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Artikelaktionen

Vision und Warnung. Der 'künstliche Mensch' in der aktuellen Belletristik zur Gentechnologie

Eine Rezension von Berenike Schröder

Raml, Monika Margarethe (Hg.): Der 'homo artificialis' als künstlerischer Schöpfer und künstliches Geschöpf. Gentechnologie in Literatur und Leben. Würzburg: Koenigshausen und Neumann, 2009.

Monika Margarethe Ramls Dissertation beschäftigt sich mit dem Phänomen der "Menschenschöpfung" (S. 20) durch die Gentechnologie und mit seiner Behandlung in der zeitgenössischen Literatur. Hierbei stehen größtenteils fiktionale Gattungen – speziell Romane – und auch essayistische Texte des 20. und 21. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Raml entwirft als zentrale Begrifflichkeit zu Beginn ihrer Arbeit den doppelgesichtigen Terminus des 'homo artificialis'. Die Autorin versteht den 'homo artificialis' sowohl als Wissenschaftler_in oder Autor_in (mögen dies innerliterarische Figuren oder reale Personen sein), die Menschen erschaffen, als auch als den erschaffenen Menschen selbst. Raml stellt zunächst das Thema aus literaturwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Perspektive dar, und geht dann in einer ausführlichen Motivanalyse auf Aspekte des 'homo artificialis' in den vorliegenden Texten ein. Abschließend fasst sie wesentliche Grundzüge des 'homo artificialis' sowie Überlegungen zu seiner Rolle (als Schöpfer und Geschöpf) im gesellschaftlichen Kontext sowie Ausführungen zu den Genres der Gentechnologie-Romane und zur Rolle der Literatur im gentechnologischen Diskurs zusammen. 


Die Literaturwissenschaftlerin Monika Margarethe Raml beschäftigt sich im Rahmen der gewählten hochaktuellen Thematik der Gentechnologie in Literatur und Leben mit z.T. literaturwissenschaftlich wenig behandelten Romanen und anderen Texten der jüngsten Vergangenheit oder Gegenwart. Entsprechend dem von ihr in der Einleitung explizit formulierten Arbeitsziel erweitert und aktualisiert sie so den "Kanon der Menschenschöpfungsliteratur" (S. 20). Ihre Arbeitsweise bezieht sowohl literaturwissenschaftliche Texte als auch die literatursoziologische und naturwissenschaftliche Debatte ein.

Raml bearbeitet eine beeindruckende Zahl an Primärquellen aus Literatur und Publizistik sowie Forschungsbeiträge aus den Kultur- und Naturwissenschaften. Dagegen steht die Problematik, dass der Untersuchung eine stringente Fragestellung im Sinne einer zu klärenden Annahme, einer zu verifizierenden These weitgehend fehlt. Die von Raml zu Beginn vorgestellten Ziele der Dissertation beschränken sich auf die Vorstellung von wenig bekannten Texten sowie die motivanalytische Beschreibung der "fiktionalen Menschenschaffung" (S. 21). Entsprechend verfährt die Arbeit überwiegend positivistisch-deskriptiv.

Auch interessante Einzelbeobachtungen (etwa zu den charakteristischen Grundzügen des 'homo artificialis' oder den mythologisch-literarischen Archetypen des künstlichen Menschen) können dies nicht wesentlich ändern. Die überzeugenden Beobachtungen zur Leistungsfähigkeit der Literatur in der Debatte über die Gentechnologie – literarische 'Entschleunigung' der technischen Entwicklung, Vermittlung von naturwissenschaftlichem Fachwissen u.a. – werden nicht genügend ausgeschöpft und ausdifferenziert.

Zudem ist die zugrundeliegende Begrifflichkeit des 'homo artificialis' problematisch. Einerseits überstrapaziert Ramls doppelte Übersetzung als Bezeichnung für ein künstliches Geschöpf und dessen künstlerischen Schöpfer den Terminus in grammatikalischer und semantischer Hinsicht. Andererseits setzt die Autorin hiermit und in der gesamten Arbeit die Personen 'erschaffenden' Schriftsteller_innen mit den innerfiktional agierenden Wissenschaftler_innen gleich, die sie gleichermaßen und ohne begrifflich zu differenzieren als 'Schöpfer' begreift. Schließlich sind auch die Versuche, Phänomene in Gentechnologie und Literatur zu parallelisieren, oft stark vereinfacht und wenig überzeugend.

Entsprechend liegt mit Ramls Dissertation eine der seltenen genuin interdisziplinären Arbeiten vor. Sie greift ein äußerst brisantes und relevantes Thema auf und leistet Pionierarbeit in der Behandlung wenig bearbeiteter Texte. In der Bearbeitung ihres hochkomplexen Gegenstands fehlen der Verfasserin jedoch weitgehend strukturierende Fragestellungen und verlässliche Begrifflichkeiten. 


