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Von der Fluidität der Archive

Eine Rezension von Alexander Kraus (Münster)

Horstmann, Anja; Kopp, Vanina (Hg.): Archiv-Macht-Wissen. Organisation und Konstruktion von Wissen und Wirklichkeit in Archiven. Frankfurt am Main: Campus, 2010.

Die Beiträge des Sammelbandes
Archiv – Macht – Wissen, welcher die Forschungsergebnisse des Bielefelder Graduiertenkollegs gleichen Namens präsentiert, fokussieren aus unterschiedlicher epochaler wie regionaler Perspektive eine Vielzahl an Archivkonstruktionen, die etablierte Vorstellungen des Archivs als statischer, unwandelbarer Ort in Frage stellen. Die durch überwiegend HistorikerInnen bearbeiteten Themenfelder reichen dabei von den königlichen Archiven des spätmittelalterlichen Frankreichs über frühneuzeitliche Kulturtransfers zwischen Europa und China bis hin zu postkolonialer Archivkritik. Allen gemeinsam ist der Wille, die Entstehungsbedingungen und Machtkontexte von Archiven und deren Sammlungen als eine Grundbedingung historischer Überlieferung mit zu reflektieren. 


Die Geschichte sei, so Reinhart Koselleck in einer Theorieskizze über "Archivalien – Quellen – Geschichten" (in: ders.: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Berlin 2010, S. 68-79, hier S. 72), "gleichsam unbegrenzt", dem Archivgut hingegen seien sehr wohl enge Grenzen gesteckt. Die Möglichkeit des versehentlichen Verlustes – die Katastrophe des Kölner Stadtarchivs ist hier ein nur allzu naheliegendes Beispiel – sowie die der mutwilligen Vernichtung wirken als zusätzliche begrenzende Faktoren. Daneben habe das "tatsächlich Aufbewahrte" aber auch "seine inhärenten Grenzen, die keineswegs die Grenzen unserer Forschungsinteressen" seien, und diese schlössen nicht selten solche Bereiche aus, auf die sich unsere Neugierde richte. Der Historiker sei demnach darauf angewiesen, mit "vergleichsweise wenigen und zudem einseitig überlieferten Resten" zu operieren. Kosellecks theoretische Reflektionen über das Missverhältnis zwischen überlieferten archivalischen Quellen und den daraus entstehenden Geschichten stammen aus dem Jahr 1982, dem zehnten Jahr seiner Bielefelder Zeit – man könnte also mit gutem Recht sagen, der von Anja Horstmann und Vanina Kopp herausgegebene inspirierende Sammelband Archiv – Macht – Wissen knüpfe an eine Bielefelder Tradition der geschichtstheoretischen Selbstreflektion an, präsentiert er doch Ergebnisse des dort angesiedelten gleichnamigen Graduiertenkollegs.

Explizit formuliertes Ziel der versammelten Beiträge ist es, etablierte Vorstellungen vom Archiv als einem "verschlossenen und dunklen Ort, in dessen Inneren die einer bestimmten Ordnung folgenden Kisten sorgfältig ausgewählte Dokumente über die sozialen, kulturellen und verwaltungstechnischen Erzeugnisse einer Institution verwahren" (S. 9), durch ein weniger statisches Bild zu ersetzen. Die Definition dessen, was ein Archiv denn sei, bleibt dabei – trotz der Kopplung an/Parallelsetzung mit Foucaults Dispositivdefinition – eher vage: Es sei ein "komplexes System, in dem verschiedene kulturelle Techniken und Materialien in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen". Diese Vagheit erweist sich allerdings als Trumpf, denn, wie die einzelnen Aufsätze zu zeigen vermögen, nicht allein die Form und Gestalt des Archivs änderte sich wiederholt über die Jahrhunderte, sondern auch die Art und Weise, wie das darin gesammelte Wissen geordnet und letztendlich auch wieder abrufbar gemacht wurde. Der Prozess des Abrufens – so eine der zentralen Thesen des Bandes – geschehe allerdings nicht in einem herrschaftsfreien Raum: "Nutzer sind davon abhängig, welche Informationen unter welchen Bedingungen überliefert und wie diese institutionell und technisch zugänglich sind." (S. 11) Folglich sollten die Kontexte der jeweiligen Entstehung und Überlieferung beim Abruf der darin gesammelten Akten stets reflektiert werden – in Archiven gespeichertes Wissen ist ohne die Bedingungen des entsprechenden Speicherprozesses undenkbar. Die Fokussierung auf den Kontext der Macht erweist sich innerhalb der theoretischen Konzeption des Bandes allerdings nicht nur als Schwungrad, sondern zuweilen auch als Sand im Getriebe des fluiden Archivbildes: So lassen sich die im Band unberücksichtigt bleibenden Familienarchive oder die durch Christian Pfister so benannten "Archive der Natur" (Christian Pfister: Wetternachhersage: 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496–1995). Bern u.a. 1999, S. 13), die sich die Umweltgeschichte im Begriff ist zu erschließen, durchaus als Archive begreifen, die weit weniger oder zumindest auf einer etwas anders gearteten Ebene herrschaftsdurchdrungene Räume sind.

