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Blicke in Text und Bild: Zeigen und Wahrnehmen im Mittelalter

Eine Rezension von Tina Bawden (Gießen/Berlin)

Wenzel, Horst: Spiegelungen. Zur Kultur der Visualität im Mittelalter. Berlin: Erich Schmidt, 2009.

Bilder können im Mittelalter zum narrativen Medium werden, und Texte öffnen ihren Lesern Schauräume. Den Interferenzen zwischen Texten und Bildern ist die jüngste Publikation Horst Wenzels gewidmet. Ausgehend von der höfischen Kultur thematisiert die Studie Spiegelungen. Zur Kultur der Visualität im Mittelalter das Sehen von und in Texten und Bildern. Durch die Systematisierung rezeptionslenkender Techniken wie Appell, Deixis und Blicklenkung wird das Visualisierungspotenzial mittelalterlicher Texte untersucht.
 


Der vorliegende Band ist einer der jüngsten historischen Beiträge zum in den Kulturwissenschaften vieldiskutierten Thema der Visualität. Der Mediävist Horst Wenzel befasst sich in seiner Studie mit der Wahrnehmung als einer historischen und kulturellen Komponente einerseits und mit dem Visualisierungspotenzial von Bild- und Textmedien andererseits.

Im Sinne einer vom Autor selbst vorgeschlagenen "Text-Bildwissenschaft" (S. 41) werden neben Texten auch Bilder analysiert. Der Schwerpunkt der Textbeispiele liegt auf der höfischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. Unter den analysierten Bildbeispielen befinden sich zahlreiche Randminiaturen aus Handschriften des Welschen Gastes von Thomasin von Zerclaere, aber auch Beispiele aus der Tafelmalerei und der Skulptur. Der durch den Titel erweckte Eindruck, dass den Leser eine zeitlich breit angelegte Studie zur Visualität im Mittelalter erwartet, wird durch den eindeutigen Fokus auf die höfische Kultur in der Einleitung zunächst etwas zurechtgerückt (vgl. S. 11).

Breit angelegt ist dagegen das methodische Vorgehen des Autors: Für seine Überlegungen zur Visualität zieht Wenzel Texte aus unterschiedlichen Disziplinen heran, so z.B. neben literaturwissenschaftlichen und kunsthistorischen auch Publikationen zur Wahrnehmung aus den Neurowissenschaften, sprachwissenschaftliche und philosophische Studien. Die zentralen Begriffe des Bandes (bilde, speculum/spiegel, videre/sehen, Deixis) leitet Wenzel immer etymologisch her und beschreibt den Sprachgebrauch in ihrem kulturhistorischen Zusammenhang – sein eigenes methodisches Vorgehen verknüpft Wenzel auf diese Weise mit dem historischen Kontext.

In den einführenden Kapiteln 1 und 2 legt Wenzel die begrifflichen Grundlagen und erläutert das interdisziplinäre Rahmenwerk seiner Überlegungen. Das erste Kapitel beginnt er mit der Beschreibung seiner eigenen Erfahrung als Teilnehmender an der Prozession des Volto Santo im italienischen Lucca, womit er in die Frage nach dem Charakter der mittelalterlichen Wahrnehmung einleitet (vgl. S. 21): Im Gegensatz zur Wahrnehmung von Bildern und Texten, wie diese etwa in den Schriften Leon Battista Albertis und Gotthold Ephraim Lessings charakterisiert wird, zeichnet sich die mittelalterliche Wahrnehmung durch die Bewegtheit des Betrachters bzw. des betrachteten Objekts, die Involviertheit mehrerer Sinne und die Interaktion zwischen Objekt und Betrachter aus. Dieser Ansatz, der in unterschiedlichen Schattierungen auch neuere Schriften zur Geschichte von Visualität und Wahrnehmung auszeichnet (z.B. bei Hans Belting, Suzannah Biernoff und Anne Friedberg), bildet den Grundstein für Wenzels Studie.

