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Unglaublich!

Eine Rezension von Dr. Agata Rothermel

Bergmann, Jens; Pörksen, Bernhard (Hg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Köln: Halem, 2009.

Die vorliegende Herausgeberschrift entstand im Rahmen der Lehrforschungsprojekte von Jens Bergmann und Bernhard Pörksen, bei denen jeweils eine zentrale Frage der Mediengesellschaft journalistisch zugespitzt und gemeinsam mit Studierenden betrachtet wird. Dieses dritte Projekt hat den Skandal als journalistischen Ernstfall zum Gegenstand. Im Mittelpunkt des Bandes stehen Fragen wie: „Welche Ereignisse lösen öffentliche Empörung aus, welche nicht? Wem nutzt, wem schadet der Eklat, und wozu führt er? Lassen sich Skandale bewusst produzieren und kontrollieren? Wie wehrt man sich dagegen, an den Pranger gestellt zu werden?“ (Klappentext) Das Buch beleuchtet das Phänomen Skandal in Form von Gesprächen aus verschiedenen Perspektiven und hat den Anspruch, ins Zentrum des Skandals vorzustoßen. In 29 Interviews äußern sich Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Experten für dieses Thema sind. Befragt werden unter anderem der Soziologe Ulrich Beck, die Schauspielerin Désirée Nick, der Undercover-Reporter Günter Wallraff, der Filmemacher Rosa von Praunheim und der PR-Manager Dietmar Ecker. 

Der Begriff Skandal geht auf das griechische skándalon zurück und bedeutet wörtlich Fallstrick/Fallholz, wie die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes eingangs erläutern. Diese Fallstricke können zu heftigen Stürzen führen, betonen Bergmann und Pörksen doch, dass die Wucht der öffentlichen Erregung ungeheuer ist. Während der Skandal meist nach wenigen Wochen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet, bleiben manche Betroffene ihr Leben lang gezeichnet.
Der vorliegende Band besteht aus 29 Interviews, die von Studierenden der Universität Hamburg geführt wurden. Einige der Interviewten lösten Skandale aus, andere deckten diese als Journalisten oder Informanten auf und wieder andere beschäftigen sich professionell mit Skandalabwehr.

Der TV-Moderator, Rechtsanwalt und Politiker Michel Friedman steht Linnea Riensberg und Sugárka Sielaff Rede und Antwort. Die Vita des Moderators anreißend, führen die Autorinnen an, dass sich Friedman neben seinen parteipolitischen Interessen in der Jüdischen Gemeinde engagiert und 2000 Vizepräsident im Zentralrat der Juden wurde. 2001 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Wie die Interviewerinnen betonen, stieg Friedman steil auf und fiel tief, denn 2003 trat er nach einer Kokain- und Prostituierten-Affäre von allen Ämtern zurück und gab seine TV-Sendungen auf. Im Interview erklärt er, warum er kein Moralist ist und auf keinen Fall ein Spießer sein will. Er führt aus, dass er nie das Privatleben anderer moralisch bewertet, sondern immer versucht, sachlich die Stringenz ihrer Gedanken zu hinterfragen. Er macht deutlich, dass die Behauptung, er sei ein Moralist, allein getroffen wurde, um daraufhin die Amoralität seines Handelns zu verurteilen.

Bergmann und Pörksen stellen fest, dass das Bauernopfer ein uralter Trick ist, um einen Skandal aus der Welt zu schaffen. Der Sündenbock wird ins Rampenlicht gebracht, lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und das Publikum ist befriedigt. Zu einem solchen Bauernopfer wurde Gerd Heidemann, mit dem Ina Almeroth und Marina Leunig sprechen. Wie die Autorinnen in der Kurzvita anführen, erarbeitete sich Heidemann den Ruf, einer der besten Reporter des Landes zu sein. Seine Recherchen galten als wasserdicht. Doch 1983 stürzte er über die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher, die zu seinem Ruin wurden. Als einziger publizistisch Verantwortlicher musste er dafür mit dem Gefängnis büßen. Wie die Studentinnen feststellen, ist der ehemalige Topjournalist heute mittellos. Im Interview präsentiert er seine ganz eigene Erklärung für einen der größten Medienskandale der Bundesrepublik.

Friederike Meister und Silvia Worm sprechen mit Natascha Kampusch, die im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt, achteinhalb Jahre im Keller ihres Entführers gefangen gehalten wurde und 2006 fliehen konnte. Wie die Autorinnen wiedergeben, löste der Fall ein gewaltiges internationales Medienecho aus und wurde zum bekanntesten Entführungsfall der österreichischen Geschichte. Kampusch wurde von den Medien verfolgt und spricht in ihrem Interview über ihre Strategie, sich zu schützen, ihren Kampf gegen Klischees und ihre persönliche Tabuzone. Meister und Worm verweisen auf Kampuschs offenen Brief, in dem sie sich an die Journalisten, Reporter und die Weltöffentlichkeit wandte und klar machte, dass sie keine Fragen über intime oder persönliche Details beantworten und persönliche Grenzüberschreitungen ahnden wird.