Dennoch beeindruckt die Vielfalt der behandelten Themenfelder – sowohl epochal wie regional als auch hinsichtlich der diskutierten Archivformen, stehen doch private Dokumentensammlungen gleichberechtigt neben königlichen Archivkonstruktionen, Kunstmuseen als Sacharchive, in denen auf vielfältige Weise Wissen "konstruiert, gespeichert, zur Schau gestellt und weggeschlossen" werde (Astrid Fendt, S. 155), neben neueren Medien wie Pressefotografie und Film, die schon allein durch ihre andere Materialität darauf hinweisen, dass das Archiv keineswegs als ein statischer, bewegungsloser Raum gedacht werden kann.
Dass letztlich auch private Bibliotheken sich zu Archiven entwickeln können, zeigt zum einen Sabine Kalff in ihrem Aufsatz über die Bibliothek des Abtes Morandi, der im Rom des Jahres 1630 einer letztlich verhängnisvollen Leidenschaft frönte: Obgleich offiziell verboten sammelte er handschriftliche Geburtshoroskope von Päpsten und anderen hochgestellten Persönlichkeiten, um "astropolitische" (S. 108) Berechnungen anzustellen – sein zirkulierendes Horoskop über den amtierenden Urban VIII., das dessen nahen Tod vorhersagte, löste eine rege internationale Vorverhandlung über potentielle Nachfolger aus und brachte Morandi schnurstracks hinter Gitter. Seine Sammlung kann nach Sabine Kalff durchaus als "Archiv und Forschungszentrum" zugleich gelesen werden.
Zum anderen zeigt einen solchen Wandel von einer Bibliothek zu einem Archiv aber auch die Bibliothek Reinhart Kosellecks, die gerade systematisch erschlossen wird (vgl. Reinhard Laube: "Zur Bibliothek Reinhart Koselleck", in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Jg. 4, H. 3 (2009), S. 97-112). Hier verweisen Marginalien, handschriftliche Eintragungen über Provenienz oder andere Notizen darauf, was tatsächlich bearbeitet wurde, mitunter aber nicht in den Publikationen als Lektürenachweis Aufnahme fand, was wiederholt gelesen wurde oder unberührt blieb: Ein privater Wissensspeicher ist im Begriff, sich zu einem wissenschaftlichen zu wandeln, ebenso Archiv wie Gedächtnisort zu werden.
Auch an diesem Beispiel ließe sich folglich exemplifizieren, was die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung, die der lesenswerten Bielefelder Leistungsschau vorangestellt ist, konstatieren: "[D]as, was in den Archiven gespeichert ist, sind nicht nur die abgelegten Dokumente, sondern auch die Bedingungen, unter denen diese entstanden sind" (S. 14).


Horstmann, Anja; Kopp, Vanina (Hg.): Archiv – Macht – Wissen. Organisation und Konstruktion von Wissen und Wirklichkeiten in Archiven. Frankfurt/New York: Campus, 2010. 252 S., kartoniert, 34,90 Euro. ISBN: 978-3-593-39146-5


Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Archiv – Macht – Wissen: Organisation und Konstruktion von Wissen und Wirklichkeiten in Archiven
Anja Horstmann, Vanina Kopp 9-22

Archive als Orte der Herrschaftspraxis
Simancas – Ein Archiv um die Welt zu regieren? Archivwissen und Verwaltungshandeln zur Zeit Philipps II.
Marc-André Grebe 23-37
Informationsverdichtung als Herrschaftsintensivierung?
Michael Aumüller 39-54
Königliche Archive und Herrschaftsinformation am Beispiel des spätmittelalterlichen Frankreichs
Vanina Kopp 55-71
Das Schweigen der Subalternen – Die Entstehung der Archivkritik im Postkolonialismus
Hubertus Büschel 73-88

Archive als Orte der Wissenskonstruktion
Offenbaren und Verheimlichen »vor dem Archiv« – Schriftlichkeit, Sichtbarkeit und Öffentlichkeit im spätmittelalterlichen Lüneburg
Andreas Litschel 89-106
Die Schrift der Sterne – Das ›astro-politische‹ Archiv der Bibliothek Morandi
Sabine Kalff 107-122
Stören, Vergessen, Zerstören – Ein anderer Blick auf einen frühneuzeitlichen Kulturtransfer
Mareike Menne 123-137
Antiquarische Topik – Der Codex Pighianus und die Wissensverarbeitung der Frühen Neuzeit
Kathrin Schade 139-154
Das Museum als Sacharchiv – Deponieren und Exponieren von antiker Plastik in den Berliner Sammlungen des 19. Jahrhunderts
Astrid Fendt 155-173

Archive als Orte der (Re-)Präsentation und der Wandlung
Das Zeigen, Vergessen und Erinnern von Pressefotografien – Zur Funktionsweise der Massenmedien als visuelles Archiv
Maren Tribukait 175-190
Film als Archivmedium und Medium des Archivs
Anja Horstmann 191-205
Das »Archiv des Białystoker Judenrats« – Selbstbilder jüdischer Akteure in den Quellen des geheimen Ghettoarchivs 1941–1943
Karsten Wilke 207-220
Die Rettung des Archivs – Ein Vorschlag zur Analyse eines Wissensnetzwerks
Yaman Kouli 221-233

Ausblick
Vom Sammler zum Jäger – Überlegungen zur archivischen Überlieferungsbildung im nichtamtlichen Bereich
Stefan Sudmann 235-248

Autorinnen und Autoren 249-252

On the Fluidity of Archives

The articles in Archiv – Macht – Wissen (Archive – Power – Knowledge) focus from different temporal and regional perspectives on the variety of possible archive constructions that try to make obsolete the well-established images of the archive as a static, unvarying place. They could be read as first research results of the homonymous research training group of the University of Bielefeld. The variety of papers, mostly presented by historians, ranges from French late mediaeval royal archives, to modern cultural transfers between Europe and China, to postcolonial archive critics. They all reflect the conditions of the formation of archives and their collections as well as power-relations as a basic condition of historical tradition.


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