Im zweiten Kapitel folgt dementsprechend ein bereits an anderer Stelle formuliertes "Plädoyer für eine Text-Bildwissenschaft" ("Zur Narrativik von Bildern und zur Bildhaftigkeit der Dichtung. Plädoyer für eine Text-Bildwissenschaft", in: Hans Belting (Hg.): Bilderfragen. Die Bildwissenschaften im Aufbruch, München 2007, S. 317-331). Anthropologisch gesehen sind "Text und Bild [...] kulturell geprägte Medienformationen, die im Vollzug der Wahrnehmung durch die Kraft der Imagination erschlossen werden" (S. 42). Diese inneren Bilder vermag auch ein Text einzuleiten oder zu aktivieren, etwa durch den Appell 'seht', der häufig in mittelhochdeutschen Texten zu finden ist, und der wiederum seine Entsprechung in bildlichen Zeigegesten mittelalterlicher Handschriften findet (vgl. S. 51 ff.).

Im dritten und vierten Kapitel wird der Begriff der "Spiegelung" aus dem Titel des Buches aufgegriffen. Den Begriff des Spiegels (speculum) versteht Wenzel in der Breite, in der er auch im Mittelalter verstanden worden ist: als Bezeichnung eines materiellen Objektes, als "Archetyp des Bildes überhaupt" und als "Vergegenwärtigung des Abwesenden" (S. 64). Auf die Eigenschaft der Vergegenwärtigung stützt sich die für mittelalterliche Texte entscheidende Funktion des Spiegels: "Der Blick in den 'Spiegel' zeigt das Ideale oder das Defizitäre, demgegenüber es gilt, sich selbst zu erkennen" (S. 64). Wenzel analysiert anhand von Beispielen aus der höfischen Literatur sowie geistlichen und weltlichen Texten, wie die Texte selbst bzw. die darin beschriebenen Menschen oder Herrscher für ihre Leser und Zuhörer zu reflektiven Prüfsteinen der eigenen Fehler und Sünden werden, oder zu Vorbildern, nach denen es zu handeln gilt.

In den Kapiteln 5 bis 8 geht es um konkrete Techniken der Visualisierung im Text. Vor dem Hintergrund einer Kulturgeschichte des Sehens systematisiert Wenzel Visualisierungsstrategien, die sich in der höfischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts finden (vgl. S. 130). An den Beispielen zeigt sich, welche wichtige Rolle insbesondere das Blicken für die Kommunikation im Text und mit dem Text, aber auch z.B. für Herrschaftskonstruktionen spielt.

In Kapitel 6 stellt Wenzel den Visualisierungstechniken der höfischen Literatur exemplarisch Filmtechniken gegenüber – Bewegung und Kinästhetik als wesentliche Aspekte teilt die mittelalterliche Visualität mit dem Film. Exemplarisch trägt der Autor Techniken wie "Mauerschau/Luftperspektive", "Blickwechsel/Schnitt" zusammen (S. 174-175).

Das siebte Kapitel ist dem Nibelungenlied gewidmet und greift einige der bereits genannten Visualisierungsstrategien noch einmal in Bezug auf diesen Text auf (Augenzeugenschaft S. 191 ff., die Wahrnehmung des Heimlichen S. 202 ff.). Im darauf folgenden Kapitel 8 geht es um das Zeigen in der höfischen Literatur. Karl Bühlers Konzept der 'Deixis am Phantasma' folgend greift Wenzel nochmals die Überlegungen zum 'seht' mittelhochdeutscher Texte auf (S. 215 ff., vgl. S. 51 ff.) und untersucht Autorenbilder mittelalterlicher Handschriften und Sprechbänder auf deren deiktische Funktionen hin. Die performativen und rezeptionsästhetischen Relevanzen des Zeigens werden im neunten Kapitel vertieft analysiert, in dem Wenzel die Mediengeschichte der Zeighand aufzeigt.

