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Die Vermessung des Monströsen. Einer Rekategorisierung literarischer Formen des Nichtmenschen

Eine Rezension von Maren Conrad (Kiel)

van de Bergh, Alexander (Hg.): The Beauty of the Beast. Liebe zwischen Menschen und Nichtmenschen in der englischen und amerikanischen phantastischen Literatur. Trier: WVT, 2008.

Alexander van de Bergh untersucht in seiner Dissertation zu "The Beauty of the Beast" Liebe und Liebesbeziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen als literarisches Motiv in fantastischen Prosatexten der englischen und amerikanischen Literatur. Seine Motivstudie ist literatur- und kulturwissenschaftlich angelegt, verbindet sich aber darüber hinaus mit sozialpsychologischen Modellen zur Analyse verschiedener Liebeskonzeptionen. Anhand dieser werden die unterschiedlichen Beziehungsmodelle beschrieben und mit einer Neukategorisierung der Figurengruppe des nichtmenschlichen Partners verbunden. Diese überzeugende Kategorisierung ist jedoch eingebettet in eine Dissertation, die in ihrem Anspruch auf eigene Perfektion tendenziell an argumentativer Selbstständigkeit verliert, wodurch sie sich als symptomatisches Werk eines neu aufkommendes Wissenschaftsverständnisses lesen lässt.



Je mehr die Forderung nach 'Exzellenz' in den letzten Jahren für die Hochschulpolitik an Bedeutung gewinnt, desto öfter lässt sich gerade in – zumeist aus 'exzellenten Graduiertenschulen' stammenden – geisteswissenschaftlichen Publikationen jüngeren Datums eine zunehmende Optimierung und damit einhergehende Homogenisierung der akademisch-methodischen Vorgehensweise beobachten. Mit seiner Dissertation liefert Alexander van de Bergh ein für diese Tendenz charakteristisches Werk ab: Seine Publikation trägt den Ansprüchen an eine 'makellose' geisteswissenschaftliche Doktorarbeit in geschliffener Perfektion Rechnung.

Die Struktur der Studie ist klar und übersichtlich, sie unterteilt sich in einen theoretischen ersten Teil und einen zweiten, darauf aufbauenden, textanalytischen Anwendungsteil. Die sorgfältige Erarbeitung von Analysekategorien nimmt dabei, ihrem hohen wissenschaftlichen Anspruch entsprechend, die erste Hälfte der Studie ein. So widmen sich die Kapitel 1 bis 4 (S. 1 - 76) dem theoretischen Werkzeugkasten sowie der Definition und Ausdifferenzierung wesentlicher Grundannahmen der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Fantastik einerseits sowie zentraler Ansätze der Sozialpsychologie zum Themenkomplex der Liebe andererseits. Kapitel 5 und 6 (S. 77 - 222) stellen dann die eigentliche Motivstudie und Figurenkategorisierung dar.

Van de Bergh verwendet große Sorgfalt darauf, seine Arbeit methodisch sauber ein- und abzugrenzen, ohne ihr dabei das Korsett einer bestimmten literaturwissenschaftlichen Methode anzulegen. Vielmehr wählt er aus einem breiten Spektrum an neueren und neusten theoretischen Herangehensweisen die naheliegenden Ansätze des New Criticism, die im insgesamt kulturwissenschaftlichen Anspruch der Studie kombiniert werden mit dem New Historicism und feministischer Literaturtheorie.
Das umfangreiche Kapitel zur Fantastik erarbeitet dabei allerdings – im Gegensatz zum Kapitel zur Liebe – terminologische Grundlagen, die später für die eigentliche Fragestellung kaum mehr von Nutzen sind. Auch die Problematik der Abgrenzung von Fantasy, Science-Fiction, Märchen und fantastischer Literatur wird zwar thematisiert, für die Herangehensweise aber weitestgehend ausgeblendet. Van de Bergh löst dieses – in der Fantastikforschung bis heute virulente Problem – für seine Fragestellung, indem er beide Seiten referiert, die Trennschärfe dieser Begriffe aber abschließend als für sein Thema unerheblich zusammenfasst.
Besonders im Fantastikkapitel wird daher ein zentrales Problem der Arbeit ersichtlich: Bei aller handwerklichen Korrektheit geht zuweilen die selbstständige argumentative Erschließung des Themas verloren, so dass die Aufarbeitung der Theorie insgesamt die Tendenz aufweist, gegensätzliche Forschungsmeinungen primär zu referieren und dann zu einem harmonischen Ganzen zu amalgamieren.