Sarah-Lynn Paetzel und Florian Diekmann interviewen Hans Leyendecker, den erfolgreichsten Enthüllungsjournalisten der Republik. Wie die Autoren anführen, begründete er seinen Ruf als journalistischer Spürhund mit den Recherchen zum Flick-Parteispenden-Skandal, die zu Rücktritten und Verurteilungen von Spitzenpolitikern führten. Weitere von Leyendecker enthüllte Skandale sind unter anderem die Traumschiff-Affäre um Lothar Späth, die Steueraffäre Peter Grafs und die CDU-Parteispendenaffäre. In seinem Interview spricht Leyendecker über Trophäen, schmutzige Hände und seine größte Niederlage.

Mit Skandalabwehr beschäftigt sich professionell der Medienanwalt der Prominenz Matthias Prinz, der von Juliane Schramm und Marcus Schuster befragt wird. Prinz ist der bekannteste Rechtsanwalt auf dem Gebiet des Persönlichkeits- und Medienrechts in Deutschland. Wie in der Kurzvita zu lesen ist, gehören Konzerne wie die Deutsche Telekom, die Deutsche Börse, Siemens und Volkswagen zu seinen Mandanten, aber auch Privatpersonen, wie der Fürst von Monaco, Karl Lagerfeld oder Prinzessin Caroline von Hannover. Der Rächer der Begehrten spricht in seinem Interview über wertlose Wahrheiten und seinen Überdruss an der Welt der Regenbogenpresse.

Fazit: Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes steht das öffentliche Ärgernis. Der informativen Einleitung der beiden Herausgeber folgen 29 Interviews, die die zum Thema Skandal von Bergmann und Pörksen gestellten Fragen anhand praktischer Beispiele beantworten. Nach jedem Gespräch findet sich ein kurzer Lebenslauf der betreffenden Person, was sinnvoll ist, falls diese Person dem Leser nicht bekannt ist. Allerdings fallen die Gespräche eher oberflächlich aus. In Anbetracht der Tatsache, dass das Band 352 Seiten lang ist, ist die Zahl der geführten Interviews mit 29 sehr hoch. Eine geringere Anzahl hätte einen tieferen Einstieg in die jeweiligen Geschichten ermöglicht. So reißen die Interagierenden die spannenden Themen lediglich an.


Jens Bergmann und Bernhard Pörksen (Hg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Köln: Halem, 2009 (edition medienpraxis 6). 352 S., 18 Euro. ISBN: 978-3-938258-47-7


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7
Einleitung: Die Macht öffentlicher Empörung 13

Sascha Anderson 34
Einfach idiotisch

Ulrich Beck 46
Giftmischer und Lebensretter

Thilo Bode 58
Den Nerv treffen

Erich Böhme 68
Jagdfieber

Peter-Jürgen Boock 79
Blutige Hände

Henryk M. Broder 90
Der Polemiker

Dietmar Ecker 102
Wenn die Stimmung kippt

Michel Friedman 112
Der Zauberlehrling

Gisela Friedrichsen 122
Empörungswellen

Fritz Goergen 132
Das Mastermind

Gerd Heidemann 143
Der Nazi-Trick

Moritz Hunzinger 152
Der Mann mit der Fernbedienung

Natascha Kampusch 162
Die Autonome

Michael Kneissler 172
Russisches Roulette

Wolfgang Kubicki 184
Der Informant

Tom Kummer 196
Faction

Hans Leyendecker 208
Der Rechercheur

Volker Lilienthal 220
Nur keine Blöße geben

Darryn Lyons 230
Die Meute

Catherine Millet 240
Die eiskalte Beobachterin

Clarence Mitchell 252
Der Feuerwehrmann

Désirée Nick 264
Galoppierender Irrsinn

Gabriele Pauli 274
Im falschen Film

Matthias Prinz 284
Der Rächer der Begehrten

Udo Röbel 296
Gut und Böse

Patrik Sinkewitz 306
Der einsame Kronzeuge

Rosa von Praunheim 316
Der skrupellose Moralist

Jürgen Todenhöfer 326
In der Roten Zone

Günter Wallraff 336
Der Aufdecker

Autorenverzeichnis 348
Fotonachweise 352

Outrageous!

This edited volume follows on the heels of previous projects by Jens Bergmann and Bernhard Pörksen, in each of which a central issue of media society was focused on journalistically and explored in cooperation with students. For this, the third project, they take on the subject of scandal as a journalistic call to action. At the centre of this volume are questions such as: what has the stuff of public outcry, and what doesn't? (And in which context?) Who gains and who loses from sensational news, and what does it lead to? How are scandals started and monitored, and how can one defend oneself against them? The text examines the phenomenon of scandal in conversations from many different perspectives, and claims to get to the very core of the matter. In 29 interviews, people who are variously qualified as experts on the topic give their own controversial, surprising, and poignant answers. Among those who get their chance to speak here are kidnap victim Natascha Kampusch, bicyclist Patrick Sinkewitz, the politician Gabriele Pauli, media barrister Matthias Prinz, investigative journalist Günter Wallraff, and actress Désirée Nick.


© bei der Autorin und bei KULT_online
Aktualisiert am 6.9.2011