Das Abschlusskapitel greift die zentralen Begriffe der Studie nochmals auf und knüpft an die eingangs von Wenzel formulierten Fragestellungen an. Die Diskussion von Piero della Francescas Brera-Madonna (1472-1474) in diesem Kapitel zeigt exemplarisch das methodische Vorgehen einer Text-Bildwissenschaft nach Wenzel, die sich hier keiner Handschriftenminiatur oder einer Randzeichnung, sondern einem Bild ohne Text gegenüber sieht. Die überzeugende Interpretation, nach der sich der Betrachter der Altartafel, den innerbildlichen Anweisungen des Johannes folgend, niederkniet und aus dieser Position einen veränderten Blick des Bildes erhält, macht auch deutlich, dass der zu Beginn des Buches eingeführte Gegensatz zwischen dem Sehen vor und nach der Zentralperspektive nicht als absolut geltender historischer Schnitt zu sehen ist: "Konstitutiv für die performative Wahrnehmung ist der gezielte Einsatz von Sehkonventionen, das Spiel von Erfüllung und Enttäuschung visueller Erwartungen und Gewohnheiten" (S. 276). Der Begriff der Spiegelung fehlt unter den hier nochmals aufgegriffenen Konzepten der Studie – dabei bietet das Verhältnis zwischen Pieros kniendem Stifter im Bild und dem Betrachter vor dem Bild sowie die Rolle des Johannes eine bildliche Parallele zur Spiegelung als Vorbild und Erkenntnismöglichkeit, wie sie Wenzel in Bezug auf Texte im dritten und vierten Kapitel erörtert.

Durch die Unterteilung in zehn Kapitel, die unterschiedlichen Aspekten des Zusammenhangs von Zeigen (im Bild/Text) und Wahrnehmen (des Bildes/Textes), Repräsentation und Sichtbarkeit gewidmet sind, ergibt sich ein Mosaik aus Begriffszusammenhängen. Diese erschließen sich dem Leser nicht unbedingt besser, wenn er der Kapitelreihung folgt. An einigen Stellen verwirrt, dass Begriffe und Konzepte in einem Folgekapitel erneut eingeführt werden – es entsteht der Eindruck, dass sie hier in einem anderen Zusammenhang stehen, ohne dass der Unterschied deutlich gemacht wird. Beispiele dafür sind der Begriff des "Augenzeugen" in Kapitel 6 und 7 sowie die wiederholte Einführung der Möglichkeit der Literatur, heimliche, nicht-öffentliche Orte zugänglich zu machen (S. 102 ff., S. 149 ff., S. 202 ff.). Ein Grund für das Fehlen von Querverweisen ist vielleicht, dass Überlegungen und Materialien aus über der Hälfte der Kapitel (2, 6-10) in den Jahren 2001 bis 2007 bereits in Aufsatzform veröffentlicht worden sind.

Insgesamt bietet der Band jedoch einen umfassenden Einblick in die Fragen, die sich Kulturwissenschaftler stellen müssen, wenn sie sich sowohl mit Wahrnehmung als kultureller und historischer Kategorie, als auch mit der Rezeption und Blicklenkung von und in Bildern und Texten befassen wollen.


Horst Wenzel: Spiegelungen. Zur Kultur der Visualität im Mittelalter. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2009. 316 Seiten, 59,80 Euro. ISBN 978 3 503 09873 6 


Inhaltsverzeichnis
[beschränkt auf die ersten beiden Gliederungsebenen]

Vorwort
Einleitung

1. Vor der Zentralperspektive. Lucca und Lessings 'Laokoon'
1.1 Lucca
1.2 Lessing: Über die Grenzen von Malerei und Poesie
1.3 Leon Battista Alberti: Vor und nach der Zentralperspektive
1.4 Die Zeitlichkeit der Bilder
1.5 Anti-Laokoon

