andererseits den Charakter einer liebevoll gestalteten Fundgrube an. Ein wenig ertragreicher ist ein Beitrag von Brian M. Kane, dem Herausgeber der vor einem Jahr erschienenen amerikanischen Originalausgabe des Handbuchs. Kane untersucht in diesem Fosters graphisches Werk hinsichtlich seiner zeichnerischen Vorbilder. Neben den üblichen Verdächtigen unter den Berufzeichnern der Werbeindustrie der Vor- und Depressionsjahre stellt Kane eine Beeinflussung durch die Kriegsberichtsbebilderung der amerikanischen Tageszeitungen fest. In diesen fand bezüglich der Darstellung des Frontgeschehens im fernen Europa ein ideologisch konnotierter Medienstreit zwischen den das Blutvergießen zeichnerisch imaginierenden Illustratoren und den aufstrebenden, um Realitätstreue und Konfrontation bemühten Fotojournalisten statt. Die Auswüchse dieser Debatte hatten künstlerisch wie ideologisch großen Einfluss auf Fosters Darstellung der mittelalterlichen Schlachten.
Diese Feststellung macht den Blick frei für einen generellen Zug von Fosters frühem Werk, der im vorliegenden Sammelband so leider nicht herausgestellt wird: Nachdem der Autor Anfang 1938 den aus der Vorserie Tarzan ererbten Zug zur Fantasy hinter sich lässt und bevor er ab Oktober 1946, nach der Verehelichung seines Protagonisten, mit dem Lob der amerikanischen Kernfamilie in eine zweite, konservativ geprägte Phase der Erzählung eintritt, schafft es Prince Valiant, in seiner narrativen Struktur mehrere Zeitstufen miteinender zu verflechten: Als erstes sind da die historischen Daten des 5. Jahrhunderts, um die herum Foster seine Geschichte ansiedelt. Er hält sich dabei an die Gestalt des chronikalen Arthur, verfährt aber ebenso wie die mittelalterlichen Chronisten historisch äußerst frei, eher fabulierend denn geschichtsschreibend. Entgegen der raum-zeitlichen Kohärenz lässt er seinen Protagonisten beinahe an jedem bedeutenden Ereignis dieser Epoche teilnehmen: So kämpft Eisenherz gegen den Hunnen Attila, den Sachsen Horsa und ist just zur Ermordung Valentinians in Rom.
Zum zweiten bedient sich Foster in seiner graphischen Prunkentfaltung wie in narrativer Hinsicht bei Motiven und Erzählschemata der Kultur des Hochmittelalters, vor allem des 12. und 13. Jahrhunderts. Dieser Anachronismus ist gewissermaßen historisch verbürgt, führt er doch zur gleichen Heterochronie, die schon die altfranzösischen und mittelhochdeutschen Artusromane erschufen, indem Diskurse der höfischen Gegenwart narrativ in der fernen Epoche des König Artus ausgetragen wurden. Hal Foster exponiert diesen Anachronismus dadurch, dass er zusätzlich zur Bespiegelung des 12./13. im 5. Jahrhundert noch eine Spiege-lung seiner eigenen Gegenwart im Konglomerat aus diesen beiden Epochen vornimmt – und dies nicht mittels einer unreflektierten Rückspiegelung, sondern begleitet von subtilen Hinweisen auf eine dem höfischen Roman nicht unähnliche 'enthistorisierende' Programmatik. Fosters ideologischer Subtext zeigt sich beispielsweise, wenn er in den Jahren, in denen die USA zögerten, in das Kriegsgeschehen Europas einzugreifen, Eisenherz die geliebte britische Insel verlassen lässt, um auf dem Kontinent in großen Schlachten gegen die Hunnen anzutreten: Ein Vorreiter des amerikanischen GIs in glänzender Rüstung. Der Feststellung der politischen Gegenwärtigkeit von Fosters Erzählungen ist Kanes Befund eine gute Unterstützung von kunstwissenschaftlicher Seite aus.

Jenseits solcher kleinen Bereicherungen an sich bekannter Beobachtungen ist in dem Band leider sehr wenig Neues zu finden. Letztendlich bleibt er, was er sein möchte: ein Handbuch für Liebhaber, welches das Werk Hal Fosters und seiner Nachfolger zwar würdigt, jedoch das Ausmaß von kulturellen Mechanismen wie beispielsweise die Inklusion zeitgenössischer Kriegsikonographie zu einer Vergangenheitsdarstellung, die noch unser heutiges Bild vom "Mittelalter" prägt, nicht zu erschließen versucht. Dennoch ist es ein anspruchsvoll gestalteter Band, der es einem (wie die gesamte Bocola-Ausgabe) ermöglicht, abermals wie Bradbury "das Herz zu verlieren" – dieses Mal vielleicht nicht mehr nur das Kinder-, sondern ein wenig auch das Forscherherz.


Kane, Brian M. (Hg.): Prinz Eisenherz. Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber. Übers. von Uwe Baumann. Bonn: Bocola, 2010. 168 S., geb., 29,90 €. ISBN-10: 3939625310, ISBN-13: 978-3939625315 


Inhaltsverzeichnis


Ray Bradbury: Einleitung (2007)... 7
Brian Walker: Vorwort: Eine Pfeife und eine Tuschefeder – Erinnerungen an Cullen Murphy (2008)... 9
Todd Goldberg: Einleitung zur Erstausgabe (1992)... 11
Todd Goldberg u.a.: Prinz Eisenherz: Handlungs-Index... 13
Liste der Künstler... 71
Prinz Eisenherz von Thule: Ein Lebensabriss (2009)... 73
Hal Foster u.a.: Prinz Eisenherz: Farb-Galerie... 77
Brian M. Kane: Met, Whiskey und Brandywine: Die künstlerischen Ahnen von Prinz Eisenherz (2009)... 93
Virginia Irwin: Der Mann, der Prinz Eisenherz zeichnet (1949)... 103
Arn Saba: Hal Foster: Zeich(n)en der Geschichte (1985)... 107
Brian M. Kane: Hal Fosters Aufnahme in die Hall of Fame der Society of Illustrators (2006)... 136
Brian M. Kane: Von Preisboxern zu Prinzen: Die klassische Kunst von John Cullen Murphy (2003)... 137
Brian M. Kane: John Cullen Murphy: Leb wohl, geliebter Prinz (2004)... 149
Bill Crouch: Frank Bolle: Der Ghost von Camelot (2008)... 151
Brian M. Kane: Gary Gianni & Mark Schultz: Die Abenteuer gehen weiter (2009)... 153


A GI in Shining Armour

Since 2006 Prince Valiant has been released by Bocola, a German publishing house founded especially for the task. The complete edition presents Hal Foster’s tale, aesthetically very closely connected to the original Sunday comic strip appearing in the US since the late 1930s. Now the edition is accompanied by a Handbuch für Kenner und Liebhaber (orig.: The Definitive Prince Valiant Companion), which is not very scientific, but all the more impassioned. This enthusiastic accolade might be the first step for a serious scientific appreciation of Hal Foster’s work.


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