Überzeugen kann der Versuch einer (Re-)Kategorisierung des Monströsen, die van de Bergh in graduellen Abstufungen vom Menschlichen unterscheidet, in Quasi-, Para-, Semi-, Nicht- und Teilzeit-Mensch. Die Klassifizierung ist dabei einer biologischen Systematik angenähert, wenn sie auf eine Unterscheidung in fantastische (Motiv-)Klassen bzw. 'Spezies' (Vampir, Werwolf, Elfe etc.) verzichtet und sich vor allem auf einer taxonomisch abstrakteren Ebene auf konkrete gemeinsame Eigenschaften der jeweiligen Wesen in Abgrenzung zum 'rein Menschlichen' stützt.
Seinem eigenen Anspruch entsprechend erschafft van de Bergh mit diesem Modell ein "solides Fundament" (S. 115) zur Kategorisierung menschenähnlicher Figuren, das sich für zukünftige Arbeiten im Feld der Fantastik als Ausdifferenzierungssystem sicherlich als hilfreich und nützlich erweisen wird.

Die im Anschluss an die Erarbeitung der Kategorien erfolgende diachron angelegte Analyse der Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen im Kapitel 6 legt dann einen klaren Fokus auf die Relevanz von Geschlechterrollen im jeweiligen kulturellen Kontext. Die Liebeskategorien, die der Autor im Kapitel 3 erarbeitet hat, finden dabei allerdings erst bei den Texten neueren Datums konkrete Anwendung. Die Textanalyse hat so vor allem deskriptiv-kulturwissenschaftlichen Charakter, eine Einschränkung, die freilich bei einem repräsentativen Textkorpus von 20 Romanen und zahlreichen Kurzgeschichten und einem durchschnittlichen Umfang von zwei bis vier Textseiten pro besprochenem Erzähltext nicht ausbleibt. Auch das Fazit, das am Ende der Betrachtung des umfangreichen Textkorpus steht, ist dementsprechend noch recht undifferenziert, wenn van de Bergh Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen als "Plädoyer für Freiheit, Selbstbestimmung, einen offenen Pluralismus und einen toleranten Liberalismus zum Zwecke der Verwirklichung der eigenen Lebenskonzeptionen" (S. 234) liest.

Die Arbeit bietet damit insgesamt einen fundierten Überblick über das Feld der literarischen Nichtmenschen und ihrer Beziehung zu menschlichen Partnern und hat bei richtiger Anwendung sicherlich auch das Potential, sich mit seiner Kategorisierung dauerhaft durchzusetzen.
Sprachlich wie strukturell kommt die Arbeit angenehm unprätentiös daher. Terminologie wird sparsam, aber präzise eingesetzt, die Kapitel sind klar strukturiert, jedes ist ausgestattet mit einer deutlich formulierten thematischen Zielsetzung, die auch immer erfüllt wird. Der gewissenhaften Herangehensweise entsprechend findet sich in jedem Kapitel der wiederholte Hinweis, dass ausdrücklich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und um Vertiefung gebeten wird. Dieser rhetorische Fallschirm mag dem Autor seinen Weg erleichtert haben, untergräbt in seiner formelhaften Repetition aber eine überzeugende Gesamtargumentation. Der größte Makel der Arbeit ist daher lediglich ihr intensives Bemühen um formale und argumentative Makellosigkeit.


Van de Bergh, Alexander: The Beauty of the Beast. Liebe zwischen Menschen und Nichtmenschen in der englischen und amerikanischen phantastischen Literatur. Trier:  Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2008. (Studien zur anglistischen Literatur- und Sprachwissenschaft (SALS), Bd. 31. Hg. von Heinz Bergner, Raimund Borgmeier, Matthias Hutz und Eckart Voigts-Vrichow). 264 S., kartoniert, 28 Euro. ISBN 978-3-86821-017-0 


Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung: Was dieses Werk erreichen möchte 1
1.1. Thematik, Relevanz und Fragestellung 1
1.2. Behandelte Forschungsbereiche 2
1.3. Methodik und Vorgehensweise 3

2. Verortung der Arbeit im literaturwissenschaftstheoretischen Diskurs 6
2.1. Der Text als solcher: New Criticism 7
2.2. Die Darstellung von Weiblichkeit: Feministische Literaturtheorie 9
2.3. Der mentalitätsgeschichtliche Kontext: New Historicism 13
2.4. Kulturwissenschaftliche und -anthropologische Aspekte 14
2.5. Skizze eines polyperspektivischen Ansatzes 16