Monika Margarethe Raml: Der ,homo artificialis‘ als künstlerischer Schöpfer und künstliches Geschöpf. Gentechnologie in Literatur und Leben. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2010. 336 S., broschiert, 34 Euro. ISBN 978-3-8260-4161-7


Inhaltsverzeichnis

1. Vorüberlegungen
1.1. Überblick und Ziele der Arbeit
1.2. Methodik und Textwahl

2. Gentechnologie und Literatur im öffentlichen Diskurs
2.1. Der homo artificialis im Natur-Kunst-Diskurs
2.2. Gentechnologie zwischen medizinischen Optionen und sozialer Beschränkung
2.3. Tendenzen der Gegenwartsliteratur: Fiktion als postutopische Simulation von Wirklichkeit und ethisches Medium
2.4. Literatur(-wissenschaft) und Biowissenschaften

3. Der Homo artificialis als Mosaik des kollektiven Gedächtnisses
3.1. Forschungsüberblick zum Homo artificialis als literarisches Sujet: Von der mythischen Menschenschöpfung zur gentechnisch perfektionierten Menschenzüchtung
3.2. Literarische Muster des Homo artificialis: Brave New World, Golem, Homunculus, Frankenstein
3.3. Einfluss der Gentechnologie auf den literarischen Homo artificialis: Sprache als Mittel zur Gestaltung
3.3.1. Leben verstehen
3.3.1.1. Schöpfungsmythen als vorwissenschaftlich-literarische Herkunftsdeutung
3.3.1.2. DANN-Dechiffrierung als gentechnologische Lebenserforschung
3.3.1.3. Identitätssicherung – Vaterschaftstest zur genealogischen Absicherung
3.3.1.4. Identifizierung – „Genetischer Fingerabdruck“ in der Kriminologie
3.3.2. Leben erzeugen
3.3.2.1. Motivation zu Nachkommenschaft
3.3.2.2. Medizinische Fortpflanzungslenkung
3.3.2.3. Verdoppelte Existenz durch Klonieren – Zwillinge, Doppelgänger, Wiedergänger
3.3.2.4. Stiefmütter/-väter – Leihmutterschaft, Gametenspende und Adoption als alternative Elternschaft
3.3.2.5. Narzisstische Selbstverwirklichung der Eltern – späte Mütter, „Wunschkinder“ und „Schwarze Schafe“
3.3.3. Leben verhindern
3.3.3.1. Historischer Exkurs: Von der eugenischen Bewertung zur politischen Euthanasie
3.3.3.2. Fremdkörper – durch Eugenik versagte Nachkommenschaft
3.3.3.3. Klone – ein Verstoß gegen Inzest-Tabu, natürliche Rekombination und Varianz?
3.3.4. Leben optimieren: Wunderkinder und Geniekult
3.3.4.1. Sicherheit – risikofreies Leben
3.3.4.2. „Ewige Jugend“ – embryonale Stammzellen als „Jungbrunnen“
3.3.4.3. Gesundheit – Eliminieren von Krankheit und Leiden
3.3.4.4. Schönheit – ästhetisch perfekte Körper
3.3.4.5. Künstliche Intelligenz und Kreativität
3.3.5. Leben verlängern
3.3.5.1. Unsterblichkeit: „Hohes Alter“ und „Ewiges Leben“ des Individuums
3.3.5.2. Menschenopfer – Klone als ,Ersatzteillager‘
3.3.5.3. Genealogie vs. Degeneration

4. Literaturwissenschaftliche Zusammenschau der Ergebnisse aus der Motivanalyse
4.1. Grundzüge des literarischen Homo artificialis
4.1.1. Materialisierung
4.1.2. Autonomisierung
4.1.3. Normierung – Individualisierung – Diskriminierung
4.1.4. Popularisierung von Wissen(schaft) – Trivialisierung in der Literatur
4.2. Genres der Gentechnologie-Romane: Formal-stilistische Aspekte
4.2.1. Jugendliteratur
4.2.2. Frauenliteratur
4.2.3. Kriminalromane
4.2.4. Wissenschaftsromane – „Science in Fiction“
4.2.5. Autobiographien und Tagebücher als Medien fiktionaler Selbstschöpfung
4.3. Der Homo artificialis im sozialen Kontext – literarische Rollenverteilung
4.3.1. Die „Schöpfer“
4.3.1.1. Eltern – ,Menage a trois‘ aus biologischen, sozialen und medizinischen Eltern
4.3.1.2. Wissenschaftler, Forscher, Ärzte
4.3.1.3. Autoren als literarische Schöpfer der Gentechnologie-Literatur: Naturwissenschaftler, Techniker, Journalisten, Literaten
4.3.2. Die „Geschöpfe“
4.3.2.1. Künstliche Nachkommen als „Verlorene Söhne und Töchter“
4.3.2.2. Technische Produkte und experimentelle Forschungsobjekte
4.3.2.3. Literarische Kreaturen – Kunstwerk „Mensch“
4.3.3. Gesellschaftliche Situierung
4.3.3.1. Matriarchat vs. Patriarchat
4.3.3.2. Gene vs. Umwelt – zur Generation
4.3.3.3. Hierarchie vs. Partnerschaft durch Sprachgewalt
4.3.3.4. Literarische Utopie vs. Wissenschaftliche Prognostik

5. Ein literarischer Ausweg – ,klaräugige Müdigkeit‘ im Umgang mit Gentechnologie

6. Literaturverzeichnis
6.1. Gentechnologie-Romane
6.2. Weitere Quellentexte
6.3. Forschungsliteratur


Utopia and Dystopia: ›Homo artificialis‹, Contemporary Literature, and Genetic Engineering

Monika Margarethe Raml's dissertation deals with artificially created human beings as they are designed by genetic engineering and narrated in contemporary literature. Prose fiction and essayistic texts are the focus of interest here. Raml’s central term, 'homo artificialis', has a double meaning. As Raml understands it, it denominates both the person who creates artificial people – the scientist and the author of prose fiction – as well as the person created. In the first part of her dissertation, Raml presents the subject from the perspective of German philology and natural science. Then she deals with aspects of the 'homo artificialis' in the texts chosen. Finally, the author summarises essential features of the 'homo artificialis' and reflections on his position in society. Explanations of genre and the function of the novels in discourse on gene technology complete the book.


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