2. Zur Narrativik der Bilder und zur Bildhaftigkeit der Literatur. Plädoyer für eine Text-Bildwissenschaft

2.1 Innere und äußere Bilder
2.2 Zur Semantik von bilde
2.3 Zur Bildhaftigkeit der Texte
2.4 Zur Narrativik der Bilder
2.5 Text und Bild in der intermodalen Wahrnehmung

3. Spiegel und Spiegelungen
3.1 Der Spiegel als Medium und Metapher
3.2 Transzendentale Spiegelungsprozesse
3.3 Soziale Spiegelungsprozesse
3.4 Spiegel-Bilder
3.5 Spiegel-Schriften: die schrift die laz din spigil sin

4. Repräsentation und Spiegelung. Zur Ästhetik des ‚Als-ob’ Handelns
4.1 Die Visualisierung von Rang und Ansehen
4.2 Das Beobachtungssystem der höfischen Literatur
4.3 Spiegelreflexionen: vraisemblance

5. Der höfische Blick. Blicksteuerung und Imaginationslenkung in der höfischen Literatur
5.1 Zur Kulturgeschichte des Sehens
5.2 Poetik der Visualisierung
5.3 Blicke und Gegenblicke
5.4 Der gezähmte Blick (disciplina oculorum)
5.5 Der meditative Blick: Parzival in der Blutstropfenepisode
5.6 Beobachtete Blicke. Das Sehen des Sehens in Gottfrieds 'Tristan'
5.7 Weltspiegel und Herrschaft: Der panoptische Blick
5.8 Im Bild sein heißt: Im Spiegel sein

6. Der Leser als 'Augenzeuge'. Kinästhetische und kinematographische Wahrnehmung
6.1 Cinema und Kinästhetik
6.2 Augenzeugen zweiter Ordnung
6.3 Techniken der Visualisierung
6.4 Reisen ins Imaginäre
6.5 Lesen als Beleben
6.6 Post scriptum

7. Augenzeugenschaft und episches Erzählen. Visualisierungsstrategien im 'Nibelungenlied'

7.1 Autopsie als Beglaubigung
7.2 Modi des Zeigens

8. Wahrnehmung und Deixis. Zu den Modi des Zeigens in der höfischen Literatur
8.1 Text- und Bilddeixis
8.2 Deixis am Phantasma
8.3 Seht. Die Zeigegeste im Text
8.4 Zur Deixis des Autorenbildes: Hand-Gebärde und Hand-Schrift
8.5 Das Sprechband als Geste
8.6 Ikonotexte

9. Deixis und Initialisierung. Zeighände in alten und neuen Medien
9.1 Hand- und Hirnfunktionen
9.2 Zeighände in der Handschriftenkultur
9.3 Zeighände im Raum der Typographie: Die Zeighand wird zur Letter
9.4 Digitale Hände und Pfeile: Die Zeighand als Navigator
9.5 Zur Mediengeschichte der Hand

10. Gelenkte Wahrnehmung. Piero della Francesca: Die Madonna mit der Perle
10.1 Erkennen als Vollzug
10.2 Bewegende Texte
10.3 Bewegende Bilder
10.4 Resümee: Zeigen und Wahrnehmen

Quellen
Forschungsliteratur
Abbildungsverzeichnis

The Visual in Medieval Texts and Images

In the Middle Ages, pictures tell stories, and texts open up visual spaces for their readers. Horst Wenzel’s most recent publication is dedicated to just such interactions between texts and images. Spiegelungen. Zur Kultur der Visualität im Mittelalter (Reflections: The Culture of Visuality in the Middle Ages) deals both with the gaze as it is inscribed within texts and images, and with the perception of these media, taking the culture of the court as a starting point. By systematising the techniques employed to guide perception, such as Appell and deixis, Wenzel examines the potential for visualisation inherent in medieval texts.


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