3. Die Liebe: Definitionsansätze im Vergleich 19
3.1. Narzissmus und Libido: Freuds Psychodynamik 22
3.2. Eros, Ludus, Storge: Die Liebesstile nach Lee 26
3.3. Commitment, Intimacy, Passion: Sternbergs Triangle of Love 29
3.4. Verbindung der Theorien im Rahmen der Untersuchung 35

4. Die phantastische Literatur und ihre Subgenres 38
4.1. Nur "Unschlüssigkeit"? Todorov und die Folgen 39
4.2. Minimalistischer Ansatz: Die Phantastik 41
4.3. Maximalistischer Ansatz: Die phantastische Literatur 48
4.4. Märchen 51
4.5. Horror 54
4.6. Fantasy 56
4.7. Science Fiction 62
4.8. Zusammenfassende Betrachtung der phantastischen Subgenres 72

5. Das "Andere": Menschenähnliche in der phantastischen Literatur 77
5.1. Klassifizierung der Menschenähnlichen 80
5.2. Paramenschen: Fremd und doch vertraut 85
5.3. Proteianer oder Teilzeit-Menschen: Werwölfe und Gestaltwandler 93
5.4. Quasimenschen: Unterschied durch Fähigkeit 98
5.5. Semimenschen: Mischlinge zwischen den Welten 100
5.6. Tatsächliche Nichtmenschen: Tiere und Roboter 103
5.7. Anwendung dieser Matrix auf die Literatur 107

6. Die Formen der Liebesbeziehungen zwischen Menschen und Menschenähnlichen 116
6.1. Auftreten im Märchen: Das Motiv des Tierbräutigams 121
6.2. Joseph S. Le Fanu: Carmilla (1871) 124
6.3. Bram Stoker: Dracula (1879) 127
6.4. Edgar Rice Burroughs: A Princess of Mars (1912) 131
6.5. Olaf Stapledon: Sirius (1944) 135
6.6. J. R. R. Tolkien: The Lord of the Rings (1954/55) 142
6.7. Philip Jose Farmer: The Lovers (1961) 147
6.8. Ursula K. LeGuin: The Left Hand of Darkness (1969) 151
6.9. Tanith Lee: The Silver Metal Lover (1981) 157
6.10. Dennis L. McKiernan: Dragondoom (1990) 160
6.11. Gene Roddenberry: Star Trek - The Next Generation (1991) 165
6.12. Maggie Furey: The Artefacts of Power (1994-97) 168
6.13. Alice Borchardt: The Silver Wolf (1998) 173
6.14. Donna Boyd: The Passion (1999) 176
6.15. Freda Warrington: A Taste of Blood Wirte (2002) 179
6.16. Jewel Dartt: Moonlight Legacy (2002) 183
6.17. Margaret L. Carter: Sealed in Blood (2003) 188
6.18. Lanette Curington: Starkissed (2003) 192
6.19. Peter Jackson: King Kong (2005) 198
6.20. Kurzauftritte: Liebe zwischen Menschen und Menschenähnlichen in Short Stories 200
6.21. Bemerkungen zum Mentalitätswandel 219

7. Schlussbetrachtungen: Ausblick, Rückblick, Einblick 222
7.1. Weiterführende Perspektiven des Forschungsfeldes 222
7.2. Gewonnene Erkenntnisse der Analysen 226
7.3. Die Signifikanz der Liebe zwischen Menschen und Menschenähnlichen 232

8. Literaturverzeichnis 235
8.1. Primärliteratur 235
8.2. Sekundärliteratur 238
8.3. Filme 252
8.4. Computer- und Videospiele 253


Measuring the Monstrous: A Recategorisation of Literary Forms of the Non-Human

In his thesis on The Beauty of the Beast Alexander van de Bergh focuses on the topic of love and partnership between humans and non-humans as a literary motif in English and American narrative prose. The book combines aspects of cultural and literary studies and narratological as well as socio-psychological approaches to the concept of 'love' with the attempt to find clear categories for the figure of the non-human monstrous partner. However convincing this categorisation may be, under its anxious endeavouring for perfection the doctoral thesis tends to lack independent argumentation, and can therefore be considered symptomatic of the increasing standardisation of scientific methods and concepts.


© bei der Autorin und bei